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  4. Boeing im Clinch mit Regulierungsbehörden: Wie schlimm ist die Krise der Flugzeugbauer?

ProblemfliegerBoeing: Schraube locker

Im Streit mit amerikanischen Regulierungsbehörden droht Boeing-CEO Calhoun damit, die neuste Version des 737 Max einzustampfen. Sein Managementstil ist nicht nur deshalb umstritten.Julian Heißler 08.07.2022 - 17:55 Uhr

Am Boden: Eine Boeing 737 MAX 10.

Foto: REUTERS

Zuletzt war der Name Boeing in China wieder einmal in aller Munde – und das nicht aus den Gründen, die sich der Konzern wünschen würde. Ein Passagier eines Air China Flugs von Beijing nach Hengyang hatte eine lockere Schraube am Flügel einer Boeing 737NG bemerkt und gefilmt. Das Video, das er kurz darauf ins Internet stellte, ging schnell viral. Zwar erklärten Experten schnell, dass keinerlei Gefahr bestand, doch der Clip weckte Erinnerungen an den Absturz einer Boeing 737-800 in Dienste von China Eastern Airlines, bei dem im März 132 Menschen ums Leben kamen. Beim Wiederaufbau des ramponierten Rufs des Flugzeugbauers dürfte die lockere Schraube nicht gerade geholfen haben.

Boeing hat schwere Jahre hinter sich. Spätestens seitdem 2018 und 2019 zwei Maschinen der Baureihe 737 MAX abgestürzt waren und 346 Menschen in den Tod gerissen hatten, steckt der Flugzeugbauer in der Krise. Boeing wurde für die Abstürze mitverantwortlich gemacht. Der Vorwurfe: Der Konzern soll Regulierungsbehörden getäuscht haben. Zeitweise musste die gesamte 737-MAX-Flotte am Boden bleiben. Die traditionell guten Beziehungen zur US-Regierung – und insbesondere zur Flugaufsicht FAA – sind seitdem empfindlich gestört. Der damalige Unternehmenschef, Dennis Muilenburg, musste gehen.

An seine Stelle rückte Dave Calhoun. Er sollte Boeing wieder aus der Problemzone navigieren. Doch auf den Erfolgskurs hat Boeing bislang noch nicht zurückgefunden. Zwar hat sich die Luftfahrtindustrie insgesamt in den Pandemiejahren schwer getan, doch die Probleme bei Boeing liegen tiefer. Der Börsenkurs des Unternehmens ist seit Calhouns Amtsantritt im Januar 2020 um fast 60 Prozent geschrumpft. Wichtige Programme stecken in der Krise. Der Schuldenberg ist riesig.

Flugzeugbauer

Boeing-Chef stellt Zukunft von Problemflieger 737 Max 10 in Frage

Erste Investoren fordern deshalb bereits Calhouns Ablösung. „Das hier ist die schlechteste Führung, die ich jemals gesehen habe“, so etwa Fondmananger Jim Lebenthal im Fernsehsender CNBC, nach einem enttäuschenden Earnings Call im April. „Ich sage es deutlich: Calhoun muss weg.“ Michael O’Leary, CEO des Boeing-Kunden Ryanair, verglich das Management des Flugzeugbauers im Mai mit „kopflosen Hühnern“. Boeing sei „nicht in der Lage, Flugzeuge zu verkaufen. Und die Flugzeuge, die sie liefern können, liefern sie zu spät.“

Eine Verzögerung stellt Boeing auch jetzt wieder vor Probleme. Derzeit arbeitet der Konzern an einem neuen Modell seiner wichtigsten Produktlinie: Der 737 MAX 10. Für das Unternehmen hängt viel an dem neuen Flieger. Mehr als 600 Exemplare sind bereits vorbestellt, weitere Kunden fest eingeplant. Doch noch fehlt die Zulassung durch die amerikanische Aufsichtsbehörde FAA. Und das stellt den Flugzeugbauer vor ein potenziell enormes Problem.

Denn im kommenden Jahr ändern sich die Regeln. 2020 hatte der US-Kongress beschlossen, dass neu zugelassene Flugzeuge ab 2023 ein neues Cockpit-Warnsystem installieren müssen. Das ist in der 737 MAX 10 gleichwohl nicht vorgesehen. Das Design des Flugzeugs geht auf die 1960er-Jahre zurück, eine Umgestaltung wäre sehr zeitaufwendig – und wohl auch sehr teuer. Deshalb stellte Calhoun der Politik nun ein indirektes Ultimatum. Sollte Boeing keine Ausnahmegenehmigung erhalten, um das Modell später genehmigen zu lassen, dann sei „sogar eine Welt ohne die -10 ist nicht so bedrohlich“, sagte er zum Fachmagazin Aviation Week. Es bestehe schlicht das Risiko, dass das Projekt „verschrottet“ werden müsse.

Calhoun mag ein solches Szenario nicht bedrohlich finden – für die USA ist es jedoch eine Drohung. Schließlich hängen enorme Investitionen und tausende Arbeitsplätze an dem Projekt. Doch auch für Boeing ist die 737 MAX 10 nicht einfach zu ersetzen. Schließlich füllt der Flieger eine Lücke in der Produktreihe des Konzerns, die man sonst dem Konkurrenten Airbus überlassen müsste.

Damit stellt sich die Frage, ob Boeing nur blufft. Andererseits muss der Konzern wissen, dass das Interesse im US-Kongress, dem Flugzeugbauer eine weitere Ausnahme einzuräumen, bestenfalls überschaubar ist. Schließlich hatte Boeing bereits einen Aufschub von zwei Jahren bekommen. Auch ist der Ärger über das 737-MAX-Dabakel noch lange nicht verflogen. Peter DeFazio, der mächtige Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Repräsentantenhaus, hat bereits klar gemacht, dass er ein weiteres Entgegenkommen ablehnt.

Für Calhoun – und Boeing – hängt damit viel an der Entscheidung der Politik. Kommt der Konzern mit seiner Taktik durch, dann könnte es dem Flugzeugbauer womöglich gelingen, langsam wieder aus dem Krisenmodus herauszukommen. Gelingt es nicht, droht der metaphorische Absturz.

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