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Royal Mail Dieser Deutsche leitet bald den ältesten Postdienst der Welt

Rico Back Quelle: dpa Picture-Alliance

Rico Back steht bald an der Spitze der Royal Mail. Er soll die Paketsparte des britischen Traditionsunternehmens stärken und den Konzern internationaler ausrichten. Keine leichte Aufgabe angesichts des Brexits.

Rico, Who? In Großbritannien ist der gebürtige Hamburger Rico Back, der jüngst zum Chef der Royal Mail ernannt wurde, weitgehend unbekannt. Ab dem 1. Juni wird der 63-jährige Deutsche das traditionsreichste Unternehmen im Vereinigten Königreich leiten. Gegründet im Jahr 1516 ist die Royal Mail der älteste Postdienst der Welt und einer der größten Arbeitgeber im Land. Eine große Aufgabe also, die angesichts des Brexits und einer möglichen Labour-Regierung nicht einfach werden dürfte.

Back wird neben Tui-Chef Fritz Joussen der einzige Deutsche an der Spitze eines börsennotierten Unternehmens in Großbritannien sein und steht damit künftig sehr viel stärker im Rampenlicht. Kann auch der Durchschnitts-Brite wenig mit seinem Namen anfangen, so gilt das keineswegs für Fachleute und Investoren: Back ist ein Veteran der Paket- und Logistikbranche. Seit 18 Jahren steht er bereits im Dienst der königlichen Post und leitet mit der Pakettochter General Logistics Systems (GLS) die Perle des Traditionsunternehmens.

GLS – einst German Parcel – trägt inzwischen 35 Prozent zum Betriebsergebnis der Royal Mail bei. In Zeiten des boomenden Online-Handels ist das Paketgeschäft der wichtigste Wachstumsmarkt. Im Gegensatz dazu schrumpft das Geschäft mit Briefen wie überall auf der Welt. GLS, die bereits in 41 europäischen Ländern operiert, will international weiter expandieren. „Wir haben den besten Mann für den Job genommen“, tönt es aus der Zentrale der Royal Mail in London. Dass dies bei den Briten auf Unverständnis stoßen könnte, will man dort keineswegs akzeptieren. Dabei hatte es auf der Insel erst kürzlich einen Sturm der Entrüstung gegeben, als bekannt wurde, dass eine französische Firma künftig die neuen britischen Pässe drucken soll und der britische Konkurrent das Nachsehen haben würde.

Welche Ideen taugen wirklich für die Paketzustellung?
KofferraumzustellungDer Kunde sitzt oben im Büro und muss arbeiten, der Paketbote legt das Paket deshalb einfach schon mal in den Kofferraum des Kundens in der Tiefgarage? Die Idee hört sich gut an, und wird von DHL und Amazon bei einigen Autotypen auch schon getestet. Aber ob sie Erfolg hat? Viele Verbraucher scheint die Idee eher abzuschrecken: In einer Umfrage der Unternehmensberatung PwC gaben 68 Prozent der Befragten an, dass sie "auf keinen Fall" eine solche Lösung nutzen wollen. Quelle: dpa
Wohnungsschlüssel für die PaketbotenWürden Sie ihrem Paketboten den Wohnungsschlüssel geben? Genau das plant nun Amazon in den USA. Dort hat der Onlinehändler sein Projekt "Amazon Key" vorgestellt. Der Zusteller öffnet mit einem Code per App die Wohnungstür - und kann das Paket dort hinterlassen. In Deutschland stößt diese Idee wohl eher auf unbehangen. Nach einer Umfrage des Dienstleisters Civey wollen sich mehr als 77 Prozent auf keinen Fall auf eine solche Lösung einlassen. Quelle: obs
Packstation3400 Packstationen hat DHL in Deutschland. Sie stehen am Supermarkt oder am Bahnhof, an Orten, an denen die Kunden unkompliziert und oft vorbeischauen. Klingt doch nach einer guten Idee, oder nicht? Mittlerweile ahmt auch Amazon die Schließfachsysteme nach, und Hermes, DPD und GLS arbeiten gemeinsam an einem offenen System, den Parcellock-Stationen. In der Praxis aber stoßen die Packstationen schnell an ihre Grenzen. Die Fächer sind oft blockiert, weil Kunden ihre Pakete erst vor Ende der Frist oder gar nicht abholen. Deshalb können dort längst nicht so viele Lieferung untergebracht werden, wie es Paketdienste und Kunden gerne hätten. Dafür ist die Packstation teuer im Betrieb. Quelle: dpa
DrohnenDHL hat einen Paketkopter, Amazon entwickelt eine Drohne, auch DPD und UPS testen fleißig. Medienaufmerksamkeit ist ihnen damit sicher. Doch werden uns bald tatsächlich Drohnen die Pakete bringen? Wohl kaum. Sie haben viele Nachteile: In der Innenstadt werden Drohnen zum Sicherheitsrisiko. Sie können immer nur ein Paket tragen, und es ist unklar, wer das Paket in Empfang nehmen kann. Und wenn der Empfänger nicht da ist, soll die Drohne dann auf ihn warten? Ein echter Vorteil ist die Drohne deshalb nur in schwer zugänglichem Gelände. Sie kann Lieferungen - vor allem im Notfall - schnell und unkompliziert auf Berge oder Inseln transportieren. Das Weihnachtsgeschäft aber ließe sich mit den surrenden Fluggeräten nicht anstatzweise bewältigen. Quelle: dpa
PaketboxDie Deutsche Post hat deshalb auch die Paketbox eingeführt. Diesen Paketkasten können sich Privatleute in ihren Vorgarten stellen. Doch dafür braucht es erstens einen Vorgarten und zweitens auch das nötige Budget. Ein Paketkasten kostet ab 200 Euro aufwärts. Und dann können ihn nur DHL-Boten nutzen. Pakete von Hermes oder DPD können dort nicht abgeladen werden. Die beiden Konkurrenten gründeten deshalb gemeinsam mit GLS das Unternehmen Parcellock, eine Art offenen Paketkasten. Quelle: dpa
LieferroboterDieser kleine Roboter von Starship fährt auf Straßen und Bürgersteigen, und über Kamera und Mikrofon können Passanten auch mit einem Mitarbeiter, der die Roboter von einer Zentrale aus steuert, sprechen. Hermes hat diese Roboter in Hamburg getestet. Doch der kleine Transporteur mit Kühlbox-Optik hat einige Nachteile: Sein Fassungsvolumen ist begrenzt, er kann keine Treppen steigen und ist bisher in den Tests von Hermes auch immer von einem Paket-Boten begleitet worden. Und was wäre, wenn der Empfänger gerade doch unpässlich ist, wenn der Roboter vor seiner Tür steht? Zu lange Wartezeiten wären ineffizient. Experten sprechen Starship daher wenig Potenzial aus, den Paketboten ihre Jobs wegzunehmen. Quelle: dpa
LieferroboterDer Postbot von DHL hingegen soll den Postboten gar nicht ersetzen, sondern unterstützen. Der Postbot ist größer als Starship und hat daher auch mehr Fassungsvolumen. Er folgt der Paketbotin "wie eine kleine Ente der Mama-Ente folgt", so drückte es kürzlich Post-Vorstandschef Frank Appel aus. Vorteil für die Paketboten: Sie müssen nicht mehr so viel Gewicht tragen, das nimmt der Postbot ihnen ab. Solange der Postbot schnell genug ist und auch mit unwegsamen Gelände gut klar kommt, ist das ein wahrer Vorteil für die Paketboten, von denen viele im Alter Gesundheitsprobleme haben. Quelle: AP

Im Gegensatz zu Großbritannien ist Back in Deutschland durchaus bekannt und präsent – schließlich war er der erste Geschäftsführer von German Parcel, die 1989 von 24 mittelständischen Spediteuren gegründet worden war. 1999 wurde das Unternehmen an die Royal Mail verkauft und schließlich 2002 in GLS umbenannt. Back, der die treibende Kraft hinter dem Verkauf war, blieb an Bord und half der britischen Post beim Aufbau ihres internationalen Paketgeschäfts. Deutschland ist immer noch der wichtigste Einzelmarkt von GLS, in Großbritannien selbst operiert die Tochter Parcelforce mit einem Marktanteil von über 50 Prozent.

Back war GLS bisher mit Leib und Seele verbunden: wie seine eigenen Paketzusteller trägt er das Unternehmenslogo am Kragen. Er gilt als Arbeitstier. Als junger Mann war er beim Konsumgüterhersteller Unilever beschäftigt. Der begeisterte Skifahrer lebt seit über zehn Jahren mit seiner Familie in der Nähe von Zürich und wird dort auch künftig seinen privaten Lebensmittelpunkt behalten, obschon sein offizieller Arbeitsplatz künftig London sein wird. Bei der Royal Mail legt man Wert auf die Feststellung, Back werde sein Gehalt künftig in vollem Umfang in Großbritannien versteuern – was bei Ausländern mit Wohnsitz außerhalb der Insel nicht selbstverständlich ist. Als CEO wird er wie seine Vorgängerin Moya Greene ein Jahressalär von 640.000 Pfund zuzüglich einer jährlichen Altersversorgung von 150.000 Pfund beziehen. Hinzu kommt ein Bonus von bis zu 200 Prozent seines Grundgehalts.

Von Greene, die die Royal Mail 2013 an die Börse geführt hat, übernimmt Back ein profitables Unternehmen – dabei war die Post 2010 bei Greenes Amtsantritt technisch pleite. Im letzten Geschäftsjahr erwirtschaftete die Royal Mail bei einem Umsatz von 9,8 Milliarden Pfund einen Vorsteuergewinn von 335 Millionen Pfund – 68 Millionen Pfund mehr als im Vorjahr. Backs Bereich, die GLS, erzielte einen neun Prozent höheren Umsatz von 2,5 Milliarden Pfund.

Seine Strategie für die Zukunft der Royal Mail will Back erst mit seinem Amtsantritt skizzieren. Im Unternehmen selbst heißt es, Back stehe für Kontinuität. Allerdings wird Stillstand in dem äußerst kompetitiven britischen Paketmarkt nicht möglich sein. Die Briten sind Europameister beim Internetshopping, der Onlinehandel ist dort dreimal so groß wie in Deutschland. Dank Amazon ist der Markt hart umkämpft. Der US-Konzern ist in den gewinnbringenden Innenstädten omnipräsent und überlässt das Austragen von Paketen auf dem Land, wo die Margen geringer sind, gerne der Post. Parcelforce ist in Großbritannien der größte Zusteller von Paketen, gefolgt von Hermes UK, DPD und kleineren britischen Firmen.

Back wird den Paketdienst der Royal Mail auf mehr Effizienz trimmen müssen, ohne seine Verpflichtung zu einer Universalzustellung im ganzen Land aufzugeben. Keine leichte Aufgabe, denn mehr Automatisierung und Stellenabbau scheitern häufig an der mächtigen britischen Postgewerkschaft.

Und dann kommt in weniger als einem Jahr der offizielle Brexit. Auch wenn die Übergangsperiode bis Ende 2020 die schmerzlichsten Folgen des EU-Austritts noch eine Weile hinauszögern dürfte, wird der Brexit zur Herausforderung. Vor allem, falls Großbritannien nicht in der Zollunion bleiben sollte. Und dann ist da noch die Gefahr einer Labour-Regierung: Labour-Chef Jeremy Corbyn hat bereits angekündigt, die Post werde rückverstaatlicht, wenn er in die 10 Downing Street einziehen sollte.

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