Korruptionsfall Warum Bilfinger womöglich unter US-Aufsicht bleibt

Nach einem Korruptionsfall kontrolliert das US-Justizministerium, ob sich der deutsche Industriekonzern Bilfinger an die Regeln hält. Nun könnte die Überwachung längern dauern als geplant.

Bilfinger Hauptsitz in Mannheim Quelle: AP

Mark Livschitz genießt beim Industrie- und Kraftwerksdienstleister Bilfinger einige Privilegien. Der 47-jährige Schweizer kann sich selbst zu Sitzungen des Aufsichtsrats und des Vorstands einladen. Er darf sich ganz nach Belieben mit seinem dreiköpfigen Team für zwei Wochen in der Mannheimer Zentrale oder in einer der ausländischen Dependancen des MDax-Konzerns einnisten. Was ihm dort suspekt vorkommt, leitet der Rechtsanwalt an das US-Justizministerium weiter.

Die Zukunft der Bilfinger-Manager
Noch-Chef Per Utnegaard – Nobody aus NorwegenHierzulande war der Norweger Per H. Utnegaard bis zu seiner Berufung zum neuen Bilfinger-Vorstandschef weitgehend unbekannt. Utnegaard übernahm zum 1. Juni 2015 den Chefposten von Herbert Bodner. Der 55-Jährige war zuvor von 2007 an Chef von Swissport International. Der Schweizer Konzern mit Hauptsitz in Zürich gilt als weltgrößte Servicegesellschaft für Flughäfen und Fluggesellschaften. Zum 30.4.2016 scheidet Utnegaard aber bereits wieder aus dem Unternehmen aus – die Suche nach einem Manager, der den Wandel bei Bilfinger begleitet, beginnt also aufs Neue. Bewertung: Dienstleistung konnte Utnegaard bereits vor seiner Bilfinger-Zeit. Aber Flughafenservice – acht Jahre lang sein Thema bei Swissport – ähnelte keinem der wichtigen Bilfinger-Geschäftsfelder. Am ehesten gab es Überschneidungen zum Facility Management. Aber genau da hat Bilfinger kaum Probleme. In Bilfingers Bereichen mit den großen Sorgen hingegen – also Kraftwerks- und Industrieservice – musste sich der Neue wie Roland Koch 2011 erst einmal einarbeiten. Nach nicht einmal einem Jahr ist er wieder weg. Quelle: Presse
Ex-Chef Herbert Bodner – Scherbenhaufen statt AufsichtsratschefBodner ist ein Bilfinger-Urgestein. Der Österreicher arbeitete seit 1991 für den Baukonzern. Acht Jahre später wurde er Vorstandsvorsitzender und begann, das Unternehmen ihn zum Industrie- und Kraftwerksdienstleister umzubauen. Als sein Vertrag 2011 aus Altersgründen nicht verlängert wurde, folgte ihm Roland Koch nach. 2013 kam Bodner dann planmäßig in den Bilfinger-Aufsichtsrat und sollte dessen Vorsitzender werden. Als Koch aber nach der Kette von Gewinnwarnungen im August 2014 aufgab, ließ sich Bodner in die Pflicht nehmen und übernahm wieder den Posten an der Unternehmensspitze – um im Sommer 2015 an Utnegaard zu übergeben. Bewertung: Es ist ein tragisches Ende einer ziemlich großen Karriere. Bodners scheinbar erfolgreiches Lebenswerk zerbröselt vor seinen Augen zum Scherbenhaufen. Nun muss er zum Ende seiner Amtszeit auch noch den neuen Korruptionsfall in Brasilien eingestehen, der allerdings in die Ära Koch gehört. Quelle: PR
Axel Salzmann – Aufklärung und NeuanfangSeit dem 1. April 2015 ist Axel Salzmann neuer Finanzvorstand von Bilfinger und damit Nachfolger von Joachim Müller. Müller hatte sich "einvernehmlich", aber in Wahrheit schwer belastet von den Gewinnwarnungen 2014, von Bilfinger getrennt. Salzmann war zuvor seit 2008 Finanzvorstand von ProSiebenSat.1. Jetzt erhält Salzmann bei Bilfinger eine Zusatzaufgabe: "Bis auf weiteres" übernimmt er ab Mai die Aufgaben des zurückgetretenen CEO Utnegaard. Bewertung: Salzmann muss schonungslos analysieren, warum die Bilfinger-Chefetage über die Ergebnis-Entwicklung in den Sparten des Unternehmens 2014 offenbar nicht ausreichend informiert war und infolgedessen ihre Zahlen viermal korrigierte. Quelle: Presse
Michael Bernhardt – der ArbeitsdirektorSeit November 2015 ist Michael Bernhardt neuer Arbeitsdirektor und Personalvorstand bei Bilfinger. Er übernimmt die Aufgaben von Jochen Keysberg, der diese interimistisch geleitet hatte. Zuvor hatte Roland Koch diese beiden Funktionen inne. Mit Bernhardt wird die Funktion wieder eigenständig. Der 48-Jährige war zuvor in gleicher Funktion bei der Chemiegesellschaft Covestro, der ehemaligen Bayer Material Science, tätig. Quelle: Presse
Jochen Keysberg – Standfest im Köln-DesasterDer promovierte Bauingenieur und Youngster im Bilfinger-Vorstand ist seit 1997 bei dem früheren Baukonzern tätig. In dieser Zeit hatte er verschiedene Führungspositionen im In- und Ausland inne. Seit 2012 verantwortet der 48-Jährige im Konzernvorstand unter anderem die Gebäudemanagement-Sparte. Bewährt hat Keysberg sich beim Kölner Desaster 2009. Das Stadtarchiv dort stürzte ein, vermutlich weil eine unter anderem von Bilfinger geführte U-Bahn-Baustelle unbemerkt das Fundament unter dem Gebäude beschädigt hatte. Zwei Menschen starben, Kulturgut im Milliardenwert versank im Schlamm. Bodner tauchte ab, Keysberg aber erklärte souverän in der aufgewühlten Stimmung den Medien die technischen Gegebenheiten von Schlitzwänden und Schubhaken, ohne eine Schuld des Bilfinger-Baukonsortiums anzuerkennen. Keysberg war in Köln das Gesicht des Konzerns. Bewertung: Eigentlich ein Manager mit Zukunft und Kommunikationstalent. Aber eigenes Management-Profil hat Keysberg unter Koch kaum gewonnen. Die ganz große Aufgabe käme wohl zu früh. Quelle: PR
Joachim Enenkel – Ex-Vorstand mit Bilfinger-HistorieAls Bilfinger im Sommer 2015 seinen Vorstand von fünf auf drei Mitglieder verkleinert hatte, musste Joachim Enenkel gehen – er galt zuvor schon als Vorstand auf Abruf. Über mehrere Stationen in Ingenieurbüros und Bauunternehmen kam Enenkel 1996 zu Bilfinger. Bald übernahm er Führungspositionen im In- und Ausland. Der 52-Jährige gehört seit 2010 dem Vorstand an. Dort verantwortet er derzeit nur noch die Bausparte, die größtenteils inzwischen an den Schweizer Bau-Marktführer Implenia verkauft wurde. Zuvor war Enenkel im Vorstand auch für die Kraftwerks- und Rohrleitungssparte verantwortlich, deren Verluste aber 2014 binnen weniger Monate die vier Gewinnwarnungen auslösten. Die Verantwortung für den Bereich hatte Enenkel deshalb verloren. Quelle: PR
Pieter Koolen – Ex-Vorstand mit Heimweh nach HollandPieter Koolen kam auf dem Koch-Ticket und wirkte nach dessen Abgang wie ein Fremdkörper bei Bilfinger – auch er musste wie Enenkel bei dem Vorstandsumbau gehen. Koolen wurde nach mehreren leitenden Funktionen bei Wirtschaftsprüfungs- und Bauunternehmen 2005 Vorstand beim Consulting- und Ingenieurdienstleister Tebodin in Den Haag. Diese Firma hat Bilfinger 2012 übernommen. Mit fast 5000 Mitarbeitern ist Tebodin ein Schwergewicht im Bilfinger-Reich, aber kaum damit verbunden. Seit September 2013 gehört Koolen dem Konzernvorstand an und leitet die Sparte Industriedienstleistungen. Damit ist der 59-Jährige Nachfolger des hoch angesehenen und langjährigen Bilfinger-Top-Manager Thomas Töpfer – für Koolen eine Bürde, weil Roland Koch Töpfer schasste und dem Industrieservice-Bereich zugleich die Eigenständigkeit nahm. Quelle: PR

Bilfinger ist – nach Siemens und Daimler – insgesamt das dritte und aktuell das einzige deutsche Unternehmen, das unter US-Aufsicht steht. Grund ist ein Verfahren wegen eines zwölf Jahre zurückliegenden Korruptionsfalls bei einem Pipeline-Projekt in Nigeria, in den Bilfinger zusammen mit dem texanischen Partner Willbros verwickelt war. Das US-Justizministerium hatte Bilfinger daraufhin 23,3 Millionen Euro Geldbuße aufgebrummt, die der damalige Konzernchef Roland Koch Ende 2013 akzeptierte.

Die Amerikaner setzten zudem durch, dass ein Anwalt ihres Vertrauens 18 Monate lang überwacht, ob und wie die Deutschen ihr Compliance-System, das Bestechung, Kartellbeteiligungen und andere Delikte verhindern soll, auf Vordermann bringen.

Diese Überwachung, auch Monitoring genannt, könnte nun länger dauern als geplant. Anwalt Livschitz, der zur internationalen Kanzlei Baker & McKenzie mit Hauptsitz in Chicago gehört, denkt laut darüber nach, sein Mandat, das er im August 2014 übernommen hatte, über Januar 2016 hinaus verlängern zu lassen. Als Grund nennt er die zähe personelle Erneuerung an der Spitze des angeschlagenen Dienstleistungsriesen.

„Es ist für meine Aufgabe nicht optimal, dass der künftige Bilfinger-Vorstandschef voraussichtlich erst in der zweiten Hälfte meiner Tätigkeit sein Amt bei Bilfinger übernimmt“, sagt Livschitz im Gespräch mit der WirtschaftsWoche und betont: „Eine enge Zusammenarbeit des Vorstandschefs mit mir ist für die frühzeitige Zielerreichung des Monitor-Programms von großer Bedeutung.“ Ob die Ziele erreicht werden, hänge „zu 90 Prozent davon ab, wie die oberste Führungsmannschaft die Unternehmenskultur vorlebt“.

Die Lernfähigkeit von Bilfinger

Die neue Mannschaft aber wird vor Mai kaum komplett sein. Seit Vorstandschef Koch im Sommer 2014 seinen Schreibtisch räumte, lenkt Herbert Bodner übergangsweise den Konzern. Aufsichtsratschef Eckhard Cordes will Per Utnegaard vom Schweizer Flughafendienstleister Swissport loseisen.

Kommt Utnegaard im Mai nach Mannheim, so wie von Cordes erhofft, hat Livschitz nur noch neun Monate Zeit, um die Compliance-Praxis der neuen Konzernleitung unter die Lupe zu nehmen. Deshalb deutet er jetzt Verlängerung an, abhängig davon, ob „die Zeit für eine zielführende Zusammenarbeit mit dem künftigen Bilfinger-Vorstandschef ausreicht“.

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Zu tun gibt es offenbar genug. Ende März hatte Bilfinger einen neuen Korruptionsfall bestätigt, diesmal in Brasilien. Untersucht werden Zahlungen im Umfeld von Aufträgen für Verkehrsleitzentralen zur Fußball-WM 2014. Der Brasilien-Fall habe nichts mit seinem Nachdenken über eine Verlängerung seines Mandats zu tun, sagt Livschitz. Aber natürlich habe er Washington darüber unterrichtet.

Entscheidend sei nun, ob Bilfinger „die Ermittlungen und die Aufklärung unterstützt und Konsequenzen zieht, gegebenenfalls auch personell“. Gnädig attestiert der von den USA eingesetzte Aufseher seinem Zögling Lernfähigkeit: „Bisher reagiert Bilfinger im Fall Brasilien genau so, wie ich mir das vorstelle.“

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