Kostendruck im Krankenhaus: Butter nur noch für Privatpatienten, Heizung runter, Sparduschen an
Deutschlands Krankenhäuser müssen sparen – sogar bei der Butter
Foto: imago imagesDie Meldung sorgte für Aufsehen: „Asklepios nimmt Kassenpatienten die Butter vom Brot“, berichtete jüngst das „Hamburger Abendblatt“. Wer nicht privat versichert ist, bekomme in den Hamburger Asklepios-Kliniken nur noch Margarine serviert. Der Krankenhausbetreiber begründet den Schritt mit der Erfordernis zu sparen: „Angesichts gestiegener Einkaufs-, Logistik- und Personalkosten in der für die Speisenversorgung der sieben Hamburger Asklepios Kliniken zuständigen Tochtergesellschaft sind Einsparungen unvermeidlich“, heißt es. „Da geht es uns nicht besser als anderen Branchen oder auch Privathaushalten“. Rund 330.000 Euro pro Jahr will der Krankenhausbetreiber durch den Butter-Bann sparen. Reichlich Empörung und mediale Kritik gibt’s gratis dazu.
Ein Asklepios-Sprecher bemüht sich denn auch um Schadensbegrenzung: Die Umstellung der Patientenverpflegung betreffe allein die sieben Hamburger Asklepios-Kliniken, nicht aber die Einrichtungen außerhalb der Hansestadt. Und auch in den Hamburger Klinken könnten Patientinnen und Patienten „auf Nachfrage und mit etwas Vorlauf“ weiterhin Butter zum Frühstück oder Abendbrot erhalten – nur eben nicht mehr automatisch. Beschwerden habe es seit der Umstellung im Dezember übrigens auch nicht gegeben, teilt der Sprecher mit. Also: Viel Lärm um nichts?
Nicht ganz. Tatsächlich sind Krankenhäuser längst zum Symbol geworden für all das, was schiefläuft im deutschen Gesundheitssystem. Jede Entscheidung – ob sinnvoll oder nicht - wird rasch zum Politikum. Und so zeigt der Hamburger Butter-Eklat vor allem zwei Dinge: Einerseits, wie stark der Kostendruck inzwischen ist, der auf Deutschlands Kliniken lastet. Und andererseits, wie gering die Spielräume der Krankenhäuser eigentlich sind, um ihre Finanzen in den Griff zu bekommen.
Darauf weist auch Karsten Honsel hin. Er ist Hauptgeschäftsführer des katholischen Gesundheitsunternehmens Alexianer, das mit rund 30.000 Mitarbeitern zu Deutschlands größten Krankenhausbetreibern gehört. Die enormen Kostensteigerungen bei Energie, bei medizinischen Gütern oder Dienstleistungen könnten von den Krankenhäusern „nicht einfach wie beim Bäcker weiterberechnet werden“, sagt Honsel. „Für 2022 bleiben wir auf über fünf Prozent nicht refinanzierte Kostensteigerungen sitzen“. 2,31 Prozent Kostensteigerungen seien maximal finanziert, die Inflation betrug jedoch 7,9 Prozent.“
Photovoltaikanlagen auf Klinikdächern
Im Jahr 2023 setze sich diese Entwicklung fort: Der Landesbasisfallwert als Berechnungsgrundlage bei der Bezahlung der Klinikleistungen steige zwar um 3,45 Prozent. Doch das würde angesichts neuer Tarifabschlüsse und damit absehbar höherer Personalkosten erneut nicht ausreichen, so Honsel. Auf allgemeine Sparziele, „bei denen pauschal 15 oder 20 Prozent Kostensenkungen gefordert sind und in deren Folge unseren Patienten sprichwörtlich die Butter vom Brot genommen würde“, wolle man trotzdem verzichten. Stattdessen sollen die Alexianer-Häuser lieber individuell „nach kreativen Lösungen“ suchen.
Wie die aussehen können, zeigt beispielsweise die Sparliste einer Sana-Klinik. Um Energiekosten zu senken, werden dort die Heizkörper in Fluren, Lagern und öffentlichen Bereichen runterreguliert. Pumpen werden durch effizientere Modelle ersetzt und klassische Duschköpfe durch Sparduschen. Die Beleuchtung werden auf LED umgestellt und Sensoren beziehungsweise Bewegungsmelder sorgen dafür, dass das Licht nur brennt, wenn auf den Gängen auch Betrieb herrscht.
Auch andere Klinikbetreiber setzen bei den Energiekosten an. Ziel der Helios-Kliniken ist es etwa, den Energieverbrauch 2023 gegenüber 2021 über alle Kliniken hinweg um 20 Prozent zu senken. Und der Krankenhauskonzern Vivantes teilt mit, durch „die Errichtung von Photovoltaikanlagen auf Klinikdächern oder die Umstellung der Innenbeleuchtung unserer neun Krankenhäuser CO2-Emissionen und bares Geld“ zu sparen.
Finanziell oft noch wichtiger: Die Zentralisierung und Professionalisierung des Einkaufs. „Durch langfristige Verträge und durch unseren Zentraleinkauf können wir die unerwarteten und enormen Preissteigerungen etwas abfedern“, sagt etwa Sebastian Polag, Finanzvorstand des gemeinnützigen Gesundheitskonzerns Agaplesion. Auch Asklepios nutzt einen zentralen Einkauf und hat vor Kurzem ein neues, hocheffizientes Zentrallager in Betrieb genommen.
Die Sana-Kliniken bieten im Bereich Medizintechnik inzwischen sogar externen Partnern an, den Einkauf zu bündeln. Durch die hohen Beschaffungsvolumina könnten hier erhebliche Einkaufsvorteile erzielt werden, heißt es vom Unternehmen.
Arme Ritter mit Himbeeren
Vom Hamburger Margarine-Vorstoß distanzieren sich indes alle großen Klinik-Wettbewerber. „Es gibt weiterhin Butter, wenn das gewünscht und medizinisch angezeigt ist“, teilt ein Vivantes-Sprecher mit. „Wir steigern aber im Sinne von gesunder und nachhaltiger Küche den Anteil von vegetarischem Essen und Zutaten aus der Region, was einen kostendämpfenden Effekt hat.“ Das dürfte auch für die Agaplesion-Kliniken gelten, wo es „an vier Wochentagen mittags ausschließlich vegane oder vegetarische Gerichte“ gibt, wie Finanzvorstand Polag erklärt.
Der Klinikkonzern Helios hält trotz aller Kostenbelastungen an einem Vorzeigeprojekt zur Verbesserung des Krankenhausessens fest. 2020 hatte Helios sechs aktuelle oder ehemalige Sterneköche engagiert, um der Patientenverpflegung neue Impulse zu geben. Darunter etwa Hendrik Otto, der elf Jahre lang das Lorenz Adlon Esszimmer im Hotel Adlon am Brandenburger Tor in Berlin zu zwei Michelin-Sternen geführt hat. Der Spitzenkoch kümmert sich inzwischen vollberuflich und ausgestattet mit dem schönen Titel „Leiter Quality and Sustainable Culinary Catering“ um die Optimierung der Verpflegung in der Helios-Gruppe. Für ein Kochbuch des Klinikbetreibers hat er seine Lieblingsrezepte beigesteuert, zum Beispiel „arme Ritter mit Himbeeren“. Eine Zutat darf nicht fehlen: „1 EL Butter, plus etwas mehr bei Bedarf.“
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