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Mediennutzung

Fernsehen? So was von gestern!

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Journalismus wird zum Informationshybrid

Die meistgeklauten TV-Serien des Jahres
Serien gehören zu den beliebtesten illegalen Downloads auf P2P-Plattformen. Die Experten von Torrentfreak haben das Downloadverhalten untersucht und sind zu interessanten Ergebnissen gekommen. Ermittelt wurden sowohl die Internet- als auch die Fernsehzuschauerzahlen der jeweiligen Top-Episoden einer Serie. Quelle: dpa
Platz 10: Revolution Quelle: dapd
Platz 9: Fringe – Grenzfälle des FBI Quelle: obs
Platz 8: Dr. House Quelle: dapd
Platz 7: Homeland Quelle: Showtime
Platz 6: The Walking Dead Quelle: dapd
Platz 5: Breaking Bad Quelle: dapd


Wenn aber das Fernsehen der Zukunft keine Plattform mehr für programmierte Filme und Serien sein wird – was bleibt dann noch? Die 20-Uhr-Nachrichten? Recherchestarke Politikmagazine wie „Monitor“? Oder wenigstens die beliebten Talk-Show-Formate? Wohl kaum. Frische, nachrichtengetriebene Bewegtbilder von den Brennpunkten der Welt sind bereits heute im Netz erhältlich – garniert noch dazu mit Grafiken, Texten und allerhand Zusatzinformationen. Das Journalismus-Geschäft der Zukunft wird keine klassische Drei- bis Vierteilung (Fernsehen, Radio, Print, Internet) mehr kennen, sondern ein Informationshybrid sein, der das Beste aller Genres kreuzt und kombiniert – und einkanalig, auf einem vernetzten Tablet-Computer etwa, vertreibt.
Bereits heute arbeiten Teams von NDR und „Süddeutscher Zeitung“ zusammen, teasern Print-Redakteure filmisch ihre Essays an, twittern Funkredakteure laufend News in den Orbit. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass auch die WirtschaftsWoche in zwanzig Jahren Hausherrin einer Talk-Show ist, in der wöchentlich Gäste zur Euro-Krise oder Rentenreform befragt werden und dass umgekehrt ARD und ZDF ein Heer von Redakteuren und Grafikern beschäftigen, um ihr Tablet-Angebot mit Analysen bereichern zu können. Bleibt als Kerngeschäft des Fernsehens nur noch: Sport und Bullshit-Unterhaltung. Weil Fußball-Spiele mit dem Schlusspfiff buchstäblich gelaufen sind. Und sich kein Mensch mehr eine Schlag-den-Raab-Sendung ansieht, die eine Woche alt ist. Kurzum, das Fernsehen der Zukunft ist entweder eventaffirmativ, superstarlastig und live - oder tot.
Daran gibt es nichts zu bejammern. Sicher, man kann beklagen, dass die Digitalisierung der Medienwelt zu ihrer Beschleunigung beigetragen hat: Das jedermann Ersichtliche wird heute vielhundertfach in Echtzeit hinaus posaunt: Der Journalist verkommt zum Simultanten einer Gegenwart, die er völlig unabhängig von ihren Inhalten nachrichtenflüssig begleitet, zum Cheftautologen einer Welt, deren Neuigkeiten an ihm so ersichtlich wie an jedem anderen auch vorüberziehen - zum Fließbandnotar der Begebnisse, zu deren augenblicklicher Bezeugung er sein Geld verdient. Das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, fällt unter dem Primat der Schnelligkeit und Eskalation naturgemäß immer schwerer – und die größte Medienkompetenz hat heute ganz gewiss der, der die Kraft aufbringt, sich für bestimmte Dinge nicht zu interessieren.
Andererseits ist dieser Hochgeschwindigkeitsjournalismus, der sich analog zu Hochgeschwindigkeitshandel an den Börsen verselbständigt, indem er nicht mehr die Realität bearbeitet, sondern die Bearbeitung selbst zum Thema erhebt, nur die Potenz dessen, woran der Journalismus auch schon vor zwanzig Jahren krankte: Dass heute massenhaft Redakteure dafür bezahlt werden, Dutzende von „News-Tickern“ zum, sagen wir: Hoeneß-Prozess mit Inhalt zu füllen, ist in etwa so verschwenderisch und anspruchslos wie die Begutachtung eines 1:0-Erfolgs von Eintracht Frankfurt gegen Borussia Mönchengladbach durch 50 Sportredakteure.
Und – was folgt daraus? Nun, das Mediengeschäft der Zukunft wird, wie die übrige Konsumwelt auch, zerfallen in ein anspruchsloses Massengeschäft und in einen anspruchsvollen Premiumsektor. Im Massengeschäft wird ein ruinöser Wettbewerb um Marktanteile herrschen – und es kann sein, dass das traditionelle Fernsehen hier einen Startvorteil hat, weil es seine Unterhaltungsangebote (Fußball, Raab) mit der simultanen, oberflächlichen News-Bearbeitung vortrefflich kurzschließen kann. Schließlich weisen schon heute die Nachrichten-Anchor des ZDF jeden Zuschauer, der sich wirklich für die das Weltgeschehen interessiert, auf „weitere Informationen im Internet“ hin – ganz so, als habe man sich vom Anspruch auf Informationsvermittlung beim Fernsehen schon heimlich, still und leise verabschiedet. Tatsächlich rauscht ein durchschnittliches „heute-journal“ an einem bereits fast genauso so folgenlos vorbei wie die Rosmunde-Pilcher-Verfilmung, die ihm vorausgeht oder folgt.
Freilich, ausgemacht ist der Sieg des Fernsehens auf dem Gebiet des Massengeschäfts nicht. Viele Verlage zum Beispiel mühen sich nach Kräften, ihre (immer noch) defizitären Internetseiten in den einschlägigen Rankings auf Rang 34 bis 39 zu halten – und suchen mit schieren Massen eilig verfasster Texte zu punkten, von denen die meisten früher gar keine Chance gehabt hätten, publiziert zu werden (Dieser Text hier, den Sie gerade lesen, gehört übriges dazu). Will sagen: Was die Verlage früher veröffentlichten, war sorgfältig ausgewählt, weshalb viele lesenswerte Stücke auf der Strecke blieben. Was die Verlage heute veröffentlichen, ist nicht mehr ganz so sorgfältig ausgewählt, weshalb auch die überflüssigsten Stücke nicht auf der Strecke bleiben. Die Revolution der Medienlandschaft lässt sich daher in einen einzigen Satz zusammenfassen: Früher brauchten Medien für ihre Inhalte Vertriebskanäle – das war Newswirtschaft unter Knappheitsbedingungen. Heute brauchen Medien für ihre Vertriebskanäle Inhalte – das ist Newswirtschaft unter Überflussbedingungen.

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Für die Verlage heißt das: Entweder Marktanteile im Massengeschäft gewinnen und Wettbewerber aus dem Markt drängen – oder Überkapazitäten abbauen und in den Aufbau einer Premiummarke investieren, das heißt: in Zeit und Qualität, Besinnung und Reflexivität. Der Markt dafür mag klein sein, aber hier sind Gewinne der Zukunft zu verteilen. Was der informierte, selbstbestimmte, sich vom Diktat der Programmgestaltung und des beiläufigen Nachrichtenflusses emanzipierende Medienkunde durch Streaming-Dienste für Filme und Musik an Zapping-Zeit und Kinogeld spart, ist er ganz bestimmt bereit, für ausgewählte Informationsgehalte zu bezahlen. Eine Flatrate für Musik, eine Flatrate für Filme, aufladbare Bücher und ein, zwei maßgeschneiderte Informationsabos aus dem Angebot der Medienhäuser – so sieht die individuelle Mediennutzung der Zukunft aus. Der Rest ist Rauschen.

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