Malaysia Airlines Die tragische Krise eines Vorzeigeunternehmens

Nach zwei Katastrophen in vier Monaten droht Malaysia Airlines die Rückverstaatlichung. Doch die Probleme der Fluglinie liegen deutlich tiefer - und erinnern an die Sorgen europäischer Linien.

Für Malaysia Airlines könnte die Unglücksserie das Aus in ihrer derzeitigen Gestalt bedeuten. Quelle: AP

Von allen Jobs in der Flugbranche hat Ahmad Jauhari Yahya derzeit sicher den schwersten. Der Chef der Fluglinie Malaysia Airlines (MAS) musste in den vergangenen vier Monaten zwei der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte der Luftfahrt verarbeiten. Im März verschwand ein Großraumflugzeug mit fast 200 Passgieren spurlos auf dem Flug von der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur nach Peking. Und in der vergangenen Woche wurde ein weiteres Flugzeug mit fast 300 Menschen über der Ukraine abgeschossen.

Zwar gab es Unglücksserien bereits bei anderen Fluglinien wie bei American Airlines. Damals brachten Terroristen bei den Anschlägen am 11. September 2001 gleich zwei Maschinen zum Absturz, gefolgt von einem Absturz infolge einer Fehlreaktion eines Piloten im November 2001.

Passagierjet im Krisengebiet der Ukraine abgestürzt
Eine Passagiermaschine der Malaysia Airlines mit 295 Menschen an Bord ist am Donnerstag im Osten der Ukraine abgestürzt und in umkämpftem Gebiet zerschellt. Das berichteten russische und ukrainische Quellen übereinstimmend unter Berufung auf Sicherheitskreise. Es gab keine Überlebenden. Quelle: REUTERS
Unmittelbar nach Bekanntwerden des Unglücks machten sich die ukrainische Führung und die Separatisten gegenseitig für einen Abschuss der Passagiermaschine verantwortlich. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko warf den Separatisten vor, die Boeing 777-200 des Flugs MH 017 abgeschossen zu haben - wie zuletzt mehrere ukrainische Militärflugzeuge. Die ukrainische Luftwaffe habe mit der Tragödie nichts zu tun, teilte er mit. Poroschenko ordnete umgehend die Bildung einer Untersuchungskommission an. „Wir sind überzeugt, dass die Verantwortlichen für diese Tragödie zur Verantwortung gezogen werden.“ Quelle: REUTERS
Die prorussischen Kräfte hingegen warfen den ukrainischen Streitkräften den Abschuss vor. Die Boeing 777 sei nahe der Großstadt Donezk abgestürzt, sagte der selbst ernannte Premierminister der nicht anerkannten „Volksrepublik“, Alexander Borodaj. Die Aufständischen hätten keine Abwehrwaffen, um Maschinen in einer Höhe von 10.000 Metern abzuschießen. Es handele sich um eine „Provokation“ der ukrainischen Luftwaffe, sagte Borodaj. Quelle: REUTERS
Die malaysische Regierung bestätigte die Berichte über den möglichen Abschuss vorerst nicht und rief stattdessen zur Ruhe auf. „Wir haben keine Bestätigung für einen Abschuss!“, schrieb Verteidigungsminister Hishammuddin Hussein am Donnerstag auf Twitter. „Unser Militär wurde angewiesen, dies zu untersuchen.“ Quelle: REUTERS
Die Boeing 777 hatte Amsterdam um 12.15 Uhr Ortszeit verlassen und sollte am Freitagmorgen um 6.10 Uhr malaysischer Ortszeit in Kuala Lumpur ankommen. „Malaysia Airlines bestätigt, dass sie von der ukrainischen Luftraumüberwachung informiert wurde, dass der Kontakt mit Flug MH17 um 1415 (GMT) etwa 30 Kilometer vom Tamak-Wegpunkt verloren ging, etwa 50 Kilometer vor der russisch-ukrainischen Grenze“, teilte die Fluggesellschaft über Facebook mit. Quelle: REUTERS
Eine Rauchwolke steigt vom Absturzort auf. Die Lufthansa reagierte umgehend und änderte wie andere Fluggesellschaften auch ihre Flugroute nach Asien. Der ostukrainische Luftraum werde bis auf weiteres weiträumig umflogen, sagte ein Sprecher am Donnerstag in Frankfurt. Quelle: AP
Beim Flugzeugabsturz über der Ostukraine wurden nach Angaben der Fluggesellschaft Malaysia Airlines vom Freitag 298 Menschen getötet. Darunter waren 154 Niederländer, 43 Menschen aus Malaysia (einschließlich der 15 Besatzungsmitglieder und zwei Kinder), 27 Australier, 12 Indonesier (darunter ein Kind), 9 Personen aus Großbritannien, 4 Deutsche, 4 Belgier, 3 Philippiner sowie ein Kanadier. Von 41 Menschen konnte die Nationalität noch nicht festgestellt werden. Quelle: REUTERS
Außenminister Steinmeier hat nach dem mutmaßlichen Abschuss eines Passagierflugzeugs über dem Osten der Ukraine eine unabhängige internationale Untersuchung verlangt. Bei einem Besuch in Mexiko-Stadt äußerte sich Steinmeier bestürzt über den Tod von mindestens 298 Besatzungsmitgliedern und Passagieren. Quelle: dpa
Ein Berater des ukrainischen Innenministeriums sagte, das Flugzeug sei von einer Rakete abgeschossen worden, aber er legte keine Beweise dafür vor. Umgekehrt erklärte ein prorussischer Separatistenführer, er sei sich sicher, dass ukrainische Truppen den Airliner zum Absturz gebracht hätten. Aber auch er belegte seine Behauptung nicht. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko wies Anschuldigungen zurück, dass das Militär des Landes die Tragödie verursacht habe. Auch die US-Geheimdienste gehen inzwischen einem Regierungsvertreter zufolge davon aus, dass die Maschine mit einer Boden-Luft-Rakete vom Himmel geholt wurde. Wer sie abschoss, sei aber noch unklar. Unabhängige westliche Verteidigungsexperten sagten AP, dass sowohl die ukrainischen als auch die russischen Streitkräfte über die Kapazitäten verfügten, SA-17-Raketen zu starten. Diese Raketen können eine Höhe von 20 000 Metern erreichen. Es ist möglich, dass ein paar dieser Waffensysteme beim Rückzug ukrainischer Truppen in die Hände prorussischer Rebellen fielen. AP-Journalisten sahen einen Raketenwerfer ähnlich dem SA-17-System am Donnerstag nahe der ostukrainischen Stadt Snischne, die von Aufständischen kontrolliert wird. Quelle: dpa
In einer ersten Reaktion auf das Unglück übermittelte Kremlchef Wladimir Putin der malaysischen Regierung sein Beileid. Er sei traurig über die „Katastrophe über dem Territorium der Ukraine, die so viele Menschenopfer gekostet“ habe, schrieb Putin in einem am Donnerstag vom Kreml veröffentlichten Telegramm. Quelle: AP
Nach dem mutmaßlichen Abschuss eines Verkehrsflugzeugs in der Ostukraine hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) an Russland appelliert, zur Deeskalation zwischen der Ukraine und prorussischen Separatisten beizutragen. „Das zeigt, wie wichtig es wäre, dass endlich auch Russland seinen Beitrag leistet, dass die Dinge nicht weiter eskalieren“, sagte Schäuble am Freitag im Deutschlandfunk. „Es ist einfach entscheidend, dass Russland jetzt einmal seine Verantwortung auch wahrnimmt.“ Quelle: REUTERS
Malaysias Ministerpräsident Najib Razak hat eine lückenlose Aufklärung zum Absturz der Passagiermaschine MH17 gefordert. Sollte es sich um einen Abschuss gehandelt haben, müssten die Verantwortlichen bestraft werden, verlangte er in der Nacht zum Freitag in Kuala Lumpur. „Wir müssen und werden genau herausfinden, was mit diesem Flug geschehen ist. Wenn sich herausstellt, dass das Flugzeug tatsächlich abgeschossen wurde, bestehen wir darauf, dass die Täter schnell vor Gericht gestellt werden“, sagte Najib. Bei der Aufklärung werde „unter jeden Stein geschaut“, versprach er. Die Ermittlung dürfe in keiner Weise behindert werden, forderte Najib. „Ein internationales Team muss vollständigen Zugang zu der Absturzstelle bekommen.“ Es dürfe auch niemand Wrackteile oder die Black Box von dem Gelände entfernen. Quelle: dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nach dem mutmaßlichen Abschuss einer Passagiermaschine über der Ostukraine die Konfliktparteien im Land zu einer Waffenruhe aufgerufen. "Es geht jetzt darum, dass schnellstmöglich eine unabhängige Untersuchung eingeleitet wird. Dazu ist ein Waffenstillstand notwendig", sagte Merkel am Freitag bei einer Pressekonferenz in Berlin. Die Kanzlerin betonte, es sprächen sehr viele Indizien dafür, dass die Maschine abgeschossen worden sei. Die Angelegenheit müsse sehr ernst genommen werden. Auch müssten die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Merkel unterstrich, es gebe aus ihrer Sicht keine Alternative zu einer politischen Lösung. Erneut rief sie den russischen Präsidenten Wladimir Putin und die Moskauer Regierung dazu auf, einen Beitrag zu leisten, dass es zu Gesprächen zwischen beiden Seiten komme. Auch zahlreiche Staats- und Regierungschefs sowie internationale Organisationen haben eine unabhängige Untersuchung gefordert. Quelle: dpa

Doch die MAS-Serie ist die wohl tragischste. Denn das Verschwinden des Flugs MH370 im Frühjahr ist das bisher mysteriöseste Unglück der Fluggeschichte. Bis heute besteht keine Klarheit über den Ablauf und Experten erklären sich den Vorfall hinter vorgehaltener Hand an ehesten damit, dass jemand die Maschine absichtlich zum Absturz brachte, wenn auch die Gründe völlig unklar sind. Und der Abschuss von MH17 über der Ukraine ist ein noch schlimmeres Verbrechen, denn die Maschine war klar als Zivilflugzeug zu erkennen.

Vor dem Komplettumbau

Für MAS könnte die Unglücksserie das Aus in ihrer derzeitigen Gestalt bedeuten. Bereits vor den Unglücken schrieb die Linie mehrere Jahre lang Verlust. Nun sinken die Buchungen weiter und es gibt Berichte, nach denen der bisherige Mehrheitseigentümer - ein Staatsfonds der malaysischen Regierung - die Linie von der Börse nehmen und komplett umbauen könnte.

Das wäre das unrühmliche Ende eines Vorzeigeunternehmens. Immerhin gehört die Linie vom Service her zu den besten der Welt. Sie trägt neben Top-Namen wie Singapore Airlines, Cathay Pacific aus Hongkong oder der japanischen ANA als eine von lediglich sieben Airlines weltweit die 5-Star-Wertung des Marktforschungsinstituts Skytrax aus Großbritannien. Besonders der Umsteigeservice und die Lounges am Drehkreuz Kuala Lumpur gelten als vorbildlich.

Malaysia-Airlines kämpft gegen Folgen der Flugkatastrophen

Doch so sehr die aktuellen Katastrophen die Linie auch in Bedrängnis bringen und zur Trauer mahnen: Nicht zuletzt die Tatsache, dass MAS in den vergangenen zehn Jahren fünf Chefs verschlissen hat, zeigt die tiefe Misere. Die Linie ist im Wettbewerb mit überlegenen Konkurrenten zu schnell gewachsen, hat das Kerngeschäft aus den Augen verloren und nicht zuletzt aus Rücksicht auf die Politik ihres Heimatlandes die Kosten nicht ausreichend gedrückt. Damit erinnert MAS an die Probleme der großen europäischen Airlines wie Lufthansa oder British Airways.

Harte Konkurrenz

Erstes Problem von MAS ist die extrem harte Konkurrenz. MAS leidet auf kürzeren Strecken unter Billigfliegern und auf der Langstrecke unter wirtschaftlich effizienteren Fluglinien wie Singapore Airlines, den Golflinien - und dem erfolgreichsten Langstrecken-Billigflieger Air Asia X.

Dabei ist der Wettbewerb noch härter als in Europa. British Airways hatte die Billigkonkurrenz in ihrer Heimstadt London nicht am eigenen Flughafen Heathrow, sondern zunächst nur an den schlechter und teurer erreichbaren Flughäfen Stansted und Luton. Lufthansa hat am Heimatflughafen Frankfurt keine und am Zweitairport München nur begrenzte Discountkonkurrenz.

MAS hingegen fliegt seit etwa zehn Jahren im eigenen Drehkreuz Kuala Lumpur gegen Air Asia. Bei dem Billigflieger liegen die Kosten noch rund ein Viertel unter denen von Geizmeister Ryanair. Und Air Asia bekämpfte MAS nicht nur im Regionalverkehr, sondern auch auf der Langstrecke mit dem Interkontinental-Ableger Air Asia X, der vor allem bei preissensiblen Touristen punktete.

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