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Lieferando schluckt Foodora, Lieferheld und pizza.de Das Ende des Wettbewerbs der Essenslieferdienste?

Auch von der Übernahme betroffen: Foodora. Quelle: REUTERS

Takeaway übernimmt 2019 voraussichtlich das Deutschlandgeschäft von Delivery Hero für knapp eine Milliarde Euro. Was die Marktkonsolidierung für Fahrradkuriere, Kunden und Restaurantbetreiber bedeutet.

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Wer Essen bestellt, hat künftig weniger Auswahl, zumindest, was die Wahl des Lieferdienstes anbetrifft. Der umkämpfte Markt für Essensauslieferungen via Online-Plattformen konsolidiert sich. Aus mehreren quietschbunten Marken, die aktuell noch miteinander um die Aufmerksamkeit hungriger Kunden ringen, soll eine einzige werden.

Von den beiden größten Playern auf dem deutschen Markt bleibt nur noch einer: Die Delivery Hero SE überlässt ihr operatives Deutschlandgeschäft dem einstmaligen Konkurrenten aus den Niederlanden, Takeaway.com. Lieferheld, Pizza.de und Foodora gehen an die Niederländer – die die Delivery-Marken zugunsten ihrer eigenen, Lieferando, verschwinden lassen wollen. Die in Berlin ansässige Delivery Hero SE erhält dafür 508 Millionen Euro in bar sowie Takeaway-Aktien im Wert von 422 Millionen Euro. Mit einem Aktienanteil von 18 Prozent ist die Delivery Hero SE damit der zweitgrößte Anteilseigner von Takeaway.com.

Die Entscheidung, dem Deal zuzustimmen, hat der Aufsichtsrat der Delivery Hero SE zwei Tage vor der Bekanntgabe in der Nacht von Donnerstag auf Freitag beschlossen. Damit räumt Delivery Hero als einstmaliger Marktführer nun das Feld in Deutschland. Indirekt bleibt das Unternehmen allerdings über seine 18-prozentige Beteiligung an Takeaway.com im Markt und kann bei einer positiven Marktentwicklung von Takeaway.com hohe Dividenden kassieren.

„Wir finden einen Weg zu gewinnen – oder wir verlassen das Land“, das sagte Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg Mitte dieses Jahres, als sich sein Unternehmen aus Frankreich, Italien und den Niederlanden zurückzog, sich dafür aber beim spanischen Konkurrenten Glovo einkaufte, der auch in Italien und Frankreich Geschäfte macht. Kostenpunkt: 51 Millionen Euro.

Angesprochen auf einen möglichen Zusammenschluss mit Konkurrenten Takeaway.com im September, zeigte sich Östberg gegenüber der „Welt“ noch kämpferisch: „Wir wollen unser Wachstum in Deutschland durch erhöhte Investitionen in Lieferheld, Pizza.de und Foodora weiter beschleunigen.“

Wie es nun zu dem kurzfristigen Sinneswandel kam, lässt ein Sprecher der Delivery Hero SE unkommentiert, betont aber, dass das Unternehmen die Investitionen in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte erhöht habe. „Gleichzeitig gab es, was die Gesamtbewertung angeht, sehr starke Argumente für den Verkauf.“

Das wohl gewichtigste unter diesen Argumenten: das Einsparpotenzial bei den Marketingausgaben. Lieferando soll im vergangenen Jahr mehr als 93 Millionen Euro investiert haben, Delivery Hero 78 Millionen Euro um einander Kunden abspenstig zu machen und Neukunden zu werben, was künftig nicht mehr nötig ist. Rund 60 Millionen Euro an Marketingkosten will Takeaway.com im Jahr 2020 dank der Übernahme sparen, sagte COO Jörg Gerbig dem „Tagesspiegel“.

Sofern das Bundeskartellamt dem Kauf denn zustimmt. Ein Sprecher der Delivery Hero SE erklärt auf Anfrage der „WirtschaftsWoche“, dass das Unternehmen keine kartellrechtlichen Hindernisse sehe.

Daniel Zimmer, früherer Vorsitzender der Monopolkommission, teilt diese Einschätzung nicht. „Bedenklich ist, dass Restaurants und Kunden nach einer Übernahme der Delivery Hero-Dienste durch Takeaway an vielen Orten keine Auswahl zwischen verschiedenen Lieferdiensten haben“, sagt er im Interview. „Das macht nicht nur höhere Preise wahrscheinlich. Auch die Qualität des Service kann leiden, wenn es keinen Konkurrenzdruck mehr gibt.“ Deswegen geht Zimmer davon aus, dass das Bundeskartellamt die betroffenen Märkte gründlich analysieren wird. „Nach meiner Einschätzung ist die Transaktion kein Fall für eine schnelle und unkonditionierte Freigabeentscheidung.“

Bei der Gewerkschaft „klingeln die Alarmglocken“

Die neue Situation auf dem Markt könnte auch die Verhandlungsposition von Restaurantbetreibern schwächen. Die Dienste dienen als Plattform für Tausende Restaurantbetreiber und Kunden, die Hunger auf Sushi, Nudeln oder Pizza haben. Für ihren Dienst als Mittler kassieren die Plattformbetreiber Provisionen. Wie hoch diese ist, ist Aushandlungssache zwischen Restaurants und Plattformbetreiber. Brancheninsider berichten von Werten um die 30 Prozent. Haben die Restaurants künftig in vielen Gegenden Deutschlands nur noch einen Ansprechpartner, nämlich Lieferando, könnte das die Konditionen für die Restaurants verschlechtern.

Neben der Wettbewerbsbehörde müssen auch die Takeaway-Aktionäre dem Deal noch zustimmen. Allerdings scheint das reine Formsache zu sein. An der Börse sorgte die Nachricht über die mögliche Übernahme für festtägliche Stimmung: In der Spitze stiegen die Delivery-Aktien um mehr als 25 Prozent.

Delivery-Hero-Chef Östberg kündigte an, seine Investitionen auf Wachstumsmärkte wie Asien und Nahost zu konzentrieren. 215 Millionen Euro aus dem Deal nimmt er dafür in die Hand. Die Takeaway-Aktien schossen zeitweise sogar knapp 38 Prozent in die Höhe. Der deutsche Markt, den Takeaway dank des Deals nun vorerst kontrollieren dürfte, verspricht hohes Umsatz- und Profitpotenzial.

Inwieweit das Einsparungspotenzial auch die Mitarbeiter des Deutschlandgeschäfts von Delivery Hero betrifft, ist noch unklar. Ein Großteil der 480 Mitarbeiter solle übernommen werden, so COO Gerbig.

„Die Fahrer haben Arbeitsverträge mit der Foodora GmbH, die sind vorerst anscheinend sicher“, sagt Christoph Schink von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) gegenüber der „WirtschaftsWoche“. Die Gefahr von Einsparungen sieht er in anderen Bereichen: Marketingmanager, Standortleiter, Programmierer – sie alle dürften bei einem Zustandekommen des Zusammenschlusses doppelt vorhanden sein. „Takeaway hat eine Präsentation veröffentlicht über die erhofften Synergieeffekte“, sagt Schink. „Allein bei dem Wort klingeln bei mir als Gewerkschafter die Alarmglocken. Meist sind das keine guten Nachrichten für die Beschäftigten.“

Allerdings sieht Schink in der Übernahme auch Potential für eine Verbesserung der Situation für einen Teil der Mitarbeiter. „Die Bedingungen bei Lieferando sind nicht perfekt, aber deutlich besser als bei Foodora“, sagt Schink. Lieferando zahlt einen Euro pro Stunde mehr und stellt Elektrofahrräder für die Kuriere. Bei Foodora nutzen die Lieferanten bislang ihre eigenen Smartphones und Fahrräder, auch Winterjacken und -handschuhe bekommen sie nicht gestellt. „Delivery Hero SE hat uns schon ungewöhnlich viele Knüppel zwischen die Beine geworfen“, sagt Schink, der insbesondere das Verhalten der Untermarke Foodora als „gewerkschaftsfeindlich“ bezeichnet.

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