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Krankenhäuser Russisch Roulette im Operationssaal

Die Wahl einer Klinik kann über Leben und Tod entscheiden. Doch wie können sich Patienten über die Qualität eines Hauses informieren? Auf welche Quellen Verlass ist und welche monetären Interessen sich hinter Empfehlungen verbergen.

Was tun im Streitfall?
Eine OP-Schwester greift nach dem OP-Besteck Quelle: dpa
Ein Röntgenbild einer Frau, bei der während der OP eine Schere in der Wunde vergessen wurde Quelle: AP
Viele Patienten sitzen in einem Wartezimmer Quelle: dpa
Die Versichertenkarten der deutschen Krankenkassen DAK, AOK, Barmer und Techniker Krankenkasse TK Quelle: dpa
Ein Mann beim Anwalt Quelle: gms
Die Richter des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts Quelle: dapd
Kalenderblätter Quelle: dpa

Auch bequeme Treter drückten, das Blasenpflaster half nicht mehr: Der Schmerz im linken Fuß ließ einfach nicht nach. Da wusste Silke M., 49, es ist an der Zeit, der Schiefstand des großen Zehs musste beseitigt werden.

Eigentlich ist eine solche Operation ein Routineeingriff, zugleich aber auch ein diffiziles Unterfangen. Geht etwas schief, bleibt der Fuß lebenslang geschädigt. Die Düsseldorferin humpelte zum nächsten Orthopäden. Der maß den Winkel der Fehlstellung und diagnostizierte: ein Fall für den „Fuß-Gott des Ruhrgebiets“, wie er sagte, den renommierten Chefarzt in der gut 50 Kilometer entfernten Klinik.

Privatpatientin Silke M. vertraute dem Rat, legte sich beim Fuß-Gott unters Messer – und quält sich seitdem mit mehr Schmerzen als zuvor. Das liege an ihrer „persönlichen Fehlhaltung beim Laufen“, beschied der Chefdoktor. Blödsinn, hält ein Orthopäde dagegen, den Silke M. um eine Zweitmeinung bat: Die Operation sei schiefgelaufen, nicht die Patientin. Und von einer Freundin, die denselben Arzt in Düsseldorf konsultierte, erfährt Silke M. später auch noch, dass der Düsseldorfer Arzt all seine Patienten zum Supermann ins Ruhrgebiet schicke – man kennt sich.

Grafik Fehler nach Arbeitsschritten in Kliniken

Der nächstbeste Arzt

Freunde-Wirtschaft unter Medizinern ist Alltag. Oft landen Kranke so nicht beim besten, sondern beim nächstbesten Arzt. 18,3 Millionen Deutsche müssen pro Jahr stationär unters Messer. In Deutschlands rund 2041 Kliniken müssen Kunden auf gute Leistung vertrauen, ohne sie kontrollieren zu können. Zwar gibt es Informationsmaterial über die Qualität von Krankenhäusern und Ärzten.

Doch längst nicht überall, wo Krankenkassen, Klinikführer am Zeitungskiosk oder Bewertungsportale im Internet neutralen Rat versprechen, liefern sie ihn auch. Allzu oft regieren Klinikmarketing, Vetternwirtschaft und Vorgaben, möglichst schnell viele Patienten durchzuschleusen.


Elf Millionen Klinikpatienten pro Jahr

Immerhin elf Millionen Klinikpatienten pro Jahr können in Deutschland selbst entscheiden, wem sie ihre Gesundheit anvertrauen. Sie werden nicht als Notfall eingeliefert, sondern stehen vor einer planbaren Operation (OP). Ihnen bleibt Zeit für die beiden wichtigsten Fragen: Ist der Eingriff an Leib und Leben wirklich nötig? Immerhin wird hierzulande geschnitten, was die Operationssäle hergeben. Und welches Krankenhaus in akzeptabler Nähe hat die besten Spezialisten? In Deutschland können Patienten ihre Klinik frei wählen. Viele Betroffene wissen das gar nicht.

Informationen können lebenswichtig sein. Denn die Fehlerquote ist hoch. Nach den konservativsten Schätzungen unter Medizinern erleiden in Deutschland zwei bis vier Prozent der Klinikpatienten gravierende Schäden, das wären bis zu 730.000 pro Jahr. Mindestens 18.000 verlieren ihr Leben, davon 14.000 durch Klinikinfektionen. Bei der Mortalität steht Deutschland schlechter da als die skandinavischen Länder, die Schweiz und die Niederlande.

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