WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Michael O’Leary im Interview "Ryanair ist die pünktlichste Airline Europas"

Der Chef von Ryanair will den Billigflieger auf Service trimmen und gibt nur einer der drei Airlines vom Persischen Golf eine Überlebenschance.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Nicht ganz ernst. O'Leary ist bekannt für seine markigen Sprüche Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr O’Leary, Ihre Zentrale wirkt so wenig einladend wie früher. Und das, obwohl Sie jüngst eine neue warmherzige Ryanair versprochen haben. Was ist los?

O'Leary: Wie unsensibel von mir (öffnet die Arme). Lassen Sie sich in den Arm nehmen!

Wohl eher auf den Arm, oder?

Oh nein (holt eine Tüte Karotten und hält sie hin). Statt Zärtlichkeit vielleicht ein gesunder Snack?

Mal den Nonsens beiseite: Wo sehen wir die Veränderungen bei Ryanair, die Sie angekündigt haben?

Na gut, dann also deutscher Ernst. Ja, Ryanair verändert sich, aber nicht über Nacht, sondern schrittweise. Einige Neuerungen sind kosmetisch, andere grundlegend.

Zur Person

Wieso machen Sie nun einen Schwenk zu mehr Service, nachdem Sie die Idee Anfang des Jahres noch verlacht haben?

Hätte ich doch nur geahnt, wie viel Freude und kostenlose Aufmerksamkeit das bringt. Dann wäre ich schon längst herzenswarm und kuschelig geworden. Aber wenn wir Europas größte Fluglinie werden wollen, müssen wir auch größere Airports wie Madrid, Warschau und Brüssel-Zaventem anfliegen. Dafür brauchen wir neben mehreren Flügen pro Tag auf einer Route auch mehr Service für Geschäftsreisende und anspruchsvollere Urlauber.

Wie wollen Sie Vielflieger überzeugen?

Wir sind die günstigste und pünktlichste Linie Europas. Jetzt bieten wir den Service, den Vielreisende wollen: feste Plätze, umbuchbare Tickets und die Möglichkeit, gegen Gebühr bei der Sicherheitskontrolle den schnelleren Fast-Track zu nutzen.

Für 15 Euro pro Flug, wie üblich?

Nein. Aber auch wenn wir für diese Extras höhere Preise verlangen, kosten unsere Tickets im Schnitt nur die Hälfte dessen, was die etablierten Linien verlangen.

Wann gibt es bei Ryanair Vielfliegerprogramme und Gratis-Champagner an Bord?

Nie, nur bei Kundenbindungsprogrammen schließe ich nichts aus. Aber wir machen kein bürokratisches Monster wie das Lufthansa-Vielfliegerprogramm Miles & More, sondern aufgrund des bisherigen Reiseverhaltens ein maßgeschneidertes Angebot aus Rabatten und besserem Service.

Hohe Gebühren etwa für aufgegebenes Gepäck treffen Familien. Bleibt das so?

Nein. Die neue gefühlvolle Ryanair bietet vom Frühjahr an einen Familienservice wohl mit einer eigenen Webseite und niedrigeren Gebühren für Sitzreservierung oder aufgegebenes Gepäck. Unsere 175 Euro pro Flug für eine fünfköpfige Familie sind nicht nett. Vielleicht streichen wir für Kinder diese Gebühren sogar ganz. Zudem sind wir weniger streng, wenn ein Koffer etwas größer ist als erlaubt. Wir wollen ja den Kunden nicht unnötig ans Bein pinkeln.

"Wir bleiben eine gesunde Airline"

Die berühmten Sprüche des Ryanair-Chefs
"Jeder Idiot, der irgendwo rausgeschmissen wird, taucht wieder als Berater auf. Ich habe bislang noch jeden erschossen, der in mein Büro gekommen ist." Quelle: REUTERS
"Das Problem mit den Fluglinien-Managern ist doch, dass sie kein Rückgrat haben und sich an ihre Erzfeinde in der Umweltbewegung ranwanzen, statt sie Lügner zu nennen, wie sie es verdienen." Quelle: REUTERS
"Unsere Umsatzrendite von 25 Prozent ist nicht gut, sondern obszön in dieser Branche. Verglichen mit dem Rest sind wir keine Fluglinie, sondern Drogenhändler." Quelle: REUTERS
„Wenn ich abtrete wird sicher unser Marketing-Etat wachsen, weil wir ohne meine Sprüche weniger Aufmerksamkeit bekommen - aber das sparen wir dann an Gerichtskosten, weil uns dann weniger Leute wegen meiner Sprüche verklagen.“ Quelle: REUTERS
„Heute müssen Unternehmen-Chefs sagen, Unsere Beschäftigten sind unser wichtigstes Asset. Was ein Schwachsinn. Die Beschäftigten sind unser größter Kostenblock und viele sind so faul, dass wir sie ständig in den Hintern treten müssen. Das denkt eigentlich jeder Chef, aber keiner will es zugeben.“ Quelle: dpa
„40 Euro wenn wie eine Bordkarte neu ausdrucken, weil jemand sein vergessen oder verloren hat sind nicht zu viel. Eigentlich müssten wir für so viel Blödheit mindestens 60 Euro verlangen.“ Quelle: dpa
"Umweltschützer ärgern wir wo immer wir können. Eigentlich müsste man die erschießen, denn sie wollen fliegen so teuer machen, dass es wieder ein Privileg für die Reichen wird." Quelle: dpa

Aber ans Bein pinkeln werden Sie Ihren Kunden trotzdem weiterhin, wo Sie es als notwendig erachten?

Leider ja. Wir kontrollieren nicht mehr jeden Koffer und sagen künftig „scheiß drauf“, wenn ein Gepäckstück ein, zwei Zentimeter zu groß ist. Doch wer mit einem Schrank an Bord will, den müssen wir weiter ärgern und packen das Ding gegen Gebühr in den Gepäckraum.

Geringere Wachstumsraten, zwei Gewinnwarnungen in diesem Jahr – kassieren Sie heimlich Ihr Billigflieger-Modell?

Warum? Wir hatten von April bis September mit gut 600 Millionen Euro Gewinn das beste Halbjahr aller Zeiten...

...dafür erwarten Sie für den Rest des Geschäftsjahrs 100 Millionen Euro Verlust.

Im Winter leiden die Preise in Europa unter der schwachen Nachfrage, selbst im wirtschaftlich stabilen Deutschland. Trotzdem machen wir, wenn es wirklich schlimm kommt, noch gut eine halbe Milliarde Euro Gewinn. Das ist zwar weniger als die 570 Millionen im Vorjahr. Aber finanziell bleiben wir eine gesunde Airline, auch weil der Chef gesund isst. Auch eine Karotte?

Was Ryanair verbessern will

Danke. Ryanair mag ein gesundes Unternehmen sein, angesichts der aktuellen Verluste aber auch eines mit Problemen.

Nein. Im Gegensatz zu unseren Wettbewerbern haben wir kein Kostenproblem. Wir zahlen künftig weniger Gebühren an Flughäfen wie London-Stansted und bekommen neue sparsamere Flugzeuge. Dazu fliegen wir verstärkt zu größeren Flughäfen, die uns früher rausgeworfen hätten, wie Rom, Brüssel oder Nürnberg. Dort bekommen wir höhere Preise als im Rest unseres Netzes. Herrliche Zeiten also.

Warum zeigen dann die Gewinne bei Easyjet, Norwegian, Vueling oder Germanwings nach oben, nicht aber bei Ihnen?

(Tut als, ob er weint). Wir haben 570 Millionen Euro verdient und Easyjet umgerechnet 480 Millionen Euro. (Tut, als ob er überlegt) Hey, das ist ja weniger als wir (lacht). Und nächstes Jahr schlagen wir die wieder.

Laut Analysten verdient Easyjet im aktuellen Geschäftsjahr erstmals mehr als Sie.

Warten wir mal ab. Die Nachfrage lahmt für alle. Bei Ryanair sinken die Kosten bis zum Sommer um sieben Prozent, und die von Easyjet steigen um zwei Prozent. Na, welche Airline möchten Sie lieber sein?

Sie selbst möchten wohl lieber Easyjet sein, weil Sie von denen einiges abkupfern, zum Beispiel mehr Flüge von großen Flughäfen oder besseren Service?

Wir Easyjet sein? Nie. Lernen von denen? Klar, selbst ich bin nicht unfehlbar. Aber wenn wir auf dem europäischen Festland in größere Flughäfen gehen, kopieren wir nicht Easyjet, sondern uns, weil wir in Irland und Großbritannien schon immer an den Hauptflughäfen waren. Easyjet hat eine bessere Web-Seite. Doch die werden wir im März auch haben und immer noch fast die halben Kosten. Fragen Sie mich doch bitte noch mal, wer das Rennen gewinnt!

"Ich bin sicher noch drei Jahre da"

Die größten Billigflieger Europas
Die von deutschen Flughäfen aus startenden Billigflieger sind nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) teurer geworden. Je nach Fluglinie lagen die Durchschnittspreise für einen einfachen Flug im vergangenen Herbst zwischen 70 und 140 Euro brutto, wie das Forschungsinstitut berichtete. Im vorangegangenen Sommer hätten sie noch bei 50 bis 130 Euro gelegen. Insgesamt nutzten im ersten Halbjahr 2014 der Studie zufolge knapp 31 Millionen Passagiere Angebote sogenannte Low Cost Carrier. Im Sommerflugplan 2014 bedienten sie insgesamt 722 Strecken in und ab Deutschland - ein Plus von rund 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch verlief die Entwicklung regional sehr unterschiedlich. Die meisten Günstigflieger-Passagiere verzeichneten die Berliner Flughäfen. Auch die Airports Hamburg und Köln/Bonn konnten ihr Passagieraufkommen steigern. Starke Rückgänge gab es dagegen auf Regionalflughäfen wie Weeze oder Hahn, wo sich die gesunkene Präsenz von Ryanair bemerkbar machte. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Platz zehn: Air Baltic mit 25 FlugzeugenDie lettische Fluggesellschaft Air Baltic belegt mit 25 Flugzeugen, darunter fünf Boeing 737–500, acht Boeing 737–300 und zwölf Q-400 NextGen Platz zehn. Quelle: Presse
Platz neun: Aer Lingus mit 50 FlugzeugenMit 50 Flugzeugen liegt Air Lingus auf Rang neun. Zu der Flotte der irischen Fluggesellschaft zählen je drei Boeing 757-200, Airbus A330-200, Airbus A321-200, jeweils vier Airbus A319-100 und Airbus A330-300 und 33 Airbus A320-200. 2015 sollen außerdem neun Flugzeuge vom Typ Airbus A350-900 an die Fluglinie ausgeliefert werden. Quelle: dpa
Platz acht: Wizz Air mit 54 FlugzeugenDie ungarische Fluglinie Wizz Air hat ihr Streckennetz vor allem in Osteuropa. In Deutschland fliegt sie die Flughäfen in Dortmund, Frankfurt-Hahn, Köln/Bonn, Lübeck und Memmingen an. Wizz Air verfügt über eine junge Flotte mit Flugzeugen vom Typ Airbus 320. Alle 54 Flugzeuge werden von V-2500-Motoren von International Aero Engine betrieben. Quelle: dapd
Platz sieben: Jet2 mit 55 FlugzeugenDie britische Billig-Airline Jet2 gibt es erst seit 2002, trotzdem hat sie mit 55 Flugzeugen eine der größten Flotten unter den europäischen Billig-Airlines. Mit den 23 Boeing 737-300, einer Boeing 737-300F, sieben Boeing 737-300QC und jeweils zwölf Boeing 737-800 und Boeing 757-200 fliegt die Airline viele Urlaubsziele im Mittelmeer und außerdem New York City an. Quelle: Presse
Platz sechs: Germanwings mit 57 FlugzeugenGermanwings schafft es mit einer Flotte von 57 eigenen und 23 Eurowings-Flugzeugen auf Platz sechs unter den Top 10 der europäischen Billig-Airlines. Ab Frühjahr 2015 sollen 64 eigene Flugzeuge der Typen A319 und A320 sowie 23 durch Eurowings betriebene Regionalflugzeuge für Germanwings im Einsatz sein. Quelle: dpa/dpaweb
Platz fünf: Flybe mit 62 FlugzeugenDie britische Airline Flybe betreibt mit 45 Maschinen die größte Flotte an Bombadier DashQ8-400 Maschinen weltweit. Hinzu kommen noch elf Maschinen vom Typ Embraer 175 (vier weitere sind bestellt) sowie sechs Jets vom Typ 195. Flybe hat seinen Sitz in Southhampton und fliegt in Deutschland die Flughäfen in Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover und Stuttgart an. Quelle: Presse

Die EU will Subventionen für kleinere Flughäfen, die Sie bevorzugen, stoppen. Wie viel Geld müssen Sie zurückzahlen?

Nichts. Zurzeit laufen, glaube ich, gegen 17 unserer Flughäfen Beihilfe-Verfahren. Von den Verfahren werden wohl 15 sterben.

Die EU will mit ihren neuen Vorschriften die Beihilfen doch aber abschaffen.

Stimmt, aber frühestens 2024 und auch nicht für alle Flughäfen. Die kleinen mit weniger als einer Million Passagieren dürfen künftig fast unbegrenzt Verluste machen. Größere Airports mit hohen Verlusten aufgrund starken Wachstums brauchen einen Businessplan, wie sie in zehn Jahren operativ Geld verdienen wollen.

Wie steht es mit Ihrem oft angekündigten Einstieg ins Langstreckengeschäft?

Weil es gerade wegen des Orderwahns der Golf-Airlines nicht genug Flugzeuge gibt, liegt das erst mal auf Eis. Aber es gibt da sicher einen Markt für uns.

Warum schafft Billigflieger Norwegian Fernflüge von Skandinavien nach Bangkok oder in die USA und Sie nicht?

Wie sag ich das jetzt gefühlvoll? Vier Maschinen bis Ende 2014 ist doch, äh, ein Witz. Eine richtige Fluglinie werden die erst mit 50 Flugzeugen, die ein Dutzend Städte in Europa mit einem Dutzend Städten in den USA verbinden.

Wird es je 50 Flugzeuge gleichzeitig zu kaufen geben?

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Ja klar. Im Moment verkaufen Airbus und Boeing als einzige Hersteller von Langstreckenflugzeugen automatisch. Doch die gehen fast alle an die drei Golf-Fluglinien Emirates, Etihad und Qatar. Und die machen im Umkreis nur einer Flugstunde alle das Gleiche. Aber irgendwann verlieren die Regenten den Spaß an ihren subventionierten Symbolen nationaler Potenz. Dann wird wohl Emirates gewinnen, und die anderen werden aufhören oder fusionieren.

Sie wollen sich seit Jahren von Ryanair zurückziehen. Wird das je passieren, und ein sensibler, smarter Business-School-Absolvent übernimmt das Ruder?

Den hat Ryanair doch bereits (steht auf und öffnet die Arme). Das hat nur nie einer erkannt. Ich bin sicher noch drei Jahre da, werde mich aber künftig ein wenig zurückhalten, damit endlich alle merken, dass Ryanair keine Ein-Mann-Show ist.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%