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Medien Verlage machen einen Bogen um Google

Apps von Zeitungen und Magazinen auf dem iPad boomen. Warum kommt das Geschäft bei Android-Tablets nicht voran?

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Ein Mann hält ein Tablet mit Googles Betriebssystem Android in der Hand Quelle: dapd

Als Mathias Döpfner 2010 in der US-Talkshow „Charlie Rose“ auftritt, entschlüpft dem Chef des Axel Springer Verlags anlässlich der Premiere von Apples iPad ein Satz, der es zu Weltruhm schafft: „Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet.“ Zwei Jahre später gibt es tatsächlich eine digitale Zeitschriften- und Zeitungslandschaft. Ob „Spiegel“ oder „Stern“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ oder WirtschaftsWoche – die Zahl der Blätter, die der Leser auf dem iPad konsumieren kann, wenn er bezahlt, wächst rasant. Inzwischen erwirtschaftet der iPad-eigene Zeitungskiosk laut Marktforscher Distimo in den USA täglich 70.000 Dollar – Werbeerlöse nicht eingeschlossen. In Deutschland schaffen es mit „Welt“ und „Bild“ zwei Zeitungen unter die zehn umsatzstärksten Apps bei Apple.

Fehlende Konkurrenz

„Ich habe keine Zweifel: Das Tablet ist ein Papierkiller“, sagt Lukas Kircher, dessen Agentur KircherBurkhardt gedruckte Publikationen wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ oder die heutige „taz“ entworfen hat. Mit Tablets können Verleger Papier-, Druck- und Vertriebskosten einsparen, die zurzeit rund ein Drittel der Produktkosten ausmachen.

Tatsächlich aber ist die Stimmung bei den Verlagen verhalten. Es hapert an der Technik. Denn anders als erhofft haben es der Suchriese Google mit seinem Betriebssystem Android und Hardwarehersteller wie Samsung nicht geschafft, ein dem iPad ebenbürtiges Tablet auf den Markt zu bringen und so das junge Geschäft zu befeuern. Gleichzeitig scheiterte Blackberry-Hersteller Research In Motion mit seinem Plan, eine iPad-Alternative zu etablieren. HP gab die Entwicklung am Tablet-Betriebssystem WebOS auf. Microsoft hinkt mit seinem mobilen Windows hinterher. Nur Web-Riese Amazon schafft mit dem Tablet Kindle Fire in Amerika einen Achtungserfolg.

Ein baldiger Durchbruch der Android-Tablets als Lesegerät für Zeitungen und Zeitschriften ist nicht in Sicht. Zwar will der Riese Google, der neben seiner Suchmaschine neue Geschäftsfelder sucht, nach der Akquisition von Motorola erstmals einen eigenen Tablet-Rechner auf den Markt bringen, statt nur auf Sony oder Samsung zu setzen. Doch ein Hauptproblem von Android bleibt: Der Aufwand für App-Hersteller und Verlage ist deutlich größer als beim iPad, wollen sie von Aussehen und Bedienung akzeptable Produkte auf die Geräte bringen.

Wirrwar für Entwickler

Die Android-Geräte unterscheiden sich zum Teil so massiv, dass Software auf dem einen Gerät funktioniert, auf dem anderen nicht. Schwierig macht es ihnen vor allem Googles Strategie, Hardwareanbietern freie Hand zu lassen, was sie mit dem Betriebssystem anstellen. Entstanden ist ein Zoo aus verschiedenen Displaygrößen und Softwareversionen, der für viele Entwickler kaum beherrschbar ist.

„Es gibt Geräte, die die Hersteller mit der völlig veralteten Android-Version 2 ausliefern. Die eignen sich nicht, um Zeitschriften oder Zeitungen anzuzeigen“, sagt Ingo Eichel. Er verantwortet beim Softwarehersteller Adobe in Deutschland die Digital Publishing Suite, die zurzeit weltweit erfolgreichste Software zur Erstellung von Zeitungen und Zeitschriften für das iPad.

Anti-Gratis-Look

eBücher ohne Blättern
Kindle Fire Quelle: Presse
Amazon Kindle Quelle: Presse
Oyo Reader Quelle: Presse
Apple iPad 2 Quelle: Presse
Story iRiver Quelle: Presse
Sony Reader WiFi Quelle: Presse

Folge des Wirrwarrs: Die Verlage warten ab, bis Android-Tablets den großen Durchbruch schaffen. „Ihnen fehlt das Vertrauen in die Verbreitung der Android-Geräte. Daher scheuen sie zurzeit hohe Investitionen“, sagt Zeitungsdesigner Kircher.

Denn die meisten Verlage gestalten ihre iPad-Ausgaben nach demselben Prinzip wie ihre gedruckten Ausgaben. Auch wenn sie anders aussehen, interaktive Inhalte bieten, am Ende sitzt jeder Buchstabe dort, wo der Grafiker ihn hinsetzt – eine jahrhundertealte Arbeitsweise. Das aber funktioniert nur, wenn Hersteller sich wie Apple an feste Displaygrößen halten. Um aber Zeitungs- und Zeitschriften-Apps auf verschieden großen Displays anzeigen zu können, braucht es neue Techniken und Arbeitsweisen. Das Design muss sich flexibel an Display-Maße anpassen, ohne wie eine schnöde Internet-Seite auszusehen: „Man muss vom Web weg designen, denn das steht für Kostenlosmentalität“, so Kircher. „Die App muss anti-gratis aussehen.“

Fehlende Programmierer

Zwar arbeitet Adobe als Redaktionsausstatter bereits an einer Lösung. Doch bis zur Marktreife dauert es, zumal es der Konzern nicht eilig hat: „Wenn Verlage unser System kaufen, ist ihnen die Android-Fähigkeit zwar wichtig. Wenn der Vertrag aber unterzeichnet ist, wollen sie nur iPad, iPad, iPad“, sagt Adobe-Mann Eichel. Die Entwicklung für WebOS und Blackberry hat Adobe gestoppt.

Springer etwa biete bereits Apps für Android an, etwa von „Bild“ oder „Auto Bild“, berichtet Georg Konjovic, der das Tablet-Geschäft im Verlag verantwortet. Allerdings sei die Gerätedichte bei Apple höher, „das erleichtert uns, attraktive Produkte mit einem einfachen Bezahlmodell anzubieten“. Erschwerend kommt hinzu, dass es an Android-Programmierern mangelt.

Manch Verlagsmanager hofft nun, dass Google seine alte Strategie über Bord wirft und den Tablet-Herstellern strengere Vorgaben macht, wenn sie Android in ihren Geräten einsetzen wollen. An eine schnelle Änderung glaubt aber kaum jemand. So muss eine gemeinsame Lösung her: „Der Markt ist so jung, da müssen sich alle Seiten bewegen“, sagt Adobe-Mann Eichel. Google müsste für Standards sorgen, Adobe seine Software verbessern, und die Verlage kommen nicht umhin, zu investieren.

Amazon ist nicht zu stoppen

Während Google & Co. nicht von der Stelle kommen, setzt Amazon Apple nach. Zwar basiert auch das Tablet Kindle Fire auf dem Betriebssystem Android. Das aber wurde von Amazon-Ingenieuren bis zur Unkenntlichkeit aufgebohrt, sodass es praktisch ein eigenständiges Betriebssystem ist. Amazon betreibt gar einen eigenen App-Store. In den USA zum Kampfpreis von 199 Dollar angeboten, hat sich der Fire allein vor Weihnachten sechs Millionen mal verkauft.

Mit Condé Nast schloss Amazon im November einen Deal: Demnach bietet der Verlag 17 Blätter, darunter „Wired“ und „The New Yorker“, im Kindle-Fire-Zeitungskiosk an – ganz nach iPad-Manier. Das Gerät bringt Bewegung in den Markt.

In Arbeit
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Nun hoffen die Verlage, dass Amazon den Kindle Fire bald in Deutschland einführt. „Wir hoffen, dass Tablets rasch den Durchbruch zum echten Massenmarkt schaffen, und wünschen uns dabei möglichst viel Wettbewerb zwischen den Anbietern“, sagt Springer-Manager Konjovic. Denn mit Google, Apple und Amazon als gleichstarke Spieler dürfte die Macht Apples abnehmen. Den Verlegern ist vor allem ein Dorn im Auge, dass Apple nach wie vor 30 Prozent vom Umsatz auf dem iPad einkassiert. Ihre Erwartung: Stärkerer Wettbewerb wird mehr Geld bei den Verlagen lassen.

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