Medienskandal Blutbad bei der BBC

Der Generaldirektor des Traditionssenders BBC ist wegen eines irreführenden Berichts über Kindesmissbrauch zurückgetreten. Die Medienkrise erfasst damit eine der renommiertesten Institutionen Großbritanniens.

Tiefer Schock und giftige Häme - so lassen sich die Reaktionen auf den Rücktritt von George Entwistle zusammenfassen, der am Samstagabend völlig überraschend seinen Abschied vom Amt des BBC Generaldirektors bekannt gab. Damit eskalierte eine Krise um Kindesmissbrauch, Inkompetenz und fragwürdige redaktionelle Entscheidungen, die den Traditionssender in den letzten Wochen ins Wanken gebracht hatte.   

"Blutbad bei der BBC" titelte das konservative Boulevardblatt "Mail on Sunday". Die "Sun" , das Revolverblatt des Verlegers Rupert Murdoch, quittierte den Abschied Entwistles nach nur zwei Monaten mit der Schlagzeile "Bye, Bye,  Chump" - auf Deutsch: "Auf Wiedersehen Trottel".

Insider gehen davon aus, dass bis zu sechs weitere hochrangige Mitarbeiter des Senders gehen müssen. "Die BBC gleicht einem Schiff ohne Kapitän, das auf Felsen  zusteuert", warnt Johnathan Dimbleby, einer der angesehensten Moderatoren des Senders.

BBC-Chef stolpert über falschen TV-Beitrag

Der Vorfall stürzt die BBC, eine der angesehensten Institutionen Großbritanniens, in die schwerste Krise ihrer 90-Jährigen Geschichte. Am Sonntag forderte  Chris Patten, der Chef des BBC-Trust - der dem deutschen Rundfunkrat entspricht - eine "tiefgreifende, strukturelle und radikale" Reform der öffentlich-rechtlichen Anstalt.

Die Ereignisse der verangenen Tage werfen erneut ein Schlaglicht auf die ernsten Mißstände in den Medien des Vereinigten Königreichs, die erst kürzlich vom Skandal um die Telefonabhöraffäre  bei den Murdoch-Blättern erschüttert worden waren. Lordrichter Leveson, der derzeit im Auftrag der Regierung die dubiosen Machenschaften im Teilen des britischen Journalismus untersucht, will noch vor Ende November Empfehlungen für die künftige Presse-Aufsicht vorlegen.

Der Rücktritt Entwistles nach nur zwei Monaten ist nur der vorläufige Höhepunkt einer Reihe von dramatischen Ereignissen, die die BBC und "Newsnight" - das seriöse und renommierte Nachrichtenmagazin im Spätabendprogramm (die Sendung ist in etwa vergeichbar mit den Tagesthemen) - in den vergangenen Wochen erschütterten. In einer Newsnight-Sendung  hatte ein mutmaßliches Opfer von Kindesmissbrauch angegeben, es sei von einem bekannten Mitglied der konservativen Partei missbraucht worden.

Zwar wurde der Name des Politikers in dem Beitrag, der sich um Missbrauchsfälle in Wales in den 1970er und 1980er Jahren drehte, nicht genannt. Im Internet und vor allem auf Twitter kursierten aber später Gerüchte, die sich auf den Politiker Lord McAlpine, einen ehemaligen Schatzmeister der Partei in den Thatcher-Jahren, konzentrierten.  

McAlpine sah sich angesichts der Hexenjagd im Cyberspace schließlich gezwungen, gegen den öffentlichen Rufmord vorzugehen: er wies den Vorwurf am Freitag entschieden zurück und drohte mit einer Klage. Der in "Newsnight" zitierte Zeuge räumte daraufhin ein, dass er sich bei der Identität seines Peinigers geirrt habe und entschuldigte sich wie auch die BBC bei dem Politiker. Zu spät: Kritiker werfen dem Nachrichtenmagazin vor "unakzeptabel" gehandelt und "schäbigen Journalismus" praktiziert zu haben.

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