WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Michael O’Leary Leise Töne vom Großmaul

Wachsende Konkurrenz, sinkende Gewinne, Service-Probleme: Ryanair-Chef Michael O'Leary ist erstmals nicht nur Treiber, sondern zunehmend ein Getriebener. Europas größter Billigflieger muss sich ändern.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die berühmten Sprüche des Ryanair-Chefs
"Jeder Idiot, der irgendwo rausgeschmissen wird, taucht wieder als Berater auf. Ich habe bislang noch jeden erschossen, der in mein Büro gekommen ist." Quelle: REUTERS
"Das Problem mit den Fluglinien-Managern ist doch, dass sie kein Rückgrat haben und sich an ihre Erzfeinde in der Umweltbewegung ranwanzen, statt sie Lügner zu nennen, wie sie es verdienen." Quelle: REUTERS
"Unsere Umsatzrendite von 25 Prozent ist nicht gut, sondern obszön in dieser Branche. Verglichen mit dem Rest sind wir keine Fluglinie, sondern Drogenhändler." Quelle: REUTERS
„Wenn ich abtrete wird sicher unser Marketing-Etat wachsen, weil wir ohne meine Sprüche weniger Aufmerksamkeit bekommen - aber das sparen wir dann an Gerichtskosten, weil uns dann weniger Leute wegen meiner Sprüche verklagen.“ Quelle: REUTERS
„Heute müssen Unternehmen-Chefs sagen, Unsere Beschäftigten sind unser wichtigstes Asset. Was ein Schwachsinn. Die Beschäftigten sind unser größter Kostenblock und viele sind so faul, dass wir sie ständig in den Hintern treten müssen. Das denkt eigentlich jeder Chef, aber keiner will es zugeben.“ Quelle: dpa
„40 Euro wenn wie eine Bordkarte neu ausdrucken, weil jemand sein vergessen oder verloren hat sind nicht zu viel. Eigentlich müssten wir für so viel Blödheit mindestens 60 Euro verlangen.“ Quelle: dpa
"Umweltschützer ärgern wir wo immer wir können. Eigentlich müsste man die erschießen, denn sie wollen fliegen so teuer machen, dass es wieder ein Privileg für die Reichen wird." Quelle: dpa

So sehr sich das Fluggeschäft in Europa die vergangenen Jahre auch gewandelt hat, Billigflug-Primus blieb eigentlich immer der Gleiche: Ryanair wuchs jedes Jahr kräftig, hatte mit 20 Prozent eine Umsatzrendite wie das halbe Dutzend ihrer Hauptkonkurrenten zusammengerechnet und statt mit klassischer Werbung sorgte Chef Michael O’Leary als dickstes Großmaul der Branche für die nötige Aufmerksamkeit.

Von alledem ist bei aktuell nur noch wenig zu erkennen. Die heutige Bilanz steht ganz unter dem Einfluss der Schwerkraft.

Beim Umsatz gab es ein Miniplus von drei Prozent, der Gewinn sank wegen eines Quartalsverlusts auf nur noch knapp über zehn Prozent vom Umsatz. Wegen der ungewohnten Erfahrung gab es statt O’Learys lustiger Rabauken-Sprüche Entschuldigungen, Bekenntnis zu mehr Service an größeren Flughäfen und Zweckoptimismus vom vergleichsweise glatt gebügelten neuen Marketingchef. Der kündigte zudem eine richtige Werbekampagne an.

Die Konkurrenz schlägt zurück

Der Grund ist simpel. Die Iren, die jahrelang mit Tiefstpreisen und immer neuem Geiz beim Service die Branche vor sich hertrieben, werden zunehmend zu Getriebenen. Erzrivale Easyjet kommt auf eine ähnliche Umsatzrendite und die ehemals trägen etablierten Fluglinien wie Lufthansa schlagen zurück. Klassischen Einnahmequellen von Ryanair, wie Subventionen kleiner Flughäfen, wollen die Wettbewerbshüter der EU einen Riegel vorschieben.

Bei jedem anderen Laden klänge das nach Krise und dramatischer Kurswende inklusive bevorstehendem Chefwechsel. Bei der Geiz-Linie ist es einfach nur das Ende der Flegeljahre und der Beginn des Erwachsenendaseins. Zum einen hat die Linie mit 13 Prozent immer noch die höchste operative Marge in Europa. Wichtiger jedoch: Was nach Umbau klingt, ist in Wirklichkeit nur eine andere Gewichtung bei den verschiedenen Einnahmequellen.

Denn bislang lebte Ryanair davon, einen großen Teil seiner Kosten anderen zu übertragen. Die meist kleinen Flughäfen überschlugen sich förmlich bei dem Versuch, über Marketinghilfen den Iren einen Teil ihrer Betriebskosten zahlen zu dürfen. Und dank der Rabatte der Flugzeughersteller wurde Ryanair seine Maschinen auch nach vier Jahren Betrieb fast zum Einkaufspreis wieder los.

Beides stößt mittlerweile an seine Grenzen: Dank Easyjet und neuen Airlines wie Norwegian und Vueling kommen Passagiere auch außerhalb der von Ryanair dominierten Provinz-Airports an Schnäppchen. Und Ryanairs-Flugzeuglieferant Boeing wird seine Maschinen aufgrund des Flugbooms in Asien auch ohne Riesenrabatte los.

Änderungen rechnen sich

Ryanair schafft es weiterhin, seine Position abzusichern Quelle: dpa

Also tut Ryanair, womit sie groß geworden sind: Sie landet auch auf dem europäischen Festland in größeren Flughäfen, so wie es die Linie auf den britischen Inseln schon immer tat. Noch wichtiger jedoch: Ryanair geht auf seine Kunden zu und schraubt Übertreibungen bei Gebühren und Service etwas zurück - und will damit mehr Geld machen. Extras wie Sitzreservierung muss ja keiner kaufen. Aber wer im Flieger nicht in der Mitte sitzen will, wird sich seinen Platz vorab sichern.

Das dürfte Ryanair mindestens 50 Millionen Euro zusätzlichen Gewinn pro Jahr bringen. Das neue Buchungssystem lässt Kunden ohne Unbehagen buchen, weil sie die Tickets innerhalb von 24 Stunden noch ändern können.

Auch die Erlaubnis zum zweiten Handgepäckstück rechnet sich. Denn nun kann die fliegende Kundschaft wieder am Flughafen einkaufen und Ryanair profitiert dank seiner Umsatzbeteiligungen. Die Kosten bleiben übersichtlich, denn der Platz für die Extratüte in der Kabine ist nach wie vor begrenzt. Und wer zu spät kommt, muss oft eine Tasche in den Laderaum packen.

Europas stärkste Airline

So muss auch das angepeilte geringere Wachstum bei Umsatz und Passagieren keinen schrecken. Denn die geplante Steigerung von “nur“ noch acht Prozent entspricht immerhin einer halben Milliarde Euro pro Jahr. Und das langsamere Passagierplus bedeutet vor allem weniger Sonderangebote. An denen verdient die Airline ohnehin wenig bis nichts.

Somit wird Ryanair keineswegs schwächer. Mit bald 400 Flugzeugen und mehr als einer halben Million Flügen im Jahr wird sie nicht nur Europas größte, sondern auch stärkste Airline.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Und am Ende ist natürlich auch die neue Nüchternheit im Auftreten inklusive dem Schwenk zu Werbeanzeigen clever durchgerechnet. Das krude Konkurrenz-Bashing für Lufthansa und Air Berlin hat O’Leary schon länger keiner mehr abgenommen, also kann er es auch gleich bleiben lassen. Zumal seine seit Jahren vorgetragenen Ideen wie Langstreckenflüge für zehn Euro immer noch für die nötige Aufmerksamkeit sorgen. Obwohl sie am Ende wohl genauso wenig umgesetzt werden wie Stehplätze im Flugzeug.

Somit brauchen sich alle Fans der Iren nicht zu fürchten. Trotz des milderen Rezepts gilt für die Flieger und für die Bilanz: Wo Ryanair drauf steht, ist auch künftig Ryanair drin.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%