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Luftfahrt Das große Flughafen-Sterben beginnt

Nach dem Ärger durch Extrasteuern und Flugbeschränkungen drohen den deutschen Airports jetzt Probleme durch strengere EU-Subventionsregeln. Etliche Standorte stehen vor dem Aus.

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Schrumpfende und wachsende Flughäfen
Kassel-CaldenAb November 2013 bis Frühjahr 2014 soll es in Kassel-Calden keine Linienflüge mehr geben. Das berichtet hr-online. Verhandlungen über Flüge nach Ägypten seinen gescheitert, die ab Februar geplanten wöchentliche Flüge auf die Kanaren stünden auf der Kippe. Das Medium bezieht sich dabei auf Calden-Geschäftsführerin Maria Anna Muller. Der Regionalflughafen wurden am 4. April 2013 eröffnet. Die Kritik war von Anfang an groß, denn der Airport gilt als vollkommen überflüssig.Auf anderen deutschen Flughäfen herrscht dagegen ein regelrechter Überfluss an Passagieren... Quelle: dpa
+ 1: Karlsruhe/Baden-BadenDer Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden hat 2012 in Deutschland prozentual die meisten Passagiere hinzugewonnen. 15,4 Prozent Fluggäste mehr zählte der Baden-Airport, der in Rheinmünster-Söllingen steht. Insgesamt kam der Flughafen auf 1,28 Millionen Passagiere. Auf dem Baden-Airport werden auch immer mehr Fluggäste für außereuropäische Verbindungen abgefertigt. Quelle: Flughafen-Verband ADV Quelle: dpa/dpaweb
+ 2: Leipzig/HalleSegen für die Landebahn des Flughafens Leipzig/Halle (Archivbild): In 2012 hat der Airport seine Passagierzahl um 13,9 Prozent gesteigert. Damit schafft es Leipzig/Halle über die Zwei-Millionen-Marke. 2,09 Millionen Fluggäste landeten oder hoben dort ab. Der Flughafen ist vor allem als Drehkreuz für das Logistikunternehmen DHL bekannt. Quelle: dpa
+ 3: Berlin-TegelEigentlich sollte der Flughafen Berlin-Tegel in 2012 geschlossen werden. Stattdessen setzte er zu neuen Höhenflügen an: Das Passagierplus betrug 7,4 Prozent, 18,15 Millionen Fluggäste konnte der Airport begrüßen. Grund war der mehrfach verschobene Start des neuen Hauptstadtflughafens. Das größte Wachstum verzeichnete Tegel bei Interkontinental-Flügen. Quelle: dpa
+ 4: DortmundNicht nur BVB-Trainer Jürgen Klopp fliegt ab Dortmund: Der Flughafen im Ruhrgebiet verzeichnete 2012 ein Passagierplus von 4,6 Prozent. 1,9 Millionen Fluggäste hatte der Airport. Quelle: dpa
+ 5: DüsseldorfDüsseldorf ist nicht nur einer der größten deutschen Flughäfen, sondern auch einer der am stärksten wachsenden. 2,4 Prozent betrug der Zuwachs bei den Passagieren in 2012. Insgesamt wurden 20,81 Millionen Fluggäste abgefertigt. Interkontinental-Flüge waren mit einem Plus von 11,4 Prozent der Wachstumstreiber des Flughafens in Nordrhein-Westfalen. Quelle: dpa
+ 6: FrankfurtDer mit Abstand größte Flughafen der Republik wächst weiter. Mit einem Zuwachs von 1,7 Prozent lag Frankfurt über dem durchschnittlichen Wachstum von 1,1 Prozent. 57,27 Millionen Passagiere flogen ab, nach oder über den Frankfurter Airport, der nur im innerdeutschen Flugverkehr Einbußen hinnehmen musste. Quelle: AP

Beim Neujahrsempfang des deutschen Flughafenverbands ADV Ende Januar im Berliner Kronprinzenpalais hätte die Stimmung unter den anwesenden Airportchefs eigentlich deutlich fröhlicher sein müssen. Schließlich gab es erneut einen Rekord zu feiern: Gut 200 Millionen Passagiere starteten 2013 auf den deutschen Airports – gut die Hälfte mehr als im Jahr 2000. Doch trotz launiger Reden, Freibier von der Brauerei Airbräu des Münchner Flughafens und Livemusik fehlte im Gründerzeitbau Unter den Linden besonders den Chefs kleinerer Landeplätze der Schwung früherer Feten.

Dafür sorgte die Erwartung an eine Leitlinie der EU für alle nicht privaten Flughäfen. Die regelt seit Mitte Februar, dass Staaten und Regionalregierungen ihre Flughäfen künftig deutlich weniger fördern dürfen. Um mit weniger Staatsgeld überleben zu können, müssen die Airports nun mehr sparen sowie die Einnahmen ihrer Läden und Restaurants steigern. Dies wird wohl nicht allen gelingen. „Ich könnte mir vorstellen, dass die Hälfte der Regionalflughäfen in Deutschland verschwinden wird“, sagt Yvonne Ziegler, Professorin für Internationales Luftverkehrsmanagement an der Fachhochschule Frankfurt.

Fast alle Flughäfen mussten Verbindungen streichen

Denn die strengeren Subventionsregeln treffen die deutschen Flughäfen hart. Das Wachstum im Jahr 2013 war mit einem halben Prozent mager und extrem ungleich verteilt. Von den 22 größten ADV-Airports hatten nur vier ein Plus von mehr als zwei Prozent – aber 14 ein Minus von bis zu 18 Prozent. Und selbst dieser Zuwachs trügt.

Denn angesichts von Extrasteuern wie der deutschen Luftverkehrsabgabe und im Vergleich zu anderen Ländern strengen Sperrstunden wie in Frankfurt haben die Airlines mit Ausnahme von Berlin-Tegel fast überall Verbindungen gestrichen. Das Kundenplus rührt vor allem daher, dass die Gesellschaften ihre Flieger voller packen denn je. „Der Trend ist nicht der Freund der Airports“, kommentiert Alexander Tamdjidi, Luftfahrtspezialist der Beratung PA Consulting Group in Frankfurt, trocken.

Verkehrsentwicklung an deutschen Flughäfen

Nun rechnet der Verband mit gut zwei Prozent mehr Passagieren in 2014. Doch das rettet die Airports nicht auf Dauer. „Die Neuregelung ist ein Tod mit Ansage“, fürchtet ein Airport-Chef.

Zwar verbietet die EU-Leitlinie nicht wie befürchtet alle Subventionen. Ausgleichszahlungen für operative Verluste sind aber nur noch eingeschränkt und für maximal zehn Jahren möglich. Investitionshilfen sind ebenfalls nur noch begrenzt und für Airports mit maximal fünf Millionen Passagieren erlaubt. Ausnahmen gibt es für den Neubau größerer Flughäfen. „Der Anspannungsgrad für die Flughäfen bleibt unverändert hoch“, sagt Ralph Beisel, als ADV-Chef oberster deutscher Airportlobbyist.

Flughäfen wären ohne Staatshilfen am Ende

Das ist noch diplomatisch ausgedrückt. Ohne öffentliche Hilfe müsste das Gros schließen. „In Deutschland verdient nur ein halbes Dutzend Flughäfen Geld“, sagt Michael Garvens, Chef des Kölner Flughafens. Dem Vernehmen nach sind das Frankfurt, München, Düsseldorf, Hamburg, Köln und Stuttgart. Die anderen fast 20 verdienen bestenfalls die Betriebskosten sowie einen Teil der Investitionen und wären ohne Staatsgeld 2024 am Ende.

Der Kahlschlag träfe nicht nur notorische Geldverbrenner wie den Flughafen Dortmund, der 2012 einen Verlust von 18,5 Millionen Euro schrieb – bei 23,5 Millionen Umsatz. Das Aus droht trotz aller Sanierungsmaßnahmen wohl auch dem angeschlagenen Flughafen Hahn. Und fast sicher wäre die deutsche Hauptstadt – außer für Regierungsjets – von 2024 an wohl nur noch per Bus, Bahn und Auto erreichbar. Zinsen und Tilgung für die erwarteten Baukosten des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg von gut sechs Milliarden Euro könnten dann fast doppelt so hoch sein wie der aktuelle Umsatz aller Berliner Airports.

Flughäfen arbeiten kaum effizient

Pannenflughafen BER soll erst 2018 öffnen
Seit 2006 wird der künftige Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ schon gebaut Quelle: dpa
09. März 2016Die für Ende 2017 geplante Eröffnung des  Hauptstadtflughafens BER ist nach Informationen des "Tagesspiegels" wegen neuer Probleme beim Brandschutz gefährdet. Das Bauordnungsamt habe für den Umbau der Brandschutzanlage weitere Nachweise sowie Nachbesserungen an den Unterlagen gefordert, hieß es. Das könnte auch zusätzliche Bauarbeiten im Terminal nach sich ziehen, wie aus einem internen Schreiben des Flughafen-Technikchefs Jörg Marks hervorgeht. "Wir müssen die Anforderungen des Bauordnungsamts einbeziehen und sehen, wie wir die Nachbesserungen umsetzen können", sagte Flughafensprecher Daniel Abbou der Nachrichtenagentur dpa. Quelle: dpa
4. November 2015Am neuen Hauptstadtflughafen haben Firmen in den vergangenen Jahren Mitarbeiter zu Unrecht als Brandschutz-Fachleute ausgegeben. Kontrollen der Flughafengesellschaft hätten ergeben, dass die notwendigen Nachweise für die Fachkunde fehlen, teilte der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) mit. In seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Piratenpartei sprach er von Einzelfällen im niedrigen einstelligen Bereich seit 2012. Müller ist Aufsichtsratschef der staatlichen Flughafengesellschaft. Er berief sich auf Angaben der Geschäftsführung um Flughafenchef Karsten Mühlenfeld. Demnach werden die Eignungsnachweise bei der Vergabe von Aufträgen überprüft, danach bei Personalwechseln und besonders seit August 2014 auch bei Audits. Probleme mit dem Brandschutz, etwa auch wegen überbelegter Kabeltrassen, hatten das Projekt weit zurückgeworfen. Quelle: dpa
Flughafen Berlin Brandenburg Quelle: dpa
21. August 2015Die Baufirma Imtech muss Insolvenz anmelden - und den Flughafen wirft das in seinem Zeitplan weiter zurück. Nach Einschätzung der verantwortlichen Taskforce ist es durch die Insolvenz der Gebäudetechnikfirma bisher zu einer Verzögerung der Eröffnung von zwei bis drei Wochen gekommen. Gleichwohl sieht die Flughafengesellschaft die Eröffnung im zweiten Halbjahr 2017 „zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Erkenntnisse“ nicht gefährdet. Bis Ende September solle die sogenannte Meilensteinplanung überarbeitet werden. Die Insolvenz habe zu einem „deutlichen Rückgang“ der Mitarbeiterzahlen geführt, so die Flughafengesellschaft. Imtech und eine mitbeteiligte Firma hätten jedoch zugesagt, die Mitarbeiterzahlen schnellstmöglich wieder hochzufahren, um die zeitlichen Auswirkungen „weitestgehend zu begrenzen“. Quelle: dpa
Hauptstadtflughafen Quelle: dpa
Karsten Mühlenfeld Quelle: dpa

Um zu überleben, müssen sich die Flughäfen ändern, Kosten sparen und Einnahmen steigern. Ansatzpunkte gibt es genug. „Noch arbeitet praktisch kein Flughafen so schlank und effizient wie seine Kunden, die Low-Cost-Airlines“, sagt René Steinhaus von der Beratung A.T. Kearney in Berlin. Zu den wenigen Ausnahmen gehören die privat betriebenen Flughäfen in Weeze und Memmingen, die laut Insidern pro Passagier etwa ein Drittel weniger ausgeben als ihre öffentlichen Konkurrenten.

Zweiter Punkt sind mehr Umsätze aus Läden, Restaurants und neuen Serviceangeboten wie schnelleren Sicherheitskontrollen gegen Aufpreis. Hierzu zählen Shoppingangebote, bei denen die Kunden sich Einkäufe nach Hause liefern lassen können. Als Vorbild gilt der Frankfurter Flughafen. Damit die Kunden am Main die Flieger wechseln statt in Istanbul oder Dubai, bietet Deutschlands größter Landeplatz neben kurzen Umsteigezeiten auch eine eigene Smartphone-App. Sie informiert Passagiere nicht nur über Verspätungen oder den Weg zum Flugzeug, sondern auch über Sonderangebote. Dazu hat Frankfurt als erster westlicher Airport eine Version für Kunden aus China mit eigenen Einkaufsangeboten im Programm und berechnet auch gleich die Steuerersparnis im Duty-free-Laden.

Positive Stimmung verbreiten

Zudem können Flughäfen auch durch Volksfeste oder Events wie Kartrennen zum Erlebnisziel für Besucher aus dem Umland werden und so ihre Gastronomie besser auslasten. „Da können wir von Mallbetreibern oder Freizeitparks lernen“, sagt Lobbyist Beisel. Das hat den angenehmen Nebeneffekt, dass die Menschen im Umland beim Flughafen auch an Spaß denken, „nicht nur an Lärm und Dreck“, sagt ein Airport-Chef.

Die positive Stimmung unter den Anwohnern können die Flughäfen gut brauchen – für einen besseren Rückhalt in der Politik. Denn trotz aller Sparmaßnahmen und höherer Umsätze macht auch in zehn Jahren wohl mindestens ein Dutzend am Ende mehr Verlust, als die öffentlichen Eigentümer nach den neuen EU-Regeln als Investitionshilfe überweisen dürfen.

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Einfachster Ausweg ist aus Sicht der Flughäfen, dass ihnen Länder und Kommunen so entgegenkommen wie öffentliche Eigentümer im Ausland ihren Flugbetrieben. Die übernehmen – mit Erlaubnis der EU – auch Ausgaben für „nicht-wirtschaftliche Tätigkeiten“. Hierzu zählen etwa in Hahn neben den Kosten für Zufahrtsstraßen nebst Winterdienst und die Kläranlage auch Ausgaben für Sicherheit, deren Anteil am Budget seit 2000 von 8 auf 30 Prozent gewachsen ist. In der Schweiz etwa trägt dies wie hierzulande bei Fußballspielen der Staat. In Frankreich zahlt im Gegensatz zu Deutschland der Staat die Flughafen-Feuerwehr mit ihren bis zu zwei Millionen Euro pro Löschzug und die Kosten der Bereitschaft, damit die Wagen in drei Minuten am Unglücksort sind.

Am Ende glaubt die Branche, die Staatshilfe wert zu sein. Laut einer Übersicht des ADV haben die unprofitablen Mitglieder in 2013 nur rund 80 Millionen Euro minus gemacht. Der volkswirtschaftliche Nutzen lag laut dieser etwas verzweifelten Rechnung dagegen in Milliardenhöhe. Mit ihren Billigflügen haben die Provinzairports die durchschnittlichen Flugpreise seit 1997 unter Berücksichtigung der Inflation real in etwa halbiert. Dadurch mussten allein die Kunden der Lufthansa im Europaverkehr gut drei Milliarden Euro weniger zahlen, als es bei den Durchschnittspreisen der größten deutschen Linie von 1997 der Fall gewesen wäre. „Investitionen in Flughäfen gehören damit zu den besten öffentlichen Investitionen“, wirbt ein Flughafenchef.

Vorausgesetzt, die EU sieht das auch so.

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