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Online-Wäschereien Warum Henkel ins Geschäft mit Schmutzwäsche investiert

Henkel investiert in Online-Wäscherei Zipjet Quelle: imago

Per App zum sauberen Hemd, ohne eigene Waschmaschine und ohne das Haus zu verlassen – das versprechen zahlreiche Online-Wasch- und Reinigungsdienste. Bisher teilten sich das Geschäft mit der schmutzigen Wäsche kleine Start-ups und regional begrenzte Dienste unter sich auf. Jetzt drängen Konzerne wie Haniel und Henkel auf den Markt.

Taxi bestellen bei Uber, Essen bestellen bei Lieferando, Bücher – und so ziemlich alles andere – bei Amazon. Aus dem Internet kommt alles direkt ins Haus. Verbraucher nutzen die Bequemlichkeit, die ihnen die Digitalisierung bietet. Auch die Dienstleistung Textilreinigung ist online buchbar. Verschiedene Start-up-Unternehmen haben Lieferservices mit zugehöriger Software oder entsprechenden Apps entwickelt. Die Idee ist nicht neu, doch der Markt für Online-Reinigungen ist derzeit kräftig in Bewegung. Nicht immer sind die Start-ups erfolgreich. MyDryClean startete mit seiner Idee schon 2011, im Oktober 2013 ging die Webseite wieder vom Netz, schreibt das Fachmagazin "R+W Textilservice".

So meldete kürzlich das mittlerweile fünf Jahre alte Start-up Jonny Fresh, das eine Textilreinigung mit der Haustür-Abholung und -Lieferung verknüpft, den Einstieg eines strategischen Investors. Die mehrheitlich zum Haniel-Konzern gehörende Textilwäscherei CWS-Boco beteiligt sich im Rahmen einer Kapitalerhöhung an dem Berliner Start-up. Zuvor schon hatte der Düsseldorfer Waschmittelkonzern Henkel seine Beteiligung am Wettbewerber Zipjet kräftig aufgestockt. Henkel investiert damit schon zum dritten Mal in das Start-up. Das neu eingesammelte Geld – eine erweiterte Series B – wird für die Geschäfts- und Produktentwicklung in den Zipjet-Märkten in London, Paris und Berlin eingesetzt. Außerdem soll das Marketingbudget erhöht und das Data-Science-Team des Start-ups von aktuell zwei auf fünf Mitarbeiter vergrößert werden.

Im Gegensatz zu den Produkten von Henkel – bekannte Marken wie Persil, Pril oder Pattex -, ist CWS-Boco ein Unternehmen, dessen Produkte man zwar ebenfalls häufig nutzt, die aber eher anonym bleiben. Die Stoffhandtuchautomaten etwa, die in den Toiletten von Restaurants, Kaufhäusern oder Hotels hängen. Oder die Seifenspender mit den drei roten Buchstaben CWS. Solche und ähnliche Produkten nennen Fachleute „Hygienelösungen“. Die CWS-Boco-Mitarbeiter kommen regelmäßig vorbei, um Spender zu füllen oder Handtuchrollen auszutauschen.

CWS-Boco erwirtschaftet mittlerweile einen Jahresumsatz von knapp einer Milliarde Euro. Teil der in Duisburg ansässigen Firma ist Boco. Das Spezialunternehmen vermietet und wäscht Berufskleidung für Hotelangestellte, Handwerker oder Mitarbeiter aus der Lebensmittelproduktion. CWS und Boco betreiben gemeinsam mehr als 50 Großwäschereien in ganz Europa. Nun steigt CWS-Boco als strategischer Investor bei der kleinen Digitalwäscherei Jonny Fresh ein. Die Beteiligung sieht eine Kapitalerhöhung in siebenstelliger Höhe vor, mit der das Wachstum des Berliner Start-up-Unternehmens vorangetrieben und die Marktführerschaft ausgebaut werden soll. Jonny Fresh hat sich aufgrund seiner gut vernetzten und individuellen Logistik als B2C-Plattform etabliert, die Privatwäsche und -Textilien abholt und reinigt. CWS-Boco hingegen ist bis dato im reinen B2B-Segment tätig, in dem firmeneigene Mietbekleidung und Hygiene-Textilien gewaschen werden.

„Jonny Fresh verfolgt ein interessantes Geschäftsmodell, von dem wir lernen möchten“, erklärt Daniel Willmes, Director Corporate Business Development bei CWS-Boco. „Das Start-up ist in dem Bereich der Vermittlung privater Wäschereinigung Marktführer in Deutschland, und das ohne eigene operative Geschäftsstellen. Gearbeitet wird ausschließlich über ein Netzwerk lokaler Partner. Wir wollen von der Erfahrung der Internet-Plattform für Verbraucher profitieren und wiederum unser Know-how im B2B-Markt bei Jonny Fresh einbringen.“ Die Berliner beschäftigen 35 Mitarbeiter und wurden 2013 von Sebastian Schmidt als Spin-off-Projekt der Technischen Hochschule Wildau entwickelt.

Das angestrebte Geschäftsmodell sieht unter anderem vor, dass Unternehmen aus dem CWS-boco-Kundenstamm ihren Mitarbeitern künftig den Lieferservice von Jonny Fresh anbieten können (“B2B2C”). Zielgruppe sind Angestellte von mittelständischen und großen Unternehmen. Neben dem Ausbau der Marktführerschaft durch die Expansion in weitere deutsche Städte, strebt Jonny Fresh mit der Investition auch die Übernahme weiterer lokaler Wettbewerber in der DACH-Region an. „Wir glauben daran, dass sich der europäische Markt für Online-Wäschereien in den kommenden Jahren konsolidieren wird und am Ende zwei oder drei Unternehmen übrig bleiben“, sagt Jonny-Fresh Mitgründer Stefan Michaelis.

Henkel und Haniel drängen in Textilreinigungsmarkt

Mit dem Einstieg der Haniel-Tochter bekommt auch der Düsseldorfer Henkel-Konzern im Geschäft mit Online-Wäschereien stärkere Konkurrenz. In Europa tritt Jonny Fresh gegen die Henkel-Beteiligungen Zipjet an. Während Zipjet in den Metropolen London und Paris und in Deutschland bislang nur in Berlin präsent ist, hat Jonny Fresh sein Angebot auf dem deutschsprachigen Markt jüngst stark ausgebaut: Gerade hat die Online-Wäscherei ihren Service auf Potsdam ausgedehnt und in Hamburg das Geschäft von Wettbewerber Easyclean24 übernommen. Damit sind die Berliner in Deutschland und Österreich bereits in acht Städten präsent und wollen weiter expandieren.

Da Jonny Fresh keine eigenen Wäschereien betreibt und auch keine Fahrer beschäftigt, sind die Berliner dafür auf die Zusammenarbeit mit Reinigungen angewiesen. Um den Abhol- und Lieferprozess möglichst effizient abzuwickeln, hat Jonny Fresh Apps zur Routenplanung der Fahrer sowie zur Steuerung der Warenannahme- und -ausgabe entwickelt. Anders als Jonny Fresh ist Wettbewerber Zipjet keine pure Softwarefirma. Die ehemalige Tochter der Start-up-Schmiede Rocket Internet, an der mittlerweile auch der Waschmaschinenhersteller BSH beteiligt ist, beschäftigt eigene Fahrer und will künftig auch mit Wäschereien enger zusammenarbeiten. „Wir sind in fortgeschrittenen Gesprächen mit Textilreinigungen zur Eruierung tieferer Partnerschaften – eventuell auch der Gründung von Gemeinschaftsunternehmen“, sagt Gründer Florian Färber. Zunächst solle das neue Modell in einer Stadt ausprobiert und bei Erfolg ausgerollt werden.

Auch Zipjet ist auf Expansionskurs, konzentriert sich dabei allerdings ausschließlich auf Metropolen. Kleinere Städte mit 500.000 Einwohnern oder weniger sind für die Henkel-Beteiligung anders als für Jonny Fresh kein Thema. „Jetzt, wo wir in allen Städten profitabel arbeiten, kümmern wir uns stärker um die Expansion“, sagt Färber. Im Fokus steht dabei der deutsche Markt, vor allem die drei Städte München, Frankfurt und Hamburg. Neben dem Aufbau eines eigenen Geschäfts in einer neuen Stadt seien auch Zukäufe möglich. „Unser Ziel ist es, die Marktführerschaft in Europa zu erreichen“, sagt Färber.

Ebenfalls beteiligt ist Henkel, gemeinsam mit der niederländischen Post, am Wäsche-Dienstleister Dobbi mit Sitz in Amsterdam. Dobbi bietet seinen Wäsche-Service aktuell in Amsterdam an und will sein Angebot auf den gesamten niederländischen Markt ausdehnen. Henkel will bis 2020 insgesamt 150 Millionen Euro in junge Unternehmen und technologischer Expertise investieren und seinen Online-Umsatz auf mehr als 4 Milliarden Euro steigern.

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