Millionen flossen nach Katar: WM-Bericht belastet Beckenbauer
Der Untersuchungsbericht zur WM-Vergabe in Deutschland 2006 rückt Franz Beckenbauer weiter ins Zwielicht
Foto: APDer WM-Skandal wird immer mehr zum Fall Franz Beckenbauer. Auch der mit Spannung erwartete Untersuchungsbericht der Kanzlei Freshfields kann die Frage des möglichen Stimmenkaufs vor dem Sommermärchen nicht beantworten, bringt aber die Lichtgestalt des deutschen Fußballs mit noch mehr dubiosen Zahlungen in Verbindung.
Die ominösen 6,7 Millionen Euro (10 Millionen Schweizer Franken) im Zentrum des Skandals landeten demnach über die Schweiz auf einem verdächtigen Konto in Katar - und nicht beim Weltverband FIFA oder deren Finanzkommission. Das ist die Kernaussage des insgesamt 361 Seiten umfassenden Berichts, der am Freitag veröffentlicht wurde.
Vollständig aufgeklärt wurde die Affäre damit noch lange nicht. Das gilt auch für den Vorwurf, dass die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland möglicherweise gekauft wurde. „Wir haben keinen Beweis für einen Stimmenkauf, können ihn aber auch nicht vollständig ausschließen“, sagte Christian Druve von der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer bei der Vorstellung des Reports in Frankfurt.
Die hochbrisanten Vorwürfe zu einem angeblichen Kauf von Stimmen bei der Vergabe der WM 2006 beschäftigen den Deutschen Fußball-Bund. Der Verband weist die vom „Spiegel“ erhobenen Anschuldigungen mit Macht zurück und droht mit juristischen Gegenmaßnahmen. Sowohl beim DFB als auch bei der FIFA werden sich dennoch interne Ermittler der Aufklärung der Sache annehmen. Im Fokus dürften dabei auch die Macher des Sommermärchens stehen - und ein ehemaliger Adidas-Chef.
Foto: APFranz Beckenbauer
Seine Weltreisen als Chef der deutschen WM-Bewerbung sind längst legendär. Der Fußball-Kaiser jettete schier unermüdlich um den Globus und warb sogar in der Südsee charmant für eine Weltmeisterschaft in Deutschland. Vor allem wegen dieser perfekt inszenierten PR-Tournee gilt Beckenbauer als der Mann, der die WM in seine Heimat holte. Es war seine Krönung als Sportfunktionär. Nach der WM war der Weltmeister von 1974 noch vier Jahre Mitglied der FIFA-Exekutive. Im Sommer 2014 war er dann kurz von der FIFA gesperrt, weil er den Ermittlern zunächst keine Auskunft zur umstrittenen Vergabe der WM-Turniere 2018 und 2022 an Russland und Katar gab. Heute hat der 70-Jährige kein Spitzenamt mehr.
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Wolfgang Niersbach
Als Mediendirektor und Vizepräsident des Organisationskomitees machte Niersbach Karriere beim DFB. „Von der ersten Minute an“ sei er bei der WM-Bewerbung dabei gewesen, versicherte der heutige Präsident des größten Sportfachverbandes der Welt gern. Niersbach koordinierte damals die Öffentlichkeitsarbeit, prägte also das Bild von der WM 2006 entscheidend mit. Ein Skandal um die Vergabe des Turniers käme Niersbach heute mindestens genauso ungelegen wie damals. Der DFB-Chef wäre damit wohl auch aus dem Rennen um die Chefposten bei FIFA und UEFA. Sein Verband bezeichnet die Enthüllungen des „Spiegel“ als haltlos.
Foto: APFedor Radmann
Wo Beckenbauer auf seiner WM-Werbetour auftauchte, war Radmann (rechts im Bild) zumeist nicht weit. Der umtriebige Berater war hinter den Kulissen als Strippenzieher wohl eine entscheidende Figur vor der WM-Vergabe an Deutschland. Danach gehörte der gebürtige Berchtesgadener dem WM-Organisationskomitee zunächst als Vizepräsident an, musste aber wegen seiner diversen Beraterverträge das Amt aufgeben. Mit wenig Glück engagierte er sich später als Geschäftsführer der Salzburger Bewerbung um Winter-Olympia 2014 und Australiens Kandidatur um die WM 2022. Beide Anläufe scheiterten.
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Theo Zwanziger
Der spätere DFB-Chef Zwanziger rückte für Radmann als Vizepräsident ins Organisationskomitee nach. Dort war der Jurist für Finanzen, Personal und Recht verantwortlich. 2011 übernahm Zwanziger den Platz von Beckenbauer in der FIFA-Regierung. Mit seinem Nachfolger Niersbach (links im Bild) hat Zwanziger sich inzwischen überworfen. Auch den Weltverband und dessen skandalumwitterten Präsidenten Joseph Blatter griff Zwanziger zuletzt vehement an. Dabei kritisierte der 70-Jährige auch die dubiose Vergabe der WM 2022 an Katar.
Foto: dpaHorst R. Schmidt
Der damalige DFB-Generalsekretär Schmidt (links im Bild) war eine der zentralen Figuren für WM-Bewerbung und Organisation. Er galt als rechte Hand Beckenbauers, als Hirn der deutschen Weltmeisterschaft. Schon 1974 hatte er die WM in Deutschland mitorganisiert, vor der WM 2010 holte ihn die FIFA als Nothelfer nach Südafrika. Als Ehrenmitglied des DFB wurde er 2013 in den Ruhestand verabschiedet. Zur Vergabe der WM 2006 sagte er bei Sky: „Mir war von einer schwarzen Kasse nichts bekannt. Die Stimmen sind nicht gekauft worden.“
Foto: dpaRobert Louis-Dreyfus
Der frühere Adidas-Chef galt bis zu seinem Tod im Juli 2009 als eine der schillerndsten Figuren der europäischen Sportszene. Der Franzose entstammt einer milliardenschweren Unternehmer-Familie und bezeichnete sich als „fußballverrückt“. Der „Spiegel“ berichtet nun, Louis-Dreyfus habe dem deutschen Bewerbungskomitee privat 13 Millionen Mark geliehen. Dieses Geld könne möglicherweise dafür eingesetzt worden sein, entscheidende Stimmen in der FIFA-Regierung für die Wahl des Gastgebers der WM 2006 zu kaufen. Der DFB räumt zwar Ungereimtheiten um eine Summe in der vergleichbaren Höhe von 6,7 Millionen Euro ein, bestreitet aber schwarze Kassen und den Kauf von Voten. Adidas äußerte sich nicht.
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Konsequenzen könnte dieser vermeintliche Tag der Wahrheit damit erst einmal nur für den früheren DFB-Chef Wolfgang Niersbach haben. Die Freshfields-Ermittler wiesen ihm nach, spätestens im Juni 2015 von den verdächtigen Geldflüssen rund um die WM-Vergabe erfahren, das DFB-Präsidium aber monatelang bewusst nicht darüber informiert zu haben. „Das ist ein völlig inakzeptables Vorgehen“, sagte der aktuelle Interimspräsident Rainer Koch.
Als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes trat Niersbach bereits zurück. Als deutscher Vertreter in den Exekutivkomitees der FIFA und des europäischen Verbandes UEFA dürfte er kaum noch zu halten sein. Koch sprach bei der Einordnung der gesamten Affäre von einem „völligen Versagen der verbandsinternen Kontrollmechanismen“.
Auch den Fluss der 6,7 Millionen Euro zeichnet der Freshfields-Report anders nach, als er von Beckenbauer, Niersbach und den anderen Mitgliedern des WM-Organisationskomitees (OK) bislang öffentlich dargestellt wurde. Demnach gingen zunächst zwischen dem 29. Mai und dem 8. Juli 2002 insgesamt sechs Millionen Schweizer Franken auf dem Konto der Anwaltskanzlei Gabriel & Müller im Schweizer Kanton Obwalden ein.
Überwiesen wurde dieses Geld von einem Konto von Beckenbauer und seinem noch im Juli 2002 gestorbenen Manager Robert Schwan. Direkt weitergeleitet wurde es anschließend auf ein Konto der Firma KEMCO Scaffolding Co. in Katar. Nach Angaben der Freshfields-Ermittler gehörte diese Firma dem damaligen FIFA-Vize Mohammed bin Hammam. Nach Recherchen in den diversen FIFA-Skandalen wurden über diese Firma auch schon Geschäfte mit dem skandalumwitterten Jack Warner abgewickelt. Warner und bin Hammam wurden wegen Korruption mittlerweile lebenslang gesperrt.
Der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus kam erst im August 2002 ins Spiel. Er überwies einen Betrag von zehn Millionen Schweizer Franken auf das Konto der Kanzlei Gabriel & Müller. Von dort aus wurden sechs Millionen an Beckenbauer und vier Millionen an KEMCO weitergeleitet. Damit erhielt der Chef des WM-OK sein Geld zurück und am Ende landeten umgerechnet 6,7 Millionen Euro in Katar.
Was die KEMCO beziehungsweise bin Hammam danach mit dem Geld machten und warum das Gespann Beckenbauer/Schwan diese Zahlungen auslöste, ist unklar. Gekennzeichnet wurden die Überweisungen mit dem Verwendungszweck „Asien Spiele 2006“. Bin Hamman bestritt gegenüber Freshfields, die zehn Millionen Schweizer Franken jemals erhalten zu haben.
Die deutschen WM-Macher hatten bislang immer behauptet, dass Louis-Dreyfus ihnen 6,7 Millionen Euro vorgestreckt habe, um damit einen Organisationszuschuss von der FIFA abzusichern. Eine andere These ist, dass bin Hammam das Geld verwendete, um 2002 den Wahlkampf des damaligen FIFA-Präsidenten Joseph Blatter zu unterstützen.
Denkbar ist nach wie vor auch, dass der skandalumwitterte Katarer damit asiatische Wahlmänner bezahlte, die bei der WM-Vergabe für Deutschland gestimmt hatten. „Wir haben Hinweise darauf, dass es Änderungen im Stimmverhalten gegeben hat“, meinte Druve.
Sicher ist lediglich, dass das deutsche WM-OK die 6,7 Millionen drei Jahre später über ein FIFA-Konto an Louis-Dreyfus zurückzahlte. Allerdings verschleiert und falsch deklariert als Beitrag zu einer WM-Gala - das bestätigte auch der Freshfields-Report noch einmal.
Dass sich die Spur der 6,7 Millionen irgendwann verliert, zeigt das Dilemma des Freshfields-Reports. Die vom DFB beauftragen Ermittler vernahmen in den vergangenen viereinhalb Monaten zwar insgesamt 31 Personen - darunter Schlüsselfiguren wie Beckenbauer oder Niersbach sogar mehrfach. Sie sichteten auch knapp 128 000 elektronische Dokumente und E-Mails sowie den Inhalt von mehr als 740 Aktenordnern.
Aber auf Akten der Staatsanwaltschaft und der Schweizer Ermittlungsbehörden hatte Freshfields nie Zugriff. Mögliche wichtige Zeugen wie Blatter lehnten eine Vernehmung ab, noch wichtigere Informationen wie die Geldflüsse nach Katar tauchten erst in den vergangenen Tagen auf. Aus dem DFB-Archiv verschwand sogar ein Ordner mit dem Titel „FIFA 2000“. „Wir sind keine Staatsanwälte, keine Richter, wir sprechen kein Recht hier“, sagte Druve.
Der DFB spricht trotzdem von einer „sorgfältigen Aufbereitung. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, um die Glaubwürdigkeit des DFB und seiner handelnden Personen wieder herzustellen“, sagte Koch.
Der künftige DFB-Chef Reinhard Grindel hat sich als Konsequenz aus der Affäre „für die Einrichtung einer Ethikkomission mit unabhängigen Experten“ ausgesprochen. Denn unter seiner Leitung steht bald die nächste Bewerbung an: für die Europameisterschaft 2024. Diesmal müsse man laut Grindel „sicherstellen, dass das Bewerbungskomitee vom DFB-Präsidium und einer Ethikkommission kontrolliert wird“.