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Lufthansa Carsten Spohr - ein Jahr im Feuer

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Was Carsten Spohr noch leisten muss

Den Schwung kann Spohr gut brauchen. Denn auch wenn überall im Konzern die Sanierung weiter gehen muss, im Kerngeschäft Passagierverkehr ist im Vergleich zu den anderen Töchtern der Nachholbedarf besonders groß.

Es geht zum einen um klassisches Sparhandwerk. Dazu zählen weniger Bürokratie und schlankere Abläufe, dank denen Mitarbeiter mehr Zeit mit Arbeiten verbringen können. Zum anderen kommt Spohr kaum darum herum, mehr einfache Jobs vom teuren Deutschland in Niedriglohnländer zu verlagern.

Doch will der Lufthansa-Chef die Kosten wirklich senken, muss er den Konzern insgesamt stärker zentralisieren. Den Töchtern müssen bestimmte Verwaltungsfunktionen in Dingen wie Finanzen, Personal und Controlling genommen und in die Hauptverwaltung in Frankfurt geholt werden.

Ebenso wichtig ist jedoch eine engere Kooperation im Alltagsgeschäft. Beispiel Ticketvertrieb: Auch wenn Spohr inzwischen einen obersten Flugscheinverkäufer für alle Konzernmarken bestimmt hat, werkeln hier besonders die Auslandstöchter noch relativ selbstständig und kämpfen im Geschäft mit Firmenkunden schon mal gegeneinander. Dazu tun sich die einzelnen Linien schwer damit, Ideen von anderen zu übernehmen, wie das Angebot von Austrian Airlines, leere Sitze in der Business Class bis kurz vor Abflug zu versteigern, statt sie nach dem Zufallsprinzip an gute Kunden zu verschenken oder gar leer zu lassen.

Auch beim Flugbetrieb ist mehr Kooperation drin. Zwar erlaubt das altmodische internationale Flugrecht noch keine Zusammenlegung der einzelnen Flugbetriebe oder einen Austausch von Maschinen inklusive Besatzung. Doch die einzelnen Töchter könnten sich stärker bei der Einrichtung und technischen Ausstattung abstimmen statt wie Lufthansa, Swiss und Austrian ihre jüngste Generation der Langstrecken-Business-Class selbständig zu entwickeln und anzuschaffen.

Dazu muss Spohr das Fluggeschäft neu ordnen. Zwar fordern viele Analysten eine Abkehr von den Billigtöchtern, weil dies ihrer Ansicht nach der Marke Lufthansa schadet. Doch in Europa zahlen immer weniger Reinsende für mehr Komfort und Premiumservice einen Aufpreis, sondern buchen vor allem den günstigsten Anbieter. Also muss die Lufthansa wohl oder übel stärker als bisher im Billiggeschäft mitmischen.

Permanente Kostendiät

Deutschlands größte Fluggesellschaft muss nicht nur den Verkehr der Marke Lufthansa auf eine Low-Cost-Plattform mit bestenfalls einer kleinen Business-Class hieven. Das müssen auch die anderen Töchter wie die Swiss. Die Ansätze sind da, aber noch sehr zaghaft. Bis Ende 2015 soll Eurowings auch in der Schweiz und in Belgien fliegen; mit lokalem Personal statt teurer Germanwings-Mitarbeiter und erst recht ohne Lufthanseaten. "Doch spätestens wenn ein Billigflieger wie Ryanair oder Easyjet groß in unseren Drehkreuzen aufschlägt, müssen die Billigplattformen auch in unsere Drehkreuze fliegen", sagt ein Lufthanseat.

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Das wird nicht der letzte Tabubruch bleiben. „Wenn Spohr schon beim Umgang mit den Piloten über seinen Schatten gesprungen ist, kann er das auch beim Umgang mit seinen Wettbewerbern tun“, so ein Insider. Bisher war sich die Lufthansa zu schade für eine engere Kooperation mit Turkish Airlines, weil die Linie aus Istanbul davon wohl mittelfristig mehr profitiert hätte als die Kranich-Linie. Doch will die Lufthansa nicht weiter reihenweise einst hochprofitable Strecken in Richtung Asien aufgeben und der Konkurrenz aus Emirates & Co. überlassen, braucht sie wie über den Atlantik eine Art Gemeinschaftsunternehmen mit einem schlankeren Partner aus (Fern-)Ost.

Zu guter Letzt muss Spohr noch einen bereits von Vorgänger Franz angestoßenen aber kaum umgesetzten Kulturwandel im Unternehmen schaffen. Zwar erfreute Aufsichtsrats-Chef Mayrhuber in seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender Besucher gerne mit der Weisheit, „Sparen ist wie Zähneputzen – das muss man täglich tun.“ Doch das ist im Lufthansa-Alltag noch nicht so recht angekommen. Denn bislang braucht der Konzern vor allem groß angekündigte Sparprogramme, um sich schlanker aufzustellen. Bei Billigfliegern – inklusive des hauseigenen Discounters Germanwings – ist permanente Kostendiät dagegen fester Tagesordnungspunkt und mehr noch: die bisherigen Abläufe permanent in Frage zu stellen.

Somit steht Spohr ein zweites Jahr bevor, das mit seiner Aufholjagd nur unwesentlich weniger anstrengend werden dürfte als sein erstes. Nur dürfte der Lufthansa-Chef im Mai 2016 wahrscheinlich dank weniger Querschüssen wieder etwas mehr von seiner Vorfreude spüren.

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