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Kreuzfahrtmarkt Luxuriöse Entspannung auf hoher See boomt

Der Kreuzfahrtmarkt boomt, in Deutschland wächst das Segment mit Schiffen und Angeboten seit Jahren schneller als der übrige Tourismusmarkt. Gegenwind kommt von Umweltschützern.

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Der Kreuzfahrtmarkt ist ein Markt der Superlative. Quelle: obs

Fährschiffe nach Skandinavien gehören zum Alltag im Kieler Stadthafen – zwei Kreuzfahrtriesen hintereinander dagegen sind etwas Besonderes in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt: Jeweils 15 Decks hoch, knapp 300 Meter lang, 450 Millionen Euro teuer, mit Platz für gut 2500 Passagiere und 1000 Mann Besatzung sind die erst Mitte Juli getaufte „Mein Schiff 5“ und das ein Jahr ältere Schwesterschiff „Mein Schiff 4“.

Die beiden schwimmenden Apartmentblocks mit ihrem dunkelblauen Rumpf, den weißen Aufbauten und dem knallroten TUI-Smiley am Schornstein sind die neuesten Schiffe der Hamburger Reederei TUI Cruises, einem 50:50-Joint-Venture der TUI AG mit der amerikanischen Royal Caribbean Cruises. Mit den beiden noch bestellten Neubauten wird die Nummer 2 im deutschen Kreuzfahrtmarkt nach Aida Cruises bis 2019 über eine Kapazität von rund 14.000 Betten verfügen.

Marktführer Aida aus Rostock, eine Marke des britisch-amerikanischen Kreuzfahrtkonzerns Carnival Corporation, unterhält elf Schiffe mit einer Kapazität von fast 22.000 Betten, dass Flaggschiff „Aida Prima“ ist seit April unterwegs, drei weitere Schiffe mit dem roten Kussmund am Bug kommen bis 2020 dazu.

Das hat der neue Luxusliner zu bieten
"Mein Schiff 5": Das jüngste Flottenmitglied von TUI Cruises. Quelle: Presse
Mein Schiff 5 "Diamant Suite" Quelle: Presse
Badezimmer der "Diamant Suite" Quelle: Presse
Badezimmer der "Themen Suite". Die größte Suite mit 54 m² Wohnfläche. Quelle: Presse
Das Hauptrestaurant "Atlantik – Klassik" Quelle: Presse
Restaurant "Atlantik – Brasserie" Quelle: Presse
Restaurant "Atlantik – Mediterran" Quelle: Presse

Der Kreuzfahrtmarkt ist ein Markt der Superlative: Mit einem durchschnittlichen Wachstum von 4,5 Prozent in den vergangenen zehn Jahren auf weltweit rund 25 Millionen Passagiere sind Kreuzfahrten der am schnellsten wachsende Bereich der Tourismusindustrie überhaupt. Im Schnitt rund 170 Euro lässt jeder Kreuzfahrtgast sich seine Reise pro Tag kosten.

Entsprechend lukrativ ist das Geschäft: Die Rentabilität der Reedereien mit ihren insgesamt 450 Musikdampfern ist zweistellig und damit deutlich höher als die der meisten Reiseveranstalter oder Luftverkehrsgesellschaften. Die Branche sichert mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze und steht für eine Wertschöpfung von schätzungsweise 150 Milliarden Euro im Jahr.

Nicht nur die globale Kreuzschifffahrt boomt, auch hierzulande entschließen sich immer mehr Touristen für diese Urlaubsform. Rund drei Prozent der knapp 70 Millionen Urlaubsreisen in Deutschland sind Kreuzfahrten. Seit 2006 ist der Markt um rund acht Prozent pro Jahr auf mittlerweile gut 1,8 Millionen Passagiere und 2,9 Milliarden Euro Umsatz gewachsen. Mit rund 1,3 Milliarden Euro Umsatz und einem Marktanteil von knapp fünf Prozent ist Marktführer Aida nach TUI, Thomas Cook, der DER Touristik, FTI und Alltours der sechstgrößte deutsche Reiseveranstalter.

Ein Ende des Wachstums ist nicht absehbar. Selbst in diesem Jahr, wo Terrorangst und politische Unsicherheit die Reiselust der Deutschen dämpfen und die Umsätze laut Reisebürospiegel für den Sommer um gut sieben, für den Winter sogar um zwölf Prozent eingebrochen sind, haben Kreuzfahrtbuchungen noch mal um sieben Prozent zugelegt. „2016 wollen wir die Zwei-Millionen-Marke knacken“, sagt Michael Ungerer, Deutschland-Chef des Kreuzfahrtverbandes CLIA.

Vorsichtige Experten gehen davon aus, dass 2020 rund 2,6 Millionen Bundesbürger mindestens eine Seereise im Jahr buchen, CLIA-Chef Ungerer, bis vor einem Jahr Aida-Boss und mittlerweile für das Asien-Geschäft seiner Reederei zuständig, und Wybcke Meier, Vorstandsvorsitzende von TUI Cruises, rechnen sogar mit drei Millionen deutschen Kreuzfahrtgästen.

Wachstumstreiber Kreuzfahrten

Das Angebot für Seereisende ist riesig und passt zu jedem Geschmack und Geldbeutel. Die im März kommenden Jahres startende 89-Tage-Kreuzfahrt durch die Karibik in einer der 225 zwischen 27 und 156 Quadratmeter großen Veranda-Suiten auf der „Seabourne Sojourn“ – der Luxuskreuzfahrtanbieter Seabourne mit seinen vergleichsweise kleinen Schiffen gehört wie Aida zur Carnival-Gruppe – kostet schlappe 38000 Euro pro Person, soviel wie ein Mittelklassewagen. Dafür wird aber einiges geboten: 24-Stunden-Butler-Service sind ebenso inklusive wie die Minibar mit Jahrgangschampagner, Sterling-Kaviar vom weißen Stör oder Hummer-Barbecues am Strand.

Die neue Aidaprima
Rückkehr nach DeutschlandAm 14. März 2016 übernahm Aida Cruises mit der Aida Prima den ersten Neubau einer neuen Schiffsgeneration von der japanischen Werft Mitsubishi Heavy Industries in Nagasaki. Zuvor hatte die Reederei ihre Schiffe bei Meyer im emsländischen Papenburg bauen lassen, wo das sogenannte „Clubschiff“-Konzept ursprünglich entwickelt wurde. Nachdem Mitsubishi beim Bau der Aida Prima und des Schwesterschiffs Aida Perla (Auslieferung Frühjahr 2017) einen Verlust von 1,7 Milliarden Dollar einfuhr, werden sich die Japaner aus diesem Geschäft wieder zurückziehen. Die nächsten Kreuzfahrtschiffe wird Aida nun wieder an der Ems bauen lassen. Quelle: C. Kursawe
Höhepunkt in HamburgDie Aida Prima, das elfte Mitglied der Flotte mit dem Kussmund, wird am 7. Mai 2016 als glanzvoller Höhepunkt des 827. Hafengeburtstag Hamburg von Emma Schweiger getauft. Das Schiff kostete bei Mitsubishi 650 Millionen Dollar. Die Auslieferung musste – unter anderem wegen mehrerer Brände auf der Werft – zweimal verschoben werden. Quelle: C. Kursawe
Optimistische ZieleFelix Eichhorn, Präsident von Aida Cruises: „Vor 20 Jahren ist Aida mit dem Konzept der modernen Kreuzfahrt gestartet. Wir betreten wiederum Neuland und bieten als erste Reederei ganzjährig Kreuzfahrten ab Deutschland an. An Bord von Aida Prima sei man vom schlechten Wetter völlig unabhängig. Das Schiff ist dazu mit Erlebniswelten ausgestattet. Insider bezweifeln aber, dass die Reederei die Aida Prima in der kalten Jahreszeit voll bekommt. Quelle: C. Kursawe
Rundreise durch EuropaHamburg ist ab 30. April 2016 Start- und Zielhafen für siebentägige Rundreisen von Aida Prima zu den westeuropäischen Metropolen London/Southampton, Paris/Le Havre, Brüssel/Zeebrügge und Rotterdam. Quelle: C. Kursawe
Kabinen mit allem KomfortDas Schiff verfügt über 1.647 Kabinen, bei denen 14 Varianten zur Auswahl stehen. 77 Prozent aller Gästekabinen verfügen über eine Veranda – mit einem sechs bis zwölf Quadratmeter großen Sonnenbereich, der Platz für bis zu zwei Liegen bietet. Quelle: C. Kursawe
„Activity Deck“ und „Lazy River“Bei der Gestaltung der neuen „Activity-Decks“ standen die Elemente Wasser, Luft, Erde und Feuer Pate: Über vier Decks verläuft die Doppel-Wasserrutsche Racer. Gäste können sich dort aber auch treiben lassen auf dem Lazy River. Zudem bietet das Schiff einen Klettergarten in luftiger Höhe, ein Sportdeck, auf dem man ebenerdig verschiedenen Sportarten nachgehen kann. Auch Public Viewing auf einer riesigen LED-Wand wird geboten. Damit man sich jeden Tag und zu jeder Jahreszeit an Deck vergnügen kann, hat das sogenannte „Four Elements“ ein auffahrbares Foliendach und ist damit wetterunabhängig. Quelle: C. Kursawe
Neue KinderfreundlichkeitDie schwimmende Eisbahn auf dem Sportdeck von Aidaprima ist ein weiteres Highlight in den vielfältigen Freizeit- und Sportangeboten an Bord. Erstmals gibt es neben dem Kids- und Teens Club zudem auch einen Mini Club für die Betreuung von Kleinkindern ab 6 Monaten. Quelle: C. Kursawe

Ähnlich in der Preislage wie im Komfort sind die Luxuskreuzfahrten der TUI-Tochter Hapag-Lloyd Cruises. Für Gäste, die beim Captain’s Dinner gern mal große Garderobe und schwere Klunker ausführen, ist die „Europa 1“ das richtige Schiff. Eher leger und ungebrezelt, allerdings nicht minder luxuriös, ist das Freestyle-Cruising auf der „Europa 2“ positioniert. Und wer in Daunen-Jacke und dickem Norweger-Pulli durch die Antarktis kreuzen will, um Pinguine zu beobachten, geht auf eines der Expeditionsschiffe.

Deutsche Kreuzfahrer sind auf den US-Spaßdampfern des Weltmarktführers Carnival anzutreffen, wo in den Casinos rund um die Uhr die einarmigen Banditen rattern und auf den Traditionsschiffen von Cunard. Im Cafe Carinthia der „Queen Elizabeth“ servieren livrierte Kellner wie auf der ersten und letzten Reise der „Titanic“ Scones mit Clotted Cream und Gurken-Sandwiches zum Afternoon Tea. Allein reisende Damen werden im Yacht Club von "Dance Hosts" genannten Herren reiferen Alters zum Foxtrott aufgefordert.

Eher am anderen Ende der Preisskala ist die schon etwas betagtere Flotte von Phoenix Reisen unterwegs, zu der auch das ehemalige, zwischenzeitlich wegen Insolvenz der Deilmann-Reederei stillgelegte Traumschiff „Deutschland“ gehört. Eine 140-Tage-Weltreise in einer Vier-Bett-Innenkabine auf einem der Schiffe ist schon für knapp 10.000 Euro zu haben. Bei einigen Reisen ist sogar der Glamour-Faktor inklusive: Wer will, kann bei der TV-Serie „Verrückt nach Meer“ als Komparse mitwirken – auch die siebte Staffel entsteht an Bord der Phoenix-Schiffe.

Die beiden erfolgreichsten Konzepte im deutschen Massenmarkt für Kreuzfahrten bieten aber Marktführer Aida und die erst 2008 an den Start gegangene Mein-Schiff-Flotte von TUI Cruises. Beide Anbieter sind im Segment des sogenannten Free-Style-Cruising angesiedelt – ohne Kleidervorschriften, mit großen Sport- und Spa-Bereichen, mit großzügigen Buffet-Restaurants und speziellen Angeboten für Kinder und Jugendliche.

Die Kabinengröße bei beiden Anbietern ist ähnlich, allerdings sind Ambiente und Design der „Mein Schiff“-Flotte gediegener. Preislich hat sich TUI Cruises um einiges oberhalb der Aida-Clubschiffe positioniert, bietet dafür allerdings auch deutlich mehr Service und Qualität: In den meisten der insgesamt 13 Restaurants wird am Tisch bedient, es gibt täglich wechselnde, mehrgängige Menüs, die Zuschläge für besondere Speisen oder Getränke sind moderat, Cocktails und andere Alkoholika in der Regel inklusive.

Kreuzfahrten werden immer beliebter

Für die TUI sind Kreuzfahrten einer der wichtigsten Wachstumstreiber. Ein Großteil der 1,2 Milliarden Euro, die der größte europäische Touristikkonzern beim Verkauf seiner Bettenbank Hotelbeds erlöst hat, soll in neue Dampfer investiert werden: „Mit dem Erlös wollen wir den Wachstumskurs bei unseren Hotels und Kreuzfahrten stärken“, sagt TUI-Chef Fritz Joussen. Und auch bei Aida wird weiter investiert: Zusammen mit der italienischen Schwesterreederei Costa, unter deren Dach das Carnival-Europa-Geschäft organisiert ist, haben die Rostocker zwei Neubauten bestellt.

Weltweit wurden in den vergangenen fünf Jahren 34 neue Schiffe gebaut, bis Ende dieses Jahrzehnts kommen noch mal 47 dazu – die meisten ähnlich dimensioniert wie „Mein Schiff 5“ oder „Aida Prima“, manche mehr als doppelt so groß: Die im Mai fertig gestellte „Harmony oft the Seas“ von Royal Caribbean, das derzeit größte Kreuzfahrtschiff der Welt, hat auf 16 Passagierdecks fast 2800 Kabinen und Platz für über 5500 Passagiere.

Schrille Ideen

Für ihre Neubauten lassen sich die Planer in den Reedereien immer neue Gimmicks einfallen. Die neuen TUI-Dampfer können mit den größten Swimming Pools (25 Meter lang) und den größten Saunen auf See aufwarten, die Klanghaus genannten Akustik-Studios bieten Konzerterlebnisse wie an Land. Die „Aida Prima“ hat einen kompletten Klettergarten, im Winter wird eine Eisbahn zum Schlittschuhlaufen eingerichtet. Andere Reedereien bieten ihren Passagieren Parks mit echten Bäumen und Kinderkarussell oder gläserne Gondeln, die an langen Teleskopauslegern hoch über den Wellen ausgeschwenkt werden.

Die spektakulärsten Kreuzfahrten
Oviation of the Seas Quelle: Presse
Seabourn Encore Quelle: Presse
Yoga-TourAuch deutsche Kreuzfahrtunternehmen haben die Sport-Kreuzfahrten für sich entdeckt: Tui Cruises startet dieses Jahr mit der ersten Yoga-Fahrt. Fußball-, Tauch- oder Golfreisen gibt es schon lange. Der Hamburger Fußballclub St. Pauli nutzt Kreuzfahrtschiffe als Trainingscamp für Kinder. Quelle: Presse
Gay-Cruise Quelle: Presse
Cougar-Kreuzfahrten Quelle: Fotolia
Full Metal Cruise Quelle: obs
FKK-KreuzfahrtenLiebhaber der Freikörperkultur (FKK) können das Nacktsein auch auf bestimmten Kreuzfahrten ausleben. Und das in einem ganz besonderen Ambiente: Der Royal Clipper ist ein 135 Meter langes 5-Mast-Segelschiff, das Platz für 227 Passagiere bietet. Auf dem Vier-Sterne-Luxus-Kreuzfahrtschiff fallen alle Hüllen: diese FKK-Kreuzfahrt ist nur für Nudisten, Paare und Singles ab 18 Jahren ausgelegt. Entlang der Adria werden sechs Länder mit FKK-freundlichen Häfen angesteuert: Slowenien, Kroatien, Montenegro, Albanien, Griechenland und Italien. Neben den zahlreichen Landausflügen gibt es drei Swimmingpools und Liegestühle, ein Spa- und Fitness Center, eine Bibliothek und eine am Heck befestigte Wassersportplattform. Die Kabinen sind in acht verschiedenen Kategorien buchbar. Die nächste Abfahrt ist Ende Mai dieses Jahres. Quelle: Presse

Gleichzeitig versuchen sie, neue Zielgruppen zu erschließen, die bisher Schiffsreisen gemieden haben. Erfolgreich etabliert haben sich Rainbow-Cruises für Gays und Lesben. Auf dem US-Markt ist die Zielgruppenansprache noch spitzer: Angeboten werden zum Beispiel auch Kreuzfahrten speziell für FKK-Fans oder für Swinger-Paare.

Längst geht es nicht mehr darum, auf Kreuzfahrten nur fremde Häfen und Länder zu entdecken – das Schiff wird immer mehr selbst zum Ziel, die Gäste müssen mit immer neuen Ideen an Bord bespaßt werden.

Durch Themen-Kreuzfahrten etwa: Die „Kanaren mit Madeira“-Kreuzfahrt der "Mein Schiff 2" Ende Februar 2017 steht zum Beispiel unter dem Motto "Kiez meets Comedy". Stargäste sind der Stand-up-Komiker Matze Knop und die Hamburger Travestie-Ikone Olivia Jones. Abgerundet wird das Programm mit Comedy-Coachings, Schminkkursen und Burlesque-Workshops.

TUI Cruises hat Erfahrung mit schrillen Themen-Ideen: Legendär ist der Erfolg der gerade zum vierten Mal durchgeführten „Full Metal Cruise“ mit 2000 Metal Fans auf „Mein Schiff 1“. Wacken auf der Ostsee: Auf drei Bühnen spielten zwei Dutzend Bands auf der Fahrt von Hamburg, über Oslo und Kopenhagen nach Kiel – inklusive Dosenbier, Metal-Karaoke und Tattoo-Studio.

Die nächste Full Metal Cruise startet am 20. April 2017 in Palma de Mallorca. Wer dafür noch keine Buchung hat, muss noch ein Jahr warten. Mindestens: Die bisherigen Metal-Reisen waren jeweils eine gute Viertelstunde nach Freischaltung der Buchungskanäle komplett ausverkauft.

Doch auch den erfolgsverwöhnten Kreuzfahrtanbieter bläst ab und an der Gegenwind ins Gesicht. Die Organisation von Landausflüge, die sich die Reedereien gut bezahlen lassen und die zusätzlichen Umsatz schaffen, wird für Megadampfer mit 6000 Passagieren zu einer immer komplizierteren logistischen Herausforderung. Wegen der vielen neuen Schiffe wird es in den Häfen im Mittelmeer oder in der Karibik immer enger. Und auch die Kreuzschifffahrt spürt die Folgen politischer Unsicherheit: Bestimmte Ziele – wie im Moment türkische und viele nordafrikanische Häfen – werden aus Angst vor Terroranschlägen gänzlich aus den Fahrplänen gestrichen.

Worauf man bei der Kreuzfahrt-Buchung achten sollte

Für Diskussionsstoff sorgen auch immer mal wieder die Arbeitsbedingungen, unter denen die Crews an Bord arbeiten. Bei Aida oder TUI Cruises unterliegen zum Beispiel nur Offiziere und Führungskräfte aus dem Hotel- und Restaurantbereich deutschem Arbeitsrecht. Der Rest wird über internationale Dienstleister wie SeaChefs vor allem in Asien angeheuert – zu Löhnen, die im Vergleich zum deutschen oder europäischen Arbeitsmarkt erschreckend niedrig sind.

Nach Recherchen der Wochenzeitig „Die Zeit“ verdienen manche Mitarbeiter der auf Malta registrierten „Mein Schiff 2“ zum Beispiel gerade mal 770 Dollar im Monat – bei mehr als 300 Arbeitsstunden. Aida-Service-Kräfte kommen auf 700 bis 900 Dollar. Die Reedereien halten dagegen, dass die Löhne in den jeweiligen Heimatländer viel niedriger sein – auf den Philippinen zum Beispiel bei nur 150 bis 250 Dollar für vergleichbare Tätigkeiten.

Gegenwind von Umweltschützern

Druck machen auch den Reedereien auch die Umweltschützer. Der Naturschutzbund (Nabu) etwa wirft Kreuzfahrtreedereien vor, zu wenig für den Umweltschutz zu tun, die europäischen Kreuzfahrtschiffe seien überwiegend Dreckschleudern. Von den 55 untersuchten Kreuzfahrtschiffen hatten nur elf eine Technik zur Abgasentgiftung, die über die gesetzlichen Bestimmungen hinausgeht.

Unterwegs mit der Anthem of the Seas
Anthem of the Seas Quelle: Royal Caribbean International
Anthem of the Seas Quelle: Royal Caribbean International
Anthem of the Seas Quelle: Royal Caribbean International
Anthem of the Seas Quelle: Royal Caribbean International
Anthem of the Seas Quelle: Royal Caribbean International
Anthem of the Seas Quelle: Royal Caribbean International
Anthem of the Seas Quelle: Royal Caribbean International

Dabei lassen sich vor allem die deutschen Anbieter den Umweltschutz einiges kosten. Die „Aida Prima“, die zusammen mit der „Europa“ von Hapag-Lloyd, der „Mein Schiff 3-5“-Flotte von TUI Cruises und den Costa-Schiffen „Diadema“ und „Fascinosa“ auf den ersten Plätzen der Schmutzliste landeten, verfügen über Systeme zur Abgasreinigung. Das neue Aida-Flaggschiff kann nahezu emissionsfrei mit Flüssiggas (LNG) betrieben werden, die TUI-Cruises-Neubauten haben eine Kombination aus Scrubbern genannten Abgaswäschern und Katalysatoren, die den Schwefelausstoß um 99 Prozent und die von Stickoxiden um 75 Prozent senken.

Das Problem ist allerdings, dass alle Kreuzfahrtschiffe je nach Fahrtgebiet auch noch Schweröl verbrennen, das nach Nabu-Angaben rund 100-Mal mehr Schadstoffe verursacht als handelsüblicher Lkw-Diesel. In Hamburg beispielsweise stammten 38 Prozent der Stickoxide und 19 Prozent des Feinstaubs in der Stadt von der Seeschifffahrt.

Der Druck der Umweltschützer zeigt Wirkung: Die Kreuzfahrtindustrie hat in den vergangenen Jahren nach CLIA-Angaben mehr als eine Milliarde Dollar in neue Umwelttechnologien investiert. Verwendet werden mehrstufige Abgasreinigungssysteme, die unterschiedliche Emissionen gleichzeitig behandeln können, auch ältere Schiffe sollen in Zukunft nachgerüstet werden. „Europaweit sind bereits 75 Kreuzfahrtschiffe mit Abgasreinigungssystemen im Einsatz“, sagt CLIA-Deutschland-Generalsekretär Helge Grammerstorf.

Die moderne Umwelttechnik kostet Geld und Zeit: Acht bis zehn Millionen Euro kosten die Abgasreinigungssysteme pro Schiff.

Zumal den mit Konstruktion und Bau verbundenen technischen Herausforderungen nur wenige Schiffbauunternehmen weltweit gewachsen sind. Den Markt für Neubauten teilen sich die deutsche Meyer Werft mit ihren Betrieben am Stammsitz im niedersächsischen Papenburg, in Rostock und im finnischen Turku, die französische Werft STX und der italienische Mitbewerber Fincantieri.

Alle drei sind für Jahre mit Neubauaufträgen ausgelastet, Newcomern fehlt das für den Bau von Kreuzfahrtschiffen notwendige Knowhow. Der japanische Mitsubishi-Konzern hat versucht, das Oligopol der drei europäischen Anbieter zu knacken – und dafür viel Lehrgeld bezahlt. Mit  Kampfpreisen für die beiden Neubauten „Aida Prima“ und „Aida Perla“ gelang es den Japanern zwar, die etablierten Mitbewerber auszustechen, wegen zahlreicher Pannen beim Bau und mehrjähriger Verspätung bei der Ablieferung schlidderte die Werft aber fast in Pleite und konnte nur gerettet werden, weil der Konzern einsprang.

Für Aida ging der Japan-Ausflug halbwegs glimpflich aus: Zwar wurden durch die Verzögerung die Routenplanungen für mindestens zwei Jahre zu Makulatur, dafür bekamen die Rostocker durch hohe Konventionalstrafzahlungen aber eines der beiden Schiffe zum Nulltarif.

Diese Nationen verreisen am meisten

Trotz aller Erfolge ist kaum eine Urlaubsform so stark von lang gehegten und trotzdem unzutreffenden Vorurteilen geprägt wie Kreuzfahrten: Die behaupten zum Beispiel hartnäckig, der typische Seereisende sei Rentner und kurz vor scheintot. Völlig falsch, wie eine gerade veröffentlichte Untersuchung des Online-Portals Dreamlines zeigt: Der durchschnittliche Kreuzfahrer ist nur 51 Jahre alt, die Zahl der Reisenden unter 40 Jahren stieg 2016 um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ein weiterer Trend: Die Reisen dauern länger, 10,5 Tage sind deutsche See-Urlauber pro Reise unterwegs, 2017 dürften es voraussichtlich etwa zwölf Tage werden, gebucht werden Kreuzfahrten im Schnitt 24 Wochen vor Abreise und überwiegend als Pauschalreise: Mehr als 60 Prozent der Reisen beinhalten An- und Abreise per Zug oder Flugzeug.

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