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LieferdiensteUnruhen bei Getir: Rückzug aus Deutschland möglich

Gerade noch verhandelte der türkische Lieferdienst Getir mit seinem Konkurrenten Flink über eine Übernahme. Nun droht Getir womöglich eine Schrumpfkur und ein Rückzug aus den meisten Märkten.Lisa Ksienrzyk, Stephan Knieps 12.04.2024 - 16:47 Uhr

Die Marken Getir und damit auch Gorillas könnten demnächst von deutschen Straßen verschwinden.

Foto: imago images

Im ehemaligen Gorillas-Warenlager im Berliner Bezirk Neukölln ist es ruhig geworden. Vor etwa drei Jahren glichen die Räumlichkeiten nahe des Hermannplatzes noch einem Bienenstock, es war ein geschäftiges Kommen und Gehen. Kurierfahrer lieferten im Minutentakt Einkäufe aus. Fahrräder versperrten den Gehweg. Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Wer dieser Tage am Warenlager vorbeigeht, sieht bloß eine Handvoll Räder, die Mitarbeiter warten auf Aufträge. Ihr neuer Arbeitgeber heißt nicht mehr Gorillas, sondern Getir.

Das türkische Unternehmen Getir gilt als Pionier im Markt mit schnellen Lebensmittellieferungen und kaufte das junge Berliner Start-up Ende 2022 auf. Ziel war ein milliardenschweres Konglomerat, das auch außerhalb der Türkei erfolgreich sein sollte. Obwohl Konkurrent Gorillas damals strauchelte, versprach sich Getir durch den Deal enorme Marktanteile. Die erlangte der Bringdienst zwar auch, kommt aber nach Informationen der WirtschaftsWoche nun selbst immer mehr in Schwierigkeiten – und sieht sich womöglich zu einem radikalen Schnitt gezwungen.

Krisensitzung in Istanbul

Anfang April sollen nach WirtschaftsWoche-Informationen die Board-Mitglieder von Getir am Hauptsitz in Istanbul zusammengekommen sein, um über die Zukunft des Lieferdiensts zu sprechen. Darunter: Mubadala Capital, der Staatsfonds aus Abu Dhabi und einer der größten Anteilseigner von Getir. Die Getir-Gründer Nazim Salur, Tuncay Tutek und Serkan Borancili verhandelten bei diesem Termin dem Vernehmen nach mit Mubadala-Vertretern über die Zukunft des Start-ups. Über die Jahre hat Mubadala rund 800 Millionen US-Dollar in das Start-up gepumpt, sorgte so für die sagenhafte Bewertung von rund 12 Milliarden Dollar.

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Berichten zufolge verbrannte der Lieferdienst zuletzt rund 50 Millionen Dollar im Monat. Um das Geschäft wie gehabt fortzuführen, benötigt Getir entsprechend viel Kapital. Eine Option, die in Istanbul offenbar diskutiert wurde, ist eine neue Finanzierungsrunde – mit Geld von Mubadala. Neue Investoren für ein Unternehmen zu gewinnen, das in dieser angespannten Wirtschaftslage auf absehbare Zeit nicht profitabel werden dürfte, ist kaum vorstellbar. Der Staatsfonds aus Abu Dhabi muss sich daher die Frage stellen, ob er riskieren will, möglicherweise noch mehr Geld zu verlieren.

Auch über eine Übernahme des Berliner Konkurrenten Flink wurde nach Informationen der WirtschaftsWoche bei der Sitzung in Istanbul beratschlagt. Erst vor wenigen Wochen trafen sich die Geschäftsführungen von Getir und Flink, dem letzten ernstzunehmenden Konkurrenten in Europa, um über einen Deal zu sprechen. Deren gemeinsamer Investor Mubadala Capital soll eine Fusion für sinnvoll erachtet haben, hat wegen seiner geringen Anteile bei Flink aber wenig Mitspracherecht. Insidern zufolge soll der Deal nun erst einmal vom Tisch sein. Auch, weil es die Berliner Gründer zunächst allein weiter versuchen wollen.

Kaum Umsatz außerhalb der Türkei

Die dritte Option ist daher am wahrscheinlichsten. Mubadala soll den Getir-Machern vorgeschlagen haben, sich bis Ende Mai 2024 aus sämtlichen Märkten außer der Türkei zurückzuziehen. Im Heimatmarkt funktioniert das Geschäftsmodell sehr gut. Der Schritt mag drastisch klingen, weil damit Getirs Aktivitäten in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und den USA zur Disposition stehen. Doch die vier Märkte tragen kaum etwas zum Geschäft bei: Eigenen Aussagen zufolge erwirtschaftete das türkische Start-up zuletzt 96 Prozent seines weltweiten Umsatzes in der Türkei. Getir fährt dort bereits seit 2015 Bestellungen aus, seine Expansion in andere Länder startete der Bringdienst erst 2021.

Getir wollte Fragen der WirtschaftsWoche zu dem Treffen und den möglichen Optionen nicht kommentieren. Im Umfeld des Unternehmens spekuliert man jedoch schon länger über Standortschließungen. In einer Telegram-Gruppe deutscher Getir-Kurierfahrer wurde bereits Ende März die Frage in den Raum geworfen. Ein Nutzer schrieb: „Ich habe gehört, dass Getir Deutschland schließt. (...) Sind die Mitarbeiter informiert?“ 

Nach WirtschaftsWoche-Informationen thematisierte Getir den Austritt aus dem deutschen Markt sogar selbst während einer Verhandlung am Berliner Arbeitsgericht Anfang April. Ein ehemaliger Angestellter, der anonym bleiben will, verklagte das Unternehmen nach einer außerordentlichen Kündigung. Das Anwaltsteam des Lieferdiensts soll argumentiert haben, dass Getir über einen Rückzug aus Deutschland nachdenke und die Klage sich somit erledigt haben könnte. Auf Nachfrage wollte die involvierte Anwältin den Sachverhalt nicht weiter kommentieren.

Und Gorillas?

Dem Vernehmen nach ist bis jetzt noch kein endgültiger Entschluss gefasst. Ein Getir-Sprecher sagt auf Anfrage: „Unser Geschäftsmodell wie auch unser Unternehmen waren schon immer sehr agil. Wie bereits in der Vergangenheit, werden wir die Öffentlichkeit nach gefallenen Entscheidung entsprechend informieren.“ Stampft Getir alle Märkte außer der Türkei ein, verschwindet nicht nur die eigene Marke, sondern auch die weitaus populärere Marke Gorillas. Die ist zumindest in Deutschland eigenen Aussagen zufolge beliebter und bekannter als Getir.

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Hierzulande liefert Getir mit seinen rund 1600 Fahrern noch in sechs Städten aus: Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Köln, Frankfurt und München. Auch listet die türkische Firma auf ihrer Webseite weiterhin hunderte offene Stellenanzeigen auf, darunter Jobs für die Berliner Landeszentrale, gesucht werden etwa Marketing-Fachkräfte und Regionalmanager. 

Auf Schrumpfkurs ist Getir dennoch schon länger. Bereits im vorigen Sommer zog sich das türkische Milliardenunternehmen aus dutzenden Städten und vier Ländern zurück. Übrig geblieben waren der Heimatmarkt Türkei und einige wenige Lager in Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden und USA. In diesen Standorten kürzte Getir zudem seine Belegschaft um insgesamt 2500 Personen ein. Etwa 20.000 Personen arbeiteten danach weiterhin für den Lieferdienst.

Heimlicher Rückzug aus den USA

In den Vereinigten Staaten versuchte sich Getir in Chicago, New York und Boston. Turancan Salur, Europachef und Sohn des Gründers Nazim Salur, studierte einst in Chicago. Er kennt den Markt gut. Ende 2023 kaufte das türkische Unternehmen den New Yorker Lebensmittel-Lieferdienst Fresh Direct auf, schmiss als erste Amtshandlung 100 von insgesamt 3000 Mitarbeitern raus. Wenige Tage später, an Weihnachten 2023, stellte Getir seine Aktivitäten in Boston ein, Chicago folgte kurz darauf. Lediglich in New York ist Getir aktuell noch aktiv.

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