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Pannen-Airport Berlin Wowereit tritt als Aufsichtsrat zurück - Totalabsturz der Chefetage

Chaostage in der Hauptstadt: Der neue Berliner Flughafen wird auch im Oktober 2013 nicht eröffnen können. Die Verantwortlichen bekommen nichts mehr in den Griff: nicht die Baustelle, nicht ihre Kommunikation und auch nicht ihre Verantwortung. Klaus Wowereits Pseudo-Rückzug macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil.

Die Architekten des Pannen-Airports in Berlin: Der regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und der Ministerpräsident des Landes Brandenburg, Matthias Platzeck. Quelle: dpa

Die Absage kam plötzlich, so wie mittlerweile üblich durch die Hintertür, aber überraschen tut sie niemanden mehr. Was überrascht überhaupt noch beim Flughafen BER - nach mehreren Kostenschüben, etlichen Planungsdebakeln und mittlerweile satten vier Terminverschiebungen?

Auch am 27. Oktober 2013 wird der neue Hauptstadtflughafen also nicht eröffnen können. Öffentlich wurde dies, wie so ziemlich alles rund um den BER: es sickerte irgendwie durch. Vielleicht wird es im Frühjahr 2014 etwas, vielleicht auch erst 2015. Schon auf den Oktober-Termin wollte sich von den politisch Verantwortlichen in den vergangenen Wochen keiner mehr festlegen, die Länderchefs Klaus Wowereit und Matthias Platzeck (beide SPD) nicht und auch nicht Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Sie wussten wahrscheinlich, warum.

Die Starttermine für den Flughafen BER

Den Montag über schwiegen sie lange so laut, dass es peinlich wurde. Am Nachmittag dann die erste Reaktion: Wowereit trat zurück, ein ganz kleines bisschen. Platzeck übernimmt den Vorsitz im Aufsichtsrat, Wowereit bleibt einfaches Mitglied. Die beiden Herren, die am längsten im Kontrollgremium des Flughafens sitzen, wollen weitermachen. Einfach so. Es passt ins desaströse Bild.

Pannenflughafen BER soll erst 2018 öffnen
Seit 2006 wird der künftige Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ schon gebaut Quelle: dpa
09. März 2016Die für Ende 2017 geplante Eröffnung des  Hauptstadtflughafens BER ist nach Informationen des "Tagesspiegels" wegen neuer Probleme beim Brandschutz gefährdet. Das Bauordnungsamt habe für den Umbau der Brandschutzanlage weitere Nachweise sowie Nachbesserungen an den Unterlagen gefordert, hieß es. Das könnte auch zusätzliche Bauarbeiten im Terminal nach sich ziehen, wie aus einem internen Schreiben des Flughafen-Technikchefs Jörg Marks hervorgeht. "Wir müssen die Anforderungen des Bauordnungsamts einbeziehen und sehen, wie wir die Nachbesserungen umsetzen können", sagte Flughafensprecher Daniel Abbou der Nachrichtenagentur dpa. Quelle: dpa
4. November 2015Am neuen Hauptstadtflughafen haben Firmen in den vergangenen Jahren Mitarbeiter zu Unrecht als Brandschutz-Fachleute ausgegeben. Kontrollen der Flughafengesellschaft hätten ergeben, dass die notwendigen Nachweise für die Fachkunde fehlen, teilte der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) mit. In seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Piratenpartei sprach er von Einzelfällen im niedrigen einstelligen Bereich seit 2012. Müller ist Aufsichtsratschef der staatlichen Flughafengesellschaft. Er berief sich auf Angaben der Geschäftsführung um Flughafenchef Karsten Mühlenfeld. Demnach werden die Eignungsnachweise bei der Vergabe von Aufträgen überprüft, danach bei Personalwechseln und besonders seit August 2014 auch bei Audits. Probleme mit dem Brandschutz, etwa auch wegen überbelegter Kabeltrassen, hatten das Projekt weit zurückgeworfen. Quelle: dpa
Flughafen Berlin Brandenburg Quelle: dpa
21. August 2015Die Baufirma Imtech muss Insolvenz anmelden - und den Flughafen wirft das in seinem Zeitplan weiter zurück. Nach Einschätzung der verantwortlichen Taskforce ist es durch die Insolvenz der Gebäudetechnikfirma bisher zu einer Verzögerung der Eröffnung von zwei bis drei Wochen gekommen. Gleichwohl sieht die Flughafengesellschaft die Eröffnung im zweiten Halbjahr 2017 „zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Erkenntnisse“ nicht gefährdet. Bis Ende September solle die sogenannte Meilensteinplanung überarbeitet werden. Die Insolvenz habe zu einem „deutlichen Rückgang“ der Mitarbeiterzahlen geführt, so die Flughafengesellschaft. Imtech und eine mitbeteiligte Firma hätten jedoch zugesagt, die Mitarbeiterzahlen schnellstmöglich wieder hochzufahren, um die zeitlichen Auswirkungen „weitestgehend zu begrenzen“. Quelle: dpa
Hauptstadtflughafen Quelle: dpa
Karsten Mühlenfeld Quelle: dpa

Das Debakel trifft eine Flughafengesellschaft, die an den bestehenden Flughäfen Tegel und Schönefeld am Rande, wenn nicht längst jenseits der Kapazitätsgrenzen operiert. Sie trifft eine Gesellschaft, die gerade erst mit einer neuen 1,2-Milliarden-Spritze aus Steuermitteln vor der drohenden Zahlungsunfähigkeit gerettet werden musste. Die monatlichen Einnahmeausfälle summieren sich in zweistelliger Millionenhöhe immer weiter, die Schadenersatzansprüche von Airlines und Mietern in spe ebenso.

Vielleicht kostete der Flughafen am Ende fünf Milliarden

4,3 Milliarden Euro lautet die noch gültige Kostenansage für den BER. Vielleicht hat sie noch ein paar Monate Bestand. Wahrscheinlich aber wird der neue Airport fünf Milliarden Euro oder mehr kosten. Wieder einmal bestätigt sich die Grundregel politischer Großprojekte: Es wird viel teurer und es wird viel später. Der BER dürfte für Bauten dieser Art die neue Maßeinheit bilden.

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Berlin Quelle: dpa
Athen
Bangkok Quelle: dpa
Denver Quelle: AP
Hongkong Quelle: AP
Kuala Lumpur Quelle: REUTERS
Paris Quelle: AP

Den Kontrolleuren im Aufsichtsrat um Klaus Wowereit fällt nun ihr gesamtes Missmanagement vor die Füße. Um die Eröffnung im Juni 2012 noch irgendwie möglich zu machen, wurde im Frühling vergangenen Jahres von Baufirmen und Planern hastig improvisiert und gepfuscht, bis die Genehmigungsbehörden genug hatten; die Geschäftsführung orchestrierte, die Räte ließen es geschehen. Als der Flughafen danach die zuständigen Planer und Architekten feuerte, war zwar ein erster Sündenbock gefunden, aber Monate lang passierte dafür auf der Baustelle gar nichts mehr.

Offensichtlich ist auch der neue Chefplaner Horst Amann bis heute mit der Bestandsaufnahme der Katastrophe beschäftigt und nicht damit, die Baustelle voranzubringen. Es wird höchste Zeit, ihm weitere unabhängige und unbelastete Fachleute an die Seite zu stellen.

Für den langjährigen Aufsichtsrat-Chef Wowereit wird es eng. Einen unabhängigen Vertreter des Landes Berlin für das Gremium zu benennen, wäre ein ehrlicher Schritt gewesen. Die nun angekündigte Rochade mit Matthias Platzeck ist das Gegenteil. Das Klammern ist unwürdig, aber es passt zu Geschichte des BER.

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Wahrscheinlich wird stattdessen Rainer Schwarz als nächstes seinen Hut nehmen müssen. Das Vertrauen des Bundes in den Flughafenchef ist längst dahin. Sein Verlust dürfte zu verschmerzen sein. Bisher stützten ihn im Aufsichtsrat die beiden SPD-Ministerpräsidenten. Doch die kümmern sich nun offensichtlich nur noch um Schadensbegrenzung ihrer eigenen Havarie.

Die Geschäftsführung endlich so kompetent zu besetzen, dass der BER eines Tages überhaupt eröffnet werden kann, muss jetzt ihr alleiniges Ziel sein. Scheitern sie auch noch an dieser Aufgabe, müssen sie selbst gehen. Endgültig.

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