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Kuscht Biontech vor Peking? Die spektakulärsten Kniefälle vor China

Biontech ist eine Marionette Chinas Quelle: dpa

Vorerst liefert Biontech dem Inselstaat Taiwan keinen Impfstoff. China soll das verhindert haben. Biontech wäre nicht das erste Unternehmen, das vor Peking kuscht. Die spektakulärsten Kniefälle vor der chinesischen Weltmacht.

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China plant und die Welt gehorcht. Diesen Eindruck konnte man jüngst wieder gewinnen. Der Pharmakonzern Biontech soll angeblich aus Rücksicht vor dem politischen Machtzentrum in China einen Rückzieher in Taiwan gemacht haben. Eigentlich stand eine Einigung mit Biontech über Impfstofflieferungen an Taiwan so gut wie fest. Zumindest wenn man den Worten der taiwanischen Präsidentin Tsai Ing-wen von Mittwoch Glauben schenkt. 

Die Vertragsunterzeichnung mit dem deutschen Hersteller konnte jedenfalls nicht abgeschlossen werden. China habe interveniert, so der Vorwurf. Der Gesundheitsminister Chen Shih-chung fügte am Donnerstag hinzu, Taiwan habe im Januar einen unterschriebenen Vertrag mit Pressetext an Biontech geschickt. Daraufhin sollte Taiwan die Selbstbezeichnung als Land aus dem Pressetext streichen. Eine Woche später habe Biontech auf Lieferengpässe und mehr Zeit für Änderungen im Vertrag verwiesen.

In der Szene wird eine mögliche Erklärung durchgereicht. Die Ursache könnte gewesen sein, dass der chinesische Fosun-Konzern – der Partner von Biontech ist – exklusive Vermarktungsrechte für Festlandchina, Hongkong, Macau und Taiwan von Biontech erworben habe. China betrachtet Taiwan als Teil seines eigenen Territoriums. Fosun machte das Angebot, die taiwanischen Landsleute mit Impfstoff zu versorgen. Taiwan lehnte das ab. Der Inselstaat wolle nur direkt über den Hersteller Vakzine beziehen, um eine Qualitätskontrolle zu gewährleisten, begründet die Präsidentin.

Biontech wäre kein Einzelfall. Viele Unternehmen sind tief mit der chinesischen Wirtschaft verflochten - und wollen sich Konflikte mit der kommunistischen Partei nicht leisten. Einige Unternehmen fahren daher eine erkennbare defensive Strategie: etwa Lufthansa, Daimler, Audi, Tesla und nun auch Biontech. Sie rücken damit ungewollt ins geopolitische Rampenlicht. Für Manager ist das meist ein schwieriger Spagat. Denn jedes Mal leidet der Ruf des Unternehmens.

Es ist kein unbekanntes Phänomen, dass China Taiwan auf allen Wegen das Wasser abgreifen will. Auch die Lufthansa gibt klein bei. Auf allen Websites gibt die Lufthansa seit 2018 als Reiseziel „Taiwan, China“ statt „Taiwan an“. Obwohl Taiwan in der offiziellen Staats- und Gebietssystematik des Auswärtigen Amts nur als „Taiwan“ gelistet wird und auch einen anderen Gebietsschlüssel hat als die Volksrepublik China.

Mit der Namensänderung lässt es China aber nicht gut sein. Peking verlangte, dass ausländische Airlines Taiwan als Teil Chinas bezeichnen. Die Civil Aviation Administration of China hat 44 ausländischen Fluggesellschaften eine Frist gesetzt, Taiwan und Hongkong auf ihren Webseiten als Teil von China zu bezeichnen. Auf Karten muss die Insel gleich eingefärbt sein wie die Volksrepublik. 18 von ihnen haben reagiert – unter ihnen auch Lufthansa. Und die anderen haben eine Verlängerung verlangt. Gefolgt sind jedoch alle.



Lufthansa ist von China abhängig. Vor Corona machten die Flüge nach China bis zu 20 Prozent des Gewinns im Fluggeschäft aus. Und: Die Flüge waren Teil eines Joint Ventures mit der weitgehend staatlichen Air China, was die Arbeit am Flughafen und im Land für Lufthansa erleichterte.

Inzwischen haben deutsche Autokonzerne rund 30 Fabriken in China. Unter ihnen: Daimler. Auch Daimler warf sich im Jahr 2018 vor Peking in den Staub. Der Konzern hatte auf Instagram ein Dalai-Lama-Zitat verwendet und es kurz darauf wieder gelöscht. Die Entschuldigung: Man habe „die Gefühle der Chinesen verletzt“. Mehrfach drückte die Firma ihr tiefstes Bedauern aus für ihren „extremen“ Fehltritt. Dabei wollte Daimler doch bloß seinen Fans in die Woche helfen. „MondayMotivation“ hieß der Hashtag, unter dem die Firma ihren Instagramkanal bespielte. „Beginn deine Woche mit einer frischen Perspektive aufs Leben vom Dalai Lama“, stand da. Damit begannen immer mehr Stimmen aus China gegen Daimler zu wüten. Die Firma versprach das Verständnis der chinesischen Kultur und ihren Wertvorstellungen zu vertiefen.

Tesla hat sich auch bei der Weltmacht entschuldigen müssen. Ursache war ein Video aus diesem Jahr: Eine Kundin stieg auf einer Automesse in Shanghai auf das Dach eines roten Tesla und beschwert sich lauthals über die Bremsen des E-Autos. Sie wurde von Sicherheitsleuten abgeführt. Das Video ging viral.

Zuerst wies der Autobauer den Vorwurf der Frau zurück. Doch dann kommentierte die Staatsagentur Xinhua, die Qualität von Tesla müsse den Erwartungen entsprechen, um das Vertrauen der Verbraucher zu gewinnen. Zusätzlich mischte sich die mächtige Rechtskommission der Kommunistischen Partei ein. Sie forderte Respekt vor chinesischen Verbrauchern und warf Tesla vor, dem Problem nicht nachgegangen zu sein. Daraufhin entschuldigte sich das Unternehmen und versprach, auf die Meinungen, Vorschläge und Kritik der Kunden hören zu wollen.

Und auch Audi hat die Gefühle Chinas durch Äußerungen verletzt. Auf einer Jahrespressekonferenz von 2017 hatte Audi bei Präsentationen im Rahmen des Events auf China- und Weltkarten Regionen wie Tibet und Taiwan nicht gezeigt. Die von der internationalen Gemeinschaft zwar zum Teil als eigenständig anerkannten, von China aber als eigenes Territorium reklamierten Gebiete erschienen sozusagen als weiße und schwarze Flecken auf den Landkarten. Daraufhin löste sich ein „Shitstorm“ von China aus. Die entsprechenden Landkarten und Medien-Inhalte wurden inzwischen komplett von den Audi-Servern gelöscht und Audi entschuldigte sich.

Die einzige Gegenwehr: Siemens

Siemens hat sich standhafter gezeigt. Joe Kaeser mischte sich Ende 2020 als erster Vorstandschef eines Dax-Konzerns in seiner Amtszeit bei Siemens in die Debatte um die Zukunft Hongkongs und das Verhältnis zwischen China und Deutschland ein. China untergräbt die eigentlich bis mindestens 2047 garantierte Autonomie Hongkongs als Sonderverwaltungszone. Tausende Bürger demonstrierten gegen die Verschiebung der Parlamentswahl.

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Kaeser ist Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft. Dort formuliert die deutsche Industrie ihre Interessen gegenüber asiatischen Handelspartnern. Kaeser lehnt nach eigenen Angaben jede Form von Unterdrückung, Zwangsarbeit und Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen ab. Seit mehr als 140 Jahren agiert der Siemens-Konzern in China. Zu Beginn lieferte das Unternehmen vor allem Telegrafen und Telefonapparate.

Mehr zum Thema: Der Machtkampf zwischen China und den USA hat auch unter Biden wenig an Tempo verloren.

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