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Koenzens Netzauge

Das Geschäft mit der Privatsphäre

Deutschland blickt neidisch auf die USA, die Geburtsstätte der erfolgreichsten Geschäftsmodelle der Welt. Mit der Privatsphäre hat man jetzt eine neue Einnahmequelle. Ein Geschäftsmodell zulasten der Internet-Nutzer.

AT&T Privatsphäre Internet Amerika Quelle: AP

Stellen Sie sich vor, die Post macht Ihnen ein unschlagbares Angebot: Ihre Briefe und Pakete werden in Zukunft viel schneller geliefert als die Ihrer Nachbarn. Natürlich kostet das ein bisschen mehr, doch das ist es Ihnen wert. Schließlich ist ein VDSL-Anschluss auch teurer als das langsamere ADSL. Und in der heutigen Zeit ist Geschwindigkeit nun mal Trumpf.

Was Ihnen nicht bewusst ist: Mit der Hochgeschwindigkeitszustellung geben Sie automatisch ein wichtiges Gut auf – Ihre Privatsphäre. Denn von nun an wird die Post jedes einzelne Schriftstück von Ihnen minutiös scannen, um ein wertvolles Kundenprofil zu erstellen. Dieses dient dann dazu, Ihnen frei Haus passende Werbung zu Ihrem Konsumverhalten zu liefern.

Zustimmung zur Aussage: "Ich sehe meine Privatsphäre durch die Nutzung digitaler Technologien bedroht"

Wenn Sie das nicht wollen, müssen Sie aktiv widersprechen. Und eine monatliche Gebühr zahlen, damit niemand mehr Ihre Post liest und Ihren Briefkasten zum Überquellen bringt. Kurz gesagt, Sie müssen sich Ihre Privatsphäre für teures Geld zurück kaufen.
Klingt paradox? Ist aber Realität. Zumindest im digitalen Amerika.

Der US-amerikanische Internet-Provider AT&T – so etwas wie die „amerikanische Telekom“ – geht genau diesen Weg. In ausgewählten Städten rollt der Quasi-Monopolist derzeit superschnelle Gigabit-Internet-Anschlüsse aus. Wer einen Vertrag abschließt, sitzt in der Privatsphären-Falle. Denn AT&T behält sich vor, alle Internet-Aktivitäten aufzuzeichnen: Besuchte Webseiten, Aufenthaltsdauer, Suchbegriffe, geklickte Links.

Auf Basis der so erstellten Profile erhalten die Kunden dann maßgeschneiderte Werbung. Vom Pop-Up bis zur personalisierten E-Mail, die direkt im eigenen Postfach landet. Der einzige Ausweg? Der aktive Widerspruch (im Fachjargon: Opt-out), verbunden mit der Zahlung einer „Service-Gebühr“ von 29 US-Dollar – jeden Monat!

AT&T tut damit etwas Unerhörtes: Der Provider macht aus einem Grundrecht ein Geschäft. Er dreht anerkannte Prinzipien einfach mal so um. Und macht die Privatsphäre damit zu einem teuren Gut, das sich nicht jeder leisten kann.

Ein Modell für Deutschland?

Denn selbst übliche Privatsphäre-Mechanismen greifen nicht, wenn man sich nicht auf den Deal einlässt. Anonymes Surfen über den Browser? Zwecklos. Cookie-Löschung? Vergebens. Wer Privatheit will, muss zahlen. Privatsphäre als kostenloses, natürliches Grundrecht war also einmal.

Wenn das Modell Schule macht, könnten bald nicht nur die superschnellen Gigabit-Anschlüsse solch fragwürdigen Konditionen unterliegen, sondern auch die einfachen Internet-Zugänge.

Das Zehn-Punkte-Programm der Telekom zur Cyber-Sicherheit

In diesem Punkt gibt es durchaus Parallelen zum hierzulande derzeit noch erlaubten Routerzwang, den einige Provider praktizieren. Möchte der Kunde nicht gezwungen werden, einen vom Provider vorgeschriebenen (und oft funktional „kastrierten“) Router zu nutzen, kann er zumindest den Provider wechseln. Was aber, wenn sich der Routerzwang immer weiter durchsetzt und irgendwann alle Provider das Zwangsrouter-Modell nutzen?

Der Kunde muss zahlen - mit Daten oder Geld

Oder, auf Amerika übertragen, wenn alle Provider den Goldesel Privatsphäre für sich entdecken und es einfach keine Anschlüsse mehr gibt, die fairen Geschäftsbedingungen unterliegen? Dann hat der Kunde keine Wahl. Er muss zahlen. So oder so. Mit Daten oder eben mit Geld.

Im Fall des Routerzwangs in Deutschland ist die Politik jetzt eingeschritten und hat einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der den Providern entsprechende Verträge untersagt. Zum Schutz der User – und zum Schutz ihrer Privatsphäre.

Die US-amerikanische Regierung sollte dies auch tun. Bevor privatwirtschaftliche Unternehmen Bürgerinnen und Bürger schamlos für ihre Grundrechte zur Kasse bitten. Immerhin betrifft das potentiell mehr als 250 Millionen Internet-Nutzer. Ein gigantischer Goldesel, den man da entdeckt hat.

In Arbeit
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Dass das Geschäftsmodell „Privatsphäre gegen Geld“ auch in Deutschland Schule macht, müssen wir übrigens nicht befürchten. Anders als in den USA reklamiert die deutsche Politik Themen wie den Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre im digitalen Raum sehr gerne für sich.

Mehr noch: sie sieht darin eine explizite Stärke unseres Landes und würde einem solch massiven Zuwiderhandeln entsprechend entschlossen entgegentreten. Ganz ähnlich wie im Fall des leidigen Routerzwangs, der dank der Initiative des Wirtschaftsministeriums bald der Vergangenheit angehören dürfte.

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