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Reisen Eine Spritztour mit Jan Ullrich

Nervenkitzel statt Ruhe, Anstrengung statt Entspannung: Den Wunsch nach Abenteuer, nach Ausbruch aus dem Alltag leben immer mehr Touristen im Urlaub aus. Eine Radtour im Geleit des Profiradfahrers Jan Ullrich.

Ruhe an der Klippe Die Canyons von Utah sind das Ziel der Reise mit Jan Ullrich Quelle: Anke Schaffelhuber für

Jan Ullrich steht am Abgrund. Der Wind bläst ihm ins Gesicht. Ohne Zögern schaut er hinab, steht mit dem Fuß am Rand der Klippe, 2563 Meter hoch über dem Meeresspiegel. Steil geht es Hunderte Meter hinab, eine Böe, ein Stolperer, und es gäbe nichts, was ihn hielte. Ullrich schaut unbekümmert in den Abgrund, neugierig, ohne Furcht. Der Radrennfahrer, Gewinner der Tour de France 1997, Deutscher Meister und Olympiasieger schaute in den vergangenen Tagen erneut hinab: in die Abgründe seiner Vergangenheit. In einem Interview, das er dem Magazin "Focus" gegeben hatte, räumte er ein, Patient des Dopingarztes Eufemiano Fuentes gewesen zu sein – und löste damit eine Lawine an Kritik, aber auch Sympathiebekundungen aus.

Hier in Colorado, einige Tage vor der Veröffentlichung des Interviews, am Rande einer windigen Klippe, scheint ihn die Gefahr, die nur einen Meter weiter lauert, nicht weiter zu beeindrucken. Er scherzt, er lacht, er zeigt seine Lust am Risiko. Es ist Mittagszeit, dem Team um Radguide John Humphries ist es zu windig für das Picknick auf der Passhöhe, die Ullrich und die Gruppe von sechs Mitfahrern mit dem Mountainbike erklommen haben. Nicht leichtfüßig, nicht locker und schon gar nicht ohne Schweiß auf der Stirn und Schmerzen in den Beinen. Trotzdem, auch wenn es kein Vergnügen ist, so macht es doch Spaß, sich den John Brown Canyon hinaufzuquälen.

Rauf und runter mit Jan Ullrich

Aus dem Alltag ins Abenteuer

Erholung für die Muskeln, die gibt es erst auf der Abfahrt, tief über den Lenker gebeugt, in windschnittiger Position. Es ist der reine Nervenkitzel, denn bei diesem Tempo werden die großzügigen Kurven der Straße zwischen dem Gateway Canyon Resort und dem Ort Moab in Utah zuweilen so eng, dass das Adrenalin in die Stirn schießt. Entspannung sieht anders aus – für alle außer Ullrich, der die Auszeit und -fahrt sichtlich genießt.

Erholung, die Flucht aus dem Alltag, die Befreiung von Bürostress und beruflichen Sorgen – das ist eines der Ziele von Reisenden in den Zeiten von Auto, Bahn und Flugzeug. Dabei sind Erholungsreisen ein Phänomen der jüngeren Vergangenheit. In früheren Jahrhunderten verließen die Menschen nur höchst ungern ihre gewohnte Umgebung. Der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze sagte in einem Vortrag, den er unlängst im Alpinen Museum in Bern hielt: "Im Mittelalter kamen die meisten Menschen in Europa ihr Leben lang nicht über den Umkreis ihres Geburtsortes hinaus. Das Reisen war gefährlich, der Wald ein gefürchteter Ort. Das Wort Elend bedeutete ursprünglich nichts anderes als Ausland."

Lust am Reisen ist ungebrochen

Heute kann die Flucht vorm Bekannten gar nicht weit weg genug führen. Dank des Flugverkehrs ist für nahezu jeden Bewohner der Industriestaaten jedes noch so entlegene Stückchen Erde erreichbar. Die Lust der Deutschen am Reisen ist ungebrochen. 66 Milliarden Euro werden die Deutschen 2013 laut einer Statistik der Commerzbank für Auslandsreisen ausgeben, das sind noch einmal 2,6 Milliarden Euro mehr als im Rekordjahr 2012. Es darf etwas kosten, wenn es weit weg gehen soll.

13 000 Euro zahlt jeder von mindestens sechs und höchstens acht Teilnehmern, wenn er mit Jan Ullrich in die Ferne flieht. "Away from it all" heißt der Reiseveranstalter, der neben der Tour "Mountain to desert" auch Skireisen mit den ehemaligen Profirennfahrern Marina Kiehl und Frank Wörndl anbietet, die Mountainbike-Tour ist auch mit dem Profiradsportler Mike Kluge zu buchen. Wörndl stellte auch den Kontakt zu Ullrich her, der dabei ist, sich als Ex-Sportler mit Vorträgen und Begleitung bei Sportreisen eine zweite Karriere aufzubauen. Der Name des Reiseveranstalters ist Programm. Sein Gründer, Tilman Held, ist Seiteneinsteiger und hat nach einer Karriere im familieneigenen Modeunternehmen und einem Burn-out ein neues Betätigungsfeld gesucht. Und im Reisen gefunden.

An der Leistungsgrenze

Waschlager: Die Bäche zu durchqueren ist freiwillige Spielerei Quelle: Anke Schaffelhuber für

Wer den großen und massigen Held sieht, kann sich kaum vorstellen, wie er die teils happigen Steigungen der Radrouten mit einem zehn Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken und oft zu wenig Wasser im Getränkehalter auf dem Rad allein erkundet hat. Heute begleitet er die meisten seiner Reisen stets mittendrin, kämpferisch strampelnd, ist also mehr Dramaturg denn Organisator. Geld verdienen, ein Business aufziehen, ja, das will er auch. Aber man spürt, dass es ihm vor allem darum geht, etwas zu erleben auf seinen Reisen: atemraubende Fahrten an der körperlichen Leistungsgrenze, auf Schotterpisten, durch Wälder und Wüsten, wo man sich am Ende des Tages verwundert die Augen reibt, weil man nur vier Autos den ganzen Tag über gezählt hat.

Es ist die lustvoll-selbstquälerische Variante des Angebotes des "Erlebnismarktes Tourismus", wie ihn Schulze nennt. Die Reise-Industrie hat maßgeschneiderte Antworten parat auf die Frage, wie wir uns vom Alltag ablenken lassen können. Sie werden immer weiter differenziert, immer präziser die Bedürfnisse befriedigt. Abenteuer und Adrenalin – was im strukturierten Alltag fehlt, das suchen wir in den angeblich schönsten Wochen des Jahres. Kreuzfahrtschiffe in der Größe von Kleinstädten mit Theatern, Kletterwänden und Fitnessstudios sind ebenso im Angebot wie Wanderungen an steilen Abhängen oder Sprünge in Vulkane (siehe Kasten Seite 93). Je irrer, desto besser. Agenturen wie die des deutschen Unternehmers Jochen Schweizer verkaufen Kurzurlaub vom Alltag, vom "Erlebnis-Boxen" über das Baggerfahren bis zum Eisbaden. "Fallschirmspringen ist das am meisten gebuchte Erlebnis", sagt Schweizer. Überwundene Angst vor Höhe und Fall – das ist des Deutschen beliebtester Urlaubs-Kick.

Fahren mit Tipps vom Profi

In den Luxuszelten des Resorts Dunton Hot Springs auf 2100 Meter Höhe in der Nähe des Skiortes Telluride ist von Angst keine Spur. Hier startet die Reise "Mountain to Desert". Humphries ist mit zwei Kollegen, einem Van, Anhänger und je einem Mountainbike und Rennrad für jeden Mitfahrer vorgefahren. Der Van wird die ganze Zeit in der Nähe bleiben, er transportiert Werkzeug und liest ermattete Radler auf. "Mein Tipp ist: Locker fahren", sagt Jan Ullrich. Er kennt die Herausforderung der dünnen Höhenluft. Schon als Jugendlicher im Radteam der DDR-Sportförderung lernte er Colorado bei Trainingsreisen kennen. An Flucht hat er damals nie gedacht: "Wir wurden doch verwöhnt."

Wo deutsche Topmanager Urlaub machen
Montage Tom Enders und Christoph Franz und Alpen Quelle: Montage WirtschaftsWoche
Montage Berthold Beitz und Willi Verhuven Quelle: Montage WirtschaftsWoche
Montage Wulf Bernotat Palma de Mallorca Quelle: Montage WirtschaftsWoche
Montage Hiesinger Bopfingen Quelle: Montage WirtschaftsWoche
Montage Carsten Kratz Sardinien Quelle: Montage WirtschaftsWoche
Montage Dieter Müller Chiemgau Quelle: Montage WirtschaftsWoche
Montage Martin Winterkorn Strand bei Romazzino Quelle: Montage WirtschaftsWoche

So wie die Gäste des Luxusresorts, das neben zwei Immobilien der Aman-Gruppe ebenfalls dem deutschen Unternehmer Christoph Henkel gehört. Er hat das ehemalige Goldgräberdorf in ein Ferienhotel verwandelt, das heute auch gerne Manager von US-Konzernen nutzen, um in aller Abgeschiedenheit und mit privatem Sicherheitsdienst am Eingang die Strategien für die Zukunft zu besprechen.

Locker fahren, das heißt für Ullrich, dass er stetig tritt und sich dabei gut unterhalten kann, während selbst trainierten Triathleten die Lunge pfeift, der Schweiß rinnt und die Muskeln schmerzen. Kilometer um Kilometer windet sich die Gruppe an drei Tagen hintereinander Serpentine um Serpentine hinauf. So gut wie keine anderen Touristen – die Piste ist frei, es ist Zeit für Gespräche. Ullrich, wenngleich als bezahlter Begleiter engagiert, macht sichtbar Urlaub, redet, gibt Tipps, lacht, er ist nahbar, genießt spürbar die Gesellschaft. Ein wenig radeln, abends lokales Bier am Lagerfeuer des Camps mit Zelt, Luftmatratze und Schlafsack, denn mit "Away from it all" meint Held auch "Weg von allem": Koyotengeschrei, blasses Mondlicht, ein Blick auf Sternenhimmel mit Milchstraße und Sternschnuppen.

"Es muss megasuper sein"

Fahrerlager: Dicht hintereinander im Windschatten von Jan Ullrich Quelle: Anke Schaffelhuber für

Der Himmel als Reiseziel soll 79 000 Euro kosten. Gleich zwei Unternehmen arbeiten daran, möglichst noch kommendes Jahr die ersten Starts zu organisieren. Garantien dafür gibt keiner der Veranstalter, die in Deutschland die Reisen vertreiben, wohl aber für das mehrtägige Training. Das wäre die Spitze des Erlebnismarktes. Auch der folgt, so Schulze, dem Prinzip "je mehr, desto besser. Super genügt nicht. Es muss megasuper sein." Für Tausende von Radsportfans wäre genau das megasuper: Einmal im Schatten von Jan Ullrich zu fahren, über Kilometer jede seiner Bewegungen zu studieren, zu erleben, wie ein Fahrer seiner Klasse das Rad beherrscht und sich den Untergrund untertan macht. Sein Kopf bleibt still, ob er bei Steigungen aus dem Sattel steigt, was er als Tourprofi selten tat, oder ob er sitzt und das Rad wie auf die Straße genagelt scheint.

Wer mag, dem gibt Ullrich Ratschläge zu Sitzposition oder der richtigen Ernährung während der Fahrt – "keine Diät-Getränke!" Nur ihn zu einem Zweikampf herauszufordern, das wäre tabu. "Ich fahre keine Rennen mehr", sagt der Wahlschweizer. Begleiter, Ratgeber, Kumpane – das sind Seiten, die Mitreisende an ihm erleben können, den Rennfahrer, den zeigt er eigentlich nur, wenn er nicht tritt und dennoch schneller ist als alle anderen: bergab.

Weit weg von allem

Bis zu 70 Stundenkilometer schnell geht es die asphaltierten Straßen runter, auf Schotter bis zu 50 Sachen – wer hinter ihm fährt, sieht einen Meister seines Fachs, der seine Freude an Geschwindigkeit nicht verloren hat. "Geschwindigkeit gibt Sicherheit" – ein Spruch, den er mehrfach wiederholt, denn mit ordentlich Schwung überrollt das vollgefederte Mountainbike die meisten Hindernisse spielend. Geschwindigkeit drosseln mit Vorder- und Hinterradbremse zugleich, und wenn die Linkskurve immer enger wird, mit dem rechten Fuß auf die Pedale stellen. Tipps gibt es en gros, Wissenswertes obendrauf: zum Beispiel, dass die Radhandschuhe ursprünglich zum Bremsen der Radpiloten gedacht waren, wenn die Technik versagte.

Die Tuchfühlung, die Nähe zum Menschen, nicht zur öffentlichen Person, das ist der entscheidende Punkt auf so einer mehrtägigen Reise, ob mit Wörndl, Kluge, Ullrich oder eine der anderen zahlreichen Sportler, die bei verschiedenen Veranstaltern Reisen begleiten.

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Nach drei anstrengenden Rad- von sieben Reisetagen vor Ort, die in der Wüste Moab im Westernhotel Sorrell River Ranch enden, geht es noch zum Rafting in den 13 Stromschnellen des Abschnitts Westwater und mit dem Ballon über die berückend abwechslungsreiche Landschaft der Moabwüste. 262 Kilometer zu Lande, zu Wasser und in der Luft legt die Gruppe in dieser Zeit mit Jan Ullrich zurück. Stundenlang, teils mehr als einen Tag, reist sie ohne Funknetz. John, der Radguide warnte schon zu Beginn, vorsichtig zu fahren: "Die Rettung dauert und ist damit schmerzhaft."

So löst die neuntägige Reise dank großartiger Naturerlebnisse, körperlicher Herausforderung und anschließenden Glücksgefühlen das Versprechen ein, von allem wegzukommen, so weit, dass sich jeder auf – fast – alles freut, was ihn daheim wartet. So weit, dass sich Ullrich, dessen "Focus"-Interview Wellen schlägt, am Tag der Abreise verblüfft zeigt, welche Resonanz es auslöst. Am 21. August läuft seine Dopingsperre aus. Am 25. August startet er als Begleiter begeisterter Radsportfan beim Ötztaler Radmarathon. Und wer dabei ist, wird einen Menschen treffen, der den Blick in den Abgrund kennt, aber als Mensch so wenig Abgründiges erkennen lässt.

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