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Rennstrecken-Desaster Razzien erschüttern den Nürburgring

Durchsuchungen an fünf Orten, der Capricorn-Chef Robertino Wild unter Kreditbetrugsverdacht: Die Aktionen der Staatsanwaltschaft Koblenz am Freitag erschüttern den Nürburgring. Folgen drohen allerdings nicht nur Wild.

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Problembauten am Nürburgring
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Das Drama um den legendären Nürburgring, es will einfach kein Ende nehmen. Seit 2009 ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz in Sachen Nürburgring ununterbrochen, es gab mehrere Verfahren, noch mehr Beschuldigte und besonders ein spektakuläres Urteil: Gegen den rheinland-pfälzischen Ex-Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) verhängte das Landgericht Koblenz im Frühjahr 2014 eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren Haft wegen Untreue.
Deubel hat Revision eingelegt, die Sache liegt aktuell beim Bundesgerichtshof. Doch immer neue Vorfälle sorgen dafür, dass weder der „Ring“ noch die Staatsanwaltschaft in Koblenz zur Ruhe kommen. Wieder haben die Ermittler jede Menge Fragen, auf der Suche nach Antworten rückten sie am Freitag zu einer Reihe von Durchsuchungen aus.
In Düsseldorf wurden sie am Firmensitz von Capricorn vorstellig, dem vermeintlichen Nürburgring-Käufer, auch am Privatwohnsitz von Capricorn-Chef Robertino Wild im noblen Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel klingelten die Beamten. Am Nürburgring wurden zeitgleich die Geschäftsräume von zwei weiteren Firmen durchsucht, darunter die Capricorn Nürburgring Besitzgesellschaft mbH (CNBG). Und auch in der Koblenzer Kanzlei von Nürburgring-Insolvenzsachwalter Jens Lieser schlug die Staatsanwaltschaft mit einem Durchsuchungsbeschluss auf.


Robertino Wild im Visier

Das zentrale Interesse der Ermittler gilt Robertino Wild. Er hatte im März vergangenen Jahres mit seiner Firma Capricorn den Zuschlag beim Verkauf des Nürburgrings bekommen. Doch weil er den Kaufvertrag nicht einhalten konnte, soll Wild falsche Angaben gemacht haben, um einen Zahlungsaufschub zu erreichen.
Nach der Pleite der weitgehend dem Land Rheinland-Pfalz gehörenden Nürburgring GmbH im Sommer 2012 hatten Insolvenz-Sachwalter Lieser sowie Sanierungsgeschäftsführer Thomas Schmidt (Trier) den Verkauf beschlossen und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mit der Organisation des Verkaufsprozesses betraut. Wild und sein Mitbieter Getspeed – eine Motorsportfirma aus Meuspath am Nürburgring – setzten sich mit einem Gebot von insgesamt 77 Millionen Euro durch, diese waren in verschiedenen Tranchen zu zahlen.

Schon bei der zweiten Rate über fünf Millionen Euro, die Ende Juli 2014 fällig war, gab es allerdings einen Zahlungsausfall. Wild und die Insolvenzverwalter, die inzwischen die Hilfe der Frankfurter Kanzlei Weil, Gotshal & Manges in Anspruch genommen hatten, vereinbarten eine Stundung bis Ende Oktober, dafür musste Wild verschiedene Sicherheiten stellen – unter anderem Pfandrechte zugunsten der Verkäufer auf seine private Kunstsammlung.


Doppelverpfändung ein Kreditbetrug?

Dann allerdings deckten die Koblenzer „Rhein-Zeitung“ und die WirtschaftsWoche auf, dass Wild die Kunstsammlung zuvor bereits anderweitig verpfändet hatte. Wild räumte dies seinerzeit gegenüber der WirtschaftsWoche ein. Nachdem diverse weitere Medien über die Doppelverpfändung berichtet und Wild sie stets offen eingestanden hatte, traten schließlich auch die Koblenzer Ermittler auf den Plan.
Der Leitende Oberstaatsanwalt Harald Kruse sagte der WirtschaftsWoche auf Anfrage, dass seine Behörde bereits 2014 ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Kreditbetrug eingeleitet habe. Eine Strafanzeige habe es nicht gegeben, Anlass für die Ermittlungen seien Medienberichte gewesen. Laut § 265b Strafgesetzbuch drohen für Kreditbetrug bis zu drei Jahre Haft oder Geldstrafe. Der Paragraf nennt die „Stundung von Geldforderungen“ explizit als Anwendungsfall für den Kreditbetrug.


Für Robertino Wild kommen die Ermittlungen zur Unzeit. Ende Oktober vergangenen Jahres übernahm der russische Pharmamagnat Viktor Charitonin Wilds Zwei-Drittel-Anteil an der Nürburgring-Käufergesellschaft CNBG; Wild war nach dem Ende des Nürburgring-Abenteuers gerade dabei, seine Capricorn-Gruppe mit Hilfe der Rechtsanwaltskanzlei Aderhold zu sanieren und neu aufzustellen. Auch in Sachen Öffentlichkeitsarbeit hat Wild sich reorganisiert und neuerdings den früheren Volkswagen-Vorstand Klaus Kocks als PR-Strategen an seiner Seite.

„Keine betrügerische Absicht“


Auf Nachfrage zu den Durchsuchungen ließ Wild seinen neuen Sprecher Kocks den Sachverhalt nun im Grundsatz erneut bestätigen, jegliche Betrugsabsicht aber zurückweisen.

„Herr Wild ist einem Verbotsirrtum unterlegen“, sagte Kocks der WirtschaftsWoche. „Die Kunstsammlung ist unstreitig weitaus mehr wert als der Betrag, mit dem sie vorher schon beliehen war. Deshalb dachte Herr Wild, er könne sie erneut beleihen, so lange der Gesamtwert nicht überschritten wird.“ Das sei rechtlich wohl nicht einwandfrei gewesen, dennoch habe es „weder eine betrügerische Absicht noch einen Geschädigten gegeben.“

Die größten Investitionsruinen Deutschlands
Flughafen ZweibrückenNach dem insolventen Nürburgring steht ein weiteres Projekt mit Steuergeld in Rheinland-Pfalz vor dem finanziellen Crash: Der Flughafen Zweibrücken in der Pfalz wird nach Ansicht von Verkehrsminister Roger Lewentz (SPD) Insolvenz anmelden müssen. Er rechne damit, dass die EU-Kommission die Rückzahlung von bis zu 56 Millionen Euro staatlicher Beihilfen fordern werde, sagte Lewentz. Der Flughafen Zweibrücken - wie der verschuldete Airport Frankfurt-Hahn ein früheres Militärgelände - hatte 2012 ein Minus von 4,6 Millionen Euro eingefahren, das er im vergangenen Jahr nach Ministeriumsangaben auf knapp 3 Millionen Euro drückte. Der Flughafen befindet sich zur Hälfte in Hand des Landes und zur Hälfte in kommunaler Hand. Er liegt nur rund 30 Kilometer vom Flughafen Saarbrücken entfernt. Die neuen Flugleitlinien der EU-Kommission verbieten Subventionen für zwei Airports, die weniger als 100 Kilometer auseinanderliegen. Quelle: dpa/dpaweb
Eine Maschine der Lufthansa überquert die Landebahn des Flughafens Leipzig/Halle Quelle: Uwe Schoßig
Freizeitpark am Nürburgring Quelle: dpa
Ein Transrapid TR 09 steht auf der Teststrecke im Emsland Quelle: dpa
Menschen verspeisen Kaffee und Kuchen im Reaktorhauptgebaeude des Kernkraftwerkes Kalkar Quelle: AP
Aussenansicht der Halle des Tropical Islands Resorts Quelle: dpa/dpaweb
Passanten vor dem Dortmunder U-Turm Quelle: PR

Der Sprecher der Insolvenzverwalter, Pietro Nuvoloni von der Kölner PR-Agentur dictum law, bestritt auf Anfrage der WirtschaftsWoche, dass es auch in der Kanzlei von Lieser eine Durchsuchung gegeben habe. Lieser „hat der Staatsanwaltschaft lediglich auf Anfordernis vordefinierte Unterlagen übergeben“, teilte Nuvoloni mit. Und weiter: „Nach unserer Kenntnis läuft weder gegen den Sanierungsgeschäftsführer, Prof. Dr. Dr. Thomas B. Schmidt, noch gegen den Sachwalter Jens Lieser ein Ermittlungsverfahren.“ Staatsanwalt Kruse sagte auf Nachfrage, dass auch bei der Kanzlei Lieser eine Durchsuchung stattgefunden habe, allerdings habe es sich dabei um eine Durchsuchung bei Dritten gehandelt, Lieser sei nicht selbst Beschuldigter.


Verkaufsprozess wird schlagartig heiß

Unmittelbar Betroffener der Durchsuchungen ist Lieser also nicht, Leidtragender könnte er aber dennoch werden. Denn der Paukenschlag an diesem kalten Januarfreitag sorgt dafür, dass der Kampf um die Zulässigkeit des Verkaufsprozesses schlagartig wieder heiß wird. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Koblenz wegen Kreditbetrugs gegen Capricorn-Chef Wild befeuern die Beschwerden der unterlegenen Bieter, nach deren Auffassung bei dem von Lieser/Schmidt und KPMG organisierten Verkaufsprozess nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war.
Oberstaatsanwalt Kruse betont zwar: „Das hier geführte Verfahren betrifft ausschließlich den Verdacht des Kreditbetruges im Zusammenhang mit der möglichen Doppelübereignung der Kunstsammlung, nicht jedoch den Verkaufsprozess „Nürburgring“ als Ganzes. Diesbezüglich ist hier kein Ermittlungsverfahren anhängig.“ Doch das deutsche Strafrecht ist nicht der Maßstab, auf den es europarechtlich ankommt. Was im deutschen Strafrecht erlaubt ist oder auch nicht, hat nichts damit zu tun, was das Europarecht zulässt und was nicht. Indirekt betrifft das neue Ermittlungsverfahren den Verkaufsprozess somit sehr wohl: Gerade die Stundungsvereinbarung hat europarechtlich Sprengpotenzial.

Deutschlands sündhaft teure Prestigebauten
Die Elbphilharmonie ist das teuerste Kulturprojekt in Deutschland. Die Kostenexplosion und Bauverzögerung wird ein Fall für die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt, ob Straftaten vorliegen. Laut Abschlussbericht sind eine unfertige Planung, mangelnde Kontrolle vonseiten der Politik und ein Chaos auf der Baustelle schuld am Desaster beim Bau. Die Kosten für den Steuerzahler bei dem Projekt sind von ursprünglich 77 Millionen auf 789 Millionen Euro gestiegen, die Eröffnung wurde von 2010 auf 2017 verschoben. Erstmals nennt der Abschlussbericht, der die Ereignisse bis Ende 2008 untersucht, auch die Namen der Verantwortlichen. Demnach ist die städtische Realisierungsgesellschaft (Rege) mit ihrem Chef Hartmut Wegener für wichtige Fehlentscheidungen verantwortlich. Die politisch Verantwortlichen, allen voran Hamburgs damaliger Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und sein Chef der Senatskanzlei Volkmar Schön (CDU), seien dagegen ihrer Aufsichtspflicht nicht gerecht geworden. Aber auch die Architekten Herzog & de Meuron und der Baukonzern Hochtief kommen in dem Bericht nicht gut weg. „Wenn wir konkrete Anhaltspunkte für eine verfolgbare Straftat finden würden, würden wir entweder einen Ermittlungsvorgang gegen einen bestimmten namentlich bekannten Beschuldigten oder mehrere einleiten oder wir würden ein Unbekannt-Verfahren einleiten, wenn wir noch nicht wüssten, wer der Beschuldigte ist“, erklärt die Sprecherin Nana Frombach. Quelle: dpa
Deutschlands teuerstes Kulturprojekt, die Hamburger Elbphilharmonie, wird die Steuerzahler laut Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) stolze 789 Millionen Euro kosten - und soll 2017 eröffnet werden. Das Prestigeprojekt würde damit gut zehnmal teurer als 2005 vom damaligen Bürgermeister Ole von Beust (CDU) veranschlagt. Damals war von rund 77 Millionen Euro die Rede. Auf der Baustelle im Hafen herrscht mittlerweile seit rund anderthalb Jahren Stillstand, weil sich die Vertragspartner lange nicht einigen konnten. Erst im März hatte Scholz mit Hochtief einen Vertrag geschlossen, wonach der Essener Baukonzern künftig sämtliche Risiken übernimmt und das Konzerthaus bis Ende Oktober 2016 zum „Globalpauschalfestpreis“ von 575 Millionen Euro zu Ende baut. Nicht berücksichtigt waren dabei jedoch unter anderem die Finanzierungs- und Baukosten für den kommerziellen Teil und die Vorplanungskosten. Nun geht aus dem vertraulichen zweiten Entwurfs des Abschlussberichts des Untersuchungsausschusses hervor, der Spiegel Online vorliegt. Die Schuldigen sollen die Projektkoordination, Bauunternehmer und Architekt, sowie auch der damalige Erster Oberbürgermeister, Ole von Beust, sein. Quelle: REUTERS
Die sogenannte 'Kanzlerbahn', die derzeit zwischen dem Hauptbahnhof, Kanzleramt und dem Brandenburger Tor verkehrt, soll um 92 Millionen Euro teurer werden. Laut Berliner Morgenpost beläuft sich das Gesamtvolumen künftig auf 525 Euro, die das Land und der Bund zahlen müssen. Quelle: dpa
In Schlangen winden sich Hunderte Besucher durch den Saal, bestaunen historische Exponate, erhaschen per Kurzfilm einen Einblick in die Arbeit der Bundestagsabgeordneten. In einem Miniplenarsaal mit originalgetreuen blauen Sesseln lauschen sie einer gespielten Debatte und ergreifen selbst das Wort. Dann geht es durch den unterirdischen Gang ins Reichstagsgebäude, hinauf in die gläserne Kuppel. Zum Abschluss noch ein Imbiss an einem der 16 Bistro-Tische, die die 16 Bundesländer repräsentieren. So soll es aussehen, das Besucher- und Informationszentrum des Bundestages (BIZ). Ursprünglich sollte es 200 Millionen Euro kosten. Im Januar dann lag der anvisierte Preis schon bei 330 Millionen Euro. "Ein Bau für 330 Millionen Euro, das wird nicht kommen", sagte damals Eduard Oswald, CSU-Bundestagsvizepräsident und Vorsitzender der inneren Kommission, gegenüber WirtschaftsWoche. Nun heißt es in einem Bericht der Welt, dass der Bau mit bis zu 500 Millionen Euro zu Buche schlagen werde. das gehe aus einem Bericht der 36-köpfigen "Reformkommission Bau von Großprojekten" der Bundesregierung hervor. Quelle: dpa
Die Stuttgarter waren nicht ohnmächtig: Stuttgart 21 steht für einen politischen Umbruch in Baden-Württemberg und den Einzug neuer Formulierungen in die deutsche Sprache, wie zum Beispiel das Wort „Wutbürger”. Der alte Kopfbahnhof soll zu einem Tunnelbahnhof umgebaut werden. Eine riesige Protestwelle überrollte die baden-württembergische Landeshauptstadt, seit der Abriss des alten Bahnhofs startete. In einer Abstimmung Ende 2011 sprach sich eine Mehrheit der Bevölkerung jedoch für das Projekt aus. Gestritten wird vor allem über die Kosten des Umbaus... Quelle: dpa
Immer wieder wurden die prognostizierten Baukosten nach oben korrigiert. Zwischenzeitlich sprach die Deutsche Bahn von 4,5 Milliarden Euro, mittlerweile hat sie die Zahlen um ganze zwei Milliarden erhöht.. Andere Experten veranschlagen Kosten von bis zu elf Milliarden Euro. Auch der Bundesrechnungshof hat diese Summe bereits vor drei Jahren als viel zu gering bezeichnet. Die DB hatte damals die Einschätzung zurückgewiesen. Inzwischen sind viele Dokumente ans Tageslicht gekommen, die beweisen, dass die Bahn hohe Mehrkosten vorsätzlich verschwiegen hat. Nicht zuletzt die mangelnde Transparenz bezüglich der Gesamtkosten des Projekts hat viele Bürger auf die Straße getrieben. Die ersten Züge werden wohl nicht vor 2022 im unterirdischen Bahnhof einfahren. Quelle: dpa
Eigentlich sollte die Erweiterung des Saarland-Museums und der Modernen Galerie in Saarbrücken ein Prestigeprojekt werden. Allerdings haben sich die veranschlagten Kosten mehr als verdreifacht. Ursprünglich sollte der Bau neun Millionen Euro kosten. Wie tief der Steuerzahler dafür in die Tasche greifen muss, ist noch offen. Bisher steht in bester Lage in Saarbrücken unweit des Staatstheaters ein hässlicher Betonklotz im Rohbau, dem ein Gutachten jetzt zahlreiche Mängel bescheinigt hat. Die Landesregierung will aber auf jeden Fall an dem schon weit vorangeschrittenen Projekt festhalten, obwohl viele vor einer „zweiten Elbphilharmonie“, wenn auch in sehr viel kleinerer Größenordnung, warnen. Quelle: dpa

Weil die EU-Kommission bereits 2012 ein Beihilfeverfahren wegen Investitionen des Landes Rheinland-Pfalz eingeleitet hatte – das Land als früherer Hauptgesellschafter der Nürburgring GmbH versenkte in der Ära von Ex-Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) rund eine halbe Milliarde Euro an der Rennstrecke – musste der Verkauf europarechtskonform erfolgen. Dass dies tatsächlich auch so war, bezweifeln jedoch die unterlegenen Bieter. Bei der EU-Kommission waren aus diesem Grund eine Reihe von Beschwerden gegen den Zuschlag eingegangen, vom US-Finanzinvestor HIG Capital, vom ADAC, vom gemeinnützigen Verein „Ja zum Nürburgring e.V.“ um ADAC-Ehrenpräsident Otto Flimm und vom US-Technologieunternehmen Nexovation.


Kritik an Kommissionsbeschluss von Anfang an

Bislang war die Kommission nicht geneigt, den Beschwerden zu folgen. Sie schloss sich in ihrer Entscheidung am 1. Oktober 2014 der Argumentation der Nürburgring-Insolvenzverwalter Lieser und Schmidt an, wonach der Verkaufsprozess im Einklang mit dem Europarecht abgelaufen sei. Der CDU-Europaabgeordnete Werner Langen, der aus dem Norden von Rheinland-Pfalz kommt und den Nürburgring in seinem Wahlkreis hat, vermutete von Anfang an eine mehr politisch gesteuerte denn juristisch begründete Haltung der Kommission.
„Die Kommission hat sich auf das Lügengebäude der Konkursverwalter verlassen“, sagte Langen der WirtschaftsWoche und warf dem spanischen Sozialisten Joaquin Almunia als damaligem Wettbewerbskommissar zudem per Pressemitteilung vor, den Sozialdemokraten in Rheinland-Pfalz mit der Zustimmung zum Verkauf ein parteipolitisch motiviertes Geschenk gemacht zu haben.


Verkaufsprozess mit vielen Fragezeichen

Nachdem die WirtschaftsWoche wenig später im November 2014 zahlreiche pikante Details des Weiterverkaufs an die Investorengruppe um Charitonin enthüllt hatte, legten die unterlegenen Bieter weitere Beschwerden bei der Kommission ein. Sie kritisieren erstens, dass Capricorn von Anfang an keine gesicherte Finanzierung für den Nürburgring-Kauf vorzuweisen hatte, das zentrale Zuschlagskriterium „Transaktionssicherheit“ somit zu keinem Zeitpunkt gegeben war, zweitens dass die Insolvenzverwalter sowie KPMG in den Weiterverkauf an Charitonin intensiv involviert gewesen seien und damit ein unzulässiger Zweitverkauf vorgelegen habe, und drittens dass die Kommission über beide Sachverhalte nicht korrekt informiert worden sei.
Wiederum hat die Kommission allerdings bisher offensichtlich keine Lust, sich der Sache anzunehmen. Der WirtschaftsWoche liegt ein Schreiben der neuen Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager aus Dänemark vor, das sie an Langen geschickt hat. Zudem hat der Chef des Nürburgring-Fallbearbeiterteams in der Wettbewerbsdirektion, der Niederländer Ewoud Sakkers, unterlegene Bieter angeschrieben. Tenor der Schreiben: Die Kommission sieht keinen Anlass, ihre Entscheidung vom 1. Oktober zu widerrufen und den Fall neu aufzurollen. Auf die Sachargumente der Beschwerdeführer gehen beide Schreiben dabei nicht ein, sondern versuchen sich mit schwerlich nachvollziehbaren verfahrensrechtlichen Argumenten vor der Verantwortung zu drücken: Die Kommission sei für die Prüfung nicht zuständig.

Fragwürdige Argumentation der Kommission



In beiden Schreiben ist die Argumentation der Kommission aber ebenso billig wie lächerlich. Vestager und Sakkers beschreiben, was die Rolle der Kommission sei und dass es nicht zur Aufgabe der Kommission gehöre, en detail nachzuprüfen, ob ein Verkaufsprozess europarechtskonform ablief, also transparent, offen, bedingungs- und diskriminierungsfrei. Wenn die Kommission aber verlangt, dass ein Verkauf nach genau diesen Kriterien abzulaufen hat, dann muss sie auch prüfen, ob der Verkaufsprozess diesen Ansprüchen tatsächlich genügte. Die Augen vor der Sache zu verschließen und die Prüfungsverantwortung abzuwälzen lässt rechtsschutzsuchende Bieter hilflos zurück.


Mehr noch: Die Kommission begründet die Auffassung ihrer Rolle (und was alles nicht dazu gehöre) nicht einmal ansatzweise. In den Schreiben von Vestager und Sakkers gibt es keinerlei Verweise auf entsprechende Rechtsnormen in den Europäischen Verträgen oder auf einschlägige Urteile der Europäischen Gerichte. Wenn die Kommission so ihre Aufgabe beschreibt, wie es Vestager und Sakkers tun, spielt sie Pippi Langstrumpf: „Ich mach mir die Welt, widde-widde wie sie mir gefällt.“


EU-Kommission zunehmend unter Druck

Auch die Stundungsvereinbarung der Insolvenzverwalter mit Wild, die nun die Staatsanwaltschaft Koblenz beschäftigt, hatte die Kommission in ihrem Beschluss vom 1. Oktober recht lapidar durchgewinkt. In der Wiedergabe der Beschwerden geht die Kommission noch darauf ein, nennt auch in einer Fußnote (Nr. 73 auf Seite 27) immerhin die Bedingungen der Stundung – darunter auch die Verpfändung der Kunstsammlung. In den finalen Schlussfolgerungen blendet die Kommission das kritische Thema aber nahezu komplett aus. „Warum sich die Kommission so beharrlich weigert, diese hoch problematischen Vorgänge genau unter die Lupe zu nehmen, ist mir unbegreiflich“, sagt Langen nun auf Anfrage der WirtschaftsWoche. „Die Nürburgring-Entscheidung entspricht bei weitem nicht der Rechtsqualität sonstiger Kommissionsentscheidungen.“
Und Langen ist nicht der einzige, der nun durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Koblenz eine neue Sachlage sieht. Die unterlegenen Bieter wittern Morgenluft. Über der Stundungsvereinbarung steht nun der unappetitliche Verdacht, dass die von der EU-Kommission schon eilends gebilligte Verlängerung des Zahlungsziels nur durch einen Kreditbetrug erreicht werden konnte. Auch die Kommission selbst gerät damit immer mehr in Erklärungsnot. Für Langen stellt sich die Frage, „aus welchen Gründen und wie lange die Kommission angesichts der zahlreichen Fehlentwicklungen im Verkaufsprozess noch die Augen vor der Realität verschließen will.“


Nagelprobe für Vestager

Die neue Wettbewerbskommissarin Vestager muss sich angesichts dessen langsam die Frage gefallen lassen, wie eng sie an ihren Vorgänger Almunia anschließen will. Der hatte nicht nur den Nürburgring-Deal durchgeboxt, sondern bei Brüsseler Juristen auch den zweifelhaften Ruf, sich lieber auf politische Deals einzulassen, als sich um die Durchsetzung des (Europa-)Rechts zu kümmern. Selbst Wilds PR-Mann Kocks nennt als Grund für die Probleme seines Mandanten inzwischen: „Herr Wild hat sich übernommen und für dem Nürburgring einen Preis geboten, den er nicht bezahlen konnte. Er hat im Bieterverfahren zu laut ‚Hurra‘ geschrien.“ Ein weiteres Indiz, dass Wild von vornherein nicht in der Lage war, den Kaufpreis aufzubringen – was die Beschwerdeführer, bisher ohne Resonanz, schon mehrfach bei der Kommission vorgetragen haben.

Welche Rennstrecken sich rechnen
14 Millionen Euro erlässt Bernie Ecclestone der Nürburgring GmbH. Normalerweise müssen die Streckenbetreiber dem Formel-1-Organisator Millionensummen dafür zahlen, dass die Königsklasse des Motorsports überhaupt antritt. Aber seit Sommer 2012 ist die Nürburgring GmbH insolvent, seit Mitte Mai stehen alle Vermögenswerte zum Verkauf. Wenigstens 120 Millionen Euro sind in dem Bieterverfahren aufgerufen, in das nun auch der ADAC eingestiegen ist. Quelle: AP
60 Millionen Euro erwirtschaftet ein Formel-1-Lauf während eines Wochenendes im Umkreis der Strecke. Nicht zu vergessen die Tickets für normale Besucher (ab 109 Euro) und VIPs. Eine Lounge für 80 Personen kostet für das Wochenende 110.000 Euro. Quelle: dpa
34 Millionen Euro haben private Investoren aufgebracht, um einen ehemaligen Nato-Stützpunkt im Teutoburger Wald ins Drive Resort Bilster Berg zu verwandeln – ein Renn-, Test- und Erlebniszentrum für Autohersteller und Auto-Enthusiasten. Für 1200 Euro pro Stunde können sie die 4,2 Kilometer lange Gesamtstrecke mieten, für 300 Euro nur den Offroad-Parcours. Dennoch ist die Anlage bis zum Jahresende fast schon ausgebucht. Für 2013 sind Einnahmen von 4,6 Millionen Euro eingeplant.
Die Teststrecke Boxberg.

Die neue Kommissarin Vestager muss sich nun entscheiden, ob sie dem Beschluss von Almunia und damals seinen, heute ihren Mitarbeitern (um den Leiter des Fallbearbeiterteams Ewoud Sakkers) trotzdem weiter vertrauen will oder ob sie den Fall neu aufrollen und die zahlreichen neuen Argumente wenigstens rechtlich untersuchen lässt. Selbst in den Fall richtig tief eingearbeitet scheint Vestager nach ihrem Schreiben an Langen noch nicht zu sein. Die Zeit jedenfalls liefert den Beschwerdeführern, zuletzt durch die Durchsuchungen der Staatsanwaltschaft Koblenz, immer und immer mehr Argumente, um vor den Europäischen Gerichten gegen die Kommission und damit auch gegen Vestager zu klagen. Eine Niederlage vor dem EuGH wäre für die Kommission eine Blamage.


Malu Dreyer in Erklärungsnot

Margrethe Vestager ist jedoch nicht die einzige, die angesichts der jüngsten Entwicklungen am Nürburgring um ihren Ruf fürchten muss. Neben dem Beschuldigten Robertino Wild dürften die Durchsuchungen auch der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) einige Sorgenfalten beschert haben. Sie hatte sich im April als Zugpferd für eine mehrstündige PR-Aktion von Capricorn hergegeben. Gleich zwei Pressetermine absolvierte sie, um für den Wunsch-Käufer der Landesregierung und dessen Konzept zu werben. „Der Nürburgring blickt nun mit dem neuen Investor in eine neue Zukunft“, erklärte Dreyer, „ich wünsche den neuen Nürburgring-Eigentümern, dass die positive Stimmung weiter anhält und ich wünsche ihnen die notwendige Kraft für diese große Herausforderung.“


Einige Wochen später, als die Zahlungsschwierigkeiten des siegreichen Bieters Capricorn schon öffentlich breit getreten wurden, flehte Dreyer im rheinland-pfälzischen Landtag an die Adresse von Capricorn, die Verträge zu erfüllen. Die rheinland-pfälzische SPD muss in Alarmstimmung sein: Erst gab Kurt Beck im Herbst 2012 (unter sorgfältiger Vermeidung des Wortes Nürburgring) aus rein gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt bekannt, dann verkündete Dreyer Anfang November vergangenen Jahres (unter expliziter Erwähnung des Nürburgrings) eine radikale Kabinettsumbildung. Fünf der sechs bis dato amtierenden SPD-Minister wurden ausgetauscht, dazu der SPD-Fraktionschef (Hendrik Hering) und die Chefin der Staatskanzlei (Jaqueline Kraege). Das erklärte Ziel: Nach vorne schauen und die lästigen Nürburgring-Debatten, die mit mehreren der vom Amtsverlust betroffenen Minister und dem Fraktionschef verbunden waren, endlich abstreifen.


Dreyer traf Wild mehrfach persönlich

Nun aber steht Dreyers Wunschkäufer unter dem Verdacht, kriminell gehandelt und Kreditbetrug begangen zu haben. Besonders unangenehm für die Ministerpräsidentin: Wild könnte nun auch Details zu seinem Treffen mit Dreyer vor dem Zuschlag auspacken.

In Arbeit
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Ende vergangenen Jahres hatte der neue Staatskanzleichef Clemens Hoch einräumen müssen, dass sich Dreyer in der Zeit vor dem Zuschlag mit Wild und seinem Mitbieter Heinemann von Getspeed getroffen hatte, genaue Gesprächsinhalte wollte er aber nicht wiedergeben, es habe sich nur um einen reinen Kennlerntermin gehandelt. Vize-Ministerpräsidentin Eveline Lemke (Grüne) gab zu, mehrere Telefongespräche mit Wild und Heinemann geführt zu haben, konnte sich aber an konkrete Termine und Inhalte nicht mehr erinnern.
So sicher der entzauberte Retter Wild der nächste ist, der sich an der Legende Nürburgring verhoben hat, so sicher ist auch, dass die mythenumwobene Rennstrecke ihr letztes Opfer noch nicht gefordert hat. Die Kandidatenliste für die nächsten Ring-Verlierer ist prall gefüllt – und reicht von Brüssel über Koblenz bis Mainz.“

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