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Reisetopia-Mitgründer im Interview „Miles and More muss deutlich simpler werden“

Moritz Lindner meint, dass die Lufthansa sich gegen den Trend der Industrie bei Vielfliegerprogrammen gestellt hat. Mitglieder haben sich möglicherweise zu früh gefreut. Quelle: dpa

Moritz Lindner, Mitgründer des Vielflieger-Portals Reisetopia über den dringend notwendigen Umbau des Lufthansa-Vielflieger-Programms, Gewinner und Verlierer der Reform – und den schnellsten Weg in die Flughafen-Lounge .

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WirtschaftsWoche: Die Lufthansa hat gerade angekündigt 2021 ihr Vielfliegerprogramm Miles and More grundsätzlich zu überarbeiten. Überrascht?
Moritz Lindner: Nachdem vor wenigen Jahren schon das System der Prämienmeilen bei Miles and More verändert wurde, war eine Umstellung bei den Statusmeilen eigentlich nur eine Frage der Zeit. Zumal viele Vielflieger das seit langem fordern. Interessant ist, dass Lufthansa sich gegen den Trend der Industrie gewendet hat: Bei United Airlines etwa wurde das System so umgebaut, dass zukünftig fast nur noch der Umsatz eine Rolle spielt. Die Lufthansa geht hier in eine andere Richtung und hat wohl auch deshalb viele Mitglieder positiv überrascht. Doch möglicherweise haben die sich zu früh gefreut.

Das müssen Sie erklären.
Künftig gibt es bei der Lufthansa zwei komplett gegenläufige Systeme: Für den Status als Vielflieger spielt die Distanz von einem Flug per se keine Rolle mehr, unterschieden wird nur noch zwischen den Kategorien kontinental und interkontinental. Auch der Preis eines Tickets ist für die Erlangung eines Status irrelevant, stattdessen entscheidet die Reiseklasse. Jemand, der für ein früh gebuchtes Ticket 300 Euro bezahlt hat, bekommt am Ende genauso viele Meilen wie derjenige, der für denselben Flug 1000 Euro zahlt. Bei den Prämienmeilen ist die Regelung dagegen genau andersherum – hier ist der Umsatz die entscheidende Komponente. Miles and More verkauft das als Erfolg. In der Praxis sollte allerdings nicht übersehen werden: Ein Status ist ab 2021 nur noch ein Jahr gültig, bislang waren es immer zwei. Die Kriterien sind jedoch gleich geblieben, sodass insgesamt mehr Flüge notwendig sind, um einen Status zu erreichen oder zu sichern. Zudem muss künftig ein Teil der gesammelten Statuspunkte mit Airlines der Lufthansa-Gruppe erflogen werden. So werden Vielflieger an den Konzern gebunden. Im Gegenzug gibt es den lebenslangen Status für Frequent Traveller und Senatoren – auch rückwirkend für besonders treue Kunden. Die Schwellen sind hier allerdings sportlich: Für den Frequent Traveller auf Lebenszeit bräuchte man beispielsweise 1500 Flüge in der Economy Class auf der Kurzstrecke.

Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer der Reform?
Die Gewinner sind sicherlich diejenigen, die ihre Flüge weit im Voraus buchen und damit von günstigen Buchungsklassen profitieren. Bevorzugt werden zudem Kunden, die viele Kurzstrecken in der Economy Class fliegen, etwa innerdeutsch reisende Geschäftsleute. Ebenfalls profitieren Urlaubsreisende, die in der Business Class fliegen und frühzeitig buchen. Künftig reichen bereits zwei Business Class Hin- und Rückflüge, um den Frequent Traveller Status zu erreichen. Verlierer sind dagegen ganz klar diejenigen, die kurzfristige und teure Tickets buchen. Dadurch, dass der Preis und die Buchungsklasse keine Rolle mehr spielen, ist es für sie schwieriger an einen Status zu kommen. Auch Vielflieger, die oft mit Star-Alliance-Partnern unterwegs sind, haben das Nachsehen.

Moritz Lindner, Mitgründer des Vielflieger-Portals Reisetopia. Quelle: privat

Sie beobachten die Reisebranche und die Lufthansa seit langem. Ist die Reform ein Schritt in die richtige Richtung?
Die Gruppe bricht mit der Reform gewissermaßen mit dem Trend der Industrie, die Vielfliegerprogramme immer mehr am Umsatz auslegt. Damit macht die Lufthansa vieles richtig. Vor allem diejenigen, die sich bislang womöglich nie für einen Status interessiert haben, könnten nun zu mehr Ausgaben angeregt werden. Auch die Vereinfachung des Programms ist insgesamt positiv zu bewerten, weil besonders das Statusprogramm zuvor im Prinzip für Laien nicht verständlich war.

Dennoch gibt es schon jetzt Ärger mit den treuesten Kunden.
Die Lufthansa versucht mit der Reform primär diejenigen dazu zu bringen, mehr Geld bei der Gruppe zu lassen, die das bislang noch nicht tun. Das führt gleichzeitig zu Ärger bei denjenigen, die schon heute sehr viel Geld bei der Lufthansa ausgeben. Sie wird allerdings wissen, dass diese Kunden wohl auch in Zukunft buchen werden – einfach, weil sie oft keine Alternative haben.

Klingt, als könnten die Änderungen vor allem für Vielflieger-Portale wie Ihres ein gutes Geschäft werden.
Der Frequent Traveller Status lässt sich genauso wie der Senator Status zukünftig deutlich leichter erreichen, wenn man den Weg dorthin ein wenig optimiert. Beispielsweise reichen für den Frequent Traveller Status schon zwei Business Class Hin- und Rückflüge auf der Langstrecke. Wer in Nordeuropa, Amsterdam oder Paris startet, bezahlt für einen solchen Flug, etwa nach Asien oder Nordamerika, oft nur etwas mehr als 1000 Euro. Zudem gibt es noch weitere besonders kreative Optimierungs-Möglichkeiten: Durch die Teilung in kontinentale und interkontinentale Flüge lässt sich der Frequent Traveller Status bei geschickter Buchung schon für weniger als 1000 Euro erreichen – etwa, wenn man zwei Mal von Paris über Frankfurt nach Tunis und zurück fliegt. Wer mehrmals von Nordeuropa über Frankfurt nach Tel Aviv oder Kairo fliegt, kann für knapp 2000 Euro den Senator und für knapp 5000 Euro gar den HON Circle Status erreichen. Das war beim alten System schlicht nicht möglich.

Was ist für deutsche Kunden momentan das attraktivste Vielfliegerprogramm?
Eine klare Empfehlung für ein Vielfliegerprogramm ist immer schwierig, weil die Vor- und Nachteile eines jeden Programms stark vom Flugverhalten abhängen. Ab 2021 ist das neue Miles and More für viele Vielflieger sicherlich die beste Option. Bis dahin und auch darüber hinaus gibt es aber weiterhin die attraktiven Alternativen der Star Alliance. Beispielsweise ist der Star Alliance Gold Status bei SAS EuroBonus weiterhin eine sehr attraktive Option, wenn Vielflieger häufiger nach Nordamerika fliegen und hier in der Economy Class sowie seltener der Business Class unterwegs sind. Für Business Class Flüge nach Asien mit anderen Airlines als der Lufthansa selbst ist das Programm von Turkish Airlines aktuell und auch in Zukunft eine sehr gute Wahl. Wer dagegen selten auf der Langstrecke unterwegs ist, der ist bei Aegean Miles+Bonus sehr gut aufgehoben.

Wenn Sie Miles and More neu gestalten könnten – wie sähe es aus?
Das Programm ist in den letzten Jahren enorm komplex geworden, sodass eine weitere Vereinfachung auch meiner Meinung nach zwingend erforderlich ist – nicht nur bei den Statusmeilen. Zudem liegen die Probleme weniger in den Regeln als in der mangelhaften IT. Bis heute gibt es gravierende Probleme bei der korrekten Gutschrift von Meilen. Zudem wäre mehr Einheitlichkeit, besonders bei den Prämienmeilen, unbedingt wünschenswert. Hier hat aktuell kaum ein Kunde einen echten Durchblick. Ein perfektes Vielflieger-Programm würde zudem primär mit weniger Einschränkungen auskommen. Von Prämienmeilen bis Lounge-Zugang gibt es bei der Lufthansa heute hundert Ausnahmen, die nicht einmal absolute Experten in ihrer Fülle durchschauen können. Das muss deutlich simpler werden.

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