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Lieferdienste im Weihnachtstrubel Wo ist die schnelle Lieferung, wenn man sie braucht?

Quelle: imago images

Lieferdienste in Deutschland liefern sich einen erbitterten Wettkampf. Dabei braucht doch eh niemand schnelle Lieferungen, zumindest, wenn man Post-Chef Frank Appel glaubt. Unsere Autorin tut das nicht. Im Gegenteil. Ein Kommentar.

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Der Countdown zu Heiligabend hat begonnen: Alle Zutaten für das Vier-Gänge Menü besorgen, Tannenbaum schmücken, schnell noch einen Sonderauftrag für die Arbeit erledigen. Klar, wir alle machen noch PCR-Tests, dann feiert die Familie sorgloser. Was, der Freund der Kusine kommt auch? Da brauchen wir jetzt auch für ihn noch ein Geschenk.

Ich ahne es jetzt schon: Morgen um 13 Uhr, kurz bevor die Supermärkte schließen, wird mir auffallen, dass ich etwas vergessen habe – die Sahne vielleicht?

Wenn Frank Appel, der Chef der Deutschen Post, meint, dass niemand eine Lieferung innerhalb von 30 Minuten brauche, dann kennt er meinen Alltag nicht. Wenn ich etwas bestelle, dann muss es auch schnell da sein. Genauer gesagt: Es muss schneller und müheloser ins Haus kommen, als es dauert, den Ehemann oder eine der beiden Töchter zu überreden, sich die Schuhe anzuziehen und zum Supermarkt zu laufen.

Ich persönlich finde es bedauerlich, dass die Lieferdienste sich hierzulande mit ihrem Geschäftsmodell so schwer tun. Die Lieferbranche ist aufgepumpt von Investorengeldern, macht aber wohl vor allem den Banken Spaß, die sich an den diversen Übernahmen eine goldene Nase verdienen. Leider ist völlig unklar, wie die Unternehmen nachhaltige Gewinne produzieren wollen. Das Geschäftsmodell macht einfach keinen Sinn.

Die negativen Meldungen häufen sich: Delivery Hero stellt ihren Service Foodpanda nur ein halbes Jahr nach dem Start in sechs deutschen Großstädten und Berlin wieder ein. Es habe sich einfach nicht rentiert.

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    Gorillas hat massive Probleme, genügend Fahrer zu finden. Obwohl der Dienst der Ansicht ist, dass seine Kunden ihre Bestellung innerhalb von zehn Minuten haben wollen, kann er diese Zeit schon längst nicht mehr garantieren. Auf der Website wird die Lieferung nur noch „innerhalb von Minuten“ versprochen – Gorillas strich die konkrete Zahl. Medienberichten zufolge warten die Kunden manchmal aber länger als eine Stunde auf ihre Bestellung. Dem Dienst fehlen schlicht die Fahrer, um ihr Serviceversprechen noch einhalten zu können.

    Dann entsteht das altbekannte „Suckers-Dilemma“, dass ich aus meiner Zeit in New York aus der dort viel besser entwickelten Welt mit den Plattformdiensten noch zu gut kenne: Ich stehe an der Ecke und versuche ein Taxi heranzuwinken. Wetten dass, sobald ich ein Uber-Auto verbindlich bestelle, ein gelbes Taxi um die Ecke biegt, ich aber weiter 20 Minuten an der Ecke auf die schwarze Limousine von Uber warten muss und noch mehr dafür bezahle?

    Das gleiche Spiel kenne ich auch noch von Pizza-Bestellungen: Wann immer ich in der Hektik eine Pizza bei GrubHub bestellte, wäre es definitiv schneller und von weniger Gejammer über den wachsenden Hunger der Kinder begleitet gewesen, sie schnell um die Ecke zu kaufen.

    Vielleicht ist es die Quadratur des Kreises, die wir alle hier in Deutschland von den Lieferdiensten erwarten: Hohe Geschwindigkeit zu kleinen Preisen – das kann es einfach nicht geben. Wenn überhaupt, gelingt es in einer Metropole wie New York, wo es eine enorme Bevölkerungsdichte von Gleichgesinnten gibt: Keiner kocht zu Hause, jeder ist zu busy, um auch nur sein Essen beim Restaurant abzuholen. Da kann ein Fahrer im selben Hochhaus an fünf verschiedenen Türen die Bestellungen ausliefern. Selbst in Berlin ist im Vergleich der Wohnraum noch immer viel zu billig, um eine vergleichbare Dichte wie in US-Metropolen zu erzwingen. Sind größere Distanzen zurückzulegen, kann sich ein Kurierdienst einfach nicht rechnen.

    Grundsätzlich funktionieren Kurierdienste – daran erinnern wir uns noch aus der Zeit, als E-Mails noch nicht so verbreitet waren: Wer 40 Dollar zahlte, konnte ein Dokument innerhalb einer Stunde von einem entlegenen Ort in Manhattan auf dem Schreibtisch haben. Das ließ Raum für eine einigermaßen angemessene Bezahlung des Fahrers, ein Trinkgeld – denn die Kosten reichte man beim Arbeitgeber ein.

    Selbst wenn ein Fahrer es unter Einsatz seines Lebens schaffen könnte, in der Stunde fünf Bestellungen auszuliefern, bliebe bei der aktuellen Preisstruktur unter dem Strich nicht viel Geld für die Plattform übrig. In Wirklichkeit aber schaffen die Fahrer meist nur zwei Auslieferungen pro Stunde. So kann das leider einfach nichts werden in Deutschland.

    Die Börse reagierte auf den Deutschland-Ausstieg des Dax-Neulings Delivery-Hero sogar mit einem Kursanstieg. Die Anleger sind wohl erleichtert. Denn je weniger die Helden ausliefern, desto weniger Geld wird verbrannt.

    Zum Glück bin ich nicht wirklich auf die Plattform-Lieferdienste angewiesen. Falls mir morgen wirklich die Sahne fehlt, greife ich auf eine uralte, analoge Tradition zurück: Ich klingele einfach bei meinen Nachbarn.

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