WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Neuer BaFin-Chef „Der meistgehasste Mann am Finanzplatz“

Für die Schweizer Handelszeitung war Mark Branson schlicht ein „Sheriff.“ Quelle: REUTERS

Mark Branson will bei der deutschen Finanzaufsicht nach dem Wirecard-Skandal eine Runderneuerung einleiten. In der Schweiz gilt der kommende BaFin-Chef als hart, kompetent und kompromisslos. Gleich mehrere Affären bei prominenten Banken zeigen, wie er sich diesen Ruf erarbeitet hat.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Es sind Titulierungen, wie sie sich ein Aufseher nur wünschen kann. Für die Schweizer Handelszeitung war Mark Branson schlicht ein „Sheriff.“ Das Magazin „Bilanz“ betitelte vor einigen Jahren ein ausführliches Porträt über den „meistgehassten Mann des Finanzplatzes“ mit der Überschrift „Tough Cop“. Immer wieder ließen sich Banker damit zitieren, dass es der Chef der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma mit seinem Regulierungseifer übertreibe und so die für das Alpenland zentrale Branche im internationalen Wettbewerb womöglich entscheidend schwäche.

„Wenn sich niemand beklagen würde, dass wir ihm auf den Füßen stehen, wäre das auch kein gutes Zeichen“, konterte Branson diese Kritik. Tatsächlich hat sich der 52-Jährige im Laufe seiner knapp siebenjährigen Amtszeit mit zahlreichen Banken, Vermögensverwaltern und Versicherungen angelegt. Diese Unerschrockenheit wird er auch bei der Aufgabe benötigen, die die „Neue Zürcher Zeitung“ als seine „Meisterprüfung“ sieht: Ab dem Sommer soll er als neuer Chef der deutschen Finanzaufsicht BaFin deren durch den Wirecard-Skandal ramponierten Ruf wieder aufmöbeln. Im Finanzausschuss des Bundestages gab Branson sich selbstbewusst: Er habe davon gesprochen, dass Deutschland eine Aufsicht von Weltklasse brauche, verlautete am Mittwoch aus Teilnehmerkreisen. Veränderungen und ein Kulturwandel seien nötig. Olaf Scholz fand sogleich lobende Worte für den designierten BaFin-Chef: „Mit Mark Branson ist die Spitze der BaFin bestens aufgestellt“, sagte der Bundesfinanzminister.

Dabei war Branson in der Schweiz zunächst alles andere als unumstritten. Vor allem die nationalistische Schweizer Volkspartei störte sich daran, dass ein Brite die Leitung der obersten Aufsichtsbehörde unternehmen sollte. Obwohl Branson schnell Deutsch lernte und zusätzlich die Schweizer Staatsbürgerschaft beantragte, begleiteten ihn diese Ressentiments eine ganze Weile. Vor allem Vertreter kleinerer Banken verdächtigten ihn, die Standorte Zürich und Genf zulasten Londons schwächen zu wollen. Zudem warfen sie ihm vor, die Großbanken zu bevorzugen.

Das legte auch Bransons Karriereverlauf nahe. Bevor er 2010 zur Aufsicht wechselte, war der studierte Mathematiker bei der UBS solange steil aufgestiegen, bis ihn ein Konflikt mit dem damaligen Finanzvorstand und späteren Deutsche-Bank-Chef John Cryan ausbremste. In dieser Zeit war er auch intensiv mit den Schattenseiten des Bankings beschäftigt: 2008 musste er als Vertreter der Bank vor einem Ausschuss des US-Senats über illegale Steuerpraktiken der Bank aussagen. Und als Chef des Japangeschäfts arbeitete er in der Nähe eines Händlers, der sich später als zentrale Figur bei der Manipulation des Referenzzinssatzes Libor herausstellte. Branson hat stets bestritten, diesen überhaupt gekannt zu haben und wurde bei späteren Untersuchungen auch nicht belastet.

Als Chef der Finanzaufsicht hat er die Befugnisse und damit auch das Personal der Behörde deutlich ausgebaut. Der populäre Blog „Inside Paradeplatz“ bezeichnete die Finma deshalb jüngst als „Monstershop.“ Branson steigerte auch die eigene Machtfülle. „Das Problem ist, dass er den anderen so stark überlegen ist, dass alles bei ihm zusammenläuft“, zitierte „Bilanz“ einen hochrangigen Banker.

Branson selbst hat dabei stets auch die Grenzen seines Jobs betont: „Als Aufsichtsbehörde können wir nicht über die Schulter jedes Kundenberaters schauen“, sagte er Ende vergangenen Jahres in einem Interview. Auch wenn die Aufsicht vermehrt präventiv wirke, werde sie auch immer wieder Skandale ex post aufarbeiten müssen. Eine wichtige Leitlinie formulierte er so: „Gezielte Maßnahmen schaffen einen großen Anreiz, um aus einem Korsett wieder herauszukommen.“

Von solchen Maßnahmen hat Branson einige verhangen. Zuletzt traf es Manager von Julius Bär, einer der renommiertesten Schweizer Geldhäuser. Bransons Leute untersuchten die Rolle von vier Managern bei mutmaßlichen Korruptionsfällen im Zusammenhang mit dem venezolanischen Ölkonzern PDVSA. Das Ergebnis der Ermittlungen: Gegen einen der Beteiligten leitete die Finma ein Verfahren ein, zwei wurden gerügt und einer musste erklären, künftig auf Führungspositionen bei Banken zu verzichten.



Julius Bär war bereits zuvor in den Fokus von Branson geraten: Nicht nur wegen des Venezuela-Skandals, sondern weil die Bank auch in mutmaßliche Korruptionsfälle rund um Fußballweltverband FIFA verwickelt sein soll. So ergab die Untersuchung der Finma, dass „Julius Bär die Pflichten in der Geldwäschereibekämpfung sowie die Anforderungen an ein angemessenes Risikomanagement verletzt und damit schwer gegen Finanzmarktrecht verstoßen hat“. Prompt ließ Branson eine drastische Strafe verhängen – und untersagte der Bank, „große und komplexe Firmenakquisitionen“ zu tätigen, bis die Mängel abgestellt sind. Zudem musste die Bank unter anderem ihre Vergütungspolitik ändern.

Die Causa Julius Bär steht stellvertretend für viele Geldwäsche-Fälle, bei denen Bransons Truppe aktiv wurde. Neben Julius Bär traf es auch die Bank SYZ: Sie soll bei einem Kunden aus Angola nicht ausreichend abgeklärt haben, warum das Vermögen plötzlich angewachsen war und so gegen Geldwäsche-Regeln verstoßen haben.

Die Banca Credinvest aus Lugano wiederum soll ebenfalls in den Venezuela-Skandal verwickelt gewesen sein: Die Finma verbot ihr kurzerhand, bestimmte neue Kunden aufzunehmen. Und die Renommier-Adresse Rothschild durfte die Aufseher wegen des Skandals um dem malaysischen Staatsfonds 1MDB näher kennenlernen.

Allerdings war Bransons Finma nicht nur bei Geldwäsche-Fällen tätig. Bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt schlossen die Aufseher ein Verfahren gegen Bransons ehemaligen Arbeitgeber UBS ab: Die Banker sollen versucht haben, Währungskurse zu manipulieren. Die UBS musste eine Strafe von 134 Millionen Franken zahlen. In der Beschattungsaffäre um die Credit Suisse – das Institut ließ ihren Chef der Vermögensverwaltung ausspionieren, der zum Lokalkonkurrenten UBS gewechselt ist – entsandte Branson erst einen Prüfbeauftragten, im Herbst vergangenen Jahres hat die Aufsicht ein Verfahren eingeleitet.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


Angesichts all dieser Skandale dürfte Branson mittlerweile etliche Tricks von Bankern und Investoren kennen. Das sollte ihm helfen, auch in Deutschland noch die ein oder andere Affäre zu Tage zu fördern.

Mehr zum Thema: Der Chef der Schweizer Finanzaufsicht soll künftig die BaFin leiten. Die Personalie ist eine Chance – und darf doch nicht zu einem Irrglauben verleiten.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%