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Modeshow Was Amazon mit Heidi Klum vorhat

Promi-Faktor: Wie Amazon und Pro7 um Heidi Klum kämpfen Quelle: imago images

Ärger mit Drag-Queens, Liaison mit dem Online-Shop Amazon – Heidi Klum macht ihrem deutschen Stammsender ProSieben mit einer neuen Mode-Show und einem prominenten Partner Konkurrenz.

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Als Heidi Klum den Anruf von ProSiebens Senderchef Daniel Rosemann annahm, sah sie einigermaßen zerknautscht aus. Der Facetime-Call auf offener Bühne erreichte die Moderatorin noch im Bett. „Wir haben gestern bis um 3 Uhr gedreht“, stöhnte Klum.

Rosemann überging die nächtlichen Aktivitäten seines Stars bei der Neuheiten-Präsentation für die kommende TV-Saison einigermaßen galant. Denn Klum ist noch immer eines seiner wichtigsten Zugpferde. Seit 14 Jahren präsentiert sie die Casting-Show „Germany’s Next Top Model“. Zusätzlich wird die 46-Jährige bei ProSieben bei einer neuen Show mitmischen: „Queen of Drags“, ein schräges Format, in dem Eurovision-Gewinner Thomas Neuwirth alias Conchita Wurst und Sänger Bill Kaulitz zusammen mit dem Model die Jury bilden.

Im Winter hievt ProSieben die neue Sendung um zehn Verkleidungskünstler ins Programm und hofft, dass sich die Popularität Heidi Klums auf die neue Show überträgt. Die sorgte in den vergangenen Tagen für einigen Aufruhr in der deutschen queeren Szene. Zwei Berliner starteten eine Online-Petition gegen Klums Rolle in der geplanten Sendung. Klum sei schließlich eine „heteronormative weiße Frau, die bisher keinerlei nennenswerte sichtbare Verbindung zur Drag-Community“ habe. Die Show sei „kultureller Missbrauch“.

Wie ProSieben auf die Kritik reagiert, ist offen, eine Anfrage blieb unbeantwortet. Unwahrscheinlich ist allerdings, dass die Münchner ihren wichtigsten weiblichen Star einfach so von der Sendung abziehen. Schließlich hatte die jüngste Staffel der Klum-Show „Germany’s Next Top Model“ ihre besten Einschaltquoten seit sieben Jahren erreicht. Jüngst hat der TV-Konzern darum den Vertrag mit der gebürtigen Bergisch-Gladbacherin um weitere sechs Jahre verlängert. Klum und ProSieben wären am Ende des Kontrakts dann seit 20 Jahren ein Gespann.

Einziger Haken: Heidi Klum ist nicht monogam. ProSieben ist nicht der einzige Anbieter, der von der Bekanntheit und Zugkraft der Deutschen profitieren will. Stattdessen wird Klum im kommenden Jahr ausgerechnet zusammen mit Amazon den Nachfolger „Making The Cut“ ihrer erfolgreichen US-Sendung „Project Runway“ an den Start schicken. Das Format sucht nach Nachwuchs-Modelabeln. Das Einkaufsportal mit Hauptsitz in Seattle baut gerade massiv das Programm-Angebot für seine Prime-Kunden aus. Die will Amazon mit Filmen, Serien und neuerdings auch mit Shows locken.

Mit Amazon kann Klum weltweit noch bekannter werden

Klum wird damit zu einer Symbolfigur für den digitalen Wandel, in dem die gesamte Medienbranche steckt. Längst sehen sich traditionelle Sender wie ProSieben und RTL mit Konkurrenten konfrontiert, die aus gänzlich anderen Richtungen kommen und mit aller Macht in den Kampf um die Zuschauer und Konsumenten einsteigen. Netflix – der größte Streaminganbieter der Welt – häuft nicht nur immer mehr Abonnenten, sondern auch Schulden an. Das Geld steckt er vor allem ins Programm; allein in diesem Jahr sollen es an die zehn Milliarden Dollar sein, die Programmchef Ted Sarandos für Filme, Serien und Dokumentationen ausgibt.

Vor allem mit Amazon liefert sich Netflix ein Rennen um die attraktivsten Inhalte. Nun hat sich Amazon Heidi Klum geangelt. Die 46-Jährige dürfte an dem Deal vor allem reizen, dank Amazons internationaler Präsenz mit ihrer neuen Show „Making The Cut“ auf einen Schlag in zahlreichen neuen Märkten aufzutauchen und so ihre eigene Bekanntheit weiter auszubauen. Details, wo genau die Show als erstes an den Start geht, wurden bislang nicht bekannt gegeben.

Dazu kommt, dass Amazon das Thema Modeshow weitertreibt; Klums langjähriger „Runway“-Kollege Tim Gunn, der auch bei der Amazon-Neuauflage dabei sein wird, betonte: Amazon werde der Show ein „interaktives Element“ hinzufügen. Im Klartext heißt das, dass aus Zuschauern Käufer werden sollen. Die Klamotten, die sie in der Sendung vorgeführt bekommen, können sie direkt online kaufen – natürlich über Amazon.

Für den Online-Konzern könnte dieser Plan doppelt aufgehen: Einerseits kauft er sich Prominenz ein. Allein in der Klatschpresse wird es Beiträge über das neue Format nur so hageln. Und Amazon liefert seinen Prime-Kunden, die etwa für bessere Lieferkonditionen und den Zugang zum Streamingdienst einen festen Jahresbeitrag zahlen, einen weiteren Grund, dabei zu bleiben.

Glamour-Plus für Amazon

Andererseits lässt die Liaison mit Klum Amazon glamouröser erscheinen und lenkt zugleich den Blick auf die eigenen Modemarken, die unter dem Namen „Amazon Essentials“ verkauft werden.

Und Klum? Darf sich auf die Fahnen schreiben, die erste TV-Prominente zu sein, mit der Amazon ins Thema Modeshow startet. Läuft es glatt, so die Hoffnung der Beteiligten, dürfte sie viele ihrer vor allem weiblichen Fans zu Amazon locken.

Für ProSieben und Chef Rosemann sind das weniger gute Nachrichten – kaum wahrscheinlich, dass Amazon ausgerechnet im deutschen Markt eine Ausnahme macht und die Klum-Show ihren Landsleuten vorenthält. Geht das Kalkül auf, könnte es Schule machen. Einen Erfolg vorausgesetzt, könnten Konzerne wie Amazon in großem Stil lokale Showgrößen einsammeln. Mit Bastian Pastewka (Amazon) und Anke Engelke (Netflix) haben sie jedenfalls schon mal zwei der bekanntesten deutschen TV-Gesichter im Stall. Nun kommt Klum dazu. Sie wird wohl nicht die Letzte gewesen sein.

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