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Luftfahrtindustrie Die Weltmacht Billig bröckelt

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Zwischen Wachkoma und Zombietum

Schuld sind die steigenden Kosten. Dafür sorgt vor allem das Flugbenzin. Zwar kostet der Sprit weniger als die fast 150 Dollar pro Barrel (knapp 159 Litern) beim Allzeithoch 2008. Doch weil gleichzeitig der Dollar beim Wechselkurs zum Euro zugelegt hat, zahlen die Linien kaum weniger.

Was an Unterschied geblieben ist, schluckt der Staat. Er erhebt in den größten Reiseländern Deutschland und Großbritannien eine Zusatzsteuer von bis zu zehn Euro pro Passagier. Dazu haben in Europa sowohl die Flugsicherungen als auch viele – der meist staatlichen – Flughäfen die Gebühren erhöht.

Das konnten die meisten Airlines nicht mehr zahlen und gingen pleite. Denn die Billigbranche genoss im Gegensatz zu defizitären etablierten Linien wie Alitalia keinen staatlichen Schutz. Viele Traditionslinien fliegen noch in einem Status zwischen finanziellem Wachkoma und fortgeschrittenem Zombietum weiter. Ihre meist staatlichen Eigentümer übernehmen die Verluste aus Angst vor Massenentlassungen oder dem Verlust für den Standort wichtiger Verbindungen - und das allen Subventionsverboten der EU zum Trotz. Billigflieger hingegen gelten als entbehrlich.

Zu Recht. Selbst bei größeren Pleiten wie bei Sterling aus Dänemark blieben keine Lücken an den Airports, weil sofort Wettbewerber wie Norwegian die wichtigsten Strecken übernommen haben. Deshalb bleiben auch kleinere Flughäfen gut erreichbar.

Tricks mit "Schweinebauchpreisen"

Nun gibt es nach wie vor Billigtickets. Doch das Angebot wirkt größer, als es ist. Zwar werben noch immer alle Linien mit „Schweinebauchpreisen“, wie Germanwings-Chef Thomas Winkelmann die 19-Euro-Flug-Angebote in Anlehnung an die Fleischpreise nannte, mit denen Supermärkte Kunden anlocken. Doch wie beim Schweinbauch gibt es die Flugschnäppchen nur für Angebote, die letztlich kein Kunde kaufen will: Flüge morgens um fünf Uhr, Berlin-Köln am Vormittag oder Flüge, die im Winter in die dauertrübe skandinavische Provinz gehen.

Von dem System profitieren einige Kunden. Aber das ist nur ein kleiner Kreis, den die Branche Destinations-Agnostiker nennt. Dahinter stecken jene Schnäppchenjäger, denen es fast egal ist, wohin sie fliegen, wenn es nur günstig ist. Diese Klientel lockt fast jede Linie inzwischen mit eigenen Unterseiten im Internet, die alle Flüge im Preis aufsteigend listen. Dazu gibt es Blind-Date-Angebote, bei denen die Kunden vor dem Bezahlen und der Fahrt zum Airport bestenfalls die Zielregion, aber nicht den genauen Ort wählen können. Sie müssen da einsteigen, wo die Linie kurz vor dem Start den Flieger nicht voll bekommen hat. 

Die größten Billigflieger Europas
Die von deutschen Flughäfen aus startenden Billigflieger sind nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) teurer geworden. Je nach Fluglinie lagen die Durchschnittspreise für einen einfachen Flug im vergangenen Herbst zwischen 70 und 140 Euro brutto, wie das Forschungsinstitut berichtete. Im vorangegangenen Sommer hätten sie noch bei 50 bis 130 Euro gelegen. Insgesamt nutzten im ersten Halbjahr 2014 der Studie zufolge knapp 31 Millionen Passagiere Angebote sogenannte Low Cost Carrier. Im Sommerflugplan 2014 bedienten sie insgesamt 722 Strecken in und ab Deutschland - ein Plus von rund 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch verlief die Entwicklung regional sehr unterschiedlich. Die meisten Günstigflieger-Passagiere verzeichneten die Berliner Flughäfen. Auch die Airports Hamburg und Köln/Bonn konnten ihr Passagieraufkommen steigern. Starke Rückgänge gab es dagegen auf Regionalflughäfen wie Weeze oder Hahn, wo sich die gesunkene Präsenz von Ryanair bemerkbar machte. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Platz zehn: Air Baltic mit 25 FlugzeugenDie lettische Fluggesellschaft Air Baltic belegt mit 25 Flugzeugen, darunter fünf Boeing 737–500, acht Boeing 737–300 und zwölf Q-400 NextGen Platz zehn. Quelle: Presse
Platz neun: Aer Lingus mit 50 FlugzeugenMit 50 Flugzeugen liegt Air Lingus auf Rang neun. Zu der Flotte der irischen Fluggesellschaft zählen je drei Boeing 757-200, Airbus A330-200, Airbus A321-200, jeweils vier Airbus A319-100 und Airbus A330-300 und 33 Airbus A320-200. 2015 sollen außerdem neun Flugzeuge vom Typ Airbus A350-900 an die Fluglinie ausgeliefert werden. Quelle: dpa
Platz acht: Wizz Air mit 54 FlugzeugenDie ungarische Fluglinie Wizz Air hat ihr Streckennetz vor allem in Osteuropa. In Deutschland fliegt sie die Flughäfen in Dortmund, Frankfurt-Hahn, Köln/Bonn, Lübeck und Memmingen an. Wizz Air verfügt über eine junge Flotte mit Flugzeugen vom Typ Airbus 320. Alle 54 Flugzeuge werden von V-2500-Motoren von International Aero Engine betrieben. Quelle: dapd
Platz sieben: Jet2 mit 55 FlugzeugenDie britische Billig-Airline Jet2 gibt es erst seit 2002, trotzdem hat sie mit 55 Flugzeugen eine der größten Flotten unter den europäischen Billig-Airlines. Mit den 23 Boeing 737-300, einer Boeing 737-300F, sieben Boeing 737-300QC und jeweils zwölf Boeing 737-800 und Boeing 757-200 fliegt die Airline viele Urlaubsziele im Mittelmeer und außerdem New York City an. Quelle: Presse
Platz sechs: Germanwings mit 57 FlugzeugenGermanwings schafft es mit einer Flotte von 57 eigenen und 23 Eurowings-Flugzeugen auf Platz sechs unter den Top 10 der europäischen Billig-Airlines. Ab Frühjahr 2015 sollen 64 eigene Flugzeuge der Typen A319 und A320 sowie 23 durch Eurowings betriebene Regionalflugzeuge für Germanwings im Einsatz sein. Quelle: dpa/dpaweb
Platz fünf: Flybe mit 62 FlugzeugenDie britische Airline Flybe betreibt mit 45 Maschinen die größte Flotte an Bombadier DashQ8-400 Maschinen weltweit. Hinzu kommen noch elf Maschinen vom Typ Embraer 175 (vier weitere sind bestellt) sowie sechs Jets vom Typ 195. Flybe hat seinen Sitz in Southhampton und fliegt in Deutschland die Flughäfen in Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover und Stuttgart an. Quelle: Presse

Auf den klassischen Routen für Urlauber sind die Preise kontinuierlich gestiegen. Wer etwa in den Sommerferien nach Spanien oder Italien will, zahlt für Hin- und Rückflug gut 200 Euro. Und das bereits, wenn er fast ein Jahr im Voraus gebucht hat. Auf Nebenstrecken können es sogar deutlich mehr als 300 Euro werden – so viel wie vor Beginn der europäischen Billigflug-Ära.

Der Grund ist die „Ertragsmanagement“ genannte Kunst der Fluglinien, die Flieger möglichst voll zu packen und dabei jedem Passagier möglichst viel Geld abzuknöpfen. Idealerweise gibt bei dem System jeder Einzelne so viel für einen Sitzplatz aus, wie er maximal zu zahlen bereit ist.

Früher agierten die Billiglinien hier ganz simpel. Wenn die Flüge erstmals zu buchen waren, gab es den billigsten Preis. Waren diese ersten zehn Plätze zu 19 Euro weg, folgten noch mal zehn für 29 Euro, dann zehn für 49 und so weiter. Das Spiel weiderholte sich so lange, bis entweder der Flieger voll war oder der Reisetag kam. Wichtig war vor allem, dass die Discount-Linie billiger bleibt, als die etablierten Anbieter.

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