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Lufthansa Spohrs gefährliche Drohung mit der Schutzschirm-Insolvenz

Stillgelegte Lufthansa-Jets stehen auf dem Flughafen Frankfurt Quelle: dpa

Um bei einer staatlichen Rettung einen zu großen Regierungseinfluss und zu hohe Kreditzinsen abzuwehren, prüft Konzernchef Carsten Spohr ein Schutzschirmverfahren. Doch anders als beim Ferienflieger Condor wäre das keine Rettung, sondern riskiert das Ende der heutigen Lufthansa. Ein Kommentar.

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Wer je einen Zweifel hatte, wie dramatisch Konzernchef Carsten Spohr die Lage der Lufthansa sieht, für den gab es Anfang der Woche einen passenden Weckruf. Der 53-Jährige drohte, lieber Schutzschirm-Insolvenz anzumelden als einen allzu hohen Einfluss der Politik hinzunehmen. Dazu stört ihn der zu hohe Zinssatz der Staatskredite von angeblich deutlich mehr als fünf Prozent. „Wir prüfen selbstverständlich alle Optionen inklusive des Schutzschirmverfahrens“, erklärte ein Konzernsprecher gegenüber der Nachrichtenagentur DPA. Das sei eine Alternative, falls dem Konzern bei einem Staatseinstieg „nicht wettbewerbsfähige Bedingungen“ bevorstünden.

Doch Spohrs Drohung ist ein unrealistisches, wenn nicht gar gefährliches Spiel. „Ein solches Verfahren wäre der komplette Wahnsinn und könnte das Ende der Lufthansa in ihrer heutigen Form bedeuten“, warnt ein Aktionärsvertreter, der angesichts der hitzigen Debatte lieber anonym bleiben will. Denn das Unternehmen würde möglicherweise zerschlagen und hätte danach wohl kaum noch Zugang zu Investorengeldern.

Der wichtigste Grund gegen das Verfahren ist jedoch, dass es die aktuellen Probleme des Unternehmens nicht löst. Anders als etwa beim Ferienflieger Condor, der ohne die Coronakrise das Verfahren erfolgreich beendet hätte, gefährden die Lufthansa derzeit die fehlenden Einnahmen durch die Reiseverbote – und nicht die Forderungen ihrer Gläubiger, zu denen Banken, Flugzeugverleiher oder Lieferanten von Flughäfen bis zu Mineralölfirmen gehören. Zwar könnte die Lufthansa unter dem Schutzschirm auch ein paar unliebsame Dinge loswerden, allen voran viele angesichts des jüngsten Preisverfalls viel zu teuer eingekaufte Sicherungsgeschäfte auf das Flugbenzin. Doch bereits beim derzeit drückendsten Problem, den Außenständen bei den von den Kunden bezahlten aber nicht abgeflogenen Tickets, ginge die Sache nach hinten los.

Im Schutzschirmverfahren könnte die Lufthansa diese Verpflichtungen in Höhe von laut Schätzungen rund 3,5 Milliarden Euro zwar loswerden und das gezahlte Geld einsacken. Doch der Rufschaden wäre immens. „Bereits jetzt halten uns viele für Rechtsbrecher, weil wir bei abgesagten Flügen die Kunden mit Gutscheinen abspeisen statt ihnen ihr Geld zurückzugeben wie es die Gesetze vorschreiben“, so ein Lufthansa-Insider. „Wenn wir das jetzt auf alle Tickets ausdehnen, vertraut uns wahrscheinlich fast keiner mehr.“ Dazu könnte der ganzen Branche eine harte Regulierung drohen. „Dann müssten künftig alle Airlines die Ticketeinnahmen bis zum Flug auf besondere Konten packen, statt wie bisher damit die laufenden Kosten zu bezahlen“, so ein Konzernkenner.

Der zweite Nachteil des Verfahrens sind seine Unwägbarkeiten. Das beginnt bei einem wahrscheinlich dauerhaften Vertrauensverlust bei aktuellen und künftigen Geldgebern. „Lufthansa würde weltweit Anleger enteignen und sich auf längere Zeit, wenn nicht gar für immer, den Zugang zu preiswerten privaten Geldern fast bis zur Unmöglichkeit erschweren“, so ein Aktionärsvertreter. „Dann bleiben der Linie nur noch Hochzinsanleihen oder Staatskredite.“

Gleichzeitig wären Spohr und sein Team nur sehr begrenzt Herr des Verfahrens. Denn statt eines bislang recht umgänglichen Aufsichtsrats unter dem Ex-Finanzvorstand Karl-Ludwig Kley hätten sie dann einen Insolvenzverwalter und einen Sachwalter als Eigentümer am Tisch. „Und so umgänglich die auch oft sind, sie müssen vor allem den Laden zu Geld machen“, so ein Manager mit Restrukturierungserfahrung. Dazu könnte am Ende eine Zerschlagung mit der Abtrennung des extrem profitablen Wartungsgeschäfts gehören. Ebenso wahrscheinlich wäre, dass die Insolvenzverwalter die Flotte verkaufen – derzeit wahrscheinlich mit Abschlägen auf die Buchwerte von rund zehn Milliarden. „Das wäre eine gigantische Wertvernichtung“, so der Aktionärsvertreter. „Wäre Lufthansa eine britische Plc. statt einer deutschen AG, müsste der Vorstand allein deshalb mit einer Klage von Aktionären rechnen“, so ein Kenner des Kapitalmarkts.

Warum Spohr trotzdem zu dieser Drohung gegriffen hat, erklären Konzernkenner mit dem Versuch, den mit staatlichen Rettungsmaßnahmen wohl unvermeidlichen höheren Staatseinfluss so gering wie möglich zu halten. „Es ist vielen in Berlin offenbar nicht klar, dass Staatsgeld nur unser Leben verlängert, uns aber nicht rettet. Das schafft die Lufthansa nur, wenn sie sich jetzt deutlich schlanker und effizienter aufstellt“, so ein Konzerninsider. Das werde aus Spohrs Sicht jedoch schwer, wenn die Regierung wie bei Air France-KLM zusammen mit den Arbeitnehmervertretern die Mehrheit hat und unpopuläre Reformen verhindern kann.


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