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Probleme im Nahverkehr Steht das deutsche Erfolgsmodell auf der Kippe?

Eurobahn-Betreiber Keolis gibt auf Quelle: imago images

Viele Jahre lang galt der Nahverkehr auf der Schiene als Vorzeigemodell - auch im Ausland. Nun mehren sich die Anzeichen, dass die Unternehmen kaum noch klarkommen. Profitieren könnte die Deutsche Bahn.

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Jetzt auch noch Keolis. Die SNCF-Tochter zieht sich bis Jahresende aus dem Regionalbahnverkehr in Deutschland zurück. Der Grund seien Millionenverluste und zu hohe Auflagen, teilte Keolis am Montag in Paris mit. Die unter dem Namen Eurobahn in Nordrhein-Westfalen verkehrenden Keolis-Züge sollen allerdings ohne Einschränkungen bis zum Ende der jeweiligen Verträge weiterfahren. Eine entsprechende Vereinbarung sei mit dem Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR) und dem Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) getroffen worden. Ein neuer Aktionär solle bis Jahresende das Kapital und die Linien der Eurobahn übernehmen. Keolis war vor 14 Jahren in den deutschen Regionalbahnmarkt eingestiegen.

Die Probleme der Franzosen in Deutschland kommen nicht unerwartet. Schon vor fast genau einem Jahr klagte das Unternehmen über hohe Ausgaben. Ein Grund dafür waren die Rekrutierungskosten für die Lokführer in Deutschland. Viele Mitarbeiter hätten sich für das tarifvertraglich verbriefte Recht auf mehr Urlaub entschieden. Keolis war deshalb gezwungen, neue Lokführer einzustellen. Da staatliche Unterstützungen etwa für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt ausliefen, stand Keolis stark steigenden Personalkosten gegenüber .

Doch es gibt auch andere Gründe. Seit Jahren diskutiert die Branche über die immer weiter steigenden Kosten der Bahnunternehmen im Schienenpersonennahverkehr (SPNV). Es gebe strukturelle Probleme im Schienenpersonennahverkehr und daraus resultierende Kostensteigerungen. Die Kritik trifft den Kern des Nahverkehrsmarktes. Die Bahnbetreiber bewerben sich für einen Verkehrsvertrag, der oft eine Laufzeit von bis 15 Jahren hat. Zwar räumt der Vertrag das Recht ein, eine bestimmte Strecke mit einem Nahverkehrszug exklusiv zu bedienen. Gleichzeitig müssen die Unternehmen ihre Planungen viele Jahre im Voraus antizipieren.

Vielen Nahverkehrsunternehmen fallen die Planungen und Prognosen aus der Vergangenheit nun auf die Füße. Um die Verkehrsverträge zu gewinnen, haben die Unternehmen optimistisch geplant - offenbar zu optimistisch. Mitunter sind bestimmte Ausgaben im Vorfeld aber auch kaum realistisch einzuplanen. In der Regel müssen Nahverkehrsunternehmen in den Verkehrsverträgen mit den Verkehrsverbünden oder Landesgesellschaften eine Pünktlichkeit von 94 bis 96 Prozent garantieren. Fällt die Quote geringer aus, kann es teuer werden. Dabei kann es sogar passieren, dass ein Unternehmen zahlen muss, obwohl es für die Verspätung gar nicht verantwortlich ist. So kann etwa eine Baustelle für Verspätungen eines Zuges sorgen.

Probleme hat neben Keolis auch die niederländische Staatsbahntochter Abellio, die vor einiger Zeit Insolvenz angemeldet hat. Beide Unternehmen klagen über hohe Kosten, die beim Abschluss der langjährigen Verträge mit den Verkehrsverbünden nicht abzusehen gewesen seien. Die beiden angeschlagenen Konkurrenten der Deutschen Bahn forderten deshalb Nachzahlungen und vertragliche Verbesserungen, damit sie keine Verluste mehr einfahren. Zur Sicherung des laufenden Betriebs der Züge stellten die Verkehrsverbünde einen finanziellen Ausgleich in Aussicht. Die Eurobahn fährt auf Strecken in Westfalen, dem Raum Bielefeld und zwischen Venlo, Düsseldorf und Hamm.

Die Insolvenz von Abellio und der angekündigte Rückzug von Keolis dürfte nun eine neue Debatte über die Zukunftsfähigkeit der deutschen Regionalisierungsmittel nach sich ziehen. Der Bund verteilt jedes Jahr mehrere Milliarden Euro, damit die Länder den regionalen Schienenverkehr bestellen. Bislang hat das System viele neue Wettbewerber ins Land geholt. Doch inzwischen gilt das System als reformbedürftig. Selbst Tochtergesellschaften von Staatsbahnen wollen dem Kostendruck offenbar nicht mehr Rechnung tragen.

Profiteur der Entwicklung könnte die Deutsche Bahn sei. Die Nahverkehrstochter DB Regio kämpfte viele Jahre lang gegen die Wettbewerber, die ihr lukrative Verkehrsverträge streitig gemacht haben. Mitunter könnte es jetzt aber dazu kommen, dass bestimmte Verkehrsverträge neu ausgeschrieben werden. Sogar Direktvergaben wären theoretisch möglich. Die Deutsche Bahn-Tochter DB Regio stünde bereit - wenn der Preis passt.

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