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Neueröffnung am BER Lufthansa-Lounge: Ikea-Fans kommen voll auf ihre Kosten

Frisch eröffnet: Die nagelneue Lufthansa-Lounge am nagelneuen BER. Quelle: Christian Schlesiger für WirtschaftsWoche

Am Sonntag eröffnete die nagelneue Lufthansa-Lounge am nagelneuen BER. Wer sich dort in die Sessellandschaften zwischen die Wohnzimmerregale fläzt und die Blicke über das Rollfeld vor den Panorama-Fenstern streichen lässt, wird sich vorkommen wie ein Statist in einem modernen Möbelkatalog. Ist das die neue Bescheidenheit einer demütigen Branche?

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Die Küche bleibt kalt. Auch wenn die Verpflegung kostenlos gewesen wäre: Gastro ist Gastro und im November am Sitzplatz auch in Flughafenlounges verboten. Dafür bekommen die Gäste am BER beim Rausgehen von der Lufthansa-Bodencrew ein Tütchen mit Snacks in die Hand gedrückt. Soll ja keiner sagen, die Lufthansa würde auf diese Weise die Verluste durch die Coronakrise wieder reinholen wollen.

Wäre die Architektur und Innenausstattung nicht schon lange vor der Lufthansa-Krise definiert worden, man könnte den Eindruck haben: Die Lounge soll Ausdruck sein einer neuen freundlichen Demut von Europas größter Airline. Zumindest fügt sich die Einrichtung perfekt in das neue BER-Gefühl von Bescheidenheit, Wärme und Gemütlichkeit.

Erster Eindruck: Was machen die fremden Leute da in meinem Wohnzimmer? Die Auswahl der Möbel, der Deko und der Bilder an der Wand trifft sicher sowohl den Geschmack der Ikea-Fans unter den Vielreisenden als auch derer, die sich sonst in der hanseatisch aufgeräumten Gemütlichkeit von Lobbys moderner Business-Hotels vor allem im Norden Europas wohlfühlen:

Das ist die neue Lufthansa-Lounge am BER
Willkommen in der neuen Lufthansa-Lounge am BER. Helles Holz, indirektes Licht – und ein freundlicher Empfang für die Vielflieger der Frankfurter Airline. Quelle: Christian Schlesiger für WirtschaftsWoche
Auf die letzte Minute: Zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung gingen die Weltuhren noch nach Berliner Zeit. Mittlerweile hängen dort ganz traditionell Schilder mit Metropolen-Namen aus aller Welt – und die Zeiger sind inzwischen verstellt. Quelle: Christian Schlesiger für WirtschaftsWoche
Wie aus dem Katalog. Metall, Holz, Glas, warmweißes Licht von Lampen im Retro-Glühdraht-Design. Damit kann man als Innenarchitekt zurzeit nichts falsch machen, wenn man es allen gemütlich machen will. Quelle: Christian Schlesiger für WirtschaftsWoche
„Ist hier noch frei?: So stellt sich die Lufthansa gemütliches Networking in ihrem neuen riesigen Wohnzimmer für Vielflieger vor. Quelle: Christian Schlesiger für WirtschaftsWoche
Leselounge in einer Buchhandlung? Moderne Hotel-Lobby? Nein. Das ist die neue hanseatisch bescheidene Heimeligkeit. Quelle: Christian Schlesiger für WirtschaftsWoche
Hier darf auch mal Tomatensoße spritzen. Die gekachelten Wände sind gut abwaschbar. Was Warmes in den Magen ohne viel Schischi. Quelle: Christian Schlesiger für WirtschaftsWoche
Wer sich bei dieser Aussicht aufs Arbeiten konzentrieren kann, findet in den Tischen Steckdosen für seinen Laptop. So nah beieinander werden wir aber mit gutem Gefühl sicherlich erst wieder Mitte 2021 sitzen wollen. Quelle: Christian Schlesiger für WirtschaftsWoche

Als Raumtrenner fungieren zig quaderförmige Regale aus schwarzen Metallgestänge und Einlegeböden aus hellem Holz (vermutlich Kirsche). Wer sich im Internet mit einer Möblierungssoftware probeweise sein Wohnzimmer einrichten würde, würde es sicherlich genau so machen: hier eine Vase aus bernsteinfarbenem Glas, dort ein Büschel Kunstgras, hier ein paar Bildbände von egal wo. Von der Decke hängen lauter Kabel, am Ende offene LED im Glühbirnen-Retro-Design in der Größe von Grapefruits. Mit dem obligatorischen warmweiß leuchtenden Glühdraht.

Weder spielt das Thema Fliegen noch das Thema Berlin in der Inneneinrichtung eine Rolle. Das soll sich noch ändern, sagt die Lufthansa. Bald komme zumindest noch ein Berliner Bär rein. Wer weiß: Vielleicht ja in der Empfangshalle neben die zwei riesigen Hochglanz-Bilder aus Havanna. Warum nun ausgerechnet Kuba den Besucher als erstes ins Auge springen soll, vermittelt sich nicht. Aber dekorativ aussehen tut es.

Alles in allem könnte so eine Lounge auch als Leseecke in einer Stadtbibliothek neu eröffnen. Oder als Ruhebereich neben dem Speisesaal einer Uni-Mensa. Und das ist als Kompliment an die Bodenständigkeit gemeint.

Apropos: Etwas weiter hinten schließt sich das zweite Buffet an. Dort stehen auf der Ablage immerhin schon ein paar gusseiserne Töpfe. Die Wand ist gekachelt. Offenbar sollen sich die Gäste so fühlen, als dürften sie sich ganz frisch direkt etwas aus der Küche stibitzen (die sich natürlich in Wirklichkeit hinter der Kachelwand befindet). Der rustikale Work-in-Progress-Stil hat Charme, ist aber nicht sehr weit entfernt vom Ambiente einer schwedischen Möbelhaus-Cafeteria. Man fragt sich allerdings: Na und?

Der Lufthansa geht es ganz offenbar um etwas anderes: Um Wohnlichkeit. Wohligkeit. Begegnung. Kennenlernen. Netzwerken. Geselligkeit. 

Dass es sich hier um eine Flughafenlounge handelt, das fällt einem erst wieder ein, wenn man aus dem Fenster auf die zurzeit noch wenigen herumrollenden Flugzeuge guckt. 

Irgendwann soll man auch direkt von der Lounge ohne Umwege über die angeschlossene Brücke ins Flugzeug einsteigen können. Zumindest wenn das an dem einzigen dafür vorgesehenen Gate andockt. Das sollen dann vor allem die Zubringerflüge nach München sein. Aber bislang hat Lufthansa dieses besondere Einsteige-Procedere für die Stammkunden noch nicht mit dem Flughafen zu Ende ausgedealt. 

Eilt zurzeit ja auch nicht.


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