Mehr Daten - mehr Geld "Springer wird zur Vertriebsmaschine"

Mit dem Verkauf von Regionalzeitungen und den TV- und Frauenzeitschriften für fast eine Milliarde Euro an die WAZ-Gruppe treibt Vorstandschef Mathias Döpfner seine Strategie voran: Er schmiedet aus dem "Bild"-Konzern eine digitale Vertriebsmaschine, in der Journalismus nur noch ein Zahnrädchen von vielen ist. Leser will er künftig stärker zu Kasse bitten – mit Geld und mit ihren Daten.

Springer-Chef Mathias Döpfner baut den Verlag konsequent um, Redaktionen werden kostensparend zusammengelegt Quelle: Reuters

Palo Alto, ein Mittwoch im Juli, 10.30 Uhr. Cheflobbyist Christoph Keese steht auf dem Rasen vor einem Vier-Zimmer-Häuschen mit Mahagoni-Parkett an der Cowper Street – Springers Brückenkopf ins Silicon Valley. Keese hat das Telefon am Ohr, die Telefonkonferenz mit der Zentrale in Berlin läuft noch. Er trägt zur Jeans ein weißes, bis zur Brust aufgeknöpftes Abercrombie & Fitch-Hemd, ist glatt rasiert. Kein Kapuzenpulli oder Zottelbart, wie sie Valley-Vorgänger und "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann während seiner neun Monate sprießen ließ – für die Nerd-Werdung bleibt kaum Zeit. Diekmanns Nachfolger, die Vorstandschef Mathias Döpfner im Wechsel entsendet, preschen in drei Monaten durchs High-Tech-Tal. "Wir schicken Leute her, die das Digitalgeschäft bereits vorantreiben", sagt Keese, "das ist kein Grundkurs Internet."

Redakteure in Schockstarre

Hamburg, Donnerstag vergangener Woche, 9.30 Uhr. Draußen scheint die Sonne. Im Großraumbüro des "Hamburger Abendblatts" im 7. Stock des Springer-Hauses an der Kaiser-Wilhelm-Straße treffen sich die Redakteure zur Morgenkonferenz. Nur wenige Frühaufsteher haben in ihrem E-Mail-Postfach die Betreff-Zeile "Aktuelle Informationen / Einladung zu Informationsveranstaltungen" bemerkt. Gelesen hat die Mail offenbar noch niemand, denn die Bombe platzt erst kurz nach Konferenzbeginn, als ein verspäteter Kollege hereinstürzt: "Wir werden verkauft."

Besser und kürzer kann man die Stimmung der Beschäftigten bei "Abendblatt", "Berliner Morgenpost", "Hörzu" und den anderen zum Verkauf an die WAZ-Gruppe vorgesehenen Springer-Titeln nicht beschreiben. Die Nachricht löst Schockstarre aus, gestandene Redakteure kämpfen mit den Tränen, "alle sind in Panik", sagt einer aus der "Abendblatt"-Lokalredaktion. "Bei jeder Gelegenheit wurde betont, dass der Springer Verlag wie eine Familie sei", schimpft ein Kollege von der "Morgenpost", "alles verlogenes Geschwätz, wir fühlen uns verraten, verkauft und im Stich gelassen, regelrecht verarscht."

Die Wurzeln werden gekappt

8912 Kilometer Luftlinie trennen Hamburg von Palo Alto. Und dennoch hängen die Geschehnisse an den beiden Orten eng zusammen. Der Verkauf der zwei Regionalzeitungen und sieben TV- und Frauenzeitschriften für 920 Millionen Euro, der noch vom Kartellamt abgesegnet werden muss, ist eine logische Konsequenz aus Döpfners Strategie: Der selbst ernannte "Leitwolf der Digitalisierung" formt aus Springer einen digitalen Vertriebsriesen, in dem Journalismus nur noch ein Zahnrädchen von vielen ist. Die Leser will er künftig stärker zur Kasse bitten – mit Geld und mit ihren Daten.

Diese Springer-Titel gehören bald der Funke-Gruppe

Für den neuen Kurs kappt Döpfner sogar die Wurzeln des Verlags: Die 1898 gegründete "Berliner Morgenpost" war einst Teil des Ullstein-Verlags, den Axel Springer 1959 kaufte. Er selbst hatte mit der "Hörzu" (1946) und dem "Hamburger Abendblatt" (1948) den Grundstein für sein Medienreich gelegt. "Es ist einfach nur traurig", twitterte am Donnerstag der ehemalige "Abendblatt"-Volontär Lars Moritz Zühlke. "Puh", schnaufte Jan-Eric Peters, Chefredakteur der Welt-Gruppe, ebenfalls via Twitter. "Aber strategisch goldrichtig." Die Börse jubelte jedenfalls: Der Kurs der Springer-Aktie schoss am Donnerstag um bis zu 15 Prozent in die Höhe.

Nicht erst seit Diekmanns Valley-Exkursion ist man im Konzern fasziniert von den Datensammlern in Kalifornien und ihren Fähigkeiten, Informationen über Nutzer zu vernetzen, sie miteinander zu verbinden und am Ende der Kette jemandem etwas zu verkaufen: eine Zeitung, Turnschuhe, eine Reise oder ein Haus – und Werbekontakte an Unternehmen.

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