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Mehr Pakete, aber weniger Geschäft Jetzt hat es auch die Deutsche Post erwischt

Deutsche Post: Jetzt hat die Coronakrise auch die Post erwischt Quelle: imago images

Die Deutsche Post DHL hat ihre Gewinnprognose kassiert und will Kosten runterfahren. 4000 Mitarbeiter sollen in Kurzarbeit. Nur in einem Bereich profitiert der Konzern: Im Paketgeschäft herrscht Weihnachten.

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Die erste Nachricht des Tages aus Bonn war keine gute: Die Deutsche Post DHL plant Kurzarbeit in einigen Tochterfirmen. Doch Vorstandschef Frank Appel hat auch eine gute Nachricht: Die Deutschen bestellen fleißig Pakete. „Wir haben aktuell ein Wachstum und Volumina wie wir sie in der Vorweihnachtszeit typischerweise sehen“, so Appel. Und vielleicht könnten auch einige Mitarbeiter der Tochterfirmen, in denen nun die Arbeitszeit gekürzt wird, Pakete verteilen. Dann bekämen die Beschäftigten auch Lohn statt Kurzarbeitergeld, „auch wenn wir Vereinbarungen haben“, sagt Appel. Sogar nach externen Kräften werde gesucht, um die Paketmengen zu bewältigen.

Für die meisten Beschäftigten ist das ein eher schwacher Trost. Trotz Boom im Paketbereich – der Großteil des Konzerns befindet sich mitten in der Coronakrise. Weltweit ist die Produktion ins Stocken geraten, der Verkehr ist eingeschränkt, Transportpreise spielen verrückt, Kunden des Konzerns verkünden jeden Tag neue Sparmaßnahmen. Gerade erst hat der Postvorstand seine Gewinnprognose für dieses Jahr kassieren müssen. Schon im ersten Quartal nahm die Deutsche Post wegen des Coronavirus 200 Millionen Euro weniger ein als geplant. Zwar machte jede Sparte weiter Gewinne, das vorläufige Quartalsergebnis liegt bei 590 Millionen Euro. Doch wie das restliche Jahr verlaufen wird, das wagt Appel angesichts der Pandemie nicht zu prognostizieren.

In den Sparten sollen nun Maßnahmen zur „Kostenflexibilisierung“ umgesetzt werden, sagt Finanzvorständin Melanie Kreis. „Wir tun das mit Augenmerk“, versichert sie. Nach Informationen der WirtschaftsWoche verhandelt der Vorstand aktuell mit Betriebsräten von verschiedenen Tochterfirmen um Kurzarbeit, betroffen sind rund 4000 Mitarbeiter. Die ersten haben bereits seit Anfang April reduzierte Arbeitszeiten.

Am heftigsten spürt die Auswirkungen durch das Coronavirus das Expressgeschäft mit zeitkritischen Lieferungen. Weil weltweit Airlines ihre Passagierflüge stoppen, fehlt es auch an Kapazitäten für Fracht, die sonst im Bauch der Passagiermaschinen mitfliegen. Mit eigenen Frachtflugzeugen sei der Konzern zwar gut aufgestellt. Doch bereits im ersten Quartal machte die Sparte 90 Millionen Euro weniger Gewinn als geplant. Die Mitarbeiter im deutschen Expressgeschäft sollen deshalb nun kürzer treten.
Ähnlich ist die Situation in der Speditionssparte „Global Forwarding“. Der Konzern kauft und vermittelt hier Transportkapazitäten von Schiffen oder Lastwagen an Kunden weiter. Weil die Produktion in einigen Ländern eingeschränkt ist, sinkt jedoch die Nachfrage. Viele Reedereien haben ihre Fahrpläne gekürzt und auch Luftfrachtkapazitäten sind knapp. Die negativen Effekte durch die Folgen des Coronavirus beläuft sich im ersten Quartal auf rund 30 Millionen Euro.

In der Lagerlogistik ist die Post extrem von ihren Kunden abhängig. „In unseren Lägern für die Automobilindustrie gibt es derzeit nur wenig Arbeitsaufträge“, sagt Appel. Bei Tochterunternehmen, die logistische Dienstleistungen und Vorproduktion für Audi und Ford übernehmen, herrscht deshalb schon Kurzarbeit. Auch für die Fashion Retail GmbH verhandelt der Konzern bereits mit dem Betriebsrat darüber, die Arbeitszeit zu reduzieren.

Selbst die Briefzusteller haben weniger zu tun. Werbesendungen fallen weg, auch Unternehmen verschicken weniger Briefe. Bei der Deutschen Post Inhouse Service, die Briefsendungen für Großkunden druckt oder sortiert, soll deshalb ebenfalls Kurzarbeit gelten. Die Zusteller jedoch seien von den Maßnahmen nicht betroffen, heißt es aus Unternehmenskreise. Einige Briefzusteller verteilen bereits vermehrt Pakete.

Die Gewerkschaft Verdi fordert den Vorstand auf, das Kurzarbeitergeld im Konzern flächendeckend aufzustocken. Gesetzlich verpflichtet ist das Unternehmen dazu, den Mitarbeitern 60 Prozent ihres Nettolohns auszuzahlen, bei Beschäftigten mit Kindern sind es 67 Prozent. Unternehmen können diesen Betrag jedoch aufstocken, das hätten Vorstand und Gewerkschaft beispielsweise in einem Tarifvertrag oder einer Konzernbetriebsvereinbarung aushandeln können. „Der Vorstand der Deutschen Post DHL hat diese Aufforderungen abschließend abgelehnt“, sagte die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Andrea Kocsis der WirtschaftsWoche. So muss nun jeder Betrieb mit dem Vorstand einzeln über eine eventuelle Aufstockung verhandeln.

In vielen Fällen sei das Kurzarbeitergeld nicht hoch genug, kritisiert Kocsis. „Es ist völlig klar, dass sich die einzelnen Tochterunternehmen im Konzern in unterschiedlichen Situationen befinden. Aber die Deutsche Post DHL ist finanziell gut aufgestellt und hat ehrgeizige Gewinnziele. Da ist es völlig inakzeptabel, dass viele Arbeitnehmer nun Sozialhilfe beantragen sollen, weil das Kurzarbeitergeld nicht ausreicht.“

Die Gewerkschafterin sieht darin einen „Konstruktionsfehler“ im Gesetzespaket der Bundesregierung. Die erstattet den Unternehmen in der Coronakrise die Lohnkosten bei Kurzarbeit, und auch die Sozialversicherungsbeiträge der betroffenen Arbeitnehmer, „ohne dass die Arbeitnehmer davon ausreichend profitieren“, so Kocsis. „Das Kurzarbeitergeld sollte mindestens um die Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge aufgestockt werden“, fordert sie.

Frank Appel hofft da eher auf ein baldiges Ende der Krise. Die ersten Anzeichen für eine Besserung in Europa seien bereits erkennbar, sagt er. In einigen Ländern liege die Zahl der Neuinfektionen bereits unter der Zahl der Genesenen. Ein Hochfahren der Wirtschaft und des sozialen Lebens müsse mit Bedacht geschehen. Ein Mittel könne eine Tracking-App sein, die soziale Kontakte nachvollzieht und bei einer Infektion eines Kontaktes warnt. „Ich würde das auch persönlich nutzen“, sagt Appel voller Überzeugung, „Ich halte das für richtig, dass man das möglichst früh weiß.“

Bis 2022, gibt sich Appel optimistisch, werde die Pandemie überstanden sein. Dann will der Konzern 5,3 Milliarden Euro Gewinn in seine Bücher schreiben. „Insgesamt sind wir sehr gut aufgestellt“, sagt Appel und fügt noch hinzu: „Wir sind sehr widerstandsfähig.“

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