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Milliarden-Skandal „Prepare for bad news“: Protokoll des Untergangs von Wirecard

Vor einem Jahr fiel die Erfolgsgeschichte von Wirecard wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Quelle: imago images

Vor einem Jahr fiel die Erfolgsgeschichte von Wirecard wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Plötzlich war der Dax-Konzern pleite, Jan Marsalek auf der Flucht, Firmenchef Markus Braun im Gefängnis. Eine Dokumentation.

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Vor einem Jahr wurde Wirecard zum Synonym für einen der größten Betrugsskandale der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Binnen weniger Tage stürzte der Zahlungsdienstleister vom gefeierten Dax-Konzern zum Pleite-Unternehmen ab. Die Bombe platzte am 18.6.2020, als der Zahlungsanbieter die Veröffentlichung seines Jahresabschlusses 2019 erneut verschieben musste. Der Abschlussprüfer EY informierte Wirecard zuvor darüber, dass es über die Existenz von im Konzernabschluss zu konsolidierenden Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro keine ausreichenden Prüfungsnachweise gebe. Schon in den Wochen zuvor zeichnete sich die Katastrophe ab. Die Frage, wo den nun diese gigantische Summe ist, war längst zur Schicksalsfrage geworden – und doch wurden noch immer Luftschlösser gebaut. Die WiWo-Reporter Melanie Bergermann und Volker ter Haseborg haben den Aufstieg und Fall des Zahlungsabwicklers aus Aschheim bei München in ihrem Buch „Die Wirecard-Story. Die Geschichte einer Milliarden-Lüge“ aufgearbeitet. Dieser Text ist ein Auszug daraus.  


28. April 2020, 7:50 Uhr: Auf Wirecards Internetseite steht ein neues Dokument zum Download bereit: „Bericht über die unabhängige Sonderuntersuchung Wirecard AG, München.“ Autor: die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Der Bericht sollte für Wirecard zum Befreiungsschlag werden, alle Vorwürfe entkräften, die in den vergangenen Monaten auf das Unternehmen und seinen Vorstand niedergeprasselt sind. Insbesondere sollte er alle Zweifel daran ausräumen, dass Wirecards Geschäfte mit den drei großen Drittpartnern Al Alam, Senjo und PayEasy womöglich erfunden sind.

Doch der KPMG-Bericht verstärkt die Zweifel nur. KPMG kann nach fast sechs Monaten Prüfungszeit nicht sicher sagen, ob es die Geschäfte mit Al Alam und Co im behaupteten Umfang gegeben hat. „Ursächlich sind neben Mängeln in der internen Organisation insbesondere die fehlende Bereitschaft“ der Drittpartner, „umfassend und transparent an dieser Sonderuntersuchung mitzuwirken“, heißt es im Bericht.

KPMG kann auch nicht sagen, ob Wirecards Guthaben auf Treuhandkonten von zuletzt 1,9 Milliarden Euro tatsächlich existieren. Diese Feststellung hat eine enorme Tragweite: 1,9 Milliarden Euro entspricht fast dem Doppelten des Vorsteuergewinns der Jahre 2016, 2017 und 2018. Und KPMG weckt grundlegende Zweifel an der Seriosität der Treuhänder. Weder hätten Jahresabschlüsse der Treuhandgesellschaften vorgelegen noch Nachweise darüber, dass ihre wirtschaftlichen Verhältnisse und die Zuverlässigkeit geprüft worden seien.

Einziger Hoffnungsschimmer: Weil im Jahr 2019 eine Umstellung stattfand und die Transaktionen der Drittpartner seitdem auch über Systeme von Wirecard laufen, konnte KPMG Daten zu den Transaktionen der Drittpartner im Dezember 2019 bekommen. Und KPMG hält hierzu fest: Es gibt keinen „Anlass zu wesentlichen Zweifeln an der Authentizität der für Dezember 2019 bereitgestellten Daten“. Abgeschlossen ist die Untersuchung aber noch nicht.

Die WiWo-Reporter Melanie Bergermann und Volker ter Haseborg dokumentieren Aufstieg und Fall von Wirecard. Aus Dokumenten und Interviews mit Insidern rekonstruieren sie die Geschichte einer Firma, in der ein dubioser Deal auf den nächsten folgte: Die Wirecard-Story. Die Geschichte einer Milliarden-Lüge. Erschienen im Finanzbuch Verlag.

Die Anleger reagieren sofort. Wirecards Aktienkurs stürzt innerhalb eines Tages um rund 30 Prozent ab. Manager der Fondsgesellschaften Union und Deka, zwei Schwergewichte, fordern wenige Tage später personelle Konsequenzen. Der Bericht aber ist nicht nur schädlich für Wirecard. Er entlarvt auch, wie freundlich EY das Unternehmen in den vergangenen Jahren behandelt und geprüft hat. EY erlaubte Wirecard, den kompletten Umsatz von Wirecards Partnerfirmen mit angeblich von Wirecard vermittelten Kunden vollständig als eigene Einnahmen zu buchen, obwohl Wirecard nur einen Teil dieses angeblichen Umsatzes als Provision abbekam und die Geschäfte jahrelang gar nicht über Wirecard liefen. Das wäre – ganz vereinfacht ausgedrückt – in etwa so, als dürfte ein Bremsenlieferant von VW den kompletten Umsatz von VW als eigenen Umsatz verbuchen, nur weil er die Bremsen liefert und VW ohne die Bremsen keine Autos verkaufen kann.

EY half damit Konzernchef Markus Braun, Wirecard viel größer und erfolgreicher erscheinen zu lassen, als das Unternehmen tatsächlich war. EY erlaubte Wirecard auch, die Guthaben auf den Treuhandkonten als Zahlungsmittel beziehungsweise Zahlungsmitteläquivalente auszuweisen. Unter dieser Kategorie darf ein Unternehmen eigentlich nur Finanzmittel ausweisen, an die es kurzfristig rankommt. Die Aktionäre sollen daran ablesen können, ob ein Unternehmen flüssig ist. Und Wirecard durfte eben die 1,9 Milliarden auf den Treuhandkonten als Zahlungsmittel beziehungsweise Äquivalente ausweisen, obwohl das Treuhandkonto kein klassisches Geschäftskonto war. Wirecard hätte über das Geld nicht völlig frei verfügen können – selbst dann nicht, wenn es da gewesen wäre.

Mittlerweile sitzt Ex-Wirecard-Chef Markus Braun im Gefängnis. Auch vor Gericht sagte er bereits aus. Quelle: REUTERS

Die Treuhandkonstruktion half Wirecard dabei, den Eindruck zu vermitteln, das Unternehmen sei seriös, weil hochgradig liquide. Dabei war das Gegenteil der Fall: Wirecard wies Ende 2018 schnell verfügbare Finanzmittel zuzüglich Festgeld und Ähnlichem in Höhe von 2,9 Milliarden Euro aus. Auf den ersten Blick schwamm das Unternehmen also im Geld. Aber: Von den 2,9 Milliarden Euro müssen 1,7 Milliarden Euro abgezogen werden, weil sie Kunden gehören, also von Wirecard nicht zur Zahlung eigener Rechnungen genutzt werden können.

Abzüglich der Treuhandmilliarde blieben nicht einmal 200 Millionen Euro als schnell verfügbare Mittel (sogenannte Zahlungsmittel oder Äquivalente) übrig, um laufende Rechnungen zu bezahlen – also so gut wie nichts für einen Milliardenkonzern.

Tatsächlich war Wirecard nicht hochgradig liquide, sondern hat auf Pump gelebt. Beliefen sich die Bankschulden Ende 2010 auf 22 Millionen Euro, lagen sie zum Zeitpunkt der Insolvenz bei rund 1,8 Milliarden Euro. Hinzu kamen Schulden gegenüber Anleihe-Gläubigern in Höhe von 1,4 Milliarden Euro. Einen bedeutenden Teil dieses Geldes hat sich Wirecard erst in den letzten Monaten vor der Insolvenz von den Banken geholt. Am 9. Oktober 2019 schuldete Wirecard seinen Hauptbanken „überschaubare“ 800 Millionen Euro. Aber: Die Geldhäuser hatten Wirecard eine Kreditlinie von insgesamt 1,75 Milliarden Euro eingeräumt: Das heißt, bis zu diesem Betrag konnte der Vorstand die Schulden bei den Geldhäusern jederzeit hochfahren. Aber warum sollte er? Offiziell ist die Kasse ja voll, und teure Akquisitionen stehen auch nicht an. Trotzdem werden die Banken kurz vor dem Zusammenbruch noch geplündert. Allein zwischen Januar und April fließen noch 800 Millionen Euro von den Banken auf die Konten von Wirecard.

28. April, 9:30 Uhr: Vorstandschef Markus Braun erscheint zur Telefonkonferenz mit Journalisten. Er sieht schlecht aus. Er reibt sich den Bauch. Das tut er oft, wenn er aufgeregt ist, erzählt einer, der in dieser Zeit häufig mit ihm zu tun hat. Wer Braun an diesem Morgen zuhört, kann den Eindruck gewinnen, der Vorstandschef habe einen ganz anderen KPMG-Bericht gelesen als die anderen Teilnehmer der Konferenz.

Braun sagt, er stecke zwar noch mitten in der Auswertung, sei „nur teilweise sprechfähig“. Aber so viel könne er sagen: Er sehe sein Unternehmen weitgehend entlastet. Es habe keine „schwerwiegenden Findings“ gegeben. „Nicht eine unserer Kennzahlen wurde infrage gestellt.“ Seine Sicht auf die Dinge wirkt bizarr. Eigentlich sollte Finanzvorstand von Knoop ebenfalls an der Telefonkonferenz teilnehmen, aber er erscheint nicht. Im Unternehmen heißt es, von Knoop habe Brauns Kommunikationsstrategie nicht mittragen wollen. Ein Insider sagt, Braun hätte das, was im KPMG-Bericht steht, schon richtig erfasst, aber „sich hinzustellen und zu sagen, dass alles ganz furchtbar ist, wäre einer Kapitulation gleichgekommen. Das ist sein Ding nicht.“ Braun habe es positiv dargestellt, „weil er sich sicher war, dass noch alles gut wird, weil sich in den nächsten Wochen alles aufklärt. Zumindest hat er das so gesagt.“ Die Aufsichtsräte sind entsetzt über den KPMG-Bericht, aber auch darüber, wie Braun das Ergebnis verkauft. Anastassia Lauterbach soll im Gespräch mit anderen Aufsichtsräten gefordert haben, Braun sofort zu feuern und die anderen Vorstände am besten gleich mit – außer Steidl.

Die anderen zeigen sich auch nicht mehr von Braun überzeugt. Einzelne Mitglieder des Gremiums äußern den Wunsch, Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann solle übergangsweise den Vorstandsvorsitz übernehmen, aber der will nicht. Freiwillig will Braun den Posten auch nicht räumen. Der Aufsichtsrat müsste ihn feuern. Die Mehrheit tut sich damit schwer, weil große Investoren weiter hinter Braun stehen und wollen, dass der Vorstandschef bleibt. Braun gilt für manche Investoren immer noch als unersetzbar. Bislang, so die Haltung, ist ja auch nichts bewiesen. Im Gegenteil. Einige Aufsichtsräte rechnen immer noch damit, dass alles gut wird. Ihre Hoffnung schöpfen sie vor allem aus dem KPMG-Bericht, also dem Papier, das gerade ein Erdbeben ausgelöst hat.

Eichelmann, so hört man aus seinem Umfeld, soll die KPMG-Prüfer immer wieder gefragt haben: Glaubt ihr, dass die Transaktionsdaten, die Wirecard für Dezember 2019 geliefert hat, echt sind? Glaubt ihr, die Transaktionen hat es wirklich gegeben? Die Prüfer von KPMG sollen zum Ausdruck gebracht haben, dass sie es zwar noch nicht final sagen können, aber dass alles gut aussieht. Sie hätten ihre Computerprogramme drüberlaufen lassen, die Alarm schlagen, wenn sie bestimmte Muster in den Zahlen finden, die auf Betrug hindeuten. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn bestimmte Zahlenkombinationen extrem oft auftauchen. Die Systeme aber hätten nicht angeschlagen.

Die Aufsichtsräte belassen es bei einem Warnschuss für Markus Braun. Eichelmann schickt einen Fragenkatalog. Die Kontrolleure wollen unter anderem wissen, wie der Vorstand zu seiner doch recht positiven Einschätzung des KPMG-Berichts kommt, warum er sich für diesen Wortlaut entschieden hat und warum KPMG erst einen Tag vor Fertigstellung des Berichts noch wichtige Daten bekommen hat. Es dauert aber nicht lange, bis sich die Aufsichtsräte die Frage stellen, ob sie in Sachen Braun wirklich richtig entschieden haben.

Die Jobs der anderen Vorstände stehen zu diesem Zeitpunkt schon viel mehr auf der Kippe. Eichelmann hat bereits vor Monaten potenzielle Nachfolger gesucht, intern „das Schattenkabinett“ genannt. Der Aufsichtsratschef will, so sagen es mehrere Personen aus seinem Umfeld, nur an Braun festhalten und allenfalls noch an von Knoop, den er aber eigentlich auch nicht für qualifiziert hält. Produktvorständin Steidl aber wird noch von den weiblichen Aufsichtsräten gestützt. Einig sind sich die Kontrolleure nur, dass Jan Marsalek, der Vorstand für das operative Geschäft, zeitnah ausgetauscht werden muss.

Aber aktuell scheint dafür nicht der richtige Zeitpunkt. Intern geht es hoch her. Die Untersuchung von KPMG hat die deutschen Prüfer von EY unter Zugzwang gebracht. Sie legen nun einen Arbeitseifer an den Tag, den die Wirecard- Mitarbeiter so vorher nicht kannten. Nicht nur, dass sie diesmal Bankbestätigungen zu den Treuhandkonten sehen und die Identitäten der Mitarbeiter der philippinischen Geldhäuser, die sie getroffen hatten, noch einmal überprüfen wollten. Wirecards Treuhänder soll auch testweise viermal 110 Millionen Euro von den Treuhandkonten an Wirecard überweisen lassen. Damit soll belegt werden, dass die Konten nicht nur existieren, sondern Wirecard auch an das Geld ran kann. Marsalek erteilt Treuhänder Tolentino daraufhin eine entsprechende Anweisung. Das Geld kommt aber nicht. „Wir haben immer wieder bei Tolentino nachgefragt“, sagt einer, der dabei war. „Er hat es immer auf die Banken geschoben.“ Einmal hieß es, die Zahlungsanweisung sei noch nicht von der Compliance-Abteilung der Bank freigegeben worden, die erst überprüfen müsse, ob alles seine Ordnung habe. „Beim nächsten Mal war dann die Zentralbank schuld.“

17. Mai: Markus Braun veröffentlicht auf Englisch eine Prophezeiung über den Kurznachrichtendienst Twitter. Übersetzt lautet sie: „Wenn sich all der Lärm und Nebel legt, wird Wirecard immer noch eine Firma sein, die eine Milliarde Euro EBITDA (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) in diesem Jahr generiert und eine der am schnellsten wachsenden Firmen ihrer Branche ist.“

25. Mai, 22:10 Uhr: Wirecard gibt bekannt, dass der Jahresabschluss für 2019 auch am 4. Juni nicht veröffentlicht werden kann. Neuer Termin ist jetzt der 18. Juni. Trotzdem hat die Mitteilung auch etwas Beruhigendes: In der Meldung heißt es, dass „zwischenzeitlich alle ausländischen Prüfer grundsätzlich ihre Prüfungshandlungen für Konzernzwecke finalisieren konnten. Im Rahmen der abgeschlossenen Teile der Prüfungshandlungen wurden Wirecard bisher keine wesentlichen Feststellungen bekannt gemacht.“ Da die Umsätze aus Geschäften mit den drei großen Drittpartnern zum Großteil bei Wirecards Auslandsgesellschaften gebucht wurden, kann man durch die Meldung auf die Idee kommen, die Prüfer seien schon zu der Feststellung gelangt, dass die Umsätze mit Al Alam und Co belegt sind. Auch Insider sind sich sicher: „EY will testieren. Wenn die Testüberweisungen klappen, wird alles gut.“

28. Mai: Markus Braun kauft für 2,5 Millionen Euro Wirecard- Aktien. Ihm dürfte bewusst sein, dass deswegen noch ordentlich Ärger auf ihn zukommen könnte. Vorstände und Aufsichtsräte eines Unternehmens dürfen nicht beliebig mit den Wertpapieren der Firma handeln, für die sie tätig sind. Sie sind Insider und wissen mehr als andere Aktionäre. In heiklen Phasen, wie zum Beispiel kurz vor der Veröffentlichung eines Geschäftsberichts, dürfen sie nicht mit den Aktien handeln. Braun tut es trotzdem. „Er hat zu diesem Zeitpunkt aus reinem Trotz gekauft. Er wollte demonstrieren, der Jahresabschluss ist nicht da, aber ich investiere trotzdem“, glaubt ein Insider.

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