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NGOs Wie Angreifer Foul spielen

Drei Beispiele, wie Umwelt-, Menschenrechts- und Verbrauchergruppen mit fragwürdigen Methoden und gezielten Halbwahrheiten Unternehmen drangsalieren.

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Landwirtschaft Quelle: dpa

Die Attacke war heftig, das Ziel zwar mächtig – aber einfach zu treffen. Im Februar 2011 startete ein Bündnis aus Entwicklungshilfe-, Umwelt- und Sozialorganisationen eine Kampagne gegen Agrarspekulation. Der Vorwurf: Finanzwetten auf Dürre oder Durst hätten die Hungerkatastrophen der Jahre 2008 und 2011 ausgelöst oder verschärft. Das Ziel: Alle reinen Finanzakteure sollten von Termingeschäften mit landwirtschaftlichen Rohstoffen ausgeschlossen werden.

Angriffsfläche boten vor allem die Indexhändler, die weder Getreide noch Reis echt auf Termin kaufen, sondern explosionsartig mehr als früher auf deren Preisentwicklung wetteten. Doch die Protagonisten der Kritiker haben wenig zu bieten.

Beobachtungen und Bekenntnisse

Für das katholische Hilfswerk Misereor geht der gelernte Bankkaufmann Dirk Müller, als "Mister Dax" bekannt, ins Rennen. Müller betreibt jedoch keine wissenschaftliche oder finanztechnische Analyse, sondern vermischt Beobachtungen an den Börsen mit Bekenntnissen. Foodwatch gibt sich noch weniger Mühe und lässt einen Zeitungsredakteur den Report "Die Hungermacher" schreiben, einen "flammenden Appell" (Foodwatch).

Auch der stützt sich weniger auf wissenschaftliche Studien denn auf Interviews mit Experten und Betroffenen. Ein Zusammenhang zwischen Spekulation und Preissteigerungen sei "derzeit nicht zu beweisen", sagt wiederum Oxfam, "nicht zuletzt wegen des Mangels an Transparenz auf den Finanzmärkten". Gleichwohl findet die Organisation, "das sollte jedoch nicht ein Handeln auf der Basis legitimer und gut begründeter Sorgen ausschließen".

Kritiker hatten Erfolg

Nur die Welthungerhilfe engagiert einen Wissenschaftler als Autor, den Bremer Agrarökonomen Hans-Heinrich Baas. Und der kommt zu dem Ergebnis, dass es gar nicht sinnvoll sei, alle Finanzakteure von den Agrar-Terminmärkten zu verbannen.

Was die Agrarpreise bewegt
Spekulanten treiben Agrarumsätze...Seit 2005 hat sich der Handel mit Agrargütern an der Chicagoer Terminbörse fast verdreifacht. Linke Skala: Gehandelte Agrarkontrakte an der Chicago Board of Trade in Tausend Stück pro Tag Rechte Skala: Weizen-Terminpreis Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
der Weizenpreis schwankt stärker Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
die Wetten folgen den Preisen, nicht umgekehrt Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
Preis und Lagerbestände von WeizenKnappe Lagerbestände treiben den Preis von Weizen hoch. Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
Reis-Future (in Cent pro 45,4 Kilo)Auch Wettereinflüsse und Exportverbote machen Nahrung teuer. Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
Maispreis und BioethanolproduktionMit steigender Produktion von Bioethanol, steigt auch derPreis von Mais. Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe
Lebensmittelpreisindex FAODer Lebensmittelpreisindex bildet die Preise für Fleisch, Getreide, Milchprodukte, Speiseöl und Zucker ab. Durchschnitt 2002 bis 2004 = 100 Quelle: Thomson Reuters, CME, CBOT, CTFC, BDBe

Ingo Pies, Professor für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und den Angreifern durchaus im Geiste verbunden, hat eine ganze Reihe realwirtschaftlicher Faktoren ausgemacht, die die Preissprünge der Jahre 2008 und 2011 ausgelöst haben können. Trotzdem hatten die Kritiker erheblichen Erfolg: Die Commerzbank, die LBBW, die Landesbank Berlin und die Dekabank stiegen aus der Agrarspekulation aus. Die Deutsche Bank verzichtete seit März 2012 darauf, will 2013 aber wieder einsteigen. Wenn es Hinweise gebe, dass die Finanzprodukte den Kampf gegen den Hunger gefährdeten, so Vorstandschef Jürgen Fitschen, "dann hätten wir es nicht gemacht".

Unilever

Die dreistesten Werbelügen
Der goldene Windbeutel Quelle: dapd
Landlust Mirabelle & Birne von Teekanne Quelle: Presse
Clausthaler Quelle: Presse
Becel pro.activ Quelle: Presse
Platz zwei: Viva Vital Hackfleisch-Zubereitung mit pflanzlichem Eiweiß von Netto-Markendiscount Quelle: Presse
Instant-Tees ab dem 12. Monat von Hipp Quelle: Presse

Hamburger Hafencity, Strandkai 1. Neben dem neuen Kreuzfahrtterminal residiert die deutsche Niederlassung des britisch-niederländischen Nahrungsmittelkonzerns Unilever. Von allen Seiten kann der Besucher in das gläserne Raumschiff schauen und sogar durch das Foyer flanieren. Der rund 90 Millionen Euro teure Regional-Palast hat für seine energieschonende Bauweise Umweltpreise bekommen. Die Visitenkarte aus Glas und Stahl soll die postulierte Transparenz und Nachhaltigkeit des Multis symbolisieren.

Diese Offenheit nimmt dem Konzern jedoch nicht jeder ab. Immer wieder ist der Hersteller von Knorr-Tütensuppen, Dove-Shampoos oder Pfanni-Kartoffelpüree Zielscheibe von Umwelt- und Verbraucherschützern. Vorwurf: Die Produkte seien gesundheitsgefährdend und versprechen Dinge, die nicht stimmten.

Medikament statt Brotaufstrich

Stets mittendrin sind die selbst ernannten Nahrungsmittelwächter von Foodwatch. Aktuelles Spaltprodukt ist die Margarine Becel pro.activ. Bei der seien "hochwirksame Pflanzensterine" zugesetzt, sie "senkt aktiv den Cholesterinspiegel", schreibt Unilever auf die Packung. Foodwatch bekrittelt daran, dass der Brotaufstrich eben deswegen gar kein Nahrungsmittel, sondern ein Medikament sei, mithin aus den Regalen zu verschwinden habe.

Die wichtigsten NGOs und wie sie sich mit wem anlegen

Zwar gibt die Organisation selbst zu: "Eine Wirkung hat die Margarine, weil sie den Cholesterinspiegel offenbar senken kann." Doch daraus entwickelt Foodwatch eine bizarre Logik. Erstens sei die tatsächliche Vermeidung etwa von Herzinfarkten durch Becel nicht nachgewiesen. Und zweitens gebe es "Hinweise auf bedenkliche Nebenwirkungen der Pflanzensterine, die längst nicht ausreichend erforscht sind". Daraus leitet Foodwatch den Aufruf an die Konsumenten ab, den dicken gelben Button "Jetzt beschweren" auf der Web-Site anzuklicken und sich dem Appell anzuschließen: "Fordern Sie Unilever deshalb jetzt auf, den Verkauf im Supermarkt unmittelbar einzustellen und eine Zulassung als Arzneimittel zu beantragen. Inklusive entsprechender Forschung, was Risiken und Nebenwirkungen angeht."

Eisige Stimmung zwischen Foodwatch und Unilever

Unilever betont, bisher die Anfragen von Foodwatch und dessen Geschäftsführer Thilo Bode zu Becel, aber auch zu anderen Themen und Produkten umfassend beantwortet zu haben – bisher. Mittlerweile ist die Atmosphäre aber deutlich abgekühlt. "Eine Dialogbereitschaft von Herrn Bode ist ausgeschlossen. Wie er überhaupt eigentlich jeden Dialog, der nicht mindestens auf Vorstandsebene stattfindet, ablehnt", klagt ein Unilever-Manager. Frühere Gespräche, um die Unilever schon vor der Becel-Kampagne gebeten hatte, seien von Zynismus und Sarkasmus seitens Foodwatch geprägt. "Ein wie auch immer geartetes Verständnis für Unternehmen und deren Interesse war in keiner Form gegeben."

Inzwischen herrscht Eiszeit. Bode ist wegen des fettigen Problems vor den Kadi gezogen. Das Landgericht Hamburg schmetterte die Klage zwar ab. Unilever darf weiter damit werben, dass die Cholesterinsenker in Becel pro.activ als unbedenklich gelten. Foodwatch legte Berufung ein. Auf der Internet-Seite der Kampagne "abgespeist.de" können die Kunden weiter Protestmails nach Hamburg senden. Jetzt hat Unilever dichtgemacht, beantwortet keine Anfragen mehr. "Aufgrund des laufenden Gerichtsverfahrens, das Foodwatch gegen uns angestrengt hat, sehen wir seitdem von einer Beantwortung ab", so ein Unilever-Manager.

Private Krankenversicherung

Streichpotenzial der Krankenkassen
Karten von Krankenversicherungen Quelle: AP
Ein Mund Quelle: Robert Kneschke - Fotolia.com
Bonusheft Quelle: dpa
Gymnastik Quelle: Robert Kneschke - Fotolia.com
Akupunktur Quelle: gms
Eine Impfdosis des Mittels Pandemrix gegen Schweinegrippe Quelle: dpa
Geschientes Bein Quelle: Peter Atkins - Fotolia.com

Repräsentativ ist eine Stichprobe, das lernt der Soziologie- und Ökonomiestudent im ersten Semester, wenn die Untersuchungsobjekte zufällig ausgewählt sind und in ihren Eigenschaften denen der Grundgesamtheit entsprechen.

Nichts davon galt für jene 144 Kunden der Privaten Krankenversicherung (PKV), auf die der Verbraucherzentralen Bundesverband (vzbv) seinen Frontalangriff auf die Branche im März 2012 stützte. Denn die Auserwählten waren ausschließlich Versicherte, die sich beschwerten. Sie hatten sich bei den Verbraucherzentralen gemeldet, weil der Beitrag in ihrem Tarif erhöht wurde. Trotzdem trompetete der vzbv, er habe "in einer bundesweiten Aktion" Beweise für generelle Prämienerhöhungen gesammelt – mit 144 von neun Millionen Versicherten, mithin 0,0016 Prozent.

Dienstleister



Propaganda mit Steuergeld

Zwar erkannte auch der vzbv, dass es sich um eine "nicht repräsentative Stichprobe" handelte. Das hinderte ihn aber nicht, die 144 Fälle als Beleg für eine "Beitragserhöhungswelle" zu werten. Zumal die Unternehmen ihren Kunden Beiträge zumuteten, "die diese nach eigenen Aussagen im Ruhestand auf keinen Fall mehr zahlen könnten". Merke: "Erhöhungswelle" ist, wenn einige Kunden meinen, es werde zu teuer.

Eine gründliche, neutrale Prüfung sieht anders aus, die Wahrheit auch. Der durchschnittliche Beitragsanstieg der PKV für 2012 lag bei rund zwei Prozent, in fast der Hälfte der Tarife änderte sich gar nichts. Die Vereinigung der Versicherungsmathematiker ermittelte, dass die Beiträge in der PKV seit 1997 nur um 0,2 Prozentpunkte stärker gestiegen waren als bei gesetzlichen Kassen.

Der vzbv bekommt für seine Arbeit 15,62 Millionen Euro Steuergeld – fast 94 Prozent seines gesamten Etats.

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