Mögliche Kooperation Lufthansa und Turkish verfolgen gemeinsame Interessen

Der türkische Regierungschef Erdoğan will Lufthansa und Turkish Airlines fusionieren. Das ist übertrieben, doch eine engere Zusammenarbeit ist eines der besten Mittel gegen die wachsende Bedrohung der Lufthansa durch die Fluglinien vom Golf.

Die größten Baustellen der Lufthansa
1. UnternehmensorganisationWährend andere Fluglinien wie British Airways bereits massiv Personal abgebaut haben, leistet sich die Lufthansa in vielen Bereichen Doppelarbeiten. So haben nicht nur das Fluggeschäft, sondern auch die großen Töchter wie das Wartungsgeschäft eigene große Hauptverwaltungen. Dazu werkeln etwa die EDV-Abteilung des Fluggeschäfts parallel zu den Fachleuten der konzerneigene IT-Tochter Lufthansa Systems und legen einander nicht selten eher Steine in den Weg als die beste Lösung zu suchen. Quelle: Reuters
2. UnternehmenskulturDie Lufthansa gibt fürs Personal pro Flugkilometer mindestens ein Drittel mehr aus als wichtige Wettbewerber. Das liegt unter anderem an vielen alten Privilegien. So hat die Linie aus ihrer Zeit als Behörde das System übernommen, dass die Gehälter steigen je länger ein Mitarbeiter zum Unternehmen gehört. Dazu ist die Lufthansa in den vergangenen Jahren eher durch Zukäufe als organisch gewachsen. Dadurch kamen vor allem besser bezahlte Mitarbeiter dazu und weniger Berufseinsteiger, die das Durchschnittsgehalt drücken. Quelle: dpa
3. Hohe Eigenständigkeit der Tochtergesellschaften Ob Frachtgeschäft, Cateringküchen oder Fluggeschäft: die einzelnen Tochtergesellschaften dürfen weitgehend ohne Vorgaben aus der Zentrale arbeiten. So leisten sich nicht nur alle Töchter eigene Einkaufsabteilungen, obwohl ein zentraler Einkauf in der Regel bessere Preise bekäme. Die einzelnen Fluglinien organisieren ihren Service auch nach eigenen Regeln. Statt den Ticketverkauf zentral zu koordinieren, jagen sich die einzelnen Gesellschaften gerade in Krisenzeiten gegenseitig Kunden ab. Quelle: Pressebild
4. Umständliche Fliegerei Billigflieger kommen mit ein oder zwei Flugzeugtypen aus und bekommen dadurch beim Einkauf, der Ausbildung des Personals und der Wartung der Maschinen Mengenrabatte. Die Lufthansa hingegen hat in ihrer Flotte mindestens zehn verschiedene Typen und fliegt entsprechend teurer. Quelle: dpa
5. Hohe Fertigungstiefe Während andere Fluglinien längst ihr Wartungsgeschäft und die Flugküchen abgestoßen haben, legt die Lufthansa Wert auf ihre Rolle als 'Aviationkonzern', zu deutsche: Komplettanbieter. Zwar verdienen die Töchter - allen voran die Werften der Lufthansa Technik - gutes Geld. Doch weil der Kranich seine Maschinen nicht zu anderen Werkstätten schicken kann, zahlt er dem Vernehmen nach im Schnitt mehr als andere Linien. Quelle: Pressebild
6. Zu einheitliches ProduktEgal ob innerdeutscher Kurzstreckenhüpfer oder eine lange Strecke nach Istanbul: Lufthansa will auf allen Strecken als Lufthansa mit einem Premiumprodukt präsent sein und nicht die konzerneigene Edel-Billiglinie Germanwings fliegen lassen – auch wenn die Kundschaft etwa von Köln nach Berlin vor allem preisbewusst Economy Class bucht und auf Lounges oder Schaumwein an Bord wenig Wert legt. Erste Ansätze, das zu ändern gibt es allerdings. Auf einigen Europastrecken übernimmt seit 1. Juli 2013 Germanwings bisherige Routen der Lufthansa. Quelle: dpa/dpaweb
7. Verlustbringende Zukäufe Dass Swiss als erste übernommene Fluglinie bis heute eine Ertragsperle ist, erweist sich im Nachhinein als Fluch. Denn die guten Zahlen der Schweizer ließen alle glauben, dass jeder Zukauf mit ein paar Umbauten zu einer kleinen Swiss werden kann. Doch stattdessen schreiben die Töchter wie Austrian Verluste oder drohen wie Brussels Airlines in die roten Zahlen zu rutschen. Quelle: AP

Mit seinen ungewöhnlichen Ideen sorgt der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan außerhalb seiner Heimat in der Regel für echte Überraschungen. Nach Fragen zur Integration seiner Landsleute und der offenen Parteinahme gegen die syrische Regierung hat sich der 58-Jährige nun der Luftfahrt zugewandt. Die deutsche Kanzlerin Angela "Merkel schlug mir während meiner Deutschlandreise vor, Lufthansa und Turkish Airlines in Zukunft gemeinsam zu betreiben. Ich habe "okay" gesagt. Das war sowieso eines unserer Projekte und, so Gott will, wird es wirklich dazu kommen, dass wir für Lufthansa und Turkish Airlines gemeinsam tätig werden."

Damit sorgte der Politiker nicht zuletzt in Deutschland für Kopfschütteln. Die Vereinigung zwischen Europas größter Fluglinie und dem Partner in der gemeinsamen Star Alliance, der am stärksten wächst, wäre sicher der radikalste Schritt in Europas Luftfahrt der vergangenen Jahre – und derzeit sicher ein wenig skurril. So lange die Türkei nicht der EU angehört, verlöre ein Gemeinschaftsunternehmen wichtige Streckenrechte. Dazu haben das auf Turbo-Wachstum getrimmte Staatsunternehmen Turkish und die krisengeschüttelte Lufthansa vollkommen andere Unternehmenskulturen in Sachen Mitbestimmung, Sicherheitskultur oder Service.

Gemeinschaftsunternehmen hat großen Erfolg

Doch auch wenn Lufthansa eine Rettung aus Istanbul derzeit sicher nicht braucht, eine engere Zusammenarbeit unterhalb einer Fusion ist am Ende nicht absurd, sondern eine gute Idee. Erste Medienberichte, nach denen Lufthansa und Turkish Überkreuzbeteiligungen erwägen, klingen also nicht völlig abwegig. Beide Unternehmen haben im Rahmen von Star bereits einen Teil ihrer Flugpläne und den Service für Kunden des jeweils anderen abgestimmt. Dazu betreiben sie mit Erfolg den Urlaubsflieger 'Sun Express'. Der Erfolg der Gemeinschaftsunternehmen der Lufthansa mit All Nippon auf den Japanstrecken oder Richtung Nordamerika mit United zeigt: Die Kombination Lufthansa / Turkish auf den Strecken Richtung Istanbul und auf vielen Anschlussflügen brächte vor allem der Lufthansa aber auch Turkish selbst spürbare Vorteile.

Für Turkish wäre das zunächst ein Ritterschlag. Auch wenn der heutige Chef Temil Kotil die Linie in den vergangenen Jahren von Grund auf renoviert hat, und die Linie bei Passagierumfragen oder Marktforschern als Linie mit dem besten Bordservice Europas gilt, hat sie bei vielen immer noch das Image einer besseren Gastarbeiterlinie. Und wegen einiger Abstürze zweifeln viele zu Unrecht an der Sicherheit der Airline. Das würde sicher eine tiefere Partnerschaft mit der Lufthansa in kurzer Zeit zumindest mildern.

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