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Recyclingunternehmen Alba Hoffnung auf chinesische Müllberge

Millionen Verluste, schlechte Bewertungen, unzufriedene Aktionäre: Der Müllentsorger Alba steckt in der Krise. Die Inhaber Axel Schweitzer und sein Bruder, der DIHK-Präsident Eric Schweitzer, suchen Aufträge in China.

Was mit unserem Müll passiert
Insgesamt betrug das Abfallaufkommen im letzten Jahr in Deutschland rund 343 Millionen Tonnen, 36,7 Millionen Tonnen davon waren Hausabfälle. Das entspricht also 456 Kilogramm Müll pro Einwohner. Seit dem Jahr 2002 ist das Abfallaufkommen zwar leicht gesunken, jedoch wird laut Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit immer noch zu viel Abfall erzeugt. Immerhin: 14 Prozent der Rohstoffe, die die deutsche Wirtschaft einsetzt, werden mittlerweile aus Abfällen gewonnen; entsprechend werden der Abbau von Rohstoffen und die damit verbundenen Umweltbelastungen reduziert. Quelle: dpa
Grund ist die am 8. Mai 1991 beschlossene Verpackungsverordnung, die den Grundstein für die Mülltrennung in Deutschland legte. Von den 456 Kilogramm Müll pro Nase und Jahr sind 164 Kilogramm Restmüll, 113 Kilo Biomüll, und 148 Kilogramm getrennte Wertstoffe, also Papier und Pappe (72 Kilogramm), Glas (24 Kilogramm) und Holz (14 Kilogramm). Pro Einwohner fielen zusätzlich rund 30 Kilogramm Sperrmüll an. Quelle: Statista Quelle: dpa
Die Mülltrennung nutzt aber nicht nur der Umwelt und liefert billige Rohstoffe, sie schafft auch Arbeitsplätze: Fast 200.000 Beschäftigte arbeiten in rund 3.000 Abfallentsorgungs- oder Verarbeitungsbetrieben. Sie machen einen Umsatz von rund 40 Milliarden Euro jährlich. Quelle: dpa
Anders als in vielen anderen Ländern landen unsere Abfälle eher selten auf Deponien zum Verrotten. Zuvor müssen sie in irgendeiner Art und Weise verwertet werden. Hausmülldeponien beispielsweise dürfen seit Mitte 2005 nur noch vorbehandelte Abfälle aufnehmen, bei denen organische Bestandteile nahezu völlig entfernt sind. Anders sieht es beispielsweise in Bulgarien, Rumänien, Griechenland oder Polen aus, wo mehr als 70 Prozent der Abfälle auf Deponien landen. Quelle: dpa
Ein großer Teil der Abfälle in Deutschland, nämlich 35 Prozent, werden deshalb in Müllverbrennungsanlagen verbrannt. Die Überreste landen dann auf der Deponie. Die Energie, die bei der Verbrennung entsteht, wird vielfach zur Erzeugung von Strom oder zum Heizen verwendet. Wir heizen also mit unserem Müll. Quelle: ZB
Immerhin 18 Prozent unserer Abfälle kompostieren wir. Quelle: dpa
47 Prozent der kommunalen Abfälle werden recycelt - damit ist Deutschland der Wiederverwertungskönig innerhalb der 28 EU-Staaten. In keinem anderen Land wird ein so großer Anteil der kommunalen Abfälle noch einmal verwendet. Quelle: AP

Axel Schweitzer hat gute Nachrichten aus Hongkong mitgebracht. Der 45-Jährige hat dort seinen Zweitsitz - aus guten Gründen: Er und sein Bruder Eric, als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) einer der wichtigsten Unternehmensvertreter Deutschlands, hoffen auf Geschäfte mit der bevölkerungsreichsten Nation und ihren Müllbergen.

Den ersten großen Auftrag hat Axel Schweitzer mittlerweile ergattert: Alba soll zehn Jahre lang die alten Kühlschränke, Klimaanlagen, Fernseher und Waschmaschinen der Millionenmetropole Hongkong einsammeln und in einer eigenen Anlage entsorgen. Mit einem Umsatz von über 300 Millionen Euro sei das der größte Auftrag der Firmengeschichte, sagt Schweitzer.

Für Alba ist das ein erster Erfolg nach zwei Jahren voller schlechter Schlagzeilen. Zum zweiten Mal in Folge schrieb die börsennotierte Tochter Alba SE dieses Jahr Verluste: Unter dem Strich häuften sich im vergangenen Jahr 39,9 Millionen Euro Miese an – und damit nur nur ein paar Millionen Euro weniger als 2013, als die Recyclingspezialisten mit 43,6 Millionen Euro Verlust das schlechteste Jahr der Unternehmensgeschichte präsentieren mussten.

Der Umsatz der Kölner Tochter ist seit dem von 1,7 auf 1,6 Milliarden Euro zurückgegangen. Für den Mutterkonzern mit Sitz in Berlin müssen die Schweitzer-Brüder keine Zahlen veröffentlichen. Doch viel besser soll die Situation dort auch nicht aussehen.

Das Familienunternehmen kämpft: Vor allem die miesen Geschäfte in der Stahlbranche machen der Alba Gruppe zu schaffen, die über die Hälfte ihres Umsatzes von insgesamt 2,6 Milliarden Euro mit Metall- und Stahl-Recycling macht. Die europäischen Werke produzieren zu viel Stahl, und gleichzeitig ist der Preis für Roherz im vergangenen Jahr um fast 40 Prozent gesunken.

Damit fällt nicht nur weniger Stahl- und Metallschrott an, für die Hersteller lohnt es sich auch kaum noch, recycelte Materialien anstatt den billigen Rohstoff zu verwenden.

Wie viel Müll jährlich recycelt wird

Das ist ein Problem, denn seit der Übernahme der Alba SE (früher Interseroh) ist die Unternehmensgruppe hoch verschuldet. Und mittlerweile fällt es den Schweitzer-Brüdern schwer, das Vertrauen ihrer Anleger zu sichern. So machten die alten Interseroh-Inhaber im vergangenen Jahr von ihrem Recht Gebrauch, ihre Aktien an Alba SE zu einem festen Preis an die Unternehmensgruppe zu verkaufen.

Seit dem muss sich Eric Schweitzer, als DIHK-Präsident einer der wichtigsten Unternehmensvertreter Deutschlands, nicht nur mit Fragen zur Erbschaftssteuer herumschlagen, sondern auch mit Gerüchten um Finanzierungsschwierigkeiten seines eigenen Konzerns.

Ein Leuchtturmprojekt

Denn neben der Aktie der Tochter geriet auch die Anleihe der Alba Gruppe unter Druck, mit der sich die Schweitzer-Brüder für Zinsen von acht Prozent rund 200 Millionen Euro bei Privatanlegern leihen. Das Ratingunternehmen Standard&Poors hat seine Bewertung der Anleihe mittlerweile auf "CCC+" gesenkt – Kategorie: hochriskant.

270.000 Tonnen Plastikmüll treiben auf den Weltmeeren
Fast 270.000 Tonnen Plastikmüll treiben einer neuen Studie zufolge auf den Ozeanen der Erde. Das sei so viel Abfall, wie nicht einmal in 38 500 Müllwagen passen würde, schätzt eine am Mittwoch in dem Fachjournal „Plos One“ veröffentlichte Studie. Es handele sich dabei um mehr als fünf Billionen Einzelteile, heißt es in der Untersuchung. Um zu den Zahlen zu kommen, hatten Forscher zu See mit einem Maschennetz kleine Abfallteilchen gesammelt. Beobachter auf Booten zählten größere Gegenstände auf dem Wasser. Mit Computermodellen wurde für nicht untersuchte Gebiete hochgerechnet, wie viel Müll auch dort schwimmt. Die Studie bezieht sich lediglich auf Plastikabfall an der Wasseroberfläche. Wieviel Material auf dem Meeresboden liegt, erforschten die Wissenschaftler nicht. Foto: NOAA/PIFSC Quelle: Presse
Im Meer vor Griechenland treiben Plastiksäcke. Das Bild stammt aus dem Jahr 2008. Foto: Gavin Parson/Marine Photobank Quelle: Presse
Plastikmüll als Habitat für Meeresbewohner im Pazifik. Foto: Lindsey Hoshaw Quelle: Presse
Angeschwemmter Plastikmüll vor der Küste von Tromsø in Norwegen. Foto: Bo Eide Quelle: Presse
Angeschwemmter Plastikmüll vor der Küste von Kanapou in den USA. Foto: NOAA/Marine Debris Program Quelle: Presse
Vor der Küste von Hawaii sind etliche Netze angeschwemmt worden. Foto: Chris Pincetich/Marine Photobank Quelle: Presse
Kein seltener Bild: Eine Robbe hat sich in einem Treibnetz verfangen, USA, 2009. Foto: Kanna Jones/Marine Photobank Quelle: Presse

Die Schweitzer-Brüder sind nun auf der Suche nach einem Minderheitsinvestor, der neues Geld in das Unternehmen bringen will und sie bei der Expansion in Asien unterstützen soll. Bis Anfang 2016 soll ein Geldgeber gefunden sein. Auch das Rating der Gruppe wolle man schnell wieder verbessern, sagte Axel Schweitzer. Den Vorsteuergewinn (EBITDA) bei Alba SE konnte er in diesem Jahr bereits um 29 Prozent steigern, nächstes Jahr soll auch unter dem Strich bei der Kölner Tochter wieder ein Gewinn stehen. Die Unternehmensgruppe soll ein Jahr später wieder profitabel sein.

Doch dazu muss Axel Schweitzer das Geschäft noch weiter umstrukturieren. Einige kleinere Standorte aus dem Bereich Schrottrecycling habe man bereits abgestoßen, und auch unprofitable Aktivitäten auf dem Balkan seien eingestellt, sagt Schweitzer. In Deutschland sollen die Schrottplätze mit den Standorten, auf denen Alba Plastik oder Restmüll sammelt und verwertet, zusammengeführt werden.

In Arbeit
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Lange allerdings bleibt Axel Schweitzer nicht vor Ort, um den Fortschritt der Projekte zu kontrollieren. Er muss wieder zurück nach Hongkong, wo Alba noch in diesem Jahr mit dem Bau der Verwertungsanlage beginnen will. Anfang 2017 soll die Anlage in Betrieb gehen. „Dieser Auftrag ist aus unserer Sicht ein Leuchtturmprojekt“, sagt Schweitzer. Das ist gut, denn ein Licht, dass ihnen den Weg weist, können die Schweizer-Brüder gerade gut gebrauchen.

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