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Mitarbeiter in Afghanistan „Wir müssen die rauskriegen“

Derzeit versuchen viele Menschen aus Afghanistan zu fliehen. Quelle: Getty Images

Seine afghanischen Mitarbeiter sitzen mit ihren Familien im Land fest. Darum versucht ein Kölner Militärunternehmer, der vor Ort für die Nato und die Bundeswehr Camps baute, nun alles, um sie rauszuholen. Woran er scheitert, warum er scharfe Kritik an der Bundesregierung übt.

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Ulrich Horsmann ist sauer und enttäuscht zugleich: „Die Ignoranz, die die deutsche Regierung trotz zahlloser frühzeitiger Anfragen viel zu lange gezeigt hat, ist beschämend und macht fassungslos.“ Horsmann ist Geschäftsführer des Kölner Militärdienstleisters Xeless. Das Unternehmen liefert seit 1996 mobile Infrastrukturlösungen für Wartung und Logistik, installiert Trinkwassernetze und Abwassersysteme und baut temporäre Wohnquartiere und Sanitär-Camps. Zu seinen Kunden zählt Horsmann unter anderem die Nato und die Bundeswehr. Aber auch große Unternehmen aus der Öl-, Gas- und Minenindustrie.

Zehn Jahre in Afghanistan aktiv

„Wir waren über zehn Jahre in Afghanistan für die Bundeswehr und andere Natopartner aktiv“, erzählt Horsmann. Zu Hochzeiten arbeiteten in Kabul, Masar-e Sharif oder Kandahar rund 200 eigene Mitarbeiter, die von Hunderten afghanischen Ortskräften unterstützt wurden. Hauptkunde seien dabei die US-Streitkräfte gewesen, aber auch Briten, Kanadier, Franzosen und Italiener, deren Aufträge über die Beschaffungsorganisationen der Nato gebündelt wurden.

So übernahm Xeless in Kandahar eine Zeit lang die Müllentsorgung und den Betrieb einer Kläranlage. Zudem organisierte das Kölner Unternehmen dort mit afghanischen Unternehmen den gesamten Transport zwischen den Hauptstützpunkten der Streitkräfte und den lokalen Camps. „Diese Aktivitäten wurden mit dem Auslaufen des ISAF-Mandats 2014 weitgehend beendet“, erläutert Horsmann. Nachdem die USA ihre Präsenz in Kandahar aufgegeben hatte, seien kurz darauf auch viele Xeless-Mitarbeiter zurückgekehrt. Dennoch habe Horsmann aktuell noch E-Mails von zwei ehemaligen, afghanischen Mitarbeitern bekommen, die den Xeless-Chef um Hilfe bei der Ausreise bitten.

Rund 15 eigene Mitarbeiter hatte Horsmann zuletzt noch in Masar-e Sharif. Anfang Juni haben diese dann auch das Land verlassen. „Übrig geblieben sind unsere afghanischen Ortskräfte“, so Horsmann. Als der Abzug der Bundeswehr vor einigen Wochen beschlossen wurde, kündigte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer an, man werde Menschen schützen, die „zum Teil über Jahre hinweg auch unter Gefährdung ihrer eigenen Sicherheit an unserer Seite gearbeitet, auch mitgekämpft haben und ihren persönlichen Beitrag geleistet haben“.

Nur noch wenig Hoffnung

Doch laut Aussage von Horsmann passiert genau das nicht. Er habe noch sechs afghanische Mitarbeiter und deren Familien vor Ort – insgesamt 29 Menschen, für die sich die Situation dramatisch zuspitze.

Wer als Afghane in Camps der Nato oder der Bundeswehr ein- und ausgeht, gilt für die Taliban als Kollaborateur mit den Besatzern. Diesen vielleicht noch helfen zu können, halte Horsmann im Moment Tag und Nacht in Atem. „Die müssen wir rauskriegen.“ Die Nachrichten und Bilder aus Afghanistan seien erschütternd, sagt Horsmann. Jetzt, im totalen Chaos, versuche er mit allen Mitteln eine Lösung zu schaffen. Er verfügt über exzellente Kontakte bis in verschiedene Ministerien. Aber ob das gelingt, sei im Moment noch völlig unklar. „Zu meiner größten Enttäuschung gibt es bis jetzt noch kein Zeichen von irgendeiner Stelle der Regierung, dass Ortskräfte, die nicht für die Regierung direkt, sondern für private Dienstleister wie Xeless gearbeitet haben, überhaupt für die Evakuierungsflüge berücksichtigt werden“, kritisiert Horsmann.

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Xeless ist jedoch nicht nur in Krisengebieten unterwegs. In Südosteuropa haben die Kölner etwa ein Veranstaltungsgeschäft aufgebaut und rüsten große Musikfestivals mit der passenden Infrastruktur aus. Auch bei der Verlagerung oder dem Umzug von Unternehmen kommt Xeless mit seinen logistischen Lösungen zum Einsatz.

Mehr zum Thema: Die Machtergreifung der Taliban ist auch ökonomisch ein Desaster für Afghanistan. Die Steinzeit-Islamisten dürften der ohnehin schwachen Volkswirtschaft am Hindukusch den Rest geben.

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