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Die Deutsche Bahn ist besser als ihr Ruf Quelle: dpa

Bahn-Bashing macht es sich zu einfach

Hauke Reimer
Hauke Reimer Stellvertretender Chefredakteur WirtschaftsWoche

Das ganze Land drischt verbal auf die Deutsche Bahn ein. So schlecht ist sie nun auch wieder nicht. Und fast immer komfortabler als Auto und Flugzeug.

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Der Weihnachtsmann kommt zu Ostern, er hat die Bahn genommen – was haben wir gelacht. Bahn-Bashing ist angesagt. Im Internet, in der Kneipe, im Firmen-Meeting, überall. Die Züge in Japan sind schließlich auch immer pünktlich, sagen alle. Stimmt. Aber der Shinkansen hat ein eigenes Hochgeschwindigkeitsnetz, auf dem nicht noch Güterzüge rumpeln. Güter gehen in Japan aufs Schiff. Und die japanischen Bahngesellschaften sind alle privatisiert. Hätten wir auch haben können. Der Bahn-Börsengang aber wurde 2008 abgeräumt.

Die Bahn hat ein Luxusproblem: zu viel Nachfrage. Wir werden immer mobiler, die Straßen sind verstopft, das Angebot kommt der Nachfrage nicht hinterher. Manches Unternehmen hätte das Problem gern. Drei Jahre hintereinander Fahrgastrekorde. Ganz falsch kann das Angebot also nicht sein. Vor allem im Fernverkehr: Frankfurt–Düsseldorf unter 90 Minuten – warum soll ich eine Stunde länger Auto fahren, wobei ich noch nicht mal Zeitung lesen kann und spätestens am Kölner Ring im Stau stehe?

Jeder kann von verpassten Anschlüssen, aus dem Zug getriebenen Passagieren, verstopften Klos und kaputten Klimaanlagen berichten. Horrorstorys, die wieder und wieder erzählt werden. Kommt einfach besser als: Ich bin eingestiegen, hab Kaffee getrunken, nach zwei Stunden war ich da. Das aber ist die Regel.

Sicher, das Bahn-Management macht Fehler. Oft wird zu viel versprochen – und Kreativität im Kampf um Pünktlichkeit geht auch nach hinten los. Bei der Bahn wurden Investitionen aufgeschoben. Das aber ist ein Defizit der Politik, und im Straßenbau oder bei Internetinfrastruktur nicht anders. Wer mal in Mailand Metro gefahren ist oder versucht hat, von einer französischen Provinzstadt in die andere zu kommen, sieht die Bahn auf einmal doch nicht hinten in Europa.

Ihre Informationspolitik wirkt oft noch grotesk, aber sie bemühen sich immerhin. Und das Personal ist unendlich freundlicher als vor 20 Jahren.

Trotzdem ist Personal das Hauptproblem der Bahn. Sie hat schlicht zu wenig. Wer aber neue Leute anlocken will, muss sie besser bezahlen. Im Zweifel so gut, dass dank des marktgerechten Preises das Arbeitskräfteangebot steigt. Lokführer, Schaffner und Fahrdienstleiter sind keine Lufthansa-Piloten, sie werden immer noch eher bescheiden vergütet. Und wenn ihnen ihre Vorstände nicht mehr zahlen wollen, dann kann es Streiks geben. Ja, sie haben das Land lahmgelegt. Aber Homeoffice hat auch Vorteile. Und, Überraschung: Einen Tag später lief es wieder.

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