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Privatjets sind gefragt wie nie Coronavirus sorgt für Boom im Businessjet-Geschäft

Exklusiv
Ein Privatflieger im Landeanflug. Quelle: imago images

Die Angst vor Ansteckung beschert Privatfliegern weltweit einen deutlichen Aufschwung. Für Flüge von und nach Italien haben sich die Anfragen verdreifacht. Dahinter strecken drei Motive. Doch trotz Rekordpreisen lassen sich bald wohl nicht mehr alle Reisewünsche erfüllen.

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Wenn Justin Lancaster wissen will, wann der nächste Auftragsboom kommt, braucht er eigentlich keine Marktforschung. Denn der kaufmännische Geschäftsführer des britischen Privatjetvermittlers Air Charter Service weiß: Müssen große Fluglinien wie Lufthansa, Air France-KLM & Co in Krisenzeiten den Flugplan einschränken, überfluten ihn seine Kunden förmlich mit Wünschen, sie doch irgendwo in der Welt schnell ans Ziel zu bringen.

Doch einen Andrang wie derzeit hat der Manager noch nicht erlebt. „Wir sind geradezu geflutet von Anfragen“, beschreibt er die Zeit seit dem Bekanntwerden des Coronavirus im Januar. Statt bis zu 100 Flügen pro Tag waren es zuletzt oft mehr als 150. Ähnliche zweistellige Zuwächse zum Vorjahr melden auch andere von der WirtschaftsWoche befragte Anbieter. Den größten Anstieg brachte das vergangene Wochenende, als in Norditalien die Zahl der Virusopfer aus noch unbekannten Gründen dramatisch anstieg. „Seitdem haben wir in der Region die dreifache Zahl von Anfragen“, sagt Justin Lancaster, Operativ-Chef des britischen Vermittlers Air Charter Service.

Damit übertreffen die Flüge in die als Zulieferer für die deutsche Industrie besonders starke Lombardei und Venetien sogar noch den bisherigen Business-Jet-Boom in den am heftigsten von der Lungenseuche betroffenen Gebieten Ostasiens. Laut einer Übersicht der auf die Privatjet-Branche spezialisierten Marktforschung Wingx Advance aus Hamburg flogen auf im vorigen Jahr lange schrumpfenden Routen zwischen China und dem Rest der Welt bereits in der Frühphase des Virus im Januar wieder ein Sechstel mehr Geschäftsmaschinen als im Vorjahr. Das Plus auf Verbindungen zwischen China nach Australien oder Hongkong und den USA liegt sogar bei fast 80 Prozent. „Und das könnte erst der Anfang sein“, glaubt Wingx-Advance-Co-Chef Richard Coe mit Blick auf die Februar-Zahlen, die sein Team gerade für Anfang März aufbereitet.

Dabei nutzen die Betreiber fast alles freie Fluggerät. „Wir fliegen gerade alles von Maschinen für vier Passagiere bis zum Airbus A380 mit mehr als 500 Sitzen“, sagt Lancaster.

Für den ersten Teil des Privat-Flug-Aufschwungs sorgten die Regierungen. So hatten die großen Vermittler teilweise eine zweistellige Zahl von Flügen pro Tag, mit denen Länder von den USA bis Bolivien Staatsangehörige aus betroffenen Regionen vor allem rund um die chinesische Stadt Wuhan evakuieren wollten. Dazu haben auch größere Unternehmen ihre Angestellten ausgeflogen. „Das war ein Reflex, besonders nach der Erfahrung mit dem SARS-Virus“, sagt Jeffrey Lowe, Chef der Asian Sky Group aus Hongkong. Dahinter steckt neben der unmittelbaren Rettung von Bürgern und Belegschaft auch der Wunsch den damals im Winter 2002/3 verhängten Reisebeschränkungen oder gar eine Quarantäne zuvorzukommen.

Für den zweiten Antrieb sorgen die großen Fluglinien. Sie haben nicht nur wie die Lufthansa das Angebot dramatisch gekappt und Flüge nach China bis in den April hinein ausgesetzt. Wer wie die chinesischen Staatslinien, etwa Air China, auf Druck ihrer Regierung überhaupt noch fliegt, hat den Service eingeschränkt. Damit sich Kunden oder Crew nicht an der Flugzeugeinrichtung oder im Kontakt gegenseitig anstecken, gibt es weder Decken, noch Kissen – und auch nur einen sehr eingeschränkten Bordservice, bei dem sie Essen und Trinken wenn überhaupt nur in versiegelten Paketen servieren lassen von Personal in einer Art Katastrophenschutzkleidung. „Kein Erlebnis, nach dem man ausgeruht ankommt“, berichtet ein Geschäftsreisender.

Da aber gerade wegen der laufenden Produktion immer noch Fachleute und Top-Manager aus Europa in die gerade für die deutsche Industrie als Zulieferer wichtigen Regionen Italiens und Chinas müssen, spendieren ihnen die Arbeitgeber sicherheitshalber öfter als früher einen Privatflieger. „Weil die kleineren Maschinen auch abseits der großen Flughäfen auf Provinzairports landen dürfen, können Reisende direkt an der Maschine abgeholt und abgesetzt werden – und vermeiden so den Kontakt zu größeren Menschenmengen“, beschreibt Alan Leboursier, Verkaufschef des Jetvermittlers Lunajet aus Genf, den Vorteil. „Und sie sind schneller wieder zu Hause, weil sich die Privat-Flugpläne nach den Bedürfnissen der Passagiere richten statt umgekehrt wie bei Linienflügen.“

Dritter Treiber des Booms sind wohlhabende Privatreisende mit Familie, die sich ihre Reisepläne nicht von einem Virus diktieren lassen wollen. „Sie wollen in der Regel vor allem sicher in den Urlaub und wieder zurückkommen“, so Leboursier. Und dafür nutzen sie nicht nur bei Reisen von und in die Krisenregionen Privatjets. Sie tun es auch, um bei Trips in derzeit nicht betroffene Ferienziele wie Bali oder das südliche Mittelmeer große Umsteigeflughäfen zu vermeiden.

Dabei lassen sich die Reisenden ihre Sicherheit einiges mehr kosten als bisher. „Da herrscht eben auch der Markt“, sagt Leboursier. Schon außerhalb von Krisenzeiten ist für eine Flugstunde bis zu 4000 Euro in kleineren Jets fällig, mit den größeren Langstreckenjets von Bombardier oder Gulfstream auch bis zu 10.000 Euro. Damit schlägt etwa ein Flug innerhalb Europas mit gut 10.000 Euro und einer in die USA schnell mit 150.000 Euro zu Buche. Jetzt sind es schnell bis zu 20 Prozent und in manchen Fällen sogar bis zu 50 Prozent mehr, berichten Insider.

Dafür sorgt nicht nur die Gier der Jetbesitzer, deren Preise die Vermittler oft nur mit Aufschlag weitergeben. Es sind auch die Ansprüche der Kunden. „Wir haben oft die Vorgabe, dass kein Mitglied der Besatzung seit Januar in einer der Krisenregionen war“, so Lancaster. Andere verlangen eine zusätzliche Desinfektion des Jets plus eine Woche Ruhezeit. „Da winken dann viele Jetbesitzer ab, weil sie in der Ausfallphase zu viel Umsatz entgeht“, so ein Vermittler.

Die Ansprüche der Eliteflieger könnten freilich bald dazu führen, dass sich es bald selbst mit Aufpreis nicht mehr genug Maschinen geben könnte, die alle Reisewünsche erfüllen. „Wenn es nun noch in Spanien oder anderen europäischen Ländern mehr Corona-Fälle gibt, wird es fast unmöglich einen Jet zu finden, der da innerhalb der vergangenen zwei, drei Woche nicht mal in der Nähe war“, so ein Jetvermittler.

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