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KPMG Wirtschaftsprüfer werden Spezialisten für Steuerschlupflöcher

Die Übernahme von Brainnet durch die Wirtschaftsprüfer KPMG heizt die Neuordnung von Lieferketten zwecks Steuerersparnis an – und wird auch den Beratermarkt verändern.

Schweizer nutzen Fahrten nach Deutschland nicht nur zum Einkaufen, in Deutschland sollen sie auch große Schwarzgeldsummen horten. Quelle: dpa

Steueroasen sind nicht nur bei Millionären beliebt. Auch bei den Einkaufsabteilungen der großen Weltkonzerne liegt der abgabenmindernde Ortswechsel im Trend. Der US-Waschmittelhersteller Procter & Gamble hat Teile seiner Beschaffungsabteilung in die Schweiz verlegt. Die Einkäufer des Telekommunikationsriesen Vodafone sitzen in Luxemburg, der Finanzdienstleister Barclays kauft von Singapur aus ein.

Der Grund für den Exodus sind die je nach Land erheblichen Unterschiede bei den Ertragssteuersätzen, der Mehrwertsteuer und den Zollgebühren. Wer die komplizierte internationale Rechtslage kennt und richtig zu nutzen weiß, kann Millionen an Steuern und Abgaben sparen und den Cash-Flow verbessern.

In diese Bresche will künftig die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und Unternehmensberatung KPMG mit ihrer Neuerwerbung springen: der Consultingfirma Brainnet mit Sitz in Bonn und St. Gallen, die sich mit der Gestaltung von Lieferketten einen Ruf erworben hat.

Die größten deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften
Platz 6: Rödl & PartnerIn Deutschland machten die Nürnberger im Geschäftsjahr 2012 einen Umsatz von knapp 154 Millionen Euro. Ein Drittel davon erwirtschaftete die Gesellschaft mit Wirtschaftsprüfungen.* Weltweit setzten Rödl & Partner 281,3 Millionen Euro um - und damit rund 8 Prozent mehr als im Vorjahr. Zum Gewinn macht das Unternehmen keine Angaben. 3.500 Menschen sind bei Rödl & Partner beschäftigt. * Rest der Umsätze: Steuer-, Rechts- und Unternehmensberatung Quelle: Presse
Platz 5: BDODas Hamburger Unternehmen setzte 2012 in Deutschland fast 192 Millionen Euro um und liegt damit leicht über Vorjahresniveau. BDO beschäftigt 1600 Mitarbeiter. Quelle: Screenshot
Platz 4: DeloitteMit einem Umsatz von 657 Millionen Euro im Jahr 2012 hat sich Deloitte gegenüber dem Vorjahr um fast 6 Prozent gesteigert. 37 Prozent des Umsatzes macht das Geschäft mit Wirtschaftsprüfungen aus. Im Geschäftsjahr 2011/2012 fuhr Deloitte einen Gewinn von 13,9 Millionen Euro ein (Vorjahr: 12,5). Für das Düsseldorfer Unternehmen arbeiten mehr als 4.800 Menschen.
Platz 3: Ernst & YoungMit einem Umsatz von rund 1,2 Milliarden Euro schaffen es Ernst & Young auf den dritten Platz im Ranking. Gut 40 Prozent des Umsatzes wurden im vergangenen Jahr mit Wirtschaftsprüfung erwirtschaftet. Die GmbH beschäftigt in Deutschland mehr als 7.200 Mitarbeiter. Quelle: dapd
Platz 2: KPMG Die Gesellschaft setzte 2012 mehr als 1,3 Milliarden Euro um. Das sind fast 9 Prozent mehr als im Vorjahr. Rund 46 Prozent erwirtschaftete KPMG mit Wirtschaftsprüfungen. Zum Gewinn macht das Unternehmen keine Angaben. Aktuell beschäftigt KPMG gut 8.600 Mitarbeiter. Zu den Kunden gehören unter anderem die Deutsche Bank. Quelle: AP
Platz 1: PricewaterhouseCoopersPwC setzte 2012 rund 1,5 Milliarden Euro um und ist damit die größte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Deutschland. Knapp die Hälfte der Umsatzes kamen durch Wirtschaftsprüfungen zustande. PwC konnte den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um gut vier Prozent steigern. Derzeit beschäftigt das Unternehmen in Deutschland 9.300 Mitarbeiter. Quelle: dpa

Selbst in internationalen Konzernen sind solche vielseitigen Fachleute kaum zu finden. Und selbst klassische Einkaufsberatungen sind in der Regel überfordert, wenn es um die steuer- und abgabentechnische Optimierung der Beschaffung geht. „Die wissen zwar, wo Speicherchips oder rostfreie Schrauben am billigsten zu bekommen sind, aber von Steuern oder Zollvorschriften haben sie keine Ahnung“, sagt der Einkäufer eines großen Konzerns.

Die Übernahme von Brainnet wird nicht nur so manchen Konzernlenker unter den KPMG-Mandanten auf ganz neue Standort-Ideen bringen. Der Schritt dürfte zugleich die KPMG-Konkurrenten zum Nachmachen animieren und damit die Beraterlandschaft nachhaltig verändern. „Der KPMG-Brainnet-Deal ist nur der Anfang“, prognostiziert Branchenexperte Dietmar Fink, Professor für Unternehmensberatung an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. „Der Beratungsmarkt formiert sich neu.“

Dabei dürfte die Kombi aus Wirtschaftsprüfung und Spezialberatung das künftig bevorzugte Modell der Consultingbranche sein – und das aus mehreren Gründen:

  • Die Prüfungsgesellschaften können in ihrem Kerngeschäft kaum noch wachsen und suchen dringend ein neues Geschäftsmodell.
  • Viele Spezialberater sind finanziell zu schwach, um ihr Geschäft zu internationalisieren. Globale Wirtschaftsprüfer könnten dabei helfen.
  • Die Nachfrage nach dem Kombi-Service wächst. Vor allem internationale Konzerne sehen darin die Chance, Reibungsverluste zwischen verschiedenen Consultern zu vermeiden.

Geradezu prädestiniert ist dafür der Einkauf in Konzernen, weil das Optimierungspotenzial hier besonders groß ist. Denn je nachdem wie hoch die Einkäufer die internen Verrechnungspreise für die Lieferungen an die Tochtergesellschaften ansetzen, fallen je nach Standort unterschiedlich hohe Steuern an – für die Erträge der Töchter, aber auch für die der Einkaufsabteilung. Wer seine Einkäufer an einem Standort mit niedrigen Steuern konzentriert, spart schnell eine Menge Geld.

Doch was sich in der Theorie einfach anhört, ist in der Praxis eine komplizierte Rechenaufgabe mit vielen Variablen. Wollen Konzerne ihre Lieferketten steuerlich optimieren, müssen sie Einkaufsspezialisten mit den Experten für Steuern und Zölle in den verschiedenen Ländern an einen Tisch bringen. „Jetzt gibt es Beratung aus einer Hand“, lobt Eva Manger-Wiemann die Übernahme von Brainnet durch KPGM. Die Geschäftsführerin der Zürcher Metaconsultingfirma Cardea unterstützt Unternehmen bei der Beraterauswahl.

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Was es bringt, wenn Einkaufsspezialisten und Steuerberater gemeinsam internationale Lieferketten unter die Lupe nehmen, zeigt das Beispiel eines global agierenden Telekommunikationsanbieters. Dort brachten die Bündelung aller Einkäufe, die Reduzierung der Lager von acht auf zwei, die Optimierung der Verrechnungspreise und die Verlegung der zentralen Einkaufsabteilung an einen steuergünstigen Standort mehr als 100 Millionen Euro Ersparnisse.

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