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Lufthansa-Flugbegleiter setzen letzte Frist Das steckt hinter dem Streit zwischen UFO und Lufthansa

Der Streit zwischen Lufthansa und der Gewerkschaft UFO ist eskaliert, ein neuer Arbeitskampf steht bevor. Warum die Schlichtung zwischen Flugbegleitern und Airline kein Erfolg war und welche Folgen ein Streik hätte.

Drohender Stillstand bei der Lufthansa: Die Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO ist streikbereit. Quelle: dpa

Am mangelnden Kontakt kann es nicht gelegen haben, wenn die Flugbegleiter der Lufthansa bald wieder streiken. Denn Nicoley Baublies, Vorstandsvorsitzender der UFO genannten Gewerkschaft der Flugbegleiter, rief Lufthansa-Chef Carsten Spohr sogar auf dem Handy an, als der vor zwei Wochen am Flughafen Miami auf seinen Rückflug von der Jahrestagung des Weltluftfahrtverbands wartete. Es war wohl einer der letzten Versuche, den Zwist zwischen Fluglinie und Flugbegleitern friedlich zu lösen.

Geholfen hat der enge Draht ebenso wenig wie die gut neunmonatigen Verhandlungen der Tarifparteien. Wenn Spohr seiner Kabinenbesatzung bis Mittwoch kommender Woche kein neues Angebot macht, droht ihm der 13. Streik innerhalb von gut einem Jahr. Und erstmals könnte ein Ausstand zur Hauptreisezeit Tausende Passagiere an Flughäfen im In- und Ausland festsetzen.

Welche Rechte Fluggäste bei Streik haben

Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was ist passiert?

Die Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO (19.000 Mitglieder) hat Deutschlands größter Airline Lufthansa am Montag nach gescheiterten Verhandlungs- und Schlichtungsversuchen mit einem Streik des Kabinenpersonals gedroht. „Das wird kein kurzer Arbeitskampf“, kündigte Baublies an. Kommt die Lufthansa den Forderungen der Gewerkschaft nicht nach, soll es mindestens bis zum 16. September Arbeitsniederlegungen geben. Das besondere am Flugbegleiter-Streik: UFO will bereits am 1. Juli alle Streiktermine nennen und empfiehlt Passagieren „an diesen Tagen nicht die Lufthansa zu nutzen“. Erst am jeweiligen Streiktag wird die Gewerkschaft jedoch sagen, in welchen Bereichen gestreikt wird. Der angedrohte Streik fällt damit genau in die Zeit der Sommerferien. Er würde tausende Reisende treffen.

Welche Auswirkung hätte ein Streik?

Stillstand. Flugbegleiter sind schon rechtlich für den Luftverkehr entscheidend. Pro angefangene 50 Passagiere muss eine ausgebildete Kraft an Bord sein. Nicht um Saft zu bringen, sondern um die Sicherheit zu gewährleisten. Im Ernstfall müssen alle Fluggäste in maximal 90 Sekunden aus dem Flieger gebracht werden könne. Das geht nur mit gut ausgebildetem Personal.

Als die Lufthansa-Flugbegleiter im September 2012 bundesweit streikten, musste die Airline weit mehr als die Hälfte ihrer Flüge streichen. Über 100.000 Reisende waren damals von dem eintägigen Ausstand betroffen. In jüngster Vergangenheit hatten die Pilotenstreiks gezeigt, was passiert, wenn zentrale Kräfte bei der Lufthansa streiken.

Was Piloten bei Lufthansa, Condor & Co. verdienen
Pilot müsste man sein: Die ganze Welt sehen und dafür noch ordentlich Geld bekommen. Doch Pilot ist nicht gleich Pilot. Zwischen den einzelnen Fluggesellschaften gibt es ein deutliches Preisgefälle. Laut Pilotenvereinigung Cockpit bekommt ein Erster Offizier oder Kopilot anfangs ein Monatsgehalt zwischen 1500 Euro und 5000 Euro brutto. „Ein Kapitän – das wird man nach etwa 3 bis 20 Jahren als Erster Offizier – erhält je nach Luftverkehrsgesellschaft ein Anfangsgehalt zwischen 3000 Euro und 10.000 Euro“, so die Gewerkschaft. Quelle: dpa, Handelsblatt, Unternehmen Quelle: dpa
RyanairDie Piloten des irischen Billigfliegers gehören im Vergleich eher zu den Niedrigverdienern der Branche. 25.000 Euro bezahlt Ryanair seinen Kopiloten zu Beginn. Flugkapitäne ab dem 12. Berufsjahr erhalten anfangs 53.000 Euro. Ihr Maximalgehalt beläuft sich auf 85.000 Euro. Quelle: dpa
Air BerlinDie zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft zahlt seinen Kopiloten zum Einstieg 45.000 Euro. Piloten bekommen bei Air Berlin zu Beginn 80.000 und in der Spitze bis zu 115.000 Euro. Quelle: dpa
Condor5050 Euro bekommt ein Condor-Kopilot zum Einstieg im Monat. Das macht eine jährliche Gesamtvergütung von 60.600 Euro. Ein Kapitän verdient zunächst 8700 Euro im Monat beziehungsweise 104.400 Euro im Jahr. In der Spitze kann sein Gehalt auf 135.600 Euro klettern. Quelle: dpa
British AirwaysDas Einstiegsgehalt der BA-Co-Piloten liegt bei 61.000 Euro. Piloten ab dem 12. Berufsjahr erhalten zunächst 77.000 Euro im Jahr. Im Laufe der Zeit kann ihr Gehalt auf bis zu 181.000 Euro steigen. Quelle: REUTERS
LufthansaLufthansa-Kapitäne gehören zu den Bestverdienern und können in der Spitze ein Jahresgehalt von bis zu 255.000 Euro bekommen – Zulagen inklusive. Schon zum Einstieg verdient ein Erster Offizier / Kopilot rund 55.500 Euro, mit Zulagen bis zu 73.000 Euro. Das Einstiegsgehalt eines Flugkapitäns ab dem 12. Berufsjahr beträgt 120.000 Euro. Quelle: dpa

Wie lang kann ein Streik dauern?

Derzeit ist rasches Einlenken von keiner der beiden Seiten zu erwarten. Gestreikt wird in der Regel, bis der Arbeitskampf für das Unternehmen teurer wird als das Nachgeben. Die Last der Personalaufwendungen ist für die Lufthansa so hoch, dass die Fluglinie lange durchhalten muss, will sie den geplanten Konzernumbau wie geplant stemmen.

Auch UFO dürfte sich einen Streik länger leisten können, in den vergangenen Jahren war die Gewerkschaft bei Arbeitskämpfen zurückhaltend. In der Streikkasse dürfte noch ein ordentliches Polster liegen. Zudem hilft das Tarifeinheitsgesetz wenig. Anders als bei der Lokführer-Gewerkschaft GDL braucht UFO das neue Gesetz nicht zu fürchten. Flugbegleiter stellen die Mehrheit beim Personal und sind überwiegend bei UFO Mitglied.

Kann der Streik noch abgewendet werden?

Ja. UFO hat der Lufthansa eine Frist gesetzt: Bis zum 30. Juni, Punkt 9 Uhr, hat die Airline noch Gelegenheit entscheidenden Forderungen bei der Altersversorgung nachzukommen und der Gewerkschaft ein neues Angebot vorzulegen. Passiert das nicht, wird gestreikt.

Worum geht es überhaupt?

Die Kabinen-Gewerkschaft UFO verhandelt seit April 2014 mit der Lufthansa. Unter der Überschrift „Agenda Kabine“ geht es um ein ganzes Bündel von Ansprüchen: Für Streit sorgen insbesondere die Forderung von acht Prozent mehr Lohn für die kommenden zwei Jahre und die sogenannte Übergangsversorgung. Der Streit tobt nur am Rande um höhere Gehälter. Im Kern geht es um die Sanierung der Lufthansa. Hier streiten die Gewerkschaft UFO und die Lufthansa, wer welchen Beitrag zur Sanierung der Fluglinie leistet. Weil die Lufthansa trotz aller Probleme ihren Anteilseignern für dieses Jahr noch 1,5 Milliarden Euro operativen Gewinn und eine ordentliche Dividende verspricht, bluten aus Sicht der Beschäftigten die Mitarbeiter zu viel und die Investoren zu wenig.

Lufthansa-Haltung und Gründe für die Eskalation

Warum eskaliert der Streit jetzt?

Anders als die Pilotenvereinigung Cockpit galt UFO bislang als „friedliche Gewerkschaft“. Lange schienen die Verhandlungen mit dem Kabinenpersonal ruhig und problemlos zu laufen. UFO hatte bereits im vergangenen Herbst Zugeständnisse für die neue Lufthansa-Billigflugtochter Eurowings gemacht, früh Gehaltseinbußen sowie einer Schlichtung zugestimmt und auf Streiks verzichtet. Doch das war der Lufthansa zu wenig. Sie verlangt höhere Zugeständnisse.

Jetzt wiederum wird es UFO zu viel. Der Geduldsfaden ist gerissen, denn bereits der bisherige Kompromisskurs ging vielen Mitgliedern zu weit. Das liegt nicht zuletzt an einem wachsenden Wettbewerb zwischen den Gewerkschaften. Zum einen wirbt auch Verdi um die Mitarbeiter in der Kabine. „Und so milde wie die UFO auftritt, verschwimmen die Unterschiede“, so ein Lufthansa-Mitarbeiter. Zum anderen wird es für die UFO-Spitze schwieriger kompromissbereit zu sein, wenn die Piloten-Vertretung VC mit ihrem lauteren Auftreten für ihre Mitglieder viel rausholt.

Am Samstag erklärten die beiden beteiligten Schlichter, die ehemalige SPD-Ministerin Herta Däubler-Gmelin und der frühere Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Friedrich Merz, eine Schlichtung sei unmöglich, weil die Kontrahenten zu weit auseinander lagen.

Warum ist die Lufthansa so strikt?

Lufthansa-Chef Carsten Spohr braucht Geld. In den kommenden Jahren will er mehrere Milliarden in besseren Service stecken und so verlorene Kunden zurückholen. Dazu haben andere Bereiche des Konzerns aus Spohrs Sicht bereits ihre Sparbeiträge geleistet. Darum sind für ihn nun auch die im Vergleich zu anderen Linien relativ hohen Personalkosten dran.

Spohr will auch in Bereichen sparen, um die seine Vorgänger wie Wolfgang Mayrhuber und Jürgen Weber lange einen Bogen machten. Dazu zählen neben den Gebühren für den Ticketverkauf vor allem die Löhne und Gehälter. Wichtigster Punkt sind die Betriebsrenten und die Übergangsregelung für den Ruhestand. Diese Last drückt die Lufthansa schwerer als andere Unternehmen. So muss sie laut eigenen Angaben für diese Ausgaben mit fast acht Prozent von den Personalkosten mehr ausgeben als andere Unternehmen. Zur Zeit liegt der Anteil bei der Post nur bei 0,9 Prozent des Personaletats und bei SAP sogar nur bei 0,3 Prozent. Also kündigt Spohr auch die bisherigen Kompromisse, weil er mehr Geld braucht.

Die Sparprogramme der Lufthansa

Doch damit tut sich das fliegende Personal bei Lufthansa schwer. Es ist nicht nur sauer, weil sich Spohr über seine Zusagen der vergangenen Monate hinwegsetzt. Viele Flugbegleiter geben den anstrengenden Job im Schichtdienst vorzeitig auf und finden bis zum regulären Rentenalter von 65 Jahren nur schwer einen gleichwertigen Job.

Zwar sehen auch UFO und VC, dass die Lufthansa wegen der historisch niedrigen Zinsen immer mehr Geld in die Finanzierung des Vorruhestands und die angesichts der steigenden Lebenserwartung teurere Betriebsrenten stecken muss. Doch ist ihnen allmählich das Opfer zu groß. Das gilt besonders für Neueinsteiger. Weil die anders als früher fast ausschließlich bei den Billigtöchtern anfangen, bekommen sie ohnehin weniger Geld als ihre Vorgänger.

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Bekriegt sich die Lufthansa nicht auch noch mit den Piloten?

Ja, auch die Piloten-Gewerkschaft Cockpit ringt mit der Fluglinie. Dabei geht es um ähnliche Probleme und vor allem um die Altersvorsorge von Piloten, die vorzeitig aus dem Dienst scheiden. In zwölf Streikrunden haben die Piloten der Lufthansa bereits zugesetzt, aber durch ihr Auftreten auch viel Rückhalt in der Bevölkerung verloren.

Derzeit herrscht Waffenstillstand, beide Seiten haben einer Gesamtschlichtung in den Streitfragen zugestimmt. Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine hatten beide Seiten erkannt, dass es „größere Probleme als den alten Tarifzwist gibt“, so ein Cockpit-Mitglied. Bis Ende Juli will die Gewerkschaft auf Arbeitsniederlegungen verzichten.

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