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Rückgang der Insolvenzzahlen Die große Pleitewelle kommt erst noch

Trotz Corona sinken die Insolvenzzahlen. Ein Grund zur Entwarnung? Absolut nicht. Quelle: imago images

Trotz Corona sinken die Insolvenzzahlen. Ein Grund zur Entwarnung? Absolut nicht. Die aktuellen Daten sind durch politische Maßnahmen und Probleme bei der Erfassung verzerrt.

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Die Meldung sorgte für Aufsehen: Deutschland sei bislang von der befürchteten Corona-bedingten Pleitewelle verschont geblieben, hieß es vor wenigen Tagen. Hintergrund waren neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, nach denen im April die Zahl der vorläufigen Regelinsolvenzverfahren um 13,4 Prozent sank. Ein Rückgang der Pleiten trotz Corona? Ist Deutschlands Wirtschaft robuster als gedacht?

Tatsächlich besteht kein Grund für Entwarnung. Im Gegenteil, die Zahlen sind durch politische Maßnahmen, aber auch Probleme bei der Erfassung verzerrt, worauf die Statistiker auch selbst hinweisen. Gleich vier Faktoren sorgen dafür, dass die Insolvenzdaten aktuell keine valide Basis darstellen.

1. Längere Bearbeitungszeiten bei den Gerichten: Nach dem Insolvenzantrag vergeht Bearbeitungszeit. Erst nach der Entscheidung bei Gericht über die Eröffnung oder Abweisung eines Verfahrens gehen diese in die Statistik ein. Diese Bearbeitungszeit hat sich durch den coronabedingt teilweise eingeschränkten Betrieb der zuständigen Insolvenzgerichte verlängert.

2. Aussetzung der Insolvenzantragspflicht: Im Normalfall muss ein Unternehmen bei Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung Insolvenzantrag stellen. Kommt die Geschäftsführung dieser Antragspflicht nicht kurzfristig nach – es gilt eine Maximalfrist von drei Wochen – droht den Verantwortlichen eine umfassende persönliche zivil- und strafrechtliche Haftung. Um die Folgen der Coronakrise abzufedern, wurde jedoch eine Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis zum 30.09.2020 beschlossen. Voraussetzung ist, dass der Insolvenzgrund auf den Auswirkungen der Corona-Epidemie beruht und dass aufgrund einer Beantragung öffentlicher Hilfen oder ernsthafter Finanzierungs- oder Sanierungsverhandlungen „begründete Aussichten auf Sanierung bestehen“. Viele Unternehmer dürften darauf hoffen, dass sich die Lage schnell bessert, oder sie von Hilfsmaßnahmen profitieren – und verzichten trotz desolater Finanzlage zunächst auf einen Insolvenzantrag. Auch Anträge von betroffenen Gläubigern, sogenannte Fremdanträge, sind schwieriger geworden. „Gläubiger wie Krankenkassen oder Finanzämter dürfen für drei Monate praktisch keinen Insolvenzantrag stellen“, sagte dazu der Vorsitzende des Verbandes der Insolvenzverwalter (VID), Christoph Niering „Die fehlende Antragsmöglichkeit wirkt sich dadurch deutlich auf die Statistik aus.“

3. Schutzschirmverfahren und Eigenverwaltungen werden ausgeblendet: Die Daten des Statistischen Bundesamtes beziehen sich ausschließlich auf vorläufige Regelinsolvenzverfahren. Damit werden jedoch Schutzschirm- und Eigenverwaltungsverfahren, die derzeit vor allem von größeren Unternehmen genutzt werden, systematisch ausgeblendet. Erst in einigen Monaten, wenn die Statistiken zu den eröffneten Insolvenzen vorliegen, werden Fälle wie Esprit, Galeria Karstadt Kaufhof, Hallhuber oder Mister Minit überhaupt in die amtliche Statistik einfließen.

Mehr Pleiten nach dem Ende der Corona-Hilfen

Vor diesem Hintergrund lassen sich die aktuellen Insolvenzdaten kaum als Zeichen wirtschaftlicher Stärke interpretieren. Experten sind denn auch überzeugt, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen nach dem Ende der Corona-Maßnahmen schnell steigen wird, auch wenn sie von sehr unterschiedlichen Szenarien ausgehen.

So rechnet der VID für das laufende Jahr mit einem Anstieg im zweistelligen Prozentbereich. „Da die Zahl der Insolvenzen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken ist, wäre selbst ein Anstieg um 20 Prozent auf 23.000 noch wenig im Vergleich zur Finanzkrise“, sagte Niering. Der Informationsdienstleister Crifbürgel geht in diesem Jahr sogar von mehr als 29.000 Firmeninsolvenzen in Deutschland aus. Das wären 10.000 oder rund 54 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. „Die Insolvenzwelle wird auch noch ins Jahr 2021 hineinreichen“, sagte Crifbürgel-Geschäftsführer Frank Schlein. „Das Ausmaß ist noch offen und hängt auch von der Dauer der Pandemie ab.“ Der Kreditversicherer Euler Hermes prognostiziert weltweit einen Anstieg von 20 Prozent und für Deutschland von mindestens zehn Prozent.

Besonders gefährdet sind die Tourismus-, Gastro- und Eventbranche. Zudem bekommen Messebauer, Automobilzulieferer, Kinos und auch der Einzelhandel sowie die exportabhängige Industrie die Folgen des Lockdowns zu spüren. Unternehmen aus diesen Bereichen mit geringen Liquiditätsreserven dürfte es schwerfallen, wieder auf die Beine kommen – und nach der Krise die staatlichen Hilfskredite wieder zurückzuzahlen.


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