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Lufthansa setzt auf Eurowings Billig-Revolution mit drei Überraschungen

Der Lufthansa-Aufsichtsrat hat grünes Licht für die neue Billigflug-Familie „Eurowings“ gegeben und einige Überraschungen präsentiert. Doch die Neuerungen sind nicht nur überfällig, sondern auch zu zaghaft.

Die Computer-Darstellung zeigt zwei Eurowings-Flugzeuge der künftigen Billigsparte der Lufthansa. Quelle: dpa

Wenn Lufthansa-Chef Carsten Spohr seine wichtigsten Angestellten ein wenig ärgern wollte, dann war der Mittwoch sicher ein erfolgreicher Tag. Denn der 46-Jährige und sein Aufsichtsrat beschlossen wie erwartet den Start ihrer neuen Billigplattform „Eurowings“. Dabei ließen sie sich kein Stück vom Streik der Flugzeugführer beeindrucken.

Spohr verkündete am Nachmittag zuerst in die Telefonkonferenz und dann vor den Kameras das erwartete Programm: Mehr Billigflug in Europa und erstmals auch auf der Langstrecke, gepaart mit einem Schwur auf mehr Qualität und besseren Service im Premiumverkehr unter der Marke Lufthansa. Das Unternehmen bestellt zudem erstmal keine weiteren Flugzeuge ab und verpasst endlich dem auf bis zu zehn Plattformen zersplitterten Ticketverkauf eine einheitliche Führung und eine ähnliche Technik.

Die besten Billigflieger der Welt
Platz 10: ScootDie Billigtochter der renommierten Singapore Airlines gibt es erst seit 2011. Die Fluggesellschaft reagierte damit auf die Starke Konkurrenz im Tiefpreissegment. Offenbar höchst erfolgreich. Scoot schafft es unter die Top Ten im Skytrax-Ranking der besten Billigflieger der Welt. Scoot bedient von Singapur aus zahlreiche Ziele in Ostasien und Australien wie etwa Bangkok, Nanjing, Seoul, Sydney, Taipei und Tokyo. Quelle: Screenshot
Platz 9: Jetstar AsiaDer 2004 gegründete Billigflieger ist eine Tochter der gleichnamigen australischen Fluggesellschaft. Jetstar Asia ist zu 49 Prozent in Besitz der australischen Qantas Airways. Wie auch Scoot fliegt Jetstar Asia seine Ziele von Singapur aus an. Derzeit gibt es über 20 Destinationen in Ostasien und zehn weitere in Australien, sowie Städte in Neuseeland und auf Hawaii.
Platz 8: Virgin America Ebenfalls im Jahr 2004 gründete die US-amerikanische Virgin Group einen Billigableger. Allerdings gingen die ersten Jets nach diversen Finanzierungschwierigkeiten erst 2007 an den Start. Heute verbindet Virgin America ein gutes Dutzend amerikanische Großstädte an der Ost- und Westküste miteinander. Quelle: AP
Platz 7: WestjetDie Kanadier stiegen schon 1995 ins Geschäft mit den günstigen Fluglinien nach Vorbild der Southwest Airlines ein. Mit einer Flotte von über 100 Flugzeugen und knapp 8000 Mitarbeitern lässt Chef Gregg Saretsky von Calgary und Toronto aus vor allem innerkanadische Ziele anfliegen. Einige Destinationen führen auch in die USA wie Phoenix, Las Vegas oder Honolulu aber auch nach Mexiko und auf die Cayman Inseln. Quelle: REUTERS
Platz 6: EasyjetDer britische Billigflieger ist nach Ryanair die zweitgrößte europäischen Billigfluggesellschaft und unterhält 22 Basen in ganz Europa. Von dort aus fliegt die Airline mehrere hundert Routen in Europa, nach Nordafrika, aber auch in die Türkei, Jordanien und Israel. Die Flotte umfasst mehr als 230 Flugzeuge. Mehr als 8000 Menschen arbeiten für Europas umsatzstärksten Billigflieger. Quelle: dpa
Platz 5: Indigo (Indien)Low Cost in Indien, das klang für Vielflieger lange Zeit nach einer argen Geduldsprobe. Schließlich waren selbst die vermeintlichen Top-Linien des Landes Air India oder Kingfisher lange Zeit für ihre Zumutungen am Kunden gefürchtet. Doch Indigo erreicht mit seiner Masche „karg aber solide“ praktisch überall westlichen Low-Cost-Standard. Zudem überzeugt die Line mit - zumindest für indische Verhältnisse – hoher Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Bei Marktforschern gilt sie deshalb als eine der besten Billiglinie Asiens. Das honorieren die Kunden. Sie folgten dem versteckten Aufruf Indi-Go (Frei übersetzt: „Indien, beweg dich“) und machten das Unternehmen zur einzigen profitablen Linie des Riesenlandes. Mit knapp 80 Jets fliegt Indigo aktuell 36 Ziele an, darunter Bombay, Kalkutta, Chennai. Quelle: Screenshot
Platz 4: Jetstar (Australien)Als der australische Marktführer Qantas seine Billigtochter gründete, sollte Jetstar eigentlich nur die anderen Flugdiscounter des fünften Kontinents im Schach halten. Die Mutter wollte sich ungestört auf die profitable Langstrecke konzentrieren können. Doch als der Siegeszug der Fluglinien vom Golf Qantas in die roten Zahlen trieb, wurde der einst ungeliebte Ableger plötzlich zum Retter der Gruppe. Dank der Erfahrung mit den langen Strecken im riesigen Heimatland traute sich Jetstar schließlich auch auf Langstrecken in Richtung Asien - siehe Jetstar Asia auf Rang 9. Quelle: dpa

Drei kleine Überraschungen gab es dennoch: Eine harmlose, eine für das Rheinland und eine für Nerds.

1. Die harmlose Überraschung

Neben dem Billigfluggeschäft bekommt der ganze Umbau um Eurowings und der Zentralisierung eine neue Dachmarke. Statt unter dem noch von Spohrs Vorgänger Christoph Franz gestarteten Namen Score, läuft die Renovierung jetzt unter dem etwas kryptischen Titel „7 to 1“. Was genau die Umtaufe ändert, wird der Konzernlenker sicher noch nachliefern.

2. Die rheinische Überraschung

Die Lufthansa startet ihren Langstrecken-Discounter in Köln, wo die heutige Billigtochter Germanwings sitzt – und damit abseits ihrer wichtigsten Flughäfen Frankfurt, München und Düsseldorf. Die Flieger dafür holt die Airline – zum Zorn der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit – von einem Dienstleister, der Ferienlinie SunExpress.

Dies streichelt nicht nur das Selbstwertgefühl der Karnevalsmetropole und erfüllt einen Traum ihres umtriebigen Flughafen-Chefs. Es erspart dem Konzern ein allzu großes konzerninternes Nebeneinander von Billig und Premium. Die klassische Lufthansa hat Köln – bis auf die zehn täglichen Maschinen nach München – dem Hausdiscounter Germanwings, Air Berlin und anderen überlassen.

Was Piloten bei Lufthansa, Condor & Co. verdienen
Pilot müsste man sein: Die ganze Welt sehen und dafür noch ordentlich Geld bekommen. Doch Pilot ist nicht gleich Pilot. Zwischen den einzelnen Fluggesellschaften gibt es ein deutliches Preisgefälle. Laut Pilotenvereinigung Cockpit bekommt ein Erster Offizier oder Kopilot anfangs ein Monatsgehalt zwischen 1500 Euro und 5000 Euro brutto. „Ein Kapitän – das wird man nach etwa 3 bis 20 Jahren als Erster Offizier – erhält je nach Luftverkehrsgesellschaft ein Anfangsgehalt zwischen 3000 Euro und 10.000 Euro“, so die Gewerkschaft. Quelle: dpa, Handelsblatt, Unternehmen Quelle: dpa
RyanairDie Piloten des irischen Billigfliegers gehören im Vergleich eher zu den Niedrigverdienern der Branche. 25.000 Euro bezahlt Ryanair seinen Kopiloten zu Beginn. Flugkapitäne ab dem 12. Berufsjahr erhalten anfangs 53.000 Euro. Ihr Maximalgehalt beläuft sich auf 85.000 Euro. Quelle: dpa
Air BerlinDie zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft zahlt seinen Kopiloten zum Einstieg 45.000 Euro. Piloten bekommen bei Air Berlin zu Beginn 80.000 und in der Spitze bis zu 115.000 Euro. Quelle: dpa
Condor5050 Euro bekommt ein Condor-Kopilot zum Einstieg im Monat. Das macht eine jährliche Gesamtvergütung von 60.600 Euro. Ein Kapitän verdient zunächst 8700 Euro im Monat beziehungsweise 104.400 Euro im Jahr. In der Spitze kann sein Gehalt auf 135.600 Euro klettern. Quelle: dpa
British AirwaysDas Einstiegsgehalt der BA-Co-Piloten liegt bei 61.000 Euro. Piloten ab dem 12. Berufsjahr erhalten zunächst 77.000 Euro im Jahr. Im Laufe der Zeit kann ihr Gehalt auf bis zu 181.000 Euro steigen. Quelle: REUTERS
LufthansaLufthansa-Kapitäne gehören zu den Bestverdienern und können in der Spitze ein Jahresgehalt von bis zu 255.000 Euro bekommen – Zulagen inklusive. Schon zum Einstieg verdient ein Erster Offizier / Kopilot rund 55.500 Euro, mit Zulagen bis zu 73.000 Euro. Das Einstiegsgehalt eines Flugkapitäns ab dem 12. Berufsjahr beträgt 120.000 Euro. Quelle: dpa

3. Die nerdige Überraschung

Der in der ganzen Flugbrache für olympiareife Fertigkeiten bei der Excel-Kalkulation bewunderte Konzern erfreute alle Finanz-Freaks durch eine neue Steuergröße für den Unternehmenserfolg: „Earnings after Cost of Capital“ (EACC - Gewinn nach Kapitalkosten) gilt ab dem nächsten Jahr statt „Cash Value Added“ ( CVA - Hinzugefügter Barwert).

Wer da mit Worten wie „wer es denn wissen will“ abwinkt, unterschätzt die Signalwirkung der Veränderung – nicht zuletzt im aktuellen Arbeitskampf mit den Piloten. Denn im Gegensatz zum CVA können nun auch Mathematiker der Kreisklasse sowie sicher die meisten Flugzeugführer schnell ausrechnen, was der Konzern verdient. Und sehen, ob es nicht wirtschaftlicher wäre, die knapp 20 Milliarden Euro Aktiva aus hunderten Flugzeugen, Gebäuden und anderem zu verkaufen und das Geld anderweitig zu investieren.

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