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Post-Chef Appel Wie ein Express-Paket auf Weltreise

Vorstandschef Frank Appel verlegte die Konzernzentrale im Sommer für drei Wochen nach China. Mit uraltem Handy und missionarischem Eifer kämpfte er dort für ein weltweites DHL-Gefühl. Die WirtschaftsWoche war exklusiv dabei.

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Appel spricht über sich und DHL im Townhall Meeting Quelle: Presse

Seit einer Dreiviertelstunde steht Frank Appel auf der Bühne des Konferenzsaals im Hotel Intercontinental im südchinesischen Shenzhen. Mit dem linken Daumen klickt er sich durch Folien mit Umsatzzahlen und Marktanteilen. Die Zeit ist knapp. Appel rast durch gelbe Torten- und Balkengrafiken, die sich auf der Leinwand hinter ihm aufbauen. Doch einer Seite widmet Appel mehr als eine Minute. Sie sei ihm "sehr wichtig", sagt der Chef der Deutschen Post. "Wir tragen Vertrauen aus", steht auf ihr geschrieben. "Erfolg" und "Freude" ebenso. Und "wir helfen, Leben zu retten". All das sei Kern und Auftrag von DHL.

Rund 300 Paketzusteller, Lagerarbeiter und Büroangestellte der DHL-Logistikdivisionen in der Region Shenzhen nahe Hongkong verfolgen mit ernster Miene, wie ihr oberster Chef die Zukunft des weltgrößten Logistikers zeichnet.

Einer knabbert an den Fingernägeln. Ein anderer macht sich Notizen. Einige tragen T-Shirts mit rot-gelbem DHL-Schriftzug, die meisten erscheinen in Kostüm oder Anzug. Sie hören Appel von "großer Verantwortung" sprechen. "Wir verändern unseren Planeten jeden Tag ein bisschen, indem wir das Leben für unsere Kunden einfacher machen", sagt er seinem Publikum. Und der Erfolg ist "Ihr Erfolg". Verschämtes Kichern im Saal.

Während in Deutschland gekämpft wird, macht China Spaß

Appel ist auf Tournee in China. In sechs je anderthalbstündigen Mitarbeiter-Veranstaltungen hat er bereits mehr als 2500 Beschäftigte der Speditions-, Lagerlogistik- und Expressdivision der Deutschen Post auf die Ausrichtung des Konzerns eingeschworen. Während das Unternehmen in Deutschland gegen sinkende Briefvolumina und mit holprigen Innovationen wie dem E-Postbrief kämpft, macht Asien Spaß: Appel lobt das Geschäft im Reich der Mitte – China trägt mit vier Milliarden Euro fast jeden zehnten Euro zum Post-Umsatz bei. Er attackiert die Konkurrenz und benennt die Herausforderungen.

Der Logistikmarkt in China

Die Townhall Meetings sind Teil eines einzigartigen Managementexperiments: Drei Wochen lang steuert Appel den Bonner Logistikkonzern von China aus. Er trifft Mitarbeiter, Kunden und Investoren, diskutiert mit Analysten und Politikern. Seine Mission: Lobbyarbeit, Geschäftsanbahnung, Konzernbotschafter. Vor allem will er eine einheitliche DHL-Kultur verankern.

"Bei schwierigen Entscheidungen auf sein Herz hören"

Auf der Bühne agiert der Post-Chef wie einer der "professional speakers", die in den USA an High Schools vor den Jugendlichen motivierende Turnhallen-Reden halten. Auch Appel spricht vom "Beitrag für die Gesellschaft", den jeder leiste. Er mahnt die Mitarbeiter, an Träumen festzuhalten, wie auch er sie mit 18 Jahren hatte. Er selbst sei ein "Junge aus der Mittelschicht", der eine sehr gute Bildung genießen durfte und noch immer versuche, an seinen Idealen von damals festzuhalten. Seine Mutter habe ihm außerdem immer empfohlen, "bei schwierigen Entscheidungen auf das Herz zu hören". Die Botschaft an die Chinesen: eigenverantwortlich handeln, zum eigenen Wohl und zum Nutzen der Kunden.

Appel ist kein von Euphorie überschäumender Wanderwunderprediger. Seine Stimme bleibt monoton, er gestikuliert nur ab und zu ins Publikum, die Füße verharren auf der Stelle. Appel doziert eher, als dass er elektrisiert. Die persönlichen Geschichten baut er bewusst in seine Rede ein. Das mache er seit einiger Zeit, erzählt er später. Anfangs ging ihm das nicht leicht über die Lippen. Er habe sich dafür "raus aus der Komfortzone" begeben müssen – ein Lebensmotto von ihm.

Den Kunden das Leben einfacher machen

Die größten deutschen Arbeitgeber in China
Knorr-Bremse Quelle: Screenshot
Heraeus Quelle: Foto: Heraeus
Henkel Quelle: Pressebild
Evonik Quelle: Pressebild
Bertelsmann Quelle: dapd
Schenker Quelle: dapd
Freudenberg Quelle: Pressebild

Dazu gehört auch, dass Appel eine Woche zuvor die gelb-rote DHL-Uniform anzieht und sich einen Nachmittag lang an der Seite eines Zustellers durch den Stadtverkehr der 1500 Kilometer entfernten Millionenmetropole Shanghai kämpft. Der Mitarbeiter habe ihm gesagt, er trage die Pakete gerne aus, berichtet Appel in Shenzhen, weil er seinen Kunden so "das Leben einfacher macht". Appel zeigt mit seiner Hand ins Publikum: "Das machen Sie jeden Tag."

Pathetische Sätze, bewegende Worte, serviert mit unbeweglicher Körpersprache. Doch Appels hanseatisch-bodenständige Art kommt bei den zurückhaltenden Chinesen gut an. Der Applaus ist lauter als am Anfang. "Danke, dass Sie hier sind", "danke, dass Sie uns die Strategie näherbringen", "danke für die großartige Rede", sagen Mitarbeiter, nachdem sie aufgestanden sind und sich vorgestellt haben.

Von einem Termin zum Nächsten

Sie dürfen "Mister Appel" vier Fragen stellen: Welche Bedeutung der Kauf des holländischen Konkurrenten TNT durch den US-Logistikriesen UPS für DHL habe, will etwa eine junge Chinesin in souveränem Englisch vom Chef wissen. Ob DHL nicht wie UPS und FedEx stärker in Südchina investieren müsse, fragt ein Kollege. Appel antwortet: Die Integrationsarbeit werde UPS und TNT noch lange beschäftigen. Und Südchina könne aus Hongkong bestens bedient werden.

Mehr Zeit bleibt nicht. Das Treffen mit Managern eines wichtigen Großkunden ließ Appel zu spät kommen, nun beendet ein Folgetermin das Townhall Meeting nach nur einer Stunde. Der schwarze Audi wartet vor dem Hotel und fährt Appel zum Lunch mit dem Oberbürgermeister von Shenzhen. Wie ein Expresspaket auf Weltreise rauscht Appel durch die DHL-Stationen.

Für die dreiwöchige Verlagerung des Vorstandsbüros nach China wird Appel von seinem engsten Stab begleitet. Die Büroleiterin aus Bonn gehört dazu – Appels rechte Hand auf der Reise. Sie koordiniert Strategiesitzungen, Kunden-Meetings und Treffen mit Geschäftspartnern. Sie wacht über den Zeitplan und zieht die Strippen im Hintergrund, falls Unvorhergesehenes passiert. Ein Krisenszenario wurde vor der Abreise in Bonn durchgeplant. Im Notfall hätte Appel Termine gestrichen und wäre in ein DHL-Büro gefahren, um sich dort per Festnetztelefon oder Videokonferenz nach Bonn zu schalten. Doch zum Glück brennt die Hütte in der Zeit nicht.

Stärken und Schwächen der Post
Stärke 1: Volle KassenDer Verkauf der Postbank machte es möglich: Weil der Deal den Bonnern vor drei Jahren 4,9 Milliarden Euro in die Kassen spülte, besitzt der Dax-Konzern heute unter dem Strich ein Geldpolster von 938 Millionen Euro. Die Mittel nutzt er vor allem für Investitionen in effizientere Briefzentren und für den Ausbau des asiatischen Express- und Frachtgeschäfts. Umfangreiche Zukäufe wie unter dem einstigen Vorstandschef Klaus Zumwinkel, die insbesondere in den USA mit Milliardenverlusten endeten, soll es dagegen nicht mehr geben. Außerdem flossen vergangenes Jahr 2,37 Milliarden Euro Cash in die Kasse - 23 Prozent mehr als im Vorjahr. Quelle: dpa
Schwäche 1: Teures EU-UrteilDamit hatte Post-Chef Frank Appel (Foto) nicht gerechnet: Ende Januar entschied EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia, dass die Bonner ungerechtfertigt erhaltene Staatsbeihilfen an den Bund zurückzahlen sollen - und zwar in einer Höhe von 500 Millionen bis einer Milliarde Euro. Der Dax-Konzern habe nicht nur staatliche Beihilfen erhalten, um die hohen Pensionslasten des einst von Beamten geführten Staatsunternehmens auszugleichen. Mit derselben Begründung habe ihr die Regulierungsbehörde auch ein höheres Briefporto gewährt, was einer doppelten Begünstigung gleichgekommen sei. Die Post wird in den nächsten Monaten zahlen müssen, klagt aber gegen Brüssel. Quelle: dpa
Stärke 2: Starker AnkeraktionärÜber die bundeseigene Bank KfW besitzt der Bund - als einziger meldepflichtiger Aktionär - immer noch 30,5 Prozent aller Aktien. Die Ratingagentur Standard & Poor's wertet das positiv. Weil im Ernstfall wohl der Staat eingreifen würde, sinkt laut S&P das Insolvenzrisiko. Quelle: obs
Stärke 2: Stabilisiertes BriefgeschäftLange Zeit sah es so aus, als ob das Internet dem traditionellen Briefgeschäft die Ertragsgrundlage rauben könnte. Beispiele aus den USA, den Niederlanden oder Italien zeigten, dass der konkurrierende E-Mail-Verkehr den Zustellern hohe Verluste bescherte. Auch für die Bonner Briefträger halbierte sich der Betriebsgewinn (Ebit) seit 2004. Doch nicht nur der Umsatzschwund wurde inzwischen erfolgreich gestoppt, auch die Betriebsergebnisse stabilisierten sich knapp oberhalb der Milliarden-Euro-Grenze. Quelle: AP
Ausgleich bringt der Internethandel, der in Deutschland jährlich im zweistelligen Prozentbereich wächst. Laut HGB-Bilanz verlor die Post 2011 beim Umsatz zwar 162 Millionen Euro im klassischen Briefgeschäft, das nur noch 5,36 Milliarden Euro erlöste. Das deutsche Paketgeschäft aber, das etwas irreführend unter der Marke „DHL“ von der Brief-Sparte geführt wird, wuchs um 243 Millionen auf 2,77 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Schwäche 2: InnovationsflopUm der Abwanderung der Briefkunden ins Internet nicht tatenlos zuzusehen, startete die Deutsche Post im November 2010 den „E-Postbrief“ - eine rechtsverbindliche, vertrauliche und sichere Form der E-Mail, für die Nutzer 55 Cent pro Sendung zahlen sollen. Bislang aber zählen Marktforschungsinstitute gerade einmal 200.000 Nutzer pro Monat. Zudem stehen Konkurrenten mit Dumpingpreisen vor dem Start. Quelle: dapd
Schwäche 3: Hohe Konzernkosten389 Millionen Euro kostete den Konzern 2011 sein Headquarter, kaum weniger als im Jahr zuvor. Analysten halten die hohen Kosten für eine Erbschaft des ehemaligen Staatsunternehmens, das einst von Beamten geführt wurde. Zum Vergleich: Der Logistikkonzern Kühne + Nagel begnügte sich 2011 mit Verwaltungsaufwendungen von 109 Millionen Euro. Quelle: ZB

Besuch zwischen Tourismus und Terminen

Die Arbeitstage von Appel unterscheiden sich hier kaum vom Bonner Alltag. Er steht morgens um sechs Uhr auf und frühstückt im Hotel. Letzte Anrufe erledigt er gegen 22 Uhr. In Shanghai nutzt er ein Büro in einer DHL-Niederlassung, oft erledigt er Dinge aber im Hotel. Am Wochenende nimmt er sich frei für ein wenig Tourismus.

Pünktlich um 6.45 Uhr wartet die Limousine vor dem Hotel Intercontinental in Hongkong. Es gewittert, Regen rauscht vom Himmel, drückende 28 Grad. Im angenehm klimatisierten Auto greift Appel sich auf den ersten Metern der Fahrt ins rund eine Autostunde entfernte Shenzhen ein Schinken-Sandwich. Sieben eng getaktete Termine stehen heute an.

Wie jeden Morgen öffnet der frühere McKinsey-Berater im Auto sein iPad, auf dem er seine Dokumente speichert, setzt die Lesebrille auf und checkt seine E-Mails. Nur 20 bis 25 erhält er pro Tag. Enge Mitarbeiter wissen, dass er lieber telefoniert als mailt. Wer ihn sprechen will, lässt sich besser einen Telefon-Termin geben.

Appel spielt Fußnote

Post-Chef Appel beim siebten Termin des Tages Quelle: Presse

Der 50-Jährige fummelt sein zehn Jahre altes Nokia-Handy aus der Innentasche seines dunklen Sakkos. Die graue Farbe ist teilweise abgeplatzt. "Das brauche ich nur alle vier Tage aufladen", sagt Appel schmunzelnd und ist sichtlich stolz auf seine Rarität. Mitarbeiter rollen die Augen, wenn sie den antiken Apparat sehen. Aber Appel schwört auf die genial einfache Menüführung. Zudem dient es ihm als Wecker. Mehr braucht er nicht.

Auf der Autofahrt durch China wirkt Appel entspannt, wägt aber seine Worte immer ab. Er erzählt über sich – ein bisschen. Er spricht über seine Familie – und bittet, sie nicht zu erwähnen. Er wirkt kumpelhaft – doch bleibt er selbst bei engen Mitarbeitern beim "Sie". Ein kleines Video von ihm per iPhone filmen – tabu. Appel spielt lieber Fußnote. Doch das ist er gerade nicht.

Als ihn ein Mitarbeiter zu Beginn des Townhall Meetings wegen seines Doktors in Neurobiologie als "smart" und "intellektuell" vorstellt, wandert sein Blick auf den Boden. Gleichwohl weiß Appel, dass einem Chef in China gehuldigt werden muss: "Mir wird hier der rote Teppich ausgerollt." Die DHL-Manager des Landes stehen am Flughafen Spalier. Er wäre auch mit weniger Aufmerksamkeit zufrieden. Doch das ist chinesische Kultur.

Welle kommt in China an

Dennoch glaubt Appel an die weltweit einheitliche Konzern-DNA, die auf Respekt und Leistung gründe. "Wir sind zunächst Mensch und dann Deutsche und Chinesen", ist Appels Philosophie. Seit 2009 rückt die von ihm initiierte "Strategie 2015" daher neben Profitabilität auch Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit in den Fokus. Appel ist überzeugt, dass seine Ansätze in Asien Früchte tragen: "Wir haben vor vielen Jahren in Bonn einen Stein in den Teich geworfen und sehen jetzt, dass die Welle in China ankommt." Appels Nachname bedeutet phonetisch ins Chinesische übersetzt "friedliches Wellenrauschen".

"Die Zeit" bezeichnete ihn jüngst als einen Anti-Alpha, als einen Beta-Buben, der sich eher in der Rolle eines Konzern-Dieners sieht: weltoffen, zurückhaltend, idealistisch. Zusammen mit Managern wie Kasper Rorsted, Chef des Düsseldorfer Konsumgüterkonzerns Henkel, entwickle sich eine neue Generation von Entscheidern. Auch Rorsted verlegte vor einem Jahr die Henkel-Zentrale für kurze Zeit nach China.

Beide sind befreundet. Als Appel den "Zeit"-Artikel las, rief er Rorsted an. Die Beschreibung schmeichelte ihm, weil er sich gerne in dieser Rolle wiederfindet. Appel hält den Begriff des Chief Executive Officer für überholt. Er spricht vom Chief "Energy" oder "Enabling" Officer. Er wolle die Energie des Unternehmens erhöhen.

20 Prozent des Konzernumsatzes kommen aus Asien

Das scheint in Asien der Fall zu sein. Die drei DHL-Divisionen Express, also das Geschäft mit dem schnellen Dokumenten- und Paketversand, Spedition und Lieferkettenmanagement genießen dort einen guten Ruf bei Kunden und Arbeitnehmern, sagen Branchenexperten. Fast 20 Prozent des Konzernumsatzes stammen aus Asien, mehr als 30 Prozent sollen es bis 2017 sein. DHL Express erreicht dies schon jetzt. Den avisierten Betriebsgewinn (Ebit) für 2012 erhöhte der Konzern vergangene Woche trotz abkühlender Konjunktur sogar leicht auf 2,7 Milliarden Euro – Hauptkonkurrent UPS senkte jüngst seine Prognose.

Den Grundstein in China legten Appels Vorgänger 1980 mit dem Start eines Joint Ventures mit dem Transportunternehmen Sinotrans. Insgesamt hat DHL hier mehr als zwei Milliarden Euro in den Ausbau der Drehkreuze investiert. In den drei Wochen eröffnete Appel drei weitere Megabauten: unter anderem den drittgrößten Hub für DHL Express nach Leipzig und Cincinnati in den USA und ein riesiges Umschlagzentrum in Hongkong. Nebenbei jettete Appel zu den DHL-Dependancen in Peking, Chengdu und Taipeh.

3000 Mitarbeiter und 200 Kunden

Appel lobbyiert beim Oberbürgermeister von Shenzhen, Xu Qin Quelle: Presse

Appel fliegt First Class. Dabei verzichtet er auf die Bord-Unterhaltung und Wein zum Essen. Seine Devise: "Essen, schlafen, arbeiten." Sobald er in den Flieger steigt, dreht er seine Uhr auf die Zielzeit und zwingt sich auf Flügen nach Asien zur frühen Bettruhe und auf Routen nach Amerika zum langen Arbeiten. Er nutzt die Zeit auch gerne zur Lektüre von Management-Literatur.

Für Appel ist die Reise ein "voller Erfolg". Er hat rund 3000 Mitarbeiter gesehen, sich mit 200 Kunden sowie Post-Regulierern getroffen. Seine Visitenkarten mit chinesischen Schriftzeichen musste er nachdrucken lassen. Die Aufmerksamkeit in der lokalen Presse war schon zu Beginn enorm. Inzwischen hat sich bei Politikern herumgesprochen, dass es das Image schmückt, sich mit dem Chef von DHL sehen zu lassen. Um zwölf Uhr trifft er sich in einem Fünf-Sterne-Hotel in Shenzhen zum Mittagessen mit dem Bürgermeister der Stadt.

DHL wappnet sich für schlechte Zeiten

Der Termin wird kurzfristig in das Programm gedrückt. Doch Lobbyarbeit ist wichtig. Der chinesische Staat verbietet ausländischen Firmen den Transport eiliger Sendungen innerhalb Chinas. Appel äußert offiziell Verständnis dafür. Doch der Post-Chef bleibt hartnäckig. Die Logistikkosten lägen im bevölkerungsreichsten Land der Welt bei mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts – deutlich höher als in Deutschland. Solche Argumente sollen Behörden überzeugen, künftig auch Lizenzen für den heimischen Expressmarkt anzubieten.

Denn auch DHL in China muss sich für schlechtere Zeiten wappnen. Wenn Konzerne wie Hewlett-Packard oder Philips, die in China produzieren und teilweise per DHL verschicken, husten, kann sich die Post-Tochter schnell anstecken. Abschwünge erwischen Logistiker mit doppelter Wucht. Und die Euro-Krise wirft auch in China Schatten.

Leute wie Kelvin Leung sollen es dann richten. Der DHL-Speditionschef in Nordasien ist in Hongkong geboren. Er kennt die Lage. Fabriken wandern zusehends in Städte im Westen des Riesenreichs wie Chengdu (Appel: "eine Stadt wie Seattle mit viel Grün"). Lastwagen mit Nummernschild von Shenzhen dürfen dort etwa keine Waren ausliefern. Firmen müssen sich neu anmelden. "Wir haben gute Kontakte zu den Zollbehörden", sagt Leung. "So können wir Probleme schnell angehen."

Appel setzt auf internationale Experten

Für Appel sind lokale Manager die besseren Problemlöser. In den USA erlitt die Post beim Versuch, auf dem Express-Inlandsmarkt Fuß zu fassen, ein 7,5 Milliarden Euro teures Fiasko. Schuld daran waren auch Deutsche mit ihrer Arroganz, alles besser zu wissen. "So etwas darf sich nicht wiederholen", sagt Appel. Er besetzte daher den Vorstand mehrheitlich mit internationalen Experten. Dabei folgt er der Devise: "Stelle immer nur Leute ein, für die du selbst gerne arbeiten würdest."

Bei Vorstandssitzungen, so berichten Insider, übernimmt Appel die Rolle des Moderators. Um die Treffen während der drei China-Wochen nicht ausfallen zu lassen, kommen sämtliche Post-Vorstände für zwei Tage nach Shanghai und nutzen die Reise für Asientermine. So trifft Brief-Vorstand Jürgen Gerdes Führungskräfte der Sparte Global Mail, die den internationalen Briefversand organisiert. Natürlich hat Appel in den Vorstandsmeetings das letzte Wort, berichten Insider, doch er selbst sagt, er könne "mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen gut zusammenarbeiten".

Mut zum Fehler

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Dafür kann er auch auf Ruhm verzichten. Als er 2005 als Leiter der Speditionssparte den Kauf des britischen Konkurrenten Exel verantwortete, schlug er den Chefposten der zusammengelegten Bereiche aus. Ein Risiko für die Karriere. Doch Appel hielt den Exel-Chef wohl für die bessere Wahl – wie es ihm schon oft um die Sache ging. Seine Wissenschaftskarriere als Neurobiologe hängte er nach seiner Promotion an den Nagel, weil es den Leuten "nicht um Erkenntnisgewinn ging, sondern darum, als Erster auf dem Paper zu stehen".

Vorgänger Klaus Zumwinkel entdeckte das Talent Appels, als dieser noch als McKinsey-Berater bei der Post unterwegs war. Beide treffen sich bis heute regelmäßig. Von Zumwinkel habe er gelernt, auf Argumente zu hören, Meinungen auch zu ändern und Mut zu haben, Fehler zu machen. Die erfolgreichen Zukäufe unter Zumwinkel würden daher das US-Desaster rechtfertigen. "Nur wer keine Entscheidungen trifft, kann Fehler vermeiden", sagt Appel.

Er gibt sich kumpelhaft - und bleibt beim "Sie"

Die Einweihung des neuen Logistikzentrums im Hafen von Shenzhens zollfreier Sonderzone ist ein weiteres Expansionsprojekt. Auf der Fahrt dorthin kippt der Zeitplan: Stau auf der Schnellstraße. Als DHL-Manager Leung auf dem Beifahrersitz im Audi nach 20 Minuten Stillstand sichtlich nervös wird, fragt Appel: "Wie geht es eigentlich Ihren Kindern?"

Der entspannte Umgang mit Stresssituationen ist eine Spezialität Appels, berichten Vertraute. Dann wechsele der Post-Chef zu belanglosen Themen oder löse die Anspannung mit einer Portion Humor, den ihm nur wenige zutrauen. Als einer seiner Mitarbeiter vor der Grenze zwischen Hongkong und Shenzhen aus dem Auto aussteigen muss, weil er vergessen hatte, sein Visum zu verlängern, spöttelt Appel: "Dann sehe ich Sie wohl erst in Deutschland wieder."

Leicht verspätet erreicht Appel dann das Logistikzentrum, das die Post mit Immobilienentwickler China Merchants Group (CMG) eröffnet – letzter Programmpunkt des Tages. Ein Mitarbeiter reicht ihm den Zettel mit dem Ablauf. "Ich soll also den roten Knopf drücken", sagt Appel. "Aha."

Eröffnung zwischen Marschmusik und Konfettiregen

Der Ablauf ist chinesische Routine. Frauen in roten Seidengewändern stecken Appel für das Foto eine Blume ins Knopfloch. In der heißen und stickigen Halle muss er Konfettiregen und Marschmusik über sich ergehen lassen. Appel lobt die "hohe Wirtschaftskraft der Region" und das "hohe Potenzial" für die Logistikhalle. Eine Vertreterin des Großkunden Philips wünscht DHL "Marktführerschaft und Erfolg in China".

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Bei den Fragen der lokalen Presse fühlt er sich dann aber doch sichtlich unwohl. Er sitzt zwischen Vertretern seines Geschäftspartners und Kollegen der DHL-Division. Doch es fehlt ein Dolmetscher, der ihm die Fragen und die Antworten der Anwesenden übersetzt. Er dreht seine vor ihm stehende Mineralwasserflasche, schaut mal rechts, mal links, knibbelt am Etikett, faltet und öffnet seine Hände. Hier kann Appel nur dabeisitzen, nicht agieren. Aber er lässt es über sich ergehen. Seine Mannschaft aus China wird wohl wissen, was sie tut.

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