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Lufthansa-Streik Starthilfe für Privatflieger

Die Streiks bescheren den Vermittlern und den Inhabern von Privatjets zusätzliche Geschäfte. Quelle: imago images

Flugstreiks wie gerade bei Lufthansa quälen vor allem Geschäftsreisende. Aber sie bescheren Privatjetbetreibern regelmäßig Rekordbuchungen. Das kann die angeschlagene Branche gut brauchen.

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Für Frank Haun endete der vergangene Mittwoch an einer unerwarteten Stelle. Eigentlich wollte der Chef des Münchner Panzerbauers Krauss-Maffei Wegmann nach einem späten Geschäfts-Termin in der Frankfurter Innenstadt am nächsten Morgen zurück in die bayerische Metropole mit Lufthansa fliegen. Doch wegen des aktuellen Streiks der Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO hatte die Fluglinie seine Verbindung am Nachmittag abgesagt. Um dennoch am nächsten Vormittag seine Termine an der Isar wahrnehmen zu können, holte der hochgewachsene Rüstungsmanager kurzerhand seinen Dienstwagen nebst Fahrer an den Main. Dann ließ er sich im Audi A8 am späten Abend die rund 400 Kilometer nach Hause bringen. „Das ist zwar anstrengend, aber ich kann wenigstens unterwegs mal rauchen“, feixt der gebürtige Hesse.

Mit seiner Nachtfahrt hat Haun noch Glück. Denn mehrere zehntausend andere Geschäftsreisende verpassen dieser Tage wegen der Streiks ihre Termine, weil sie deutlich später oder gar nicht ans Ziel kamen. „Es ist wirklich eine hohe Belastung“, sagt Christoph Carnier, Chef der VDR genannten Vereinigung der Reisemanager in den deutschen Unternehmen. Um angesichts der abflachenden Konjunktur Geld zu sparen, organisieren Deutschlands Geschäftsreisende ihre Business Trips ohnehin schon etwas enger und packen ihre Terminpläne voller als früher. Darum geraten sie bei jeder Flugabsage schnell an ihre Grenzen.

Für eine andere Gruppe von Managern haben die wiederholten Streiks bei Lufthansa oder im September bei British Airways jedoch ihr Gutes. Sie bescheren den Vermittlern und den Inhabern von Privatjets reichlich zusätzliche Geschäfte. „Seit den frühen Morgenstunden haben wir vermehrt Anfragen im Privatjetbereich erhalten“, sagt Caroline Werf aus der Geschäftsführung des weltweit tätigen Flugzeugvermittlers Air Charter Service. Gerade Topmanager, Anwälte oder Investmentbanker, so Werf, „sind davon abhängig, es pünktlich zu ihren Verpflichtungen zu schaffen.“

Dafür buchen sie dann spontan eine Privatmaschine – auch wenn diese deutlich teurer ist als ein Linienticket. Die Kosten für den persönlichen Flieger liegen in der Regel pro Flugstunde bei bis zu 1000 Euro in einer kleinere Propellermaschine, 3000 bis 5000 Euro für eine achtsitzige mittlere Maschine und 8000 bis 10.000 Euro für eine größere Maschine mit zwölf bis 16 Sitzen, die auch längere Strecken schafft. Bei besonders hoher Nachfrage können die Preise auch das Doppelte betragen.

Ähnlich gute Geschäfte wie Air Charter Service haben derzeit auch andere Jetvermittler wie Air Partner und Warren Buffet oder Lutz Helmig. Zum Reich der US-Investorenlegende und seiner Berkshire Hathaway gehört der weltgrößte Privatjetbetreiber Netjets. Der verzeichnet ebenso höhere Aufträge wie Helmig mit seiner DC Aviation. Wieviel mehr die Streik-Buchungen ausmachen, können die Unternehmen auf Anfrage zwar noch nicht sagen. „Aber es ist spürbar“, weiß der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. So hatten manche Firmen gerade bei Streiks, die wie der Lufthansa-Ausstand vor zwei Wochen kurzfristig angekündigt oder verändert wurden, bis zu 50 Prozent mehr Umsatz.

Das Mehrgeschäft rührt auch daher, dass ich die Vermittler deutlich früher auf Streiks vorbereiten als ihre Kunden. Schon bei den ersten Anzeichen kontaktieren Air Partner und andere die Besitzer von Flugzeugen, und fragen ob sie ihre Maschinen an den Tagen des Ausstands entbehren können. So war es bereits am vergangenen Montag, als die Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO um 14 Uhr den Ausstand mit lediglich 56-Stunden Vorwarnung ankündigte. „Da wir mit Situation wie Streiks betraut sind, haben wir bereits, als der Streik nicht mehr abwendbar schien, angefangen den Markt dementsprechend nach Verfügbarkeiten zu prüfen“, beschreibt Werf das Prozedere.

Das Geschäfts können die Vermittler gut brauchen. Denn in den vergangenen Jahren liefen die Geschäfte eher mau. „Zwar hat sich die Branche erholt vom Einbruch nach der Finanzkrise, als sich nur noch wenige Unternehmen trauten Privatjets zu mieten“, so Großbongardt. „Doch insgesamt läuft es immer noch wenige gut als bis 2008.“ Während der Luftverkehr in Europa derzeit insgesamt um rund fünf Prozent zulegt, schafften die Nobeljets nicht mal ein Prozent Wachstum, so eine Untersuchung des Hamburger Marktforschers Wingx Advance, der sich auf die kleinen Nobeljets spezialisiert hat.

Dafür sorgt weniger die vom Klimaschutz getriebene allgemeine Anti-Flugstimmung. „Die Aktivisten bekämpfen glücklicherweise vor allem die Linien- und Urlaubsflieger“, freut sich ein führender Manager der Branche.“ Grund ist vielmehr die allgemeine Wirtschaftsflaute in wichtigen Märkten, sagt Wingx-Advance-Chef Richard Koe. „Es gibt einen starken Rückgang im Verkehr mit weiter entfernten Ländern wie Russland oder Türkei und gleichzeitig eine Bremsbewegung in den größten Zentren wie London, über Unsicherheiten etwa durch den Brexit.“

Doch nicht alle Teile leiden unter der Nachfrageschwäche. Sie trifft vor allem vor allem die mittelgroßen Jets mit bis zu acht Plätzen und für Strecken von bis zu 4000 Kilometern. „Stark ist dagegen ist der Markt für kleine Propellerflieger oder Jets mit größeren Kabinen und der Reichweite für interkontinentale Verbindungen“, so Koe. Denn die großen Jets wie die Gulfstream G700, die Dassault Falcon 8X aus Frankreich oder die Global 8000 von Bombardier aus Kanada nutzt in der Regel nur eine Elite besonders wohlhabender Unternehmer oder und Privatleute, die kleinere Konjukturdellen in ihrem Vermögen nicht weiter spüren.

Den Trend umkehren werden die aktuellen Streiks sicher nicht. Denn ein Ende ist abzusehen. Dafür sorgt der wachsende Unmut bei seinen Geschäftskunden sowie dem nicht streikenden Belegschaft, die den Unmut der Kunden ausbaden muss. Darum will die Lufthansa nun der Gewerkschaft entgegenkommen. Das zumindest erklärte Konzernchef Carsten Spohr heute beim Vorstellen der Bilanz für die ersten neun Monate des aktuellen Geschäftsjahres. „Wir können keine Spaltung haben“, erklärte Spohr und es sein seine „persönliche Verantwortung“ das Problem bei der wo wichtigen Mitarbeitergruppe zu lösen.

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