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Neue Pünktlichkeitsmessung Das neue Selbstbewusstsein der Bahn

Deutsche Bahn will Pünktlichkeit neu messen Quelle: imago

Die Bahn will Pünktlichkeit neu vermessen. Künftig soll die Öffentlichkeit erfahren, wie viele Reisende am Ende ihrer Reise stark verspätet waren – und den Airlines und Fernbussen zeigen, dass die Bahn überlegen ist. 

2018 war ein Katastrophenjahr für die Deutsche Bahn. Nur 75 Prozent der Fernverkehrszüge waren pünktlich. Ein Desaster. Zwar lief es 2019 bislang etwas besser. Im Februar waren immerhin 80 Prozent der ICE- und Intercity maximal sechs Minuten verspätet. Doch der Ruf der Deutschen Bahn ist ramponiert.

Das soll sich in diesem Jahr ändern. Zum einen werkelt die Deutsche Bahn daran, die technischen Probleme zu beheben, die ICE- und Intercity-Züge unpünktlich machen. Denn noch immer verlassen zu viele Züge mit Defekten die Werkstatt.

Zum anderen will die Bahn die Pünktlichkeit neu vermessen. Bislang gilt ein ICE oder Intercity als verspätet, wenn er mehr als sechs Minuten zu spät im Bahnhof eintrifft. Darüber hinaus veröffentlicht die Bahn auch die Zahl der Züge, die mindestens 15 Minuten verspätet sind.

Ab diesem Jahr will die Bahn eine zusätzliche Statistik einführen – und den Airlines und Fernbusbetreibern selbstbewusst zeigen, dass sie überlegen ist. Völlig unberücksichtigt war bislang nämlich die Frage, wann die Reisenden tatsächlich ihr Ziel erreichen. Viele müssen umsteigen, um ihr Zuhause zu erreichen.

Die so genannten Endziel-Pünktlichkeit war bislang eine Black Box.

Die Deutsche Bahn will das Geheimnis voraussichtlich noch in diesem Jahr lüften und zusätzlich zur Einzelzug-Betrachtung eine Statistik veröffentlichen, die Umstiege mit berücksichtigt. So sollen „auch Zugausfälle, Ersatzzüge und nachträgliche Fahrplanänderungen mit einbezogen“ werden, heißt es bei der Bahn. Der zusätzliche Wert berücksichtige, ob Anschlüsse funktionierten. „Diese Erhebungsmethode bildet die Realität der Bahnreisenden besser ab und ermöglicht die Vergleichbarkeit mit den entsprechenden Kennzahlen für den Luftverkehr und den Fernbus.“

Einfach ist das nicht. Jeden Tag sind rund 400.000 Reisende mit der Deutschen Bahn unterwegs. Bei rund 270.000 weiß die Bahn ganz genau, wann sie wo abfahren und wann sie wo ankommen sollen. Die Tickets der Kunden sind zuggebunden – oder Reisende kaufen Sitzplatzreservierungen. Bei ihnen weiß die Bahn also, ob sie ihr Ziel pünktlich erreicht haben. Und pünktlich heißt in diesem Fall: weniger als 15 Minuten. Das gilt als neues Mantra der Einstieg-bis-Ausstieg-Pünktlichkeit.

Es fehlen aber noch rund 130.000 Reisende, von denen die Bahn nicht weiß, wann sie Zugfahren und ob sie überhaupt Zugfahren. Zu den Kunden zählen etwa Bahncard50-Kunden, die sich ein Ticket kaufen und irgendwann am Tag in den Zug steigen. Hinzu kommen Vielfahrer mit einer Bahncard100. Über ihr Reiseverhalten weiß die Bahn gar nichts. Wie will man also wissen, ob sie ihr Ziel pünktlich erreicht haben? Die Bahn will sich der neuen Pünktlichkeit daher auch über Algorithmen nähern. Wie genau das funktionieren soll, testet die Bahn derzeit.

Auf welchen Strecken die Bahn besonders häufig verspätet ist

Das alles ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass die Bahn nach wie vor mit Problemen kämpft. Auf bestimmten Strecken kämpft die Deutsche Bahn besonders oft mit Verspätungen, die unweigerlich verpasste Umstiege nach sich ziehen. Das geht aus einer Auswertung der Zugdaten durch das Fahrgastrechte-Portal Refundrebel für die WirtschaftsWoche hervor.

Auf der Strecke von Hamburg nach München etwa ging es in den ersten zwei Monaten des Jahres besonders behäbig zu. Der ICE 599, der am frühen Vormittag in Norddeutschland aufbricht und am Abend um 19:27 am Münchener Hauptbahnhof eintreffen soll, war sieben Mal innerhalb von 61 Tagen mindestens eine Stunde zu spät – damit hatte mehr als jeder zehnte Zug eine Mega-Verspätung. Kein ICE-Zug war im Januar und Februar häufiger derart verspätet.

Auch der ICE 556 kämpfte auf der Strecke von Berlin nach Koblenz sieben Mal mit einem Verzug von mehr als 60 Minuten. Genauso häufig waren Reisende im ICE 635 von Bremen nach München verspätetet unterwegs.

Dramatischer war die Situation für Reisende und Pendler gar in bestimmten Intercity-Zügen. Wer besonders häufig auf der Strecke von Hamburg nach Koblenz unterwegs ist und gerne in den Intercity 2321 steigt, hat das möglicherweise am eigenen Leib erfahren.

Der Intercity, der am frühen Abend im Norden losfährt und nachts um ein Uhr in Koblenz ankommt, war besonders häufig stark verspätet. Ganze elf Mal kam der IC 2321 mindestens eine Stunde zu spät. Zahlreiche IC-Züge aus Österreich nach Erfurt und Hamburg kämpften mit ähnlichen Verspätungen.

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