Mayrhuber doch Aufsichtsrats-Chef Überraschende Wende bei der Lufthansa

Der ehemalige Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber ist trotz erheblicher Kritik einzelner Investoren an die Spitze des Aufsichtsrats der Airline gewählt worden. Allerdings mit dem schwächsten Ergebnis aller vorgeschlagenen Vertreter.

Wolfgang Mayrhuber wird nun doch Aufsichtsrats-Chef der Lufthansa. Quelle: REUTERS

Überraschungen gehören in der Regel nicht zum Standard-Repertoire der Deutschen Lufthansa. Doch nun gelangen dem nach Umsatz weltgrößten Luftfahrtunternehmen gleich zwei. Zuerst verzichtete Montag früh Wolfgang Mayrhuber darauf, wie seit praktisch zwei Jahren angekündigt neue Aufsichtsratschef zu werden. Nur wenige Minuten später machte er die Sache wieder rückgängig. Für den plötzlichen Sinneswandel sorgte nicht etwa Mayrhubers Wankelmütigkeit, sondern die offenbar ungenügende Kenntnis derer, die gegen seine Berufung waren. Am vergangenen Wochenende hatte die Organisation Institutional Shareholder Services (ISS) – einer Beratung für Fondsgesellschaften und andere institutionelle Investoren -  mehrere Fonds wie Union Investment und Templeton davon überzeugt, dass Mayrhuber durch zu viele andere Aufsichtsämter abgelenkt wäre und als Vorgänger des heutigen Konzernchefs Christoph Franz trotz einer zweijährigen Abkühlungsperiode zu wenig Distanz zum Unternehmen habe. Da nun Mayrhuber nur mit gut der Hälfte aller Stimmen rechnen konnten, verzichtete er lieber auf den Posten.

Was die Billigflieger Lufthansa & Co. voraus haben
LufthansaHohe Betriebskosten: 6 Cent/Kilometer und Passagier - so teuer transportiert keine andere Airline ihre Fluggäste. Geringe Gewinnmarge: Mit einem Anteil von mageren 4,2 Prozent wirft das Geschäft bei der deutschen Traditionsairline deutlich weniger Gewinn ab, als bei der Konkurrenz Ryanair (16,9 Prozent) oder Emirates (10,2 Prozent). Lufthansa fliegt auf den sechsten von sieben möglichen Plätzen. Zu hohe Personalkosten: Ein Viertel aller Kosten entfallen bei der Lufthansa auf das Personal - damit liegt die Kranichlinie gleich auf mit der British Airways. Doch Emirates, Easyjet und Ryanair wenden mit einem Anteil von 11 bis 13 Prozent deutlich weniger für ihre Flugbegleiter und Piloten auf. Kaum Umsätze außerhalb des Ticketverkaufs: Nur drei Prozent Umsatz generiert die Lufthansa mit Geschäft neben dem Ticketverkauf. Ein mageres Zubrot. Billigflieger wie Easyjet oder Spirit aus den USA machen ein Fünftel bis ein Drittel ihrer Umsätze mit Angeboten fern der Tickets. Zu abhängig vom Heimatmarkt: Ein dicker Minuspunkt für die Lufthansa. Sie macht 47 Prozent ihres Umsatz im Heimatmarkt Europa. Während Konkurrent Emirates deutlich unabhängiger durch die Welt jettet: Nur 21 Prozent entfallen auf Ziele im Nahen Osten/Westasien/Indischer Ozean, 28 Prozent auf Europa, weiter 30 auf Fernost und Australien. Quelle: Exklusivstudie der Unternehmensberatung A.T. Kearney für die WirtschaftsWoche Quelle: dpa
Air FranceBetriebskosten: 5,2 Cent/km. Damit belegt die Air France im Vergleich den sieben Airlines den sechsten Platz. Nur die Lufthansa produziert noch mehr Kosten. Personalkosten: Bei keiner anderen Fluggesellschaft ist der Anteil der Personalkosten an den operativen Kosten so hoch wie bei der Air France-KLM: volle 30 Prozent. Gewinnmarge: Auch in dieser Kategorie fliegen die Franzosen den Mitbewerbern hinterher. Mit einer durchschnittlichen Gewinnmarge vor Steuern und Zinsen von 1,8 Prozent belegen sie den letzten Platz im Ranking. Immerhin liegen sie damit noch über dem Branchenschnitt von 0,9 Prozent. Quelle: dapd
EmiratesGeringe Betriebskosten: 3 Cent/Kilometer und Passagier Geringe Personalkosten: Mit einem Anteil von 13 Prozent an den operativen Kosten sind sie nur halb so hoch wie bei der Lufthansa. Starker Flottenausbau: Die Lufthansa bleibt der Flotte zurück, während die Emirates die Flotte bis 2018 auf weit über 300 Langstreckenflieger ausbauen will, bleibt die Lufthansa bei gut 200 Flugzeugen anschaffen. Dadurch wachsen sie deutlich stärker und bieten ihren Kunden an Bord modernsten Komfort. Einzige Schwäche - Zusatzerlöse: Der Anteil der Umsätze, die Emirates neben dem Ticketverkauf macht, liegt bei nur zwei Prozent. Unabhängig vom Heimatmarkt: Nur 20 Prozent ihres Umsatzes macht die Fluglinie aus den Emiraten rund um den persischen Golf. Sie haben sich das Recht gesichert, in fast alle Länder fliegen zu dürfen. Hohe Gewinnmarge: Stolze 10,2 Prozent- nur Ryanair ist noch besser. Quelle: REUTERS
British Airways Sinkende Betriebskosten auch bei British Airways 4,2 Cent pro Kilometer zahlt das britische Unternehmen pro Fluggast. Bereits 2007 waren die Betriebskosten zwischenzeitlich auf diesem Niveau, stiegen dann aber wieder an. British Airways hat genauso hohe Personalkosten wie die Lufthansa. Rund ein Viertel der operativen Kosten werden dafür angewendet. Allerdings ist die Gewinnmarge um 1,2 Prozent höher und liegt damit bei 5,7 Prozent. Quelle: REUTERS
Easy Jet Easy Jet ist einer der Gewinner unter den Fluglinien. Allerdings ging es mit den Betriebskosten in den vergangenen zehn Jahren auf und ab. Während sie 2002 noch 5,6 Cent betrugen, betragen sie heute nur noch 3,9 Cent. Der niedrigste Wert wurde bislang 2008 mit 3,5 Cent erreicht. Gemeinsam mit Ryanair macht sie knapp ein Viertel ihres Umsatzes außerhalb des Ticketverkaufs. Die Personalkosten machen lediglich 13 Prozent aus. Das ist einer der niedrigsten Werte im Vergleich mit den anderen Fluglinien. Die durchschnittliche Gewinnmarge liegt bei 6,4 Prozent, der niedrigste Wert unter den Billigfluglinien. Quelle: dpa
RyanairDie irische Fluglinie Ryanair scheint in vielen Kategorien der Gewinner zu sein: Die Betriebskosten liegen mit 1,9 Cent pro Kilometer besonders niedrig. Erstaunlich ist, dass diese niedrigen Kosten in den vergangenen zehn Jahren stetig weiter gesunken sind und schon damals weit unter dem Niveau lagen, an dem einige Fluglinien heute kratzen. Besonders niedrig sind auch die Personalkosten, die lediglich 11 Prozent der operativen Kosten ausmachen. Umso höher ist der Anteil der Umsätze, die neben dem Ticketverkauf gemacht werden. Sie liegen bei 21 Prozent und damit auf dem Niveau von Easyjet. Absoluter Spitzenreiter ist Ryanair bei der Gewinnmarge: 16,8 Prozent. Im innereuropäischen Flugverkehr besetzt Ryanair bereits fast 20 Prozent des Marktes, die Lufthansa dagegen nur 13 Prozent. Quelle: dpa
Turkish AirlineIm Laufe der vergangenen zehn Jahre hat Turkish Airline seine Betriebskosten stetig gesenkt und liegt mittlerweile bei 3,7 Cent pro Passagier und Kilometer. Die durchschnittliche Gewinnmarge liegt bei 8,0 Prozent. Quelle: REUTERS

Doch nach längeren Verhandlungen mit ISS und anderen Investoren wurde offenbar klar, dass ISS ihre Einschätzung ohne ausreichende Kenntnis des deutschen Unternehmensrechts getroffen hat. Wie ein Insider erklärt, ist die in den USA beheimatete Organisation davon ausgegangen, dass deutsche Unternehmen wie in den USA nicht von den zwei Gremien Vorstand und einem getrennten Aufsichtsrat geführt werden, sondern von einem einzigen Board aus Topmanagern des Unternehmens und externen Aufsehern.

Laienhafte und rufschädigende Aktion

Bei dem US-System hat der Chairman oft eine große operative Macht und kann direkt in die operative Unternehmensführung eingreifen. Das ist jedoch in deutschen Aktiengesellschaften anders. Da hat zwar der Aufsichtsratschef oft ein eigenes Büro neben dem Vorstand. Doch seine Macht ist eher informell und er kann nicht direkt in den Alltag eingreifen.

Das war der ISS offenbar nicht bekannt. Diese vorsichtig ausgedrückt etwas laienhafte Herangehensweise ist nicht nur peinlich für die Organisation – und ein wenig auch für die Fonds, die ihr gefolgt sind. Sie schadet in Zukunft auch dem Ruf der ISS und einer an sich positiven Sache: den Interessen der Aktionäre bei einem Unternehmen gegen das Management mehr Einfluss zu verschaffen und einer Verfilzung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat entgegen zu wirken, gemäß dem Bonmot des Satirikers Kurt Tucholsky: Der Aufsichtsrat rät, was er zu beaufsichtigen hat. Für die Lufthansa ist die Lösung des Problems in letzter Minute zunächst eine gute Nachricht. Denn nun bekommt sie nicht wie befürchtet einen geschwächten und weniger sachkundigen Chefaufseher, sondern den erfahrenen Unternehmens- und Branchenkenner Mayrhuber.

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