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Modelagentur in der Krise „Wer kauft sich in der jetzigen Situation schon eine Gucci-Tasche?“

Marco Sinervo Quelle: PR

Seit Wochen keine Aufträge, keine Fashion-Shows, keine Shootings. Deutschlands größte Modelagentur MGM trifft die Coronakrise hart. MGM-Chef Marco Sinervo befürchtet: Das gesamte Geschäftsmodell steht auf der Kippe.

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Normalerweise halten vor dem prachtvoll renovierten, vierstöckigen Altbau in der Nähe der Hamburger Außenalster rund um die Uhr Taxis. Und fast immer steigen junge, hübsche Frauen oder schlanke, gutaussehende Männer mit kleinem Gepäck aus, die schnell in der von Schwarz und Chrom dominierten Lobby verschwinden. Hier im Stadtteil Harvestehude ist der Sitz der größten deutschen Modelagentur MGM. Doch seit dem Beginn der Corona-Kontaktsperre halten am Mittelweg keine Taxis mehr. Der Empfang ist düster, die Boxen der Musikanlage wabern nicht mehr. In dem riesigen Fotostudie, dort wo sonst Make-up-Artisten, Fotografen, Stylisten, Models und Friseure umherwuseln und die neuesten Klamottentrends in Szene setzen, herrscht tote Hose. Auch die Büros der Booker und Planer sind leer.

Einer, der immer noch ab und an durch die leeren Räume und langen Gänge geistert, deren Wände hunderte Portraitbilder mit Namen und Maßen seiner Models zieren, ist Agentur-Chef und Gründer Marco Sinervo. „Wir haben rund 60 Mitarbeiter, die ich alle ins Homeoffice geschickt habe“, sagt der Sohn eines Italieners und einer Finnin, geboren in Hamburg und seit mehr als 20 Jahren im Model-Geschäft. 2007 machte er sich mit Model Global Management, kurz MGM, selbstständig.

Seinerzeit betreute er hundert Models, heute sind es 1200, zudem zählen auch Influencerinnen und Celebrities wie Jessica Alba, Johnny Depp und Brad Pitt zum Portfolio. „Sämtliche Modelshootings sind vorübergehend eingestellt worden,“ sagt der Agenturchef. Die Angst seiner Mitarbeiter vor der Arbeitslosigkeit sei deutlich spürbar. Deshalb habe er sie bisher auch noch nicht in Kurzarbeit geschickt, obwohl fast nichts mehr zu tun sei. Das werde er aber ab Mai tun. „Es geht nicht mehr anders.“

Sinervo stellt sich mittlerweile auch die Frage, welche und wie viele seiner Kunden überhaupt die Krise überleben werden. „Unsere Kunden aus der Textil-, Luxus- und Kosmetikbranche
sind durch die allgemein sehr schwache Konsumstimmung und den Shutdown besonders stark betroffen.“ Während sich solide Unternehmen verkrampft bemühten Optimismus auszustrahlen, zeichneten sich bei den schon vor der Krise schwächelnden Unternehmen die ersten Insolvenzen ab. Wie etwa bei Esprit und Hallhuber, die schon vor Wochen in die Insolvenz in Eigenregie gegangen sind. Sinervo glaubt, dabei werde es nicht bleiben, weitere würden folgen. „Die Stimmung in der sonst so leichten und fröhlichen, wenn auch leicht hysterischen Branche, ist extrem bedrückend“, sagt der 43-Jährige. „Das ganze Auslandsgeschäft, das wir uns aufgebaut haben, ist tot.“

Neben der Zentrale in Hamburg hat MGM Niederlassungen in Düsseldorf und Paris, die Agentur gilt als führend auf dem europäischen Markt. Sinervos Models arbeiten für große, weltweit bekannte Modemarken wie Balenciaga, Dolce & Gabbana, Chanel und Dior, aber auch für Fast-Fashion-Ketten und Versandhäuser wie H&M, Mango, Zara, Zalando, Otto und About You. „Die Krise wird hart und viele Existenzen kosten. Wer kauft sich in der jetzigen Situation schon eine Gucci-Tasche?“, fragt sich Sinervo.

Obwohl seine Models seit Wochen keine Aufträge mehr bekommen, macht er sich um sie wenig Sorgen. „Das sind durch die Bank Mädels und Jungs, die schon ein bisschen was auf die hohe Kante gelegt haben.“ Und sie seien jung, „die kommen schon durchs Leben“, ist Sinervo überzeugt. Viel mehr Sorgen macht er sich über das Geschäftsmodel seiner Agentur, vielleicht sogar der ganzen Branche. Ein Kunde habe ihn kürzlich angerufen, der Chef eines namhaften Textilherstellers, und stolz von einer neuen Technik berichtet, die es erlaube, in der Grafik Köpfe von Models auf Büsten zu setzen. So könne man sich künftig teure Modelshootings sparen. Schließlich, so der Mode-Chef, würde das Bild so real aussehen, als ob es echte Menschen seien.

„Ich glaube das aber nicht“, sagt Sinervo. „Es sind die kreativ inszenierten Bilder mit echten Menschen und Models an verschiedenen Orten auf der Welt, die ein Bild und ein Produkt sexy und begehrenswert machen und Emotionen und Lebensgefühl wecken und transportieren.“ Einige Marken würden nun auch verstärkt dazu übergehen, ihre Kollektionen schlicht und einfach auf Kleiderständern oder an Puppen fotografieren zu lassen. Ohne Menschen.

Für Sinervo ist das ein Horrorszenario. „Wir müssen wieder Emotionen wecken, wenn wir die Corona-Krise überstanden haben.“ Schließlich komme der Verbraucher verunsichert aus der Quarantäne und wenn sich das Leben langsam normalisiere, dann werde sich der eine oder andere Verbraucher wieder nach etwas Luxus sehnen und den beißenden Geruch von Sterillium gegen ein neues Parfum oder das legere Homeoffice-Outfit gegen einen neuen Business-Dress eintauschen wollen. „Wir verkaufen schließlich keine Lebensmittel oder Klopapier. Wir verkaufen ein Lebensgefühl.“

Sinervo hofft, dass ab Juni wieder die ersten Aufträge kommen und er mit der Produktion von Shootings und der Vermittlung von Models im Juli beginnen kann. Damit sei zwar ein Quartal komplett futsch. Aber den Zeitraum könne er finanziell durchhalten. Schließlich habe er vorher gut gewirtschaftet und verdient. Insgesamt belief sich der MGM-Umsatz im vergangenen Jahr auf rund elf Millionen Euro.

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