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Lufthansa in der Coronakrise Das Ringen um die Aufsichtsrat-Sitze

Die Lufthansa verhandelt aktuell über Staatshilfen in Höhe von insgesamt rund zehn Milliarden Euro. Quelle: dpa

Die Lufthansa verhandelt mit dem Bund weiter um Staatshilfen. Zum Streitpunkt werden nun Sitze im Aufsichtsrat. Vor und auch auf der Hauptversammlung macht Lufthansa-Chef Spohr klar: Er will die Sitze nicht hergeben.

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Ein bereinigtes Ebit von gut zwei Milliarden Euro, den Umsatz auf 36,4 Milliarden Euro gesteigert – der höchste Wert der Unternehmensgeschichte und 145 Millionen Passagiere rund über den Globus geflogen, auch Rekord! Diese Bilanz erweckt den Eindruck, dass es der größten europäischen Airline nie besser gegangen sei.

Doch die guten Zahlen des vergangenen Geschäftsjahres täuschen, das weiß natürlich auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Die Corona-Pandemie hat die Airline in eine schwere Krise gestürzt. Aktuell fliegen nur noch 3000 Kunden am Tag mit den Kranich-Jets. „Unser Unternehmen ist gemessen am Flugplan wieder dort angekommen, wo es 1955 – nach zehn Jahren Flugverbot und zehn Jahre nach dem zweiten Weltkrieg gestartet ist“, klagt Spohr bei der digitalen Hauptversammlung der Lufthansa am Dienstagvormittag.

Die Lufthansa verhandelt nun über Staatshilfen in Höhe von insgesamt rund zehn Milliarden Euro. Im Gespräch ist dem Vernehmen nach, dass ein Teil davon als stille Beteiligung fließt, der Bund dafür gut 25 Prozent der Anteile erhält und auch im Aufsichtsrat vertreten ist. Doch letztgenannter Punkt entpuppt sich als Streitthema. Für Spohr scheint die Sache klar zu sein: Er will nicht, dass der Staat im Aufsichtsrat vertreten ist, um „die unternehmerische Entscheidungs- und Handlungsfreiheit der Lufthansa Group zu erhalten“. Die Lufthansa brauche die staatliche Unterstützung. „Aber wir brauchen keine staatliche Geschäftsführung“, sagte Spohr am Dienstagvormittag auf der Hauptversammlung und fügte hinzu: „Auch in der Bundesregierung in Berlin möchte niemand eine staatlich gelenkte Lufthansa.“

Rückendeckung für den Kurs bekommt er vor der Hauptversammlung von Portfolio-Manager Michael Gierse von der Fondsgesellschaft Union Investment der genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken. „Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer. (...) Wenn die Politik sich ins Geschäft einmischt, sehen wir das Risiko einer überdimensionierten Infrastruktur, die nicht ausreichend an die neue Normalität angepasst wird“, erklärte der Investoren-Vertreter am Montag in Frankfurt. Aber wie groß ist der Verhandlungsspielraum von Spohr in Anbetracht der verzwickten Lage? Immerhin verliert der Konzern derzeit pro Stunde allein operativ ungefähr eine Million Euro an Liquiditätsreserven.

„Das ist durchaus zumutbar“

Luftfahrt-Experte Heinrich Großbongardt hält Spohrs Position für überzogen, denn „nicht Aufsichtsräte, sondern die Unternehmensführung steuert das Unternehmen“. Der Aufsichtsrat habe eine mitbestimmende Funktion bei grundlegenden Entscheidungen. „Bei einer Höhe des Pakets von zehn Milliarden Euro ist es durchaus zumutbar, dass der Bund zwei Sitze im Aufsichtsrat erhält – alleine kommunikativ gegenüber der Gesellschaft“, meint Großbongardt. Darüber hinaus sei es in anderen europäischen Ländern durchaus üblich, Geld nicht ohne Bedingungen zu überreichen. Frankreich und die Niederlande, die je 14 Prozent von AirFrance und KLM halten, haben die Hilfen etwa an Umweltauflagen geknüpft.

Die einzige Alternative, die der Lufthansa aktuell anstelle eines direkten Staatseinstiegs bleibt, ist die Insolvenz in Eigenverwaltung. Für Großbongardt wenig aussichtsreich: „Das wäre, wenn überhaupt, die allerletzte Möglichkeit. In einem Schutzschirmverfahren könnte die Lufthansa die Tarifverträge neu verhandeln und sich der Pensionsverpflichtungen entledigen.“ Das sei weder im Sinn der Piloten und letztendlich könne das auch die Lufthansa nicht wollen.

Die Staatshilfe wird kommen

So wird es vermutlich trotz des Widerspruchs von Spohr und den Aktionären zu einer Staatshilfe mit Sitzen im Aufsichtsrat kommen, vermutet der Luftfahrt-Experte. Gelöst wären die Probleme der Lufthansa damit allerdings nicht. Die Coronakrise wird dem Konzern noch lange zu schaffen machen. „Erst für 2023 erwarten wir, dass die globale Nachfrage ihr neues Gleichgewicht gefunden hat“, prognostiziert Carsten Spohr in seiner Rede. Das neue Gleichgewicht bedeutet für ihn: Balance auf einem niedrigeren Niveau. Deswegen werden nun schon Forderungen der Aktionären laut, dass sich die Lufthansa Group verkleinern müsse.

Vanessa Golz, Spezialistin für Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, fordert: „Sollte die Deutsche Lufthansa mit einem blauen Auge aus der Krise kommen, stellt sich die Frage nach der Größe der zukünftigen Flugkapazitäten. Das Aus für Germanwings dürfte wohl erst der Anfang gewesen sein. Auch nach Corona wird ein verändertes Reiseverhalten, vor allem bei hochprofitablen Businesskunden, sichtbare Spuren im Flugplan hinterlassen.“

Das erwartet auch der Konsumforscher Stephan Grünewald auf die Lufthansa zukommen: „Der Luftverkehr wird jahrelang unter dem Eindruck von Corona leiden“, sagte der Chef des Marktforschers Rheingold im Interview mit der WirtschaftsWoche. „Der innerdeutsche Luftverkehr wird drastisch runtergefahren werden. Der wird auch langfristig nicht zurückkommen.“

Die Schlussfolgerung der Deka-Spezialistin Golz deshalb: „Die tiefgreifende Krise könnte nun zu einer Bereinigung des Marktes führen, für die die Lufthansa sich positionieren muss.“

Und das tut sie: Spohr kündigte bereits an, dass etwa alle Flugbetriebe verkleinert und ältere Jets stillgelegt werden sollen. Nach der Coronakrise, so der Plan, soll die Flotte um 100 Flugzeuge reduziert sein.
Laut Spohr würden diese Maßnahmen aber auch bedeuten, dass die Lufthansa aktuell um die 10.000 Mitarbeiter zu viel beschäftigt. Kündigungen seien nicht mehr auszuschließen. Heinrich Großbongardt geht davon aus, dass zumindest ein Teil dieser Stellen natürlich verschwinden werde, etwa durch Altersabgang und Frührente. „Aber um Stellenabbau wird keine Airline der Welt herumkommen in den kommenden Jahren, auch die Lufthansa nicht“, so die düstere Aussicht des Experten.

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Die Mängelliste bei der Lufthansa ist lang. Warum die Krise aber nicht das Ende der Luftfahrt bedeutet, lesen Sie hier.

Mit Material von dpa und Reuters

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